Die Apotheose eines Traumas

In der Diskussion auf dem Blog ging es zum Schluss um die Interpretation der biblischen Sündenfallgeschichte. Die konkrete Frage war, ob es im Paradies einen oder zwei herausragende Bäume gibt oder ob der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen ein und derselbe sind. Ich nehme die Diskussion mit Claudia aus Berlin als Anlass, hier mal meine Lesart der Bibel vorzustellen. Im Beitrag Das Buch der Fragmentierung habe ich schon darauf hingewiesen, dass die Bibel, obzwar immer vom einen und einigenden Gott die Rede ist, in Wahrheit einen Fragmentierungsprozess beschreibt, der mit der Vernichtung von natürlichen Polaritäten wie Tag und Nacht oder Mann und Frau endet. Am Ende der Geschichte, also nach der Apokalypse, gibt es nämlich nur noch den Tag und den Mann. Die Frau und die Nacht existieren nicht mehr.

Wenn man die Bibel unvoreingenommen wie einen Roman oder sonst ein Buch liest, fällt einem auf, dass sie sich permanent in ihre eigenen Widersprüche verwickelt. Zu jeder Affirmation findet sich eher früher als später die Negation, die sinngemäße Verkehrung ins Gegenteil, die Verwirrung und Verdrehung bis hin zur Unkenntlichmachung des ursprünglich Gesagten. Deshalb kann jeder aus der Bibel herauslesen, was er will. Es ist ein Buch des Friedens ebenso wie ein Buch des Krieges. Ein Buch der Liebe ebenso wie ein Buch des Hasses. Ein Buch der Erlösung ebenso wie ein Buch des Untergangs. Ein Buch des Aufbaus ebenso wie ein Buch der Vernichtung. Alles und nichts von diesem stimmt.

Aus diesem Grund hat die Katholische Kirche immer großen Wert darauf gelegt, die Deutungshoheit über die Bibel zu behalten und die Auslegung der Texte nicht dem Leser zu überlassen. Galileo Galilei bekam Schwierigkeiten mit der Inquisition, nicht weil er Kopernikus unterstützt und ein heliozentrisches Weltbild vertreten hat, sondern weil er sich angemaßt hat, die Bibel gemäß diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen neu zu interpretieren und damit die Autorität der Kirche in Frage zu stellen. Galilei wurde verurteilt, weil er das biblische und das neue wissenschaftliche Weltbild miteinander in Einklang bringen wollte, nicht weil er die neue Wissenschaft gegen den Glauben und die Religion ausspielte, wie das gerne mal unterstellt wird. Selbst heute noch impfen uns Priester und Theologen gebetsmühlenartig mit der von der Kirche festgelegten Interpretation der Bibel. Immer noch gilt wie zu Zeiten von Thomas von Aquin, dass der Einzelne irren kann, die Kirche als Institution jedoch die Wahrheit hütet und ihre Vertreter insgesamt deshalb von der Wahrheit künden.

Das Verständnis eines Textes ergibt sich aus zwei Quellen, nämlich aus dem Text selbst und aus dem, was vom Leser kommt, welche Gedanken sich der Leser macht. Das wussten schon die scholastischen Theologen. Indem sie zwingend vorschrieben, wie die Bibeltexte zu interpretieren sind, schrieben sie gleichzeitig den Menschen vor, was sie zu denken haben. Das ist nichts anderes als Indoktrination. Die Frage, die sich mir stellt, ist: warum wacht die Kirche so eifersüchtig darüber, dass sich der Leser nicht selbständig und eigenverantwortlich mit der Bibel als dem Wort Gottes auseinandersetzt?

Im Umgang mit Menschen habe ich die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die die Wahrheit sagen, sich nicht permanent in Widersprüche verwickeln. Wenn unterschiedliche Wahrnehmungen oder Interpretationen aufeinandertreffen, lassen sich strittige Punkte leicht aufklären. Menschen, die die Wahrheit sagen, vermitteln mir ein sicheres Gefühl. Ich weiß, woran ich mit ihnen bin. Auf Menschen, die die Wahrheit sagen, kann ich mich verlassen. Ich weiß auch, dass sie mir nicht die Worte im Mund herumdrehen werden. Der Umgang mit Menschen, denen Wahrheit etwas bedeutet, ist ziemlich unkompliziert. Schlicht, um es mit einem altmodischen Wort auszudrücken.

Es gibt zwei Gruppen von Menschen, die sich mit dem, was sie sagen, in Widersprüche verwickeln. Das sind die Lügner und die Traumatisierten. Lügner sagen absichtlich die Unwahrheit, um sich auf diese Weise Vorteile zu verschaffen. Aber selbst, wenn sie klug sind, merkt man in der Regel doch, dass etwas nicht stimmt. Lügner vermitteln einem das Gefühl, auf dünnem Eis zu wandeln, das jederzeit brechen kann, was es dann auch meistens tut. Anders ist es mit den Traumatisierten. Diese möchten gerne die Wahrheit sagen, aber können es nicht, weil irgendeine schreckliche Erfahrung sie daran hindert. Für einen Traumatisierten ist die Wahrheit so schrecklich, dass sie trotz ehrlicher Anstrengungen nicht ausgesprochen werden kann, und das, obwohl das Trauma selbst nach Auflösung trachtet und den Traumatisierten zwingt, ständig darüber zu reden. Im Bestreben nach Auflösung des Traumas eiert der Traumatisierte also ständig um das eigentliche Geschehen herum, wobei er sich ständig in Widersprüche verwickelt, ohne das überhaupt zu merken. Ein traumatisierter Mensch ist innerlich zerrissen, deshalb sind auch seine Aussagen dekohärent. Ein traumatisierter Mensch kann die Wirklichkeit nicht als Ganzes wahrnehmen, sondern nur in Bruchstücken. Weil er selber zerbrochen ist, zerbricht er automatisch die Wirklichkeit. Selber aus Fragmenten bestehend, kann er nur Fragmente wahrnehmen, die kein Ganzes mehr ergeben.

Da die Bibel ein Text voller widersprüchlicher Fragmente ist, liegt die Annahme nahe, dass sie entweder von Lügnern oder von Traumatisierten verfasst wurde. Die Bibel beschreibt, wie traumatisierte Menschen die Welt erfahren. Das ist mein Ausgangspunkt zur Interpretation. Es ist nicht ganz auszuschließen, dass bei der Abfassung der Bibel auch Lügner mit am Werk waren. Das Alte Testament wurde als Propagandaschrift im Hinblick auf den König Josias verfasst, der als Messias gehandelt wurde, unter dessen Herrschaft das Volk Israel jedoch in babylonische Gefangenschaft geriet. Das Neue Testament ist von gnostischem Gedankengut übermalt. Die Lügen scheinen mir aber dennoch nicht den Kern der Bibel auszumachen, sondern das unaufgelöste Trauma.

Das Trauma, um das sowohl das Alte wie das Neue Testament kreisen, ist das Menschenopfer. Und es ist nicht nur irgendein Menschenopfer. Es ist der eigene Nachwuchs. Das Alte Testament spielt sich zeitlich in einem Phasenübergang der Menschheitsgeschichte ab. Aus den Jägern und Sammlern wurden Hirten und Bauern. Irgendwann in dieser Phase kam das Menschenopfer groß in Mode. Für die Fruchtbarkeit der Felder und eine gute Ernte wurden im Austausch Kinder gegeben, nicht selten die Erstgeborenen. Um die Ernährung der Alten sicherzustellen, wurden also Kinder geopfert. Da man dies nicht deutlich aussprechen konnte, definierte man die Ernährung der Alten in das Wohl der Gemeinschaft um.

Da die biblischen Geschichten solche aus dem kollektiven Menschheitsbewusstsein sind, geht es nicht allein um das individuelle Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern, sondern um die Frage, wie die Generationen zueinander stehen. Im Phasenübergang von den Jägern und Sammlern zu Hirten und Bauern kam es zu einer Versklavung der nachfolgenden Generationen. Eine Versklavung, die bis heute nicht überwunden ist.

In der Paradiesgeschichte ist die traumatische Erfahrung so überwältigend, dass ausschließlich in symbolischen Bildern davon gesprochen werden kann. Es geht um einen Baum, dessen Früchte der Mensch nicht essen darf. Die Trauma ist so groß, dass nicht mal eingestanden werden kann, dass es sich um den Baum des Lebens (den Familienstammbaum, den Evolutionsstammbaum) handelt, dessen Früchte Adam und Eva verzehren. In der Doppelung wird der Baum des Lebens zum Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen. Das Böse besteht aber eben genau darin, die Früchte vom Baum des Lebens zu essen. Wer die Früchte vom Baum des Lebens isst, erfährt gleichzeitig live, was das Böse ist. In dem Moment, als Adam und Eva von den Früchten essen, wird für sie der Baum des Lebens zum Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Und wie bei einem Trauma üblich, muss das Eingeständnis natürlich sofort wieder negiert werden, weil es zu schrecklich ist, um damit zu leben. Deshalb wird die Vertreibung aus dem Paradies damit begründet, dass der Mensch daran gehindert werden muss, vom Baum des Lebens zu essen, als hätte er das nicht bereits getan, sondern eine minder schwere Schuld auf sich geladen.

Das Alte Testament erzählt, wie das unaufgelöste Trauma des Menschenopfers seine blutige Spur von Mord, Totschlag und Vergewaltigung entfaltet. Es pflanzt sich von Generation zu Generation weiter fort, zersplittert dabei in Fragmente, entfremdet die Menschen einander, affiziert die Nachfahren und alle, die bei der Ausbreitung in das Trauma mit hineingezogen werden. Das Göttliche als übersteigert Menschliches erscheint als Projektionsfläche für das Trauma, was aus Jahwe diesen widersprüchlichen, unberechenbaren und grausamen Gewaltherrscher macht.

Im Neuen Testament wird das Menschenopfer verabsolutiert und vergöttlicht. Gott selbst opfert seinen Sohn, um damit sein Werk (die Menschheit) zu retten. Damit verbunden ist die Aufforderung an den gläubigen Menschen, selbst zum Sohn zu werden und sich gehorsam zu opfern, so dies vom Vater verlangt wird. Das ist nichts anderes als die Rechtfertigung und Heiligsprechung des Traumas. In der Bibel hat das Trauma damit über den Lebenswillen gesiegt. Der lebendige Mensch, der Jesus ursprünglich mal war, wird getötet. An seine Stelle tritt in der Wiederauferstehung der unlebendige Gottessohn. Christus ist nicht mehr der lebensvolle Mensch aus Fleisch und Blut, sondern der ätherische Gottessohn, den man ziemlich schnell im Himmel verschwinden lässt. Im Grunde genommen wird Jesus zweimal getötet, einmal durch die Kreuzigung und zum anderen durch Paulus, der aus Jesus eine unlebendige Institution (die Kirche) macht, in der der einzelne Mensch weniger zählt als die vorgebliche Gemeinschaft. Deshalb bleibt am Ende diese merkwürdig leblos wirkende Stadt übrig, die nur aus Licht und Mauern zu bestehen scheint.

Die Bibel beschreibt in gewisser Weise tatsächlich eine Wahrheit, nämlich was passiert, wenn eine traumatische Erfahrung nicht aufgelöst wird. Sie entpuppt sich als Absage ans Leben und ans Lebendige und verherrlicht stattdessen den Tod und die Todessehnsucht. Die Bibel endet nicht mit den vier Evangelien und auch nicht mit den Paulus-Briefen. Nach den Paulusbriefen kommen noch welche, in denen der Hass sich deutlicher zeigt. Dieser Hass mündet schließlich im Wahnsinn der Apokalypse. Eine Geschichte ist immer so gut wie ihr Schluss, und den Schluss so vollständig zu ignorieren, wie das Theologen und Priester derzeit tun, macht aus diesen entweder Lügner oder entlarvt sie als Menschen, denen es nicht gelungen ist, das in der Bibel erzählte Trauma in ihrem eigenen Bewusstsein aufzulösen und zu überwinden. Was heißt, dass Theologen und Priester das Trauma weitergeben und junge Generationen damit infizieren, und dies im Glauben, Gutes zu tun und den Menschen zu helfen. Wie heißt es doch so schön: Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

2 Kommentare zu “Die Apotheose eines Traumas

  1. Guter Text. Kann ich mit leben 😉

    Kurze Reminiszenz:
    Religionsunterricht, 5.Klasse – Aufgabe: Aufsatz über Moses und die 10 Gebote.
    Meine Geschichte dazu:
    Moses ist ein Führer seines Volkes und hat große Schwierigkeiten zu beklagen, sein Volk droht zu zerfallen, sich zu zerstreuen.
    Was tun?
    Man geht auf einen hohen Berg, um vorgeblich ‚Gott möglichst nahe sein zu können‘ und sich von ihm Ratschlag zu holen.
    In Wirklichkeit hat sich Moses nur dorthin zurück gezogen, um zu entscheiden, wie es denn nun weiter gehen kann.
    Er überlegt und ihm fallen 10 Regeln ein, die seiner Ansicht nach die Einheit des Volkes stärken könnten.
    Da seine Autorität als Führer aber angegriffen ist, beruft er ssich darauf, eine direkte Weisung von Gott in Form der Tafeln erhalten zu haben.
    Niemand würde es wagen Gott selbst in Zweifel zu ziehen, da konnte er sich sicher sein.
    Und so schrieb er die 10 Gebote des Herrn auf und verlieh sich selbst als Mittler zwischen Gott und seinem Volk eine unerhörte Autorität, die ihn befähigte sein Volk zusammen zu halten und zu führen.

    Als ich meiner Mutter von dem Aufsatz erzählte, war sie entsetzt und prophezeite mir eine ‚6‘.
    Ich bekam eine ‚1‘…von einem evangelischen Religionslehrer.

    Ich war getauft, gekommuniont, gefirmt und bin mit 16, als dies endlich von mir, von Rechts wegen, selbstständig entschieden werden konnte, sofort ausgetreten – konnte aber vom ersten Tag an, wo ich in die Kirche gehen musste schon als kleines Kind radikal nichts damit anfangen und je älter ich wurde, desto mehr wuchs mein innerer Widerstand gegen diese unendliche Zahl von Ungereimtheiten, weil für mich nicht Glaube, sondern ‚Wissen‘ – im Sinne von Beweisbarkeit, Schlüssigkeit etc. – der Maßstab war.
    Wenn man mich schon als kleines Kind nicht überzeugen konnte, dann ist eigentlich klar, WIE SCHWACH dieses Truggebilde sein muss und wie sehr es sich deshalb auf Angstkonditionierung verlassen muss, was gleichzeitig ein Beleg seiner Schwäche und damit seiner Un-Glaubwürdigkeit ist!

    Dass die Geschichte vom ‚Sündenfall‘ keine historische, im Sinne eines wortwörtlich so vorgefallenen Ereignisses, gewesen sein konnte, war mir auch von Beginn an klar.
    Dass dem Ganzen ein Gemeinschaftstrauma zugrunde liegen müsste, dachte ich mir als ich Velikowsky und Lem gelesen hatte:
    ‚Sodom und Gomorrha‘ weisen ja noch auf die offensichtlich mehr oder weniger damals ’normalen‘ gesellschaftlichen Umstände hin.
    Als es dort vermutlich kosmisch bedingt gerummst hat und sich Entsetzen breit gemacht hat, musste natürlich eine Erklärung her – ‚Gottes Zorn‘ wegen der Unbotmäßigkeit seiner Untertanen.
    Es darf vermutet werden, dass derlei auch früher sich ereignet hatte und mangels astronomischer Kenntnisse des Volkes (nicht seiner Führer!) leicht als Gottes Wirken gedeutet werden konnte und die ‚Mittler‘ sich so sehr leicht Unterwürfigkeit ‚erdeuten‘ konnten und so ihre Führerprivilegien einheimsen und innerhalb der Familie, des Clans oder der Bruderschaft vererben konnten 😉

    Die Bibel war ja nie wirklich dafür geschrieben worden, dem Volk Lesestoff zu geben.
    Es ist eine Sammlung von ‚Leitfäden‘ für Eingeweihte, um daraus das wichtige Herrschaftswissen zu beziehen.
    Genauso wie die alten Mythen nichts anderes sind als (meist astronomische, aber auch psychologische) Lehrgeschichten für Eingeweihte, symbolisch verschlüsselt, damit das tumbe Volk auch nur ja ein solches bliebe und Verfügungsmasse für die Privilegierten darstellte.

    Der ‚Baum des Lebens‘, ja, er kann gut der ‚Stammbaum‘ sein, wie er ja auch gerne von den Privilegierten (insbesonder dem Adel – = ‚die von edlem Wissen‘ <- edel = glänzend in Bezug auf die Gestirne, symbolisiert durch Adler=erhabenes Wissen; Löwe=Sonne; Schlange=Drachenlinien der Umlaufbahnen von Sonne und Mond etc. und natürlich auch der anderen Gestirne. Nicht umsonst sind die Hohepriester Astronomen, dargestellt mit Sternenkappen und ist der astronomische 'Kalendermacher' etymologisch verwandt mit dem 'Zauberer'!) und die Vererbung von Wissen(!!!) steht über dem des Blutes, wobei die Blutlinie insofern Bedeutung hat, als es einfacher ist, dies alles innerhalb der Familie zu regeln als über eine Bruderschaft (wie die Kirche etwa).
    Der Investiturstreit ist der offene Bruch zwischen zwei Ansprucherhebern auf diese Position des Vererbers und die Bruderschaft (Kirche) hat über die Blutsverwandtschaft (Adel) obsiegt.

    Der 'Baum des Wissens' ist natürlich innerhalb des 'Baums des Lebens' 'angesiedelt', ist quasi-identisch bzw. ein zweiter Aspekt desselben.
    Die Vererbung des Wissens bedeutet auch das Wissen um die Zwiespältigkeit dieser Vorgehensweise UND sie bedeutet VOR ALLEM ANDEREN das Wissen um die Bedeutung von 'Gut und Böse' als Herrschaftsmittel, weswegen auch das Dreieck mit dem Auge Gottes nichts anderes bedeutet als 'divide et impera' in geometrischer Form und das Auge eine 'vesica piscis' darstellt, also die symbolische Kurzform für die Schnittstellen von Umlaufbahnen der Planeten.
    Der Scheitelpunkt des Dreiecks, der Machtpyramide ist der Gipfel der Macht, weil er die 'Unteren' trennt – einmal in sich individuell mit dem Konzept von 'Du bist ein guter/böser Mensch, wenn du das oder dies tust/nicht tust' (Sünden-/Gewissenskonzept) und einmal mit dem Konzept der Parteilichkeitsförderung, zur Förderung des Zwistes nach dem Motto: Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte!

    Natürlich kann sich auch z.B. eine rein psychologische Komponente eingemischt haben in diese Geschichte, nämlich die des EGOs als Bewusstwerdungsprozess seiner Individualität und Sterblichkeit, die es so vorher nicht gegeben hat.
    Es fällt sogar noch bei den alten Griechen auf, dass zu ihrer Zeit dieser Prozess noch in vollem Gang war, weil die Übertragung der Ich-haftigkeit im Ausdruck nach und nach zunehmend von den älteren (wo diese noch sehr schwach ausgeprägt ist) in die jüngeren Texte einfließt.

    Bewusstwerdung der eigenen Sterblichkeit muss auch ein Trauma gewesen sein.
    So wie die Entdeckung der Besamung als Geburtskatalysator ein Trauma für die Frauen wurde, als die Viehzüchter-Männer sich als die wahren Schöpfer des Lebens gerieren konnten und das Patriarchat zeitgleich stark wurde.
    Da Frauen Blut vergießen, um Leben zu gebären (Menstruation, Geburt), mussten die Männer, um gleichziehen zu können, eben auch Blut vergießen, aber halt nicht ihr eigenes, sondern fremdes (Kinder, Feinde, Krieg), denn ich glaube nicht, dass die Kindsopferung eine Idee von Müttern war!!!
    Erst dieser Blutzoll in Verbindung mit dem 'Herrschaftswissen' ermöglichte die katastrophale Folgengeschichte, wo Blutopfer institutionalisiert wurden und später kulturell sublimiert wurden.

    Moloch/König/Saturn frisst seine eigenen Kinder.
    Aber das ist ein eigener Themenkomplex.

    • Die Opferung von Menschen/Kindern kommt aus dem Kult um die Große Mutter, nicht aus dem patriarchalischen Anspruch. Um ca. 25.000-30.000 v. Chr. tauchten die Venusstatuetten als Hinweise auf den Mutterkult auf. Zu diesem Zeitpunkt hat der Mensch entdeckt, dass er aus Lehm haltbare Keramik machen kann. Wann der Opferkult genau aufgekommen ist, konnte ich bisher nicht herausfinden. Es gibt jedoch zahlreiche Grabfunde mit Geopferten, die etwa 7.000 vor Chr. datieren. Was dazwischen passiert ist, weiß ich nicht. Der Zeitablauf deutet jedoch darauf hin, dass der Große-Mutter-Kult sich im Laufe seiner Entwicklung für die Nachkommen verhängnisvoll auswirkte. Allerdings gibt es auch Gräber mit Ermordeten, die über 100.000 Jahre alt sind.

      Im Patriarchat kam hingegen das Bewusstsein des Stammbaums auf. Kinder bekamen nun noch eine andere Bedeutung, nämlich als Verlängerung der Alten bzw. des Patriarchs. Die Vorstellung, dass Kinderopfer den Ernteertrag steigern, stand nun gegen die Vorstellung, dass aus einem Nachkommen durch die Zeit hindurch ein ganzes Volk werden kann. Dass die patriarchalische Vorstellung sich durchsetzte, hat immerhin den Opferkult eingeschränkt. Das ist das Thema im Alten Testament. Wobei Kinder aber wohlgemerkt nicht als das gesehen werden, was sie im Tierreich sind, nämlich frei, sobald sie erwachsen sind. Kinder gelten bis in die Jetztzeit herein als Besitz der Eltern. Zur Zeit sind es ja wieder mehr die Mütter, die ihre Kinder essen, wenn sie bspw. ihre ganzen Liebesbedürfnisse, die einem erwachsenen Partner gelten sollten, auf ihren Nachwuchs projizieren.

      Im Phasenübergang vom Jäger/Sammler zum Bauern/Hirten hat eine maßgebliche Umorientierung stattgefunden. Bei den Jägern-Sammlern ist der Chef (der/die Alpha) derjenige, der den anderen aus der Gruppe am meisten zu geben hat, bspw. Schutz. Bei den Bauern/Hirten werden nun zum erstenmal solche zu Chefs, die den anderen etwas wegnehmen. Eine Alphatier in einer Herde oder einem Rudel übt keine Herrschaft aus. Es nimmt den anderen nichts weg. Herrschaftsverhältnisse entstanden erst mit dieser Umorientierung vom Geben zum Nehmen. Das ist der ganz entscheidende Unterschied. Vorbereitungen hin zu diesem Schritt gab es natürlich im Schamanentum, aber bei den Jägern und Sammlern war der Schamane i.d.Regel nicht der Anführer, sondern ein Gegengewicht zum Anführer. Dieses Verhältnis Anführer-Priester wurde in der Agrarisierung auf den Kopf gestellt. Die Priester institutionalisierten ihre Macht im Tempel, wobei ihnen tatsächlich astronomische Kenntnisse den entscheidenden Vorteil gebracht haben dürften und machten den König zu einer Marionette für ihre Bedürfnisse. In Sumer bspw. brachten die Priester wohl den König um, wenn die Ernte mal schlecht war oder eine Seuche grassierte, um das Volk ruhig zu halten.

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