Mystischer Wind

Es war der Wind, der heftig ums Haus fegte und sich von Minute zu Minute immer mehr zu einem regelrechten Sturm auswuchs, der unser ganzes, sonst so felsenfest stehendes Haus erschütterte. Und tatsächlich stand am nächsten Tag in der Zeitung, dass genau um vier Uhr nachts ein Sturm mit Rekord-Geschwindigkeiten von bis zu 185 Kilometern in der Stunde über Boulder hinweggefegt sei … Das Zittern und Rappeln des ganzen Hauses jedenfalls verstärkte das Gefühl, dass etwas sehr, sehr Ungewöhnliches hier seinen Lauf nahm … Genau fünf Minuten nach Treyas Tod sagte Warren: „Horch, hört euch das an.“ Der Sturm hatte sich völlig gelegt, und es herrschte Stille. Auch das stand am nächsten Tag in der Zeitung, mit der exakten Zeitangabe. … Die Alten sagen: „Wenn eine große Seele stirbt, gebärden sich die Winde wie wild.“
(Wilber, Ken: Mut und Gnade, Auszüge aus S. 433-437).

Als ich irgendwann noch vor der Jahrtausendwende Wilbers Erzählung über die Krebserkrankung und den Tod seiner Frau las, habe ich dem oben Zitierten wenig Bedeutung beigemessen. Wilbers Bemühungen, seiner verstorbenen Frau und sich selbst eine spirituelle Bedeutung zu verleihen, überschatten diese fast wie nebenbei erzählte Episode. Trotzdem habe ich diese Sache mit dem Wind nicht vergessen und mich dieser Tage wieder daran erinnert. Ich kann die von Wilber gemachte Erfahrung bestätigen. Zwischen dem Tod eines nahestehenden Menschen und dem Wind gibt es einen Zusammenhang. Das ist rätselhaft, unerklärlich und trotzdem nicht zu leugnen. Es muss nicht gleich ein Sturm sein, ein deutlich spürbarer Wind tut es auch, und dieser Wind hat etwas Magisches. Magisch nicht im Sinne von irgendwelchem Brimborium, das Menschen veranstalten, um das Schicksal zu ihren Gunsten zu beeinflussen, sondern magisch in dem Sinne, dass die Wirklichkeit und die Wahrheit dieser Wirklichkeit in der Präsenz des Todes deutlicher gefühlt und wahrgenommen werden können, als dies normalerweise im Alltag geschieht. Wo immer ein Mensch stirbt, mit dem man in einer engen Verbindung stand, lüftet das Geheimnis des Lebens für einen kurzen Moment seinen Schleier.

Die Menschen tun alles, um der Begegnung mit dieser Wirklichkeit auszuweichen. Staunend beobachte ich, wie eine aufeinander abgestimmte Trauer- und Betroffenheitsindustrie die Hinterbliebenen vereinnahmt und rund um die Uhr beschäftigt, sie mit Talmi und Kitsch überschüttet, mit falschen Gefühlen überfährt und ihnen dabei das Geld aus der Tasche zieht. Auch das katholische Beerdigungsritual mit seinem ständigen Kreisen um Schuld, Vergebung, Verlust und Schmerz ist so ausgelegt, dass es die Wahrnehmung der Wirklichkeit zielsicher verhindert. Am Grab war dieser seltsame Wind, wenn auch in abgeschwächter Form, noch einmal wahrzunehmen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass kaum einer etwas davon gemerkt, geschweige denn einen Zusammenhang zwischen Tod und Wind hergestellt hat. Stattdessen beten die Versammelten Rosenkränze, lauschen der Salbaderei des Pfarrers, zählen die Blumensträuße, berauschen sich an ihrer eigenen Rührseligkeit oder vermerken, wer sich persönlich aufgerafft hatte, dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen.

Je größer die Seele, desto stärker muss der Wind sein, der sie davonträgt, sagt Ken Wilber. So denke ich selber nicht. Ich glaube nicht, dass eine Seele davongetragen wird, ebensowenig wie ich an die Mund-zu-Nase-Beatmung glaube, mit der Gott den Klumpen Erde zum Leben erweckt. Gott und Seele sind Versuche des menschlichen Geistes, dem Sein oder vielleicht besser dem Dao die eigenen Züge aufzudrücken, das Dao auf unzulässige Weise zu vermenschlichen. In meiner Erfahrung gibt es weder Gott noch diese Art von Seele, wie sie die Religionen uns vermitteln wollen. Dieser Wind, wie ich ihn wahrgenommen habe, trägt keine persönlichen Züge. Er ist weder Transportmittel für eine Seele noch sonstwie Mittel zum Zweck. In meiner Wahrnehmung ist der Wind wesentlich, während Gott und die Seele Erfindungen eines Erzählers sind, der letztendlich bloß auf sich selbst verweisen will.

Ich weiß nicht, was passiert, wenn ein Mensch stirbt. Es ist rätselhaft. Es ist schön. Es ist stimmig. Es stellt auf einer tiefen Ebene Zufriedenheit her. Vielleicht wäre es am besten, überhaupt nicht weiter drüber nachzudenken. Aber als Mensch stehe ich ja in dem Dilemma, das ich das eben nicht lassen kann. Nichts jedoch ist grotesker und falscher, als den natürlichen Tod in seiner Fantasie mit Schrecken und Gewalt zu verbinden. Das Erschrecken hat nur da seine Berechtigung, wo der Tod unnatürlich ist oder wo er verhindert und hinausgeschoben wird.

Im 6. vorchristlichen Jahrhundert, als man sich den Kosmos noch als belebt vorstellte, sah Anaximenes im Pneuma (Wind, Atem) das Lebensprinzip: „Ebenso wie unsere Seele, welche Luft ist, uns mit ihrer Kraft zusammenhält, so umfasst auch den ganzen Kosmos Wind.“ Bei Anaximenes sind Wind und Seele keine zwei verschiedenen Entitäten, sondern identisch miteinander. Gegenüber dem, was Wilber vertritt, erscheint mir die Sichtweise von Anaximenes als die richtigere. Wind und Seele sind nicht zweierlei, es gibt nichts, das vom Wind davongetragen wird. Wohin denn auch?, müsste man sich dann nämlich als nächstes fragen, und genau solche Fragen sind es, die den menschlichen Geist vom Wesentlichen fortreißen und ihn ablenken.

Ich muss an die tibetischen Gebetsfahnen denken, die Schluchten überspannen oder auf Bergkämmen wehen. Hier sind es die Gebete auf den Fahnen, die vom Wind fortgetragen werden. Mit den Fahnen wird auf die Heiligkeit des Windes aufmerksam gemacht, wird der Wind verehrt. Diese Fahnen in der Natur zu sehen, ist schön. Es ist stimmig. Es stellt auf einer tiefen Ebene Zufriedenheit her. In den Gebetsfahnen berühren sich das Geheimnis des Todes, das Geheimnis des Lebens und das Geheimnis der Natur. Das hat weder mit Buddhismus noch mit Tibet zu tun. Es hat damit zu tun, wie die Welt wahrgenommen wird.

In der Stoa hat man sich Pneuma als stoffliches und geistiges Prinzip vorgestellt, das den gesamten belebten Kosmos durchdringt und ihn organisiert. An dieser Vorstellung gefällt mir, dass Materie und Geist miteinander identisch sind und nicht das Eine bloß der Träger oder das Gefäß vom Anderen. Was mir nicht gefällt, ist das hierarchische Denken, das sich hier, wenig überraschend, wieder mal Bahn bricht. Der Wind ist mehr als das Wasser, das Feuer oder die Erde. In unserem modernen Denken haben wir Feuer und Licht über alles andere gestellt. Es gibt auch Mythen wie die vom Weltenstrom, in denen Wasser die überragende Bedeutung spielt. Es geht jedoch nicht darum, dass ein Element das andere dominiert oder gar hervorbringt. Es geht um das Zusammenspiel der Elemente, nicht um Dominanz, Macht oder Hierarchie. Vielleicht findet sich in der alten Elementenlehre doch mehr Weisheit als in der modernen Physik, wenn man das Hierarchische mal einfach weglässt.

Mit dem ersten Schrei beginnt das Leben und es endet mit dem letzten Atemzug. Mit der Entfaltung der Lunge verbinden sich die Elemente zum Tanz, im letzten Atemzug verbeugen sie sich noch ein letztes Mal voreinander. Luft scheint das erste Element zu sein, das sich aus dem Tanz verabschiedet, in der Folge gehen auch die anderen Elemente wieder auseinander und der Körper zerfällt. Ich stelle mir vor, dass sich dieser Vorgang auf zahllosen Ebenen wiederholt: auf der Ebene, die wir als Lebenswelt empfinden, ebenso wie auf der Ebene der Organe, Zellen, Moleküle oder Atome.

Das Wesentliche ist das Zusammenspiel, nicht die Spieler, denn auch die Spieler selber sind wieder nur Zusammenspiel. Es ist ein Tanz auf vielen Ebenen, in vielen Dimensionen.

15 Kommentare zu “Mystischer Wind

  1. Nachtrag:

    Deswegen gibt es von den besten Zen-Meistern auch keinerlei überliefertes Schriftgut!
    Deswegen ist auch ein Werk wie die Bibel völlig uninteressant und überflüssig!
    So wenig wie geronnene Milch schmeckt, so geronnene Erfahrung von vor Jahrtausenden.
    Noch dazu von Heiopeis, die keine Sau kennt.
    ‚Hmmm, Manna ist gut.‘ erzählt mir da ein Levityp vor 2500 Jahren – aha.
    Das ist so interessant und informativ wie der Reisebericht von de Omma Trutschke, die ihre leider etwas sieche Schwester im Altenheim von Bad Sodern besucht hat.
    „Nene, wat die da füane Kafffffe (ja, mit mindestens 5 ‚f‘!) hatten…nene, die arme Liese, da hättse schon die Gicht zwischen de Ohre und dann noch nichma ne vanünftige Kafffffe?!“
    Das ist so lustig wie ein Herrenwitzbuch, dessen Gebrauchswert sich nur auf dem WC offfenbart.
    So. Genug gelabert. Es gibt Waffeln.

    Ich werde nachher Bildchen knipsen (Teller vorher / Teller nachher), Rezepte dazu archivieren und Geschmacks- wie Essvorgangsbeschreibungen und das Verdauungsergebnis dokumentieren für die Nachwelt in 2500 Jahren, damit die auch noch was davon haben!
    Horrido. 😉

    • Die Bibel erzählt mir von der Beziehung zwischen Eltern und Kindern, die im Sündenfall auf den Kopf gestellt wurde. Vor dem Sündenfall sorgten Eltern wie im Tierreich für ihre Kinder, nach dem Sündenfall hatten Kinder bis zur Selbstaufgabe für ihre Eltern zu sorgen, waren Nahrung für ihre Eltern.
      Adam erkannte Eva und zeugte …
      Der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis ist derselbe und stellt nichts anderes als den Familienstammbaum dar, die vielfältigen Verzweigungen der Abstammung.
      Die Schreiber des AT hatten erkannt, dass ein Einzelner durch die Zeit hindurch zu einem ganzen Volk werden kann, ein berauschender Gedanke in damaliger Zeit. Deshalb spielen die langen Listen, wer von wem abstammte, im AT eine so große Rolle. In der Geschichte mit Abraham geht es um die Entscheidung zwischen Familienstammbaum und Brandopfer.
      Aber ob nun Verlängerung des Vaters zwecks Volksgründung oder Brandopfer, der arme Isaak hatte nie eine Chance auf ein eigenes Leben.
      Im Sündenfall werden die Eltern zu Kinderfressern und die Kinder Nahrung für die Eltern, zu Verfügungsobjekten, die man beliebig opfern (verbrennen) kann, zu Sklaven.

      Im NT wird der Opfergedanke, der im AT zugunsten des Familienstammbaums aufgegeben wurde, erneut aktuell. Ins Absolut-Göttliche projiziiert, ist ein guter Sohn, der sein eigenes Leben hingibt, um den Murks seines Vaters (die Menschheit) zu retten. Leider verkraftet Jesus diesen Opfertrip nicht besonders gut, deshalb kommt er in der Apokalypse mit Engeln und Trompeten als rächender und tobender Berserker wieder und haut die halbe Welt kurz und klein.

      Ein Buch ist immer so gut wie sein Schluss, und dass der Schluss der Bibel in schöner Regelmäßigkeit ignoriert wird, heißt, dass die Theologen uns nicht die ganze Geschichte erzählen wollen. Womöglich liegt in der Geschichte, die in der Bibel erzählt wird, der Schlüssel für die menschliche Mordlust und Grausamkeit verborgen.

      Was verdaut ist, ist vergangen, verwandelt. Das Unverdaute wartet darauf, verdaut zu werden. Lass Dir Deine Waffeln schmecken. Mit Ahornsirup oder Nutella oder was auch immer.

    • „Der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis ist derselbe und stellt nichts anderes als den Familienstammbaum dar, die vielfältigen Verzweigungen der Abstammung.“

      Mir Verlaub: das KANN doch eigentlich gar nicht stimmen, denn in der Paradies-Geschichte ist der Unterschied zwischen dem Baum des Lebens und dem Baum der Erkenntnis doch zentral!

      „Gott, der Herr, ließ aus dem Ackerboden allerlei Bäume wachsen, verlockend anzusehen und mit köstlichen Früchten, in der Mitte des Gartens aber den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.“
      „Dann gebot Gott, der Herr, dem Menschen: Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen,
      doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn sobald du davon isst, wirst du sterben.“

      Wie selbst in der Bibel schnell klar wird, sind sie NICHT gestorben – also hält nicht mal Gott der Herr sein Wort bzw. kann nicht hellsehen.
      Als sie gegessen hatten, erkannten sie „dass sie nackt waren“ – und bedeckten sich. Also war offenbar damals (zur Zeit der Verfasser) schon das Nackt-Sein etwas Böses (weil Tiere allermeist nicht nackt sind?).

      Man kann nun das „wirst du sterben“ auch interpretieren als „Tod des spontanen Lebens“, denn wer gut und böse unterscheiden kann (= ein Gewissen hat), reflektiert seine Taten und ist schon dadurch in Distanz zu ihnen.

      Aber dass der Baum der ERKENNTNIS etwas anderes ist als der BAUM DES LEBENS – daran kommt man m.E. nicht vorbei.

      Dass Gott die Frucht vom Baum der Erkenntnis verbietet, empfand ich schon als Kind als üble Zumutung, bzw. als Grund, diesen Gott nicht sympathisch zu finden.

      • Der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis ist ein- und derselbe Baum, und er steht in der Mitte des Gartens. Eva zur Schlange: … aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon …“ Der Baum der Erkenntnis ist der Baum aus der Dualität heraus gesehen. Der Baum des Lebens ist derselbe Baum unter seinem ganzheitlichen Aspekt.
        Die Vertreibung aus dem Paradies ist das Geworfensein in die Dualität, in der Innenwelt (Gefühle) und Außenwelt (Wahrnehmung) nicht länger identisch miteinander sind. Es ist der Bruch im Menschen selber, dessen erwachender Verstand (Schlange) gegen sein instinktives Gefühl (Gott) gehandelt hat.
        Im Paradies wandelte Gott mit den Menschen, nach der Vertreibung erscheint Gott als eine mit Schuldgefühlen vermischte Projektion am Himmel, als Über-Ich, um es mit Freud auszudrücken. Diese Geschichte ist angesiedelt im Übergang der Jäger- und Sammlergesellschaft zum Ackerbauern, und in dieser Zeit erlebte das Menschenopfer (Kinder) eine grauslige Blütezeit. Für die Kinder, so sie es überlebten, sind solche Eltern, die ihre Kinder opfern/verzehren eine traumatische Erfahrung und dieses Trauma wird in den Geschichten des AT abgearbeitet.

  2. Meine durchaus rationale „Meditation“ auf die Leere:

    Seele, Geist. Psyche, Körperlichkeit = verschiedene Aspekte desselben Daseins.

    Gedanken, Gefühle, Erinnerung, Vorausschau, Reflexionsvermögen, Wahrnehmung – all das ist unabweisbar vom Körper und den Vorgängen in ihm (Neuronengewitter und Verschaltungen im Gehirn, zentrales Nervensystem, chemische Prozesse) so sehr abhängig, dass ich das nicht abstreiten kann. Ein Schaden im Bereich der Großhirnrinde und man wird zum empathielosen Serientäter – mal so als Beispiel. Ganz zu schweigen von den krassen Bewusstseinsveränderungen durch Drogen und Psychopharmaka, durch Krankheiten wie Alzheimer/Demenz, die von der einstigen Person irgendwann nichts mehr übrig lassen.

    Das „Ich“ (also die, die sich was vorstellt), ist für mich eine Alltags-bedingte Illusion. Weil wir Tiere und nicht Pflanzen sind und uns vom Fleck bewegen können und müssen, weil wir zudem ein Hirn ausgebildet haben, das sich erinnern kann, bilden wir die (unverzichtbare) Vorstellung, JEMAND zu sein. Dabei ist dieses Ich nirgends auffindbar, zudem ist es veränderlich wie alles andere auch.

    Kurzum: da ist NIEMAND bzw. es ist das Universum, das in mir und allen Anderen zum Leben und zum Bewusstsein kommt.

    Auch mit dieser Sicht der Dinge kann man „Trost finden“ (wie alternativ in der religiösen Vorstellung einer Seele, eines Jenseits oder gar einer Wiedergeburt, die ja nur Westlern attraktiv erscheint) und muss nicht materialistisch-zynisch-verzweifelt werden.
    Ich danke es meinem langjähringen, buddhistisch inspirierten Yogalehrer, dass ich mit der Vorstellung des Nicht-Selbst ganz gut leben kann. Wir sind alle Sternenstaub, vom Anbeginn der Zeiten dabei, aufgespalten in unzählige vermeitliche „Seelen“, die um ihr Leben fürchten. Eigentlich eine schöne, tröstliche Idee, dass dies nur eine Illusion sei – und im Lauf des Alterns wird mir das immer glaubhafter.
    (mal dazu geblogg, siehe Namenslink)

    Das Buch „Mut und Gnade“ hab ich auch gelesen, hat mich sehr berührt!

    • Ich war früher ein paar Mal auf dem Benediktushof in Holzkirchen. Das ist ein Zen- und Kontemplationszentrum und die Leute dort erzählen exakt dieselben Dinge wie in Deinem Kommentar. Eines Tages saß ich dort im Garten auf einer Bank und ich dachte, wie sehr die Anlage doch die Persönlichkeit ihres Gründers widerspiegelt. In dem Moment ging mir auf, dass all die Mystiker und Zen-, Yoga- und Kontemplationslehrer das ICH an der falschen Stelle suchen. Sie suchen es im Innen, dabei ist es in der Außenwelt zu finden. Das ICH ist die Spur, die man in der Welt hinterlässt und die die Welt unwiderruflich verändert. Indem Du hier auf dem Blog Kommentare schreibst, veränderst Du den Blog, mich und die Leser, indem Du in Deinem Garten Unkraut rupfst, veränderst Du Deinen Garten, der ohne Dich ein ganz anderer Garten wäre. All diese Spuren zusammengenommen, bilden Dein ICH, auch wenn man die meisten Spuren gar nicht oder nur ein Stück weit verfolgen kann. Mit Deinem Hiersein in der Welt veränderst Du sie unwiderruflich, mit jedem Atemzug, den Du tust, und das bist DU.

      Es macht keinen Unterschied, ob Du ein Selbst oder ein Nicht-Selbst annimmst: in beiden Fällen drehen sich Deine Gedanken in diesem Moment um Dich und Du verlierst Dich in einer Betrachtung Deiner selbst. Du bist mit Dir selbst und einer Definition von Dir selbst beschäftigt. Sternenstaub ist eine Metapher, die in spirituellen Kreisen häufig verwendet wird. Es ist jedoch bloß ein Wort, das romantische, bisweilen erhabene Gefühle auslöst, und es demjenigen, der das Wort benutzt, ermöglicht, in seinen schönen Gefühlen zu baden. Die Frage ist, ob man das will bzw. es dabei belassen will.

      Mit Madame Bovary hat Gustave Flaubert eine Heldin beschrieben, die sich in eine Wunschwelt hineinimaginiert und eine Geschichte über sich selbst erfindet, die sie als tragische Geliebte erscheinen lässt. In dieser Rolle schluckt sie am Ende Gift und selbst in diesem Moment spielt sie mit sich selbst noch Theater. Erst als das Gift allmählich zu wirken beginnt und echter Schmerz und Übelkeit die Wunschwelt grausam zerbrechen, erkennt Madame Bovary, was sie getan hat. Mut und Gnade hat für mich eine gewisse Ähnlichkeit mit Madame Bovary. Mir kommt es vor, als würde sich Wilber in eine Erleuchtungswelt hineinimaginieren. Ich finde es befremdlich, wenn im Sterbeprozess nichts anderes Bedeutung zu haben scheint als das Rezitieren von Mantren, fünfstrahlige kosmische Sterne, der Erleuchtungsweg und die Buddha-Natur der Verstorbenen. Das ist schon extrem kopfig.

      • Ist schon lange her, dass ich das Buch gelesen habe. Erinnere mich gar nicht mehr an Buddhistische Rituale, sondern eher daran, dass sie sagte „Ich gehe jetzt“ – und in seinen Armen verstarb. Oder so…

        Was das Sterben angeht, mit dem wir ja selbst keine eigene Erfahrung haben: Ich denke, alles ist ok, was dem Sterbenden nützt und einen friedlichen Abgang ermöglicht. Die einen brauchen die letzte Ölung und katholische Priester, die anderen Mantra-Singen und wieder andere wollen nichts dergleichen.

        Alle im Einzelfall hilfreichen spirituellen oder religiösen Sterberituale sind zwangsläufig „kopfig“, denn sie funktionieren ja nur, wenn der Sterbende die damit zuammen hängenden gedanklichen Überbauten teilt. Deshalb bin ich auch nicht Buddhistin geworden, denn mir ist klar, dass diese asiatisch-religiös geprägten Rituale mich IM ERNSTFALL gefühlsmäßig nicht erreichen würden. Weil das alles nur angelesen ist, nicht erfahren. Was ich als „seltsame Erlebnisse“ (meditative Glückszustände, OOBEs, sog. „Koinzidenzen“ etc, usw.) erfahren habe, war immer vielfältig interpretierbar – ich sah letztlich keinen Grund, einer bestimmten Interpretation irgend einer ´“Schule“ zu folgen.

        „Erfahren“ hab ich in der Kindheit (!) das übliche Prozedere der katholischen Kirche (Messe, Kommunion, Firmung, Beichte…) und mich schon während des Kommunionsunterrichts innerlich davon abgewandt – ich musste allerdings noch Firmung mitmachen, mit 14 bin ich dann aus dem Religionsunterricht ausgetreten, endlich selbstbestimmt.

        Ich erwähne das, weil zu meinem eigenen Erstaunen diese kindliche Indoktrination mit Ritualen und Brimborium dazu geführt haben, dass sie NOCH IMMER WIRKEN, wie mir ein eher zufälliger Besuch einer Messe vor ein paar Jahren gezeigt hat. (Siehe den Blogpost dazu). Sie wirken aufs Gefühl noch immer – auch ganz ohne dass man irgendwas von alledem GLAUBT!

        Das funktioniert aber m.E. eben nur deshalb, weil ich als beeindruckbares Kind ab dem 4. Lebensjahr über Jahre die volle Dosis abbekommen habe – noch ganz ohne intellektuelle Auseinandersetzung damit.
        Eine entsprechende Wirkung kann ich als lange schon Erwachsene nicht einfach willentlich implementieren – also nix mit Mantras, Sutras etc. (obwohl ich z.B. das Herz-Sutra wirklich toll finde: Form ist Leere, Leere ist Form…)

      • Nichts ist schwieriger, als frühkindliche Gefühlsprägungen abzustreifen. Man lebt ja so eingewoben in seine Gefühlswelt, dass man kaum je dazu kommt, diese zu hinterfragen. Häufig sind Gefühle auch mit falschen Begriffen belegt, bspw. wird, was in Wahrheit Todessehnsucht oder der Wunsch nach Selbstaufgabe ist, schon gern mal als Liebe bezeichnet, wie das ja auch die katholische Kirche tut. Wenn zwei Menschen über Liebe reden, kann jeder das mit einem unterschiedlichen Gefühlswert verbinden, ohne dass das im Gespräch überhaupt auffällt. Kommt noch erschwerend hinzu, dass eine katholische Messe in der Tat eine dramaturgische Meisterleistung ist, wo ganz gezielt auf der Gefühlsklaviatur gespielt wird. Ich denke sogar, die katholische Kirche kann ihre abstrusen Glaubensinhalte nur dank dieses meisterhaften Spiels transportieren und aufrechterhalten.

        Seit ich den Ursprung der menschlichen Religiosität im Umgang mit dem Feuer verorte, haben die Religionen ihre Wirkkraft auf mich verloren. Mir erscheinen sämtliche religiösen Rituale bloß noch hohl. Vielleicht ist es auch umgekehrt: dass ich die Ideen, die ich hier im Blog vertrete, nur habe, weil auf der Gefühlsebene aus irgendeinem Grund eine Desidentifikation stattgefunden hat. Nicht, dass das grundlegende Gefühl von Eingewobenheit und Aufgehobensein verschwunden wäre, im Gegenteil. Ich kann es bloß nicht mehr mit religiösem Gehabe gleich welcher Art, ob christlich, buddhistisch oder esoterisch in Verbindung bringen.

        „Seltsame Erlebnisse“ (wie Glückszustände, OOBEs (da musste ich erst nachgucken, was das ist 🙂 ), den horror vacui und Koinzidenzen etc.) bergen die Gefahr in sich, dass derjenige, der das erlebt, sich gegenüber den Anderen als was Besonderes empfindet und sich selbst erhöht, wenn er den Schluss zieht, dass er bewusstseinstechnisch weiterentwickelt ist als der Rest der Welt. Aber darum geht es gar nicht, denn damit gerät man nur wieder in diese als EGO bezeichnete Selbstreferentialität. Die Gefahr, dass man sich bei solchen Erlebnissen eine Interpretation zurechtlegt und sich dann an diese Interpretation klammert, ist nämlich nicht gerade klein.

        IM ERNSTFALL erreicht mich kein Ritual, sondern nur ein authentischer Mensch. Vielleicht muss dieser Mensch nicht mal hundertprozentig authentisch sein, sondern es reicht, wenn er mit mir in einer echten gefühlsmäßigen Verbindung steht, wobei aber echte gefühlsmäßige Verbindungen schon was mit Authentizität zu tun haben, nur möchte ich hier das Absolutum vermeiden. Echte gefühlsmäßige Verbindungen sind gewachsene Verbindungen, sie entstehen nicht von jetzt auf gleich. Einen Fremden, egal ob Mediziner, professionellen Sterbehelfer oder Priester möchte ich auf jeden Fall nicht an meinem Totenbett haben.

      • „… bewusstseinstechnisch weiterentwickelt …“ – da sagst du was, was mich in den verschiedensten Spiri-Kontexten, in die ich hinein gerochen habe, immer alsbald angekotzt hat! Zum Glück war ich da weitgehend gefeiht, denn allerlei „Zustände und Erlebnisse“ haben mich in Lebensphasen ereilt, in denen ich geradezu das Gegenteil eines „spirituell korrekten“ Lebens führte. Ich wusste also, dass „so etwas“ nicht mein Verdienst ist, sondern halt einfach mal passiert. Dass ich nicht dem spirituellen Materialismus verfallen bin, verdanke ich auch meinem einstigen Yoga-Lehrer, der gänzlich unreligiös und nicht nur Yoga-Lehrer, sondern auch ganz weltlicher Politik-Prof war.

        Außerdem hab ich Urschriften gelesen und manche erstaunliche, ja witzige Entdeckung gemacht. Z.B. in den „Körben“ der buddhistischen Urschriften (Pali-Kanon). Das sind immer so Absätze, bestehend aus einer definierten Anzahlt von Sätzen. Sehr oft wird dort ein Schüler geschildert, der irgend etwas tut oder behauptet. Buddha sagt ihm dann in Kürze, was Sache ist – und rituell endet der Absatz mit „und er erlangte Erleuchtung“.

        ERLEUCHTUNG, der Fetisch vieler spiritueller Materialisten – aber was war es, was Erleuchtung hier meinte? Zu meinem Erstaunen waren es oft rein logische Verstandeserkenntnisse, die für unser Denken heute geradezu selbstverständlich anmuten. Ich begriff also: Buddha hat zu seiner Zeit den Leuten u.a. das logische Denken beigebracht, dass damals noch nicht so in die Menschen implementiert war wie heute. (Ok, man kann heute wieder zweifeln, ob es wirklich erfolgreich implementiert ist, aber das ist ein anderes Thema).
        Kürzlich las ich auch, dass „Erleuchtung“ eine falsche Übersetzung sei. Es meinte „Erwachen“ – und ich denke, auch das bedeutete nicht ein meditativ erlangtes Sat-Chit-Ananda, sondern ein „Erwachen aus dem Irrtum“: Heureka!

        „Mir erscheinen sämtliche religiösen Rituale bloß noch hohl.“

        Mir erscheint auch die katholische Messe „hohl“, dennoch hat mir das Klingeln der Glöckchen während der „Wandlung“, begleitet von allerlei Weihrauch die Tränen in die Augen getrieben – schon irre.

        Alle spirituell motivierten Rituale trete ich aber nicht in die Tonne, auch wenn ich selbst ritualfrei lebe. Ein gutes Ritual kann einer Gruppe von Menschen, die es engagiert vollzieht, sehr viel Kraft und Mut vermitteln – leider kann das auch negativ eingesetzt werden, aber das ist ja mit fast Allem so. Mit „engagiert vollziehen“ meine ich: sich auf das Ritual und dessen Bedeutung konzentrieren, sich leer machen vom Alltagsballast und allem gedanklichen Kreisen um seine Majestät, das Ich/Ego und seine Interessen – eine Art Meditation also.

      • Ich kenne die Texte vom Buddha als Die vier edlen Wahrheiten in einer Ausgabe von 1983, hrsg. von Klaus Mylius. Da hören die Lehrreden meistens so auf: „Dies sprach der Erhabene. Mit Wohlgefallen freuten sich die Mönche an des Erhabenen Rede.“ Der in den Lehren steckende Pragmatismus ist mir auch aufgefallen. Und ja, es geht ursprünglich um Logik, die von diversen Schülern wie Vasubandhu, Harivarman oder Nagarjuna weiterentwickelt wurde, zum Nicht-Selbst, zum totalen Nihilismus, zur Nur-Bewusstseins-Lehre oder dem „Mittleren Weg“. So genau kenne ich mich da allerdings nicht aus. Kommt hinzu, dass der Buddhismus in Indien mit vedischem Gedankengut oder in Tibet mit dem Schamanismus verschmolzen ist. Erst in dieser Verschmelzung erlangte wohl der Wiedergeburtsgedanke seine Bedeutung.
        Der Begriff Erleuchtung hat m.E. etwas mit unserer Besessenheit von Licht/Feuer zu tun.

        Nicht nur die Buddha-Lehren verwandeln sich. Mit Jesus ist das auch nicht anders. Der ursprünglichste Jesus (der im Markus-Evangelium) wird in den Folge-Evangelien zunehmend mit gnostischem Gedankengut übermalt, sodass er im Johannes-Evangelium bereits ein ganz anderer ist. Und Paulus stellt die Botschaft von Jesus gleich ganz auf den Kopf, indem er Jesus institutionalisiert und Briefe schreibt, die zudem noch gefälscht sind, statt mit Spucke und Dreck zu heilen, wie Jesus das machte. Falls Jesus wirklich gelebt hat und nicht nur die Symbolfigur für all die Messiasse seiner Zeit ist.

        Ich kann nur für mich sprechen, und ich kann religiösen Ritualen heute nichts mehr abgewinnen. Kann sein, dass Andere aus solchen Ritualen Mut und Kraft schöpfen, aber ich spreche ja nicht für Andere. Die Wirkung von Ritualen soll jemand erklären, der Rituale tatsächlich praktiziert. Es ist ja auch besser, wenn ein Schreiner das Schreinerhandwerk und nicht das Maurerhandwerk erklärt.

      • ‚Erleuchtung’…hmhmhm…ist so ein Prädikat wie ‚Erfolg‘ – kann ich auch nichts mit anfangen.
        Erfolg wird ja von vielen unterschiedlich interpretiert, gewertet und so sehe ich das bei der sogenannten ‚Erleuchtung/Erweckung‘ auch.
        Jemand beschäftigt sich irgendwie mit sich selbst und erfährt eine Veränderung – bingo – ‚Erfolg‘ in Form von ‚Erleuchtung‘, weil ihm in Bezug auf sich oder in Bezug seines Bezugs zu seinem Umfeld etwas auffällt, er vielleicht nun etwas versteht, was ihm vorher Problem, Frage, Plage war und er sich daraufhin ändert in seinem Dasein, Verhalten. 😉
        Die aus meiner Sicht besten Vertreter des Zen, die ich kennen gelernt habe, haben überhaupt kein Gewese um diesen Begriff gemacht, sie haben ihn eher gemieden wie die Pest.
        Es heißt nicht umsonst: ‚Das Tao, über das gesprochen werden kann, ist nicht das wahre Tao.‘
        Es kann ja nur über etwas gesprochen werden als Konkretum, wenn es geschehen ist, ‚verbrannt‘ ist (concrementum), sozusagen wenn der Vorgang des Töpferns im gebrannten Topf endet, in den man dann den Begriff Topf stecken kann, so wie in den konkrementierten Kopf den Begriff ‚Erleuchtung‘.
        Aber Konkrement ist höchstens ein Indiz für einen gewesenen Vorgang der Veränderung, der in sich ja auch nicht beschrieben werden kann, da die laufende Veränderung ja auch eine laufend sich verändernde Begrifflichkeit fordern würde, die die Sprache einfach nicht hergibt und im Augenblick der Konkretisierung (= Konkrementierung) durch das Wort bereits überholt ist wie die Kommentare eines Fußballreporters zum aktuellen Geschehen, dem er immer hinterher hinkt.
        Konkrement ist halt nicht die Veränderung selbst – so wenig wie Sprache das Bezeichnete selbst sein kann.
        ‚Erleuchtung‘ wäre demnach nichts anderes als im Vorgang, in der Veränderung mitten drin zu sein, das zu erleben ohne es zu kommentieren oder gar erinnerungstechnisch wie eine Bushorde Fast-Travel-Chinesen mit Photos (Begrifflichkeiten) bannen zu wollen, anstatt sich dem Aktuellen einfach mal hinzugeben.
        Genuß schweigt und Schweigen ist Genießen.
        Genuß ohne Reue ist Be-greifen des Augenblicks ohne Begriff.

        „Oh, guck doch mal die Aussicht! Ist dat nich herrlisch?! Oh! Oh! Guck doch mal da, wie die Sunn unterjeht! Dat muss der Mensch ja wohl mal jesehen han! Dat muss isch ja jleich minge Fründ feisbucken, damit se sehen könne, wie schööön dat doch is!….Wo han isch denn jetzt ming Kamera hinjesteckt…ach da isse ja! Oh. Akku is ja leer. Irjendwo han isch doch ne Ersatzakku…lurens…da isser ja! Sooo….schnell usjetauscht..feddisch!….ooooch, jetz isse wech, dat Sunn….Na mäht nix, nächstes Johr simma um dieselwe Zick wedda heij, dann awa machemer nen rischdisch schönes Fotto!“

  3. Der Wind weht und west damit, denn weht er nicht, west er auch nicht, ist nicht existent.
    Das Wesen des Windes ist das Wehen.
    Das Wesen der Geburt sind die Wehen, die treibende Kraft zum Leben hin sozusagen.
    Jeder Atemzug gebärt also Leben.
    Unser ‚Atmen‘ ist nicht zufällig verwandt mit ‚Atman‘, der sogenannten ‚Weltseele‘.
    Der Wind, der Wind – das himmlische Kind.
    Man kann dieses Wesen, den Wind nicht greifen und demnach das Wesen der Weltseele nicht be-greifen.
    Da der Verstand ein Klammeraffe (wissen@museum.de) ist, kann er das Wesen selbst nicht begreifen, da es sich nicht einfangen, ausstopfen und kasernieren lässt.

    Die 4 Elemente sind ja nur Aspekte ein u. derselben Sache – des Wandels.
    Deswegen gibt es auch keinen ‚besseren‘ oder ‚wichtigeren‘ Aspekt.
    Wind entsteht, wenn es Unterschiede im Luftdruck (Thermik, Gaswechselwirkungen ,…) gibt.
    Wasser bewegt sich, wenn es Unterschiede im Gefälle oder Druckaufbau (Wind, Mond…) gibt.
    Feuer bewegt sich, wenn es Unterschiede gibt (Hitzedifferenz), die zu einer Kettenreaktion führen (Hitze erzeugt Gase, die sich wiederum entzünden und neue Gase aus dem Brennmaterial erzeugen).
    Erde bewegt sich, wenn es Unterschiede im mechanischen, thermischen oder interstellaren Druckbereich gibt.
    Allen gemeinsam ist also Bewegung durch Unterschied.

    Differenz erzeugt Bewegung, Veränderung, Wandel.
    Differenzen machen manchmal viel Wind um etwas, aber ohne solchen ‚Wind‘ kein Rauschen im Neuronen-Geäst der Gedanken.

    Im Wind atmet uns die Weltseele an, vermutlich der einzige echte Schöpferhauch, wodurch wir ins Leben zurück geholt werden, z.B. dann wenn nach Windstille plötzlich Wind aufkommt und uns auf Wetterveränderungen aufmerksam macht oder wir aus demselben geblasen werden (‚jemandem wird das Lebenslicht ausgeblasen‘), weil wir die Botschaft nicht verstanden oder missachtet haben.

    Der Wind ist Botschafter.
    Trägt Samen durch die Lüfte (wer kennt nicht die Geschichte vom Bauern, der Gott spielen durfte und den Wind vergaß…?), Pheromone als Botenstoffe, bringt fruchtbaren Saharastaub in den Amazonas ohne den es diesen kaum gäbe.

    Wer segelt, der weiß, dass man jeden Wind nutzen kann, sogar den sogenannten ‚widrigen‘, um voranzukommen.
    Auch wenn er fatalen Wellengang mit sich bringt, das ist halt der Preis für die Beweglichkeit, für’s Weiterkommen.
    Das Fähnchen, das an der Mastspitze die Windrichtung anzeigt, heißt nicht umsonst ‚Verklicker‘ 😉

    Wind ist Aufbruch (‚da weht jetzt ein anderer Wind!‘, der erste Atemzug), Umbruch (Worte als Atemkonstrukte könne vieles verändern), Abbruch ( ‚da stockt der Atem‘, der letzte Atemzug).
    Ohne Wind ist also ‚tote Hose‘, dann lieber ne Windhose 😉

    Wenn also beim Tod der Wind weht, dann ist die Botschaft des Windes, dass auch der Tod nur ein ‚Preis‘ ist, den man für’s Weiterkommen des Lebens bezahlt.

    • Einen Preis bezahlt man, weil man muss. Bezahlt man also den Preis, wird aus dem Tod ein Sterbenmüssen. Etwas, das man nicht gerne tut, sondern allenfalls zähneknirschend einwilligt. Ein Negativum. Ein Gegensatz zum Leben. Und da schwingt er im Hintergrund wieder mit, der Wunsch nach Unsterblichkeit.

      Es gibt die Erfahrung der Leerheit, bei uns im Westen als horror vacui bekannt, im Osten in Zen-Geschichten wie den Ochsenbildern, dem Herz-Sutra oder dem Shodoka beschrieben. In der Leerheit löst die Welt sich auf, um sich dann wieder aufzubauen. Es ist die sogenannte Erleuchtungserfahrung, die den Menschen, der sie macht, von Grund auf wandelt. Es ist die Erfahrung, von der jeder spirituelle Mensch glaubt, sie gemacht zu haben 🙂 . Es ist aber nicht die einzige Erfahrung dieser Art. Daneben gibt es die Erfahrung der Unsterblichkeit in ewiger Einsamkeit, die nicht minder schrecklich und verstörend ist als die Erleuchtungserfahrung. Herbert Rosendorfer beschreibt diese zweite Erfahrung in humoriger Weise in Großes Solo für Anton. Wer statt der Erleuchtungs- die Einsamkeitserfahrung gemacht hat, sieht den Tod nicht als Preis oder Müssen.

      Wenn man die Erleuchtungs- und die Einsamkeitserfahrung zusammennimmt, erkennt man leicht, dass es sich in Wahrheit um die tiefsten menschlichen Ängste handelt und nicht um den vielgerühmten Quantensprung im Bewusstsein, um höhere Bewusstseinsebenen, Gottgleichheit, Allbewusstsein und was sonst alles noch damit verbunden wird. In diesen beiden Erfahrungen gewinnen die Ängste kurzzeitig die Oberhand und wie alle Ängste verschwinden sie weitgehend, wenn man sie mal durchlebt hat. Das Verschwinden der Urängste verwandelt den Menschen. Man könnte auch sagen: der Mensch wird wieder normal, sofern man sowas vom Menschen überhaupt sagen kann 🙂

      Der Tod ist kein Preis, den es zähneknirschend zu bezahlen gilt, denn Sterbenmüssen und Nichtsterbenkönnen schenken sich nichts, was die Produktion von Angstschweiß angeht. In der Anthropologie besteht Konsens darüber, das Sterbenmüssen als Auslöser für die Entstehung der Todesangst zu sehen. Ich bin mir da nicht sicher. Die Angst vor dem Tod könnte ihre Ursache auch im Nichtsterbenkönnen haben, in der Vorstellung, dass man als körperloser Geist irgendwo weiterlebt. Vermutlich gab es Bestattungen ja erst, als die Welt schon in materiell und geistig-geisterhaft zerfallen war.

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