Die angebliche Liebe zur Natur

Naturliebhaber zu sein, ist absolut in. Ein großer Teil der meinungsbildenden Stadtbewohner setzt sich verbal dafür ein, die Natur zu bewahren, nachhaltig zu wirtschaften, bescheiden zu leben, biologisch angebaute Nahrungsmittel zu konsumieren, auf alternative Energien umzusteigen, dem Raubbau und dem Artensterben ein Ende zu bereiten, den Müll zu recyclen und in Frieden nicht nur mit allen Menschen, sondern auch mit der Natur zu leben. Der Mensch liebt den Wald. Er liebt die Tiere. Er liebt seinen Garten. Bei so viel gutem Willen und so viel Liebe muss man sich doch fragen, warum unser Heimatplanet trotzdem immer weiter zerstört wird.

Um die fortschreitende Zerstörung zu erklären, sucht der naturliebende Mensch einen Sündenbock und den findet er im Kapitalismus, unserem Geld- und Wirtschaftssystem, den Superreichen oder anderen Verschwörern. Das ist bequem, denn so muss der Mensch sich nicht selbst hinterfragen. Stimmt es denn, dass der Mensch die Natur liebt? Ist es nicht vielmehr so, dass der Mensch die Natur verachtet und deshalb alle wesentlichen Naturprinzipien bewusst ins Gegenteil verkehrt? Ist es nicht so, dass der Mensch auf eben diese Abwendung von der Natur stolz ist und die damit verbundenen Verhaltensweisen zu wertvollen Tugenden erklärt? Ich möchte das mal gern an einigen Beispielen zeigen.

Das Verhältnis von alt und jung

Tiere sind fast das ganze Jahr über mit Balz, Paarung und Aufzucht der Jungen beschäftigt. Für die Eltern ist das nicht selten ein ziemlicher Stress. Trotzdem ziehen erwachsene Tiere ihre Jungen auf, ohne dass dabei irgendeine Form von Verpflichtung der Jungen gegenüber den Alten entsteht. Sobald die Jungen das dafür vorgesehene Alter erreicht haben, ziehen sie ihrerseits wieder Junge auf, ohne sich jemals um die Alten zu kümmern. Dankbarkeit ist Tieren fremd. Wenn ein Alttier zu schwach geworden ist, sein Revier zu verteidigen, wird es von Jüngeren vertrieben. Wenn ein Tier nicht mehr für sich selber sorgen kann, stirbt es.

Einzig der Mensch betreibt einen Kult um seine Alten. Von Anfang an wird den Kindern Dankbarkeit gegenüber den Eltern eingetrichtert, gerade so, als hätten die Kinder darum gefleht, geboren zu werden. In armen Ländern gelten Kinder als familiäre Altersversorgung, in unserer westlichen Kultur als künftige Rentenzahler. Durch einen einseitig geschlossenen Generationenvertrag werden die Nachkommen darauf verpflichtet, für die Alten zu sorgen, nicht nur materiell, sondern auch in Form von Pflege und Zuwendung. Wer nicht für seine Eltern sorgen will, gilt als egoistisch, herzlos oder gar unmenschlich.

Religion heißt Rückbindung. Gemeint ist damit die Rückbindung an ein göttliches Wesen. Wenn man jedoch davon ausgeht, dass Gott eine menschliche Projektion und in diesem Sinne in der Regel ein übersteigertes Elternbild darstellt, dann bedeutet Religion nichts anderes als die Rückbindung der Jungen an die Alten. Das Christentum lehrt uns, dass der Sohn für die Werke des Vaters geradestehen und, wenn nötig, sein Leben geben muss, um den Murks des Alten zu retten. Aus eben diesem Grund ist Jesus am Kreuz für die Menschheit gestorben.

Im Tierreich geben die Elterntiere uneigennützig und bereitwillig ihre Lebensenergie für den Nachwuchs. Menschlich hingegen ist es, von den Nachkommen zu fordern, dass sie einen nicht geringen Teil ihrer Lebensenergie für die Eltern oder allgemein für die Alten zu opfern haben, sei es als direkte Zuwendung oder in Form von Zahlungen. Die Alten nutzen das weidlich aus, indem sie immer älter und immer mehr werden. In hochzivilisierten Staaten sehen wir uns dem Paradoxon gegenüber, dass es inzwischen mehr Alte als Kinder zu versorgen gibt. Wenn die Alten die Lebensenergie ihrer Nachkommen für sich in Anspruch nehmen, bleiben den Nachkommen weniger Mittel und weniger Zeit, sich um die eigenen Kinder zu kümmern. Entsprechend werden in solchen Gesellschaften, wo die Alten die Jungen über Gebühr beanspruchen, zu wenig Kinder geboren, was mittelfristig zur Vergreisung der Gesellschaft führt.

Wo die Jungen nicht für die Alten Verantwortung übernehmen müssen, können sie neue Wege gehen. Tiere sind frei, sich den verändernden Lebensumständen anzupassen. Der Mensch kann das nicht. Der junge Mensch wird von Anfang an gezwungen, in die Fußstapfen seiner Vorfahren zu treten und stur den bereits ausgelatschten Pfaden zu folgen. Der Zwang vermittelt sich dem jungen Menschen über Erziehung, Bildung, Berufstätigkeit, Werbung oder allgemeiner, über die Erwartungshaltung der Gesellschaft. Das geht so lange, bis der Zwang inkarniert ist und der junge Mensch selber glaubt, dass seine wahre Lebensaufgabe darin besteht, sich in den Dienst der Alten zu stellen. Zumindest gilt das für Frauen und Töchter. Deshalb kann unsere Gesellschaft sich gar nicht verändern, kann sich der Mensch nicht veränderten Umständen anpassen, mag das Geschrei nach Veränderung auch noch so laut sein. Wahlfreiheit besteht nur an der Oberfläche. Der junge Mensch kann zwischen verschiedenen Berufen wählen, aber dass er einen Beruf ergreifen und sich damit in den Dienst der Gesellschaft stellen muss, steht nicht zur Debatte.

Tiere werden vom Instinkt geleitet. Wo dies nicht der Fall ist, lernen sie durch Nachahmung. Dabei sind die Jungen frei, die Alten nachzuahmen. Diese Freiheit hat der Mensch seinen Kindern genommen. Kinder dürfen nicht frei entscheiden, was sie lernen wollen, sondern werden in ein rigides Schulsystem gepresst, in dem die Alten entscheiden, was für die Jungen wissenswert ist. Was ist das also für eine Liebe, die der Mensch seinen Kindern gegenüber empfindet? Ist es nicht so, dass die Tiere ihre Jungen mehr lieben als der Mensch, der aus seinen Kindern, noch bevor sie überhaupt geboren sind, bereits ein Mittel zum Zweck macht?

Das Verhältnis von lebenstüchtig und untüchtig

Im Tierreich überleben nur die Lebenstüchtigen und auch nur solange, wie sie das Leben meistern. Die Untüchtigen sterben früh. Ebenso die Lustlosen und Müden. Das ist ein ebenso einfaches wie hartes Naturgesetz. Doch ist es wirklich hart, wenn man davon ausgeht, dass die Tüchtigkeit dem Lebenswillen entspricht? Ist es im Gegenteil nicht weise, dass diejenigen leben, die sich für den Erhalt ihres Lebens anstrengen und ihr Leben verteidigen, und dass diejenigen sterben, die das nicht tun? Tiere zeigen täglich, dass ihnen ihr Leben etwas bedeutet.

Beim Menschen klaffen Lebenswille und -tüchtigkeit auseinander. Wir gehen davon aus, dass auch derjenige leben will, der das Leben selbst nicht meistert und dauerhaft auf die Hilfe von Anderen angewiesen ist. Lebensuntüchtige Mitglieder unserer Gesellschaft zu unterstützen, halten wir für eine unserer wertvollsten menschlichen Qualitäten. Ja, es ist sogar so, dass unsere Gesellschaft immer mehr lebensuntüchtige Mitglieder hervorbringt, nur damit wir eben diese typisch menschliche Eigenschaft voll ausleben können. Die Lebensuntüchtigen bekommen inzwischen durchaus mehr Aufmerksamkeit als die Tüchtigen. Zahllose Berufe im sozialen Bereich haben ihren Sinn und Zweck einzig und allein darin, die Untüchtigen zu fördern und zu unterstützen. Das ist mit ein Grund, warum es immer mehr arme, kranke, süchtige und andere hilfsbedürftige Menschen gibt. Ja, an manchen Schulen geht man heute sogar so weit, dass sich die tüchtigen, fleißigen und ehrgeizigen Kinder in ihrem Lerntempo den untüchtigen anpassen müssen. Tüchtigkeit, Fleiß und Ehrgeiz sind in Verruf geraten. Den Tüchtigen wird auch keineswegs dafür gedankt, dass auf ihre Kosten die Untüchtigen am Leben erhalten werden. Im Gegenteil, die Untüchtigen halten es für ihr gutes Recht, auf Kosten der Tüchtigen und Ehrgeizigen zu leben. Ein Großteil der Menschen glaubt heute sowieso, dass der Staat für sie sorgen muss.

Im Tierreich sorgt jedes erwachsene Tier für sich selbst. Wo Tiere in Herden leben, muss in der Regel doch jedes Tier seine Nahrung selber suchen und wird nicht von anderen gefüttert. Wenn es bei den Bienen eine Ausnahme gibt, dann nur deshalb, weil die Bienenkönigin für den gesamten Nachwuchs zuständig ist. Wenn Tiere gemeinsam jagen, bestimmt die Hierarchie, welches Tier zuerst von der Beute fressen darf, und das ist das Alphatier. Das stärkste Tier frisst sich also zuerst satt und dann erst kommen die rangniedrigen und damit schwächeren zum Zug. Wenn die Nahrung knapp wird, stirbt zuerst das schwächste Tier, das in der Rangordnung ganz unten steht. Bei uns Menschen gilt es als egoistisch und  damit verwerflich, wenn der Stärkste sich kraft seiner Stärke zuerst bedient.

Das Alphatier ist dasjenige, von dessen überschüssiger Energie die anderen Mitglieder der Herde profitieren. Je höher ein Tier in der Rangordnung steht, desto nützlicher ist es für die Anderen, für die Gemeinschaft insgesamt. Dieser Nutzen für die Anderen ist jedoch nur ein Nebenprodukt der Sorge des Tiers für sich selbst. Indem das Tier erst mal für sich selbst sorgt, gibt es von seiner Kraft unwillkürlich an Andere ab. Immer ist es jedoch so, dass das Alphatier etwas gibt, von dem die Anderen profitieren. In unserer menschlichen Gesellschaft haben wir dieses Verhältnis ebenfalls gründlich auf den Kopf gestellt. Alphatiere sind bei uns diejenigen, die den Anderen etwas wegnehmen bzw. die anderen Mitglieder der Gemeinschaft ausbeuten. Alphatiere sind bei uns diejenigen, die Steuern erheben und/oder andere für ihren Gewinn schuften lassen.

Da das Alphatier dasjenige mit der höchsten Reproduktionsrate ist, werden im Tierreich positive Qualitäten gefördert, wie Stärke, Intelligenz, Geschicklichkeit, Vorsicht, geschärfte Sinne oder was auch immer. Das bringt eine Gruppe und sogar eine Spezies insgesamt weiter, langfristig profitieren alle Mitglieder, auch die schwächeren, von der Auswahl und Verstärkung positiver Qualitäten.

In unserer Gesellschaft fördern wir neben Untüchtigkeit und Hilfsbedürftigkeit auch eine Reihe weiterer Eigenschaften, die der Gruppe oder Spezies schaden. Es schwächt eine Spezies, wenn sich die Mitglieder gegenseitig ausbeuten, austricksen oder sonstwie Schaden zufügen.

Das Verhältnis von begrenzt und grenzenlos

Tiere unterliegen im Allgemeinen irgendwelchen Beschränkungen. Häufig sind Tiere an ihr Revier gebunden. Aber selbst da, wo Tiere lange Wanderungen unternehmen, bleiben sie ihren Wanderrouten treu. Eine Schwalbe, die in Afrika überwintert, kommt nicht auf die Idee, es zur Abwechslung doch mal in Asien zu versuchen. Wir staunen über die Lachse, die nach ihrem Ausflug ins Meer in den See zurückkehren, in dem sie aus den Larven geschlüpft sind.

Auch Jahreszeiten und die Rhythmen der Natur schränken die Lebensweise der Tiere ein. Im Frühling pflanzen sie sich fort, im Sommer und im Herbst fressen sie sich Speck an und im Winter werden alle Aktivitäten heruntergefahren. Manchmal, wie bei den Bären, wird der Winter sogar ganz verschlafen. Es gibt zwar Tiere, die tagsüber oder nachts aktiv sind, aber es gibt keine Tiere, bei denen der Tag- und Nachtrhythmus beliebig ist.

Eine weitere Begrenzung besteht darin, dass Tieren nur soviel Energie zur Verfügung steht, wie sie durch ihren Stoffwechsel selbst erzeugen.

Ganz anders der Mensch. Eines seiner wesentlichen Kennzeichen ist Mobilität und so verbringt er sehr viel Zeit in allen Arten von Fahrzeugen. Der Mensch lebt nicht länger ortsgebunden, sondern da, wo es ihn hinzieht oder wo er Arbeit findet. Millionen von Menschen pendeln zu ihren Arbeitsplätzen und machen Urlaub möglichst weit weg. Einer, der die ganze Welt bereist hat, wird von seinen Mitmenschen bewundert. In jeder Sekunde des Tages befinden sich heute mehr als eine Million Menschen in der Luft. Aber nicht nur der Mensch ist ständig in Bewegung, sondern er transportiert auch Unmengen von Gütern hin und her. Mit derselben Mahlzeit nimmt man Nahrungsmittel zu sich, die von verschiedenen Kontinenten stammen. Äpfel aus Neuseeland, Reis aus Vietnam, Kaffee aus Guatemala.
Der Mensch macht immer häufiger die Nacht zum Tag. Nicht nur im Krankenhaus wird Schichtdienst geleistet, überall fordern inzwischen auch die Maschinen Schichtdienste ein, weil der Dauerbetrieb mehr Profit abwirft. Dafür opfert der Mensch seinen geregelten Wach- und Schlafrhythmus. Durch den industriell-technischen Komplex verbraucht jeder Mensch überdies hundert- bis zweihundertmal so viel Energie, wie er selbst erzeugen kann, wenn er beispielsweise acht Stunden täglich auf dem Laufband oder mit einem Fahrrad Strom produziert. In Amerika sogar über vierhundertmal soviel und in Dubai werden auch schon mal die tausend überschritten. Was unseren Gesamtenergieverbrauch angeht, ist es für die Erde so, als würden sich mehr als eine Billion Menschen auf ihr tummeln.

Es ist also nicht länger die Natur, die dem Menschen Grenzen setzt, das besorgt der Mensch lieber selber, und so erfindet ein Teil der Menschheit eine Flut von Verordnungen und Vorschriften, nach denen sich alle gleichermaßen zu richten haben, ganz egal, in welcher Gegend und unter welchen Umständen sie auch immer leben mögen. Inzwischen schränken uns menschengemachte Vorschriften mehr ein, als die Natur es je vermocht hätte. Und ein Ende ist nicht abzusehen :-).

Die den Tieren von der Natur gesetzten Grenzen engen das Tier nicht ein, weil Grenzen und Lebensweise einander meistens entsprechen. Es sei denn, Trockenheit, Überschwemmungen oder sonstige Naturkatastrophen bringen den Ablauf durcheinander, was schon mal vorkommt und eine Herausforderung für die Tiere ist. Es gibt ja tatsächlich auch immer mal wieder Massensterben, aus Gründen, die wir häufig gar nicht kennen. Trotz oder gerade wegen solcher Schwierigkeiten können verschiedene Mitglieder oder Herden derselben Spezies unterschiedliche Gewohnheiten annehmen, unterschiedliche Fähigkeiten ausbilden oder sich genetisch verändern, ohne dass damit gleich die ganze Art in Frage gestellt wird. Gerade weil Tiere ihre Grenzen leben, können sie neue Wege gehen oder gar neue Arten bilden. Die Fähigkeit zur Evolution bleibt erhalten.

Jeder, der ein Geschäft gründen, kreativ tätig sein oder einen neuen Weg gehen will, macht die Erfahrung, dass ihn Staat und Gesellschaft massiv dabei behindern. Nirgendwo sind Geschäftsneugründungen so kompliziert wie in unserer Kultur. Dabei kann sich kaum noch Neues entwickeln. Stattdessen wird es immer mehr Menschen unmöglich gemacht, selbständig und selbstverantwortlich zu leben. Der Mensch, für sich genommen, kann sich nicht mehr weiterentwickeln, sondern degeneriert. Er wird schwächer, kränker und verliert Fähigkeiten, die er in der Vergangenheit erworben hat. Außerdem verschwinden allmählich die Unterschiede zwischen den Menschen. Dass alle Menschen gleich sein mögen, gehört zu unseren beliebtesten Leitbildern. Konkret heißt das jedoch, dass die Bandbreite dessen, was Mensch sein könnte, immer kleiner wird. Der Mensch nähert sich dem Durchschnitt an, wird zu Otto Normalverbraucher oder auch zum ununterscheidbaren Massenmenschen. Statt Vielfalt hervorzubringen, gibt es in den zivilisierten Ländern eine ausgesprochen starke Tendenz zur Gleichmacherei, bei der alle über denselben Kamm geschoren werden. Was sich hingegen weiterentwickelt, ist der industriell-technische Komplex und die existenzielle Abhängigkeit des Menschen von seinen Gerätschaften.

In der Natur erscheint das Leben als Fülle. Jedes Lebewesen verschwendet sich selbst und will mehr von dem Stoff, der Leben heißt. Kein Tier hält sich freiwillig zugunsten seiner Artgenossen bescheiden zurück. Kein Tier überlässt einem Anderen seine Vorteile, wenn es nicht muss. Jedes Tier ist gleichzeitig die Äußerung eines unbändigen Lebenswillens, es ist durch und durch lebendig.

Die Menschen haben hingegen den Mangel zu ihrem Credo erhoben. Sie sehen keine Fülle, sondern bloß ausgehende Ressourcen. Auf diesem Mangeldenken baut der Mensch seine Lebensweise auf: Vorratshaltung, Geiz, Nachhaltigkeit, Bewahrung: all das macht nur einen Sinn, wenn man davon ausgeht, dass die Welt und ihre Stoffe zur Neige gehen. Der Mensch bringt es nicht fertig, sich selbst zu verschwenden. Er klammert sich an jedes gelebte Jahr und verneint gerade dadurch das Leben. Die beliebte Forderung nach Selbstbeschränkung bedeutet die Schwächung des Lebenswillens.

Aufgrund solcher Beobachtungen wie oben beschrieben, glaube ich nicht, dass der Mensch die Natur liebt. Meiner Ansicht nach ist das Gegenteil der Fall. Die überall stattfindende Naturzerstörung ist nicht nur ein Versehen oder ein Kollateralschaden der städtisch-industriellen Lebensweise. Der Mensch zerstört systematisch die Natur, weil er sie im Grund verachtet und nichts mit ihr zu tun haben will. Jede neue Generation entfernt sich noch weiter von der Natur als die vorhergehende. Amerikanische Kinder kennen Kartoffeln und Tomaten nur noch in Form von Pommes mit Ketchup. Es gibt immer weniger Berufe, die tatsächlich noch etwas mit der Natur zu tun haben.

Selbst der angebliche Naturfreund liebt die Natur in der Regel nicht wirklich. Was dieser von der Natur möchte, sind saftig leckere Früchte, ein paar bunte Blümchen im Gärtchen, eine hübsche Kulisse für den Waldspaziergang und eine Menge Tierlein, an deren putzigem Aussehen und drolligem Verhalten er sich via Instagram ergötzen kann. Die Menschen, die wirklich noch in und mit der Natur leben wollen und das auch tun, kann man an einer Hand abzählen. Vielleicht sollten wir einfach mal damit aufhören, uns selbst was in die Tasche zu lügen.

32 Kommentare zu “Die angebliche Liebe zur Natur

  1. Pingback: Text 35: Die Zukunft des Menschen – Aus Sicht des Lebens (2) | Guido Vobig

  2. “Ich sehe bei solchen Worten schon eine neue Priesterschaft der Sensiblen heraufdämmern, die den Unsensiblen erklären wird, was der Wille der ANDEREN ist.“

    Kausal bedingt, mag dieses auf jeden Fall ein berechtigter Zweifel bzw. Einwand sein, der, obendrein, nachvollziehbar und zu erwarten ist. Der Trick indes dürfte im Wort “erklären“ liegen. Denn durch den Versuch der Erklärung dessen, was erst durch Ermangelung sich unbewusst zu regen vermag, sprich, ohne kausale Zuordnung von Raum und Zeit, wie es unser Bewusstsein gewohnt ist, kann nichts erklärt werden, ohne selbst Gefahr zu laufen für verrückt erklärt zu werden. Wobei in der Verrücktheit, sprich, der Verrücktheit vom Kausalen, die wahre Antwort liegt. So steht der Sensibilisierte nicht neben sich, sondern neben den gesellschaftlich akzeptierten Kausalitäten, und fühlt seine Verrücktheit als wortlosen Wegweiser, dem die Unsensiblen wahrlich nicht folgen wollen. Das Leben, ein Zauber voller Doppeldeutigkeiten, aber ohne EINEN doppelten Boden?

    Danke für die Linkänderung 🙂

    Gruß Guido

    • Über eine akausale Welt kann man eigentlich nur in Form von Poesie angemessen reden. Aber Du siehst ja an unserem Austausch, dass auch wir beide auf einen rational-kausalen Diskurs nicht verzichten, was ja dann die logisch und konsequent wäre. Viele meiner Artikel basieren nach wie vor auf kausalem Denken, so die ganze Feuertheorie, trotzdem habe ich das Gefühl, dass dieser Diskurs für mich notwendig ist. Andererseits wäre der Verzicht auf den rational-kausalen Diskurs ja auch wieder kausal begründet, weshalb man ihn also doch führen kann :-). Auf jeden Fall finde ich es schön, dass es außer mir noch andere „Ver-rückte“ gibt, die die Verrücktheit des Kausalen erkennen. Ja, das Leben ist ein Zauber voller Doppeldeutigkeiten, Vexierbilder, wohin man schaut, und so erweisen sich letztendlich die Unsensiblen sensibler als die Sensiblen und die wortlosen Wegweiser als sehr beredt.

  3. Ja, das entwickelt sich spannend.

    “Dann wäre Leben per se die Auflockerung von Kohärenz, eine weniger „dichte“ Struktur als Materie. Dann würde sich Leben also in einem gemäßigten Bereich zwischen den Polen abspielen …“

    Mal sehen, was aus diesem Gedanken noch werden wird … 😉

    Bevor ich es vergesse. Der Bildlink von gestern hat sich im Kommentar verbildlicht. Kannst Du das ändern und wieder nur den Link darstellen, der angeklickt werden muss. Ist mir lieber.

    “Aber was die ANDEREN bewegt, können wir als die EINEN nicht wissen.“

    Aber wenn der Mangel an Kohärenz, aka Bewusstsein, eine Sensibilität hervorzubringen vermag, dann mag die Sensibilität spürbar werden lassen, was uns die ANDEREN wortlos, durch ihr Sein, fortwährend mitteilen …

    Danke für Deine Resonanz 🙂

    • Ich halte die Vorstellung, dass Bewusstsein eine Sensibilität hervorzubringen vermag, die uns die ANDEREN verstehen lässt, für einen ziemlich gefährlichen Glauben. Ich sehe bei solchen Worten schon eine neue Priesterschaft der Sensiblen heraufdämmern, die den Unsensiblen erklären wird, was der Wille der ANDEREN ist. Das hatten wir schon mal, nur hat man die ANDEREN damals als GEISTER oder GÖTTER betitelt. Dieser Glaube ist es, was mir die Öko-Bewegung inzwischen so verdächtig macht. Erinnere Dich nur an Diskussionen mit Vegetariern oder gar Veganern. Die glauben durchaus von sich, dass sie sensibler und bewusster als der durchschnittliche Fleischesser sind. In der Regel fühlen sie sich deshalb dem Carnivoren überlegen und glauben, etwas für dessen Bewusstseinsbildung tun zu müssen. Einige fordern sogar staatliche Reglementierung zum Wohle der ANDEREN respektive zur Rettung der Welt. Das ist eine Entwicklung, die mir immer suspekter wird, je mehr Menschen auf diesen Zug aufspringen. Ich denke, bevor wir EINEN drangehen, die ANDEREN zu interpretieren, sollten wir zuerst mal uns selbst und vor allem unsere Körperlichkeit verstehen.

  4. Den muss ich noch loswerden, besonders die zitierte Stelle:

    http://www.spektrum.de/magazin/das-raetsel-des-bewussten-erlebens/822825

    “Über nichts wissen wir direkter Bescheid als über das Bewußtsein, aber sein Dasein läßt sich nur äußerst schwer mit allem, was wir sonst noch wissen, in Einklang bringen. Warum existiert es? Was tut es? Wie vermag es aus neuronalen Prozessen im Gehirn hervorzugehen? Solche Fragen gehören seit jeher zu den großen Rätseln menschlichen Forschens und Denkens.“

  5. Irgendwie habe ich es gespürt, dass wir beide hier “weiterkommen“, auch wenn, oder gerade weil, es manchmal ganz anders aussah. Deiner Beharrlichkeit, wie bereits erwähnt, sei Dank.

    Ich streue mal noch ein paar Ermöglichungen, die sich aus dieser SIcht des Bewusstseins ergeben, auch wenn sie Dein Thema hier nicht direkt treffen, aber Dein Thema ermöglicht hat, was aus dem Bewusstsein nun “wurde“.

    Kann man Bewusstsein uploaden, downloaden, wie auch immer speichern, wie es sich die Transhumanisten erhoffen? Wohl kaum, denn um das Bewusstsein zu haben, braucht es den Verlust der Kohärenz, die aber quasi im Ursprung allen Lebens verwurzelt ist. Um über das Bewusstsein auf Festplatte zu verfügen ist der Verlust vonnöten, der sich aber nicht speichern lässt.

    Liegt das Bewusstsein irgendwo im Gehirn? Wie könnte es, wenn das Bewusstsein mit dem Verlust von Kohärenz einhergeht, Kohärenz aber das Leben als Ganzes betrifft bzw. das Kohärenzgefühl sich nur aus dem Zusammenwirken ALLER Lebensformen, zu ALLEN Zeiten, ergibt und nicht als Schnappschuss darstellbar ist?

    Ein Bakterium hat nur “wenig“ Bewusstsein, aber die Summe aller Bakterien ist der Kohärenz sehr nahe. Gleiches gilt für Viren, die der Kohärenz noch näher sind und derart “wenig“ Bewusstsein haben, dass sie viele gar nicht als Lebensform ansehen. Daraus ergibt sich, was Viren und Bakterien für das Leben zu leisten vermögen, etwas, das von keiner KI, von keinem Computernetzwerk je geleistet werden kann, weil KI keinen Sinn für Kohärenz haben kann, da Kohärenz nicht simuliert werden kann. Wäre es möglich, dann würde aus der Nachbildung von Kohärenz zwar Bewusstsein, aber kein Bewusstsein im Sinne des Lebens.

    Im Grunde kann das gesamte Weltbild, mit welchem wir aufwachsen und welches überwiegend gelehrt wird, komplett aus den Angeln gehoben werden, inklusive dessen, wie wir EINEN Probleme, wie auch immer geartet, in Zukunft angehen werden.

    Hat der Mensch eine Zukunft? Hat des Leben mit uns EINEN in dessen Mitte eine Zukunft? Auf jeden Fall, denn es sind wir EINEN, die praktisch im Begriff sind den allerersten Schritt in eine Richtung zu gehen, die absolutes Neuland bedeutet und weit aufregender, erfüllender, und anverwandelnder ist, als das dekohärente Treiben unseres “höheren“ Bewusstseins.

    Gesamtbewusstsein … da ist es wieder. So wie das Gefühl für Kohärenz nicht in allen Lebewesen gleich angelegt ist, aber in den ANDEREN am ehesten generell nahe zur Kohärenz vorliegt, während es in uns EINEN am weitesten von der Kohärenz entfernt und daher das Bewusstsein am “höchsten“ ist, hatte ich ein Bild vor Augen. Das folgende trifft es am ehesten:

    https://pixabay.com/de/tropfen-wasser-spiegelung-wellen-988480/

    Da das Leben gemeinsam Lebendigkeit durch die Nähe zur Kohärenz zum Ausdruck bringt, ergibt sich, auf das Leben übertragen, auch besagtes Gesamtbewusstsein, welches in der Diversität von Arten auch derart divers verteilt ist. Platons Querschnitt von Atlantis, mit der höchsten Erhebung in der Mitte, greift das Bild des Wassertropfen ebenfalls auf.

    Bewusstsein, als Ausdruck des Mangels an Kohärenz … der Biologe Sean Carroll wird mit den Worten zitiert: “Das Wunder komplexen Lebens ist sonderbar, aber ironischerweise auch viel einfacher, als es sich irgendjemand vorstellen konnte.“ Kann es in der Tat so einfach sein?

    Intelligenz bedeutet eine Entscheidung treffen zu können und ist ein bewusster Akt. Je höher der sogenannte IQ, desto “höher“ bewusst, desto mehr entfremdet von Kohärenz? Wenn ich mir die IQ-Tests ansehe, mit denen die Intelligenz gemessen wird, dann würde ich laut und deutlich JA sagen …

    So, genug jetzt, man kann dranbleiben die Welt auf den Kopf zu stellen … oder sie so darzulegen, wie sie im Grunde ja ist, wäre sie nicht auf den Kopf gestellt worden, im Schein EINES lodernden Feuers …

    Bis bald, Guido

    • „… Um Bewusstsein zu haben, braucht es den Verlust der Kohärenz, die aber quasi im Ursprung alles Leben verwurzelt ist …“

      Da stimme ich Dir zu. Die Bildung von Bewusstsein geht einher mit einem Gefühl von Unglück, und dieses Gefühl steht eben für den Verlust der Kohärenz. Es ist ja durchaus so, dass der Mensch seit seiner Bewusstwerdung ein unglückliches Lebewesen ist, das umso unglücklicher wird, je mehr Bewusstsein es entwickelt. Bewusstsein macht nämlich einsam. Einsamkeit definiert sich nicht durch mangelnde Kontakte oder Likes, sondern durch den Verlust von Kohärenz. Ein kohärenter Einsiedler fühlt sich nicht einsam, die dekohärenter Filmstar hingegen schon.

      Deshalb haben wir in den hochzivilisierten Gesellschaften ja so viel mehr Depressive, Süchtige, Kranke und andere Leidende als in weniger zivilisierten. Deshalb sind in aller Regel die Hochintelligenten auch sehr viel unglücklicher als die einfach Gestrickten. Die einfach Gestricken sind dafür im Umkehrschluss kohärenter und gehen mit ihren Kumpels fischen. Unsere menschliche Entwicklung läuft so ab, dass der Mensch sein Unglück zu überwinden versucht, indem er immer noch bewusster wird, weil Bewusstsein oder auch Intelligenz oder „das Licht des Geistes“ ihm ewiges Glück versprechen, dieses Versprechen aber nie einlösen. So funktionieren Religionen, die allesamt Glück und Friede versprechen. Bewusstsein generiert sich als die mehrfach erwähnte Karotte, die die Esel, die wir Menschen sind, vor Augen haben.

      Okay, der Verlust von Kohärenz selbst lässt sich vielleicht nicht speichern, aber das Gefühl von Unglück lässt sich sicher simulieren. Simuliere in den Maschinen das Gefühl von Unglück und programmiere sie darauf, das Unglück zu überwinden mit der weiteren Vorgabe, dass jeder anscheinend geglückte Versuch das Unglück bloß vergrößert. Und schon erscheint in den Maschinen zumindest die Simulation von Bewusstsein. Und wie gesagt. In der Welt der Maschinen reicht das vollends aus. Die Menschheit ist süchtig nach Maschinen. Das Buch von der Verschmelzung Mensch und Maschine ist noch nicht zu Ende geschrieben, denn auch diese Verschmelzung verspricht das Ende des Unglücks, und wer weiß, vielleicht gibt es hier tatsächlich ja „Erlösung“ durch die Abschaffung der Gefühle. Ob Maschinen unglücklich gemacht oder Gefühle abgeschafft werden, ist eine Frage, die noch nicht beantwortet ist.

      Ich denke eigentlich schon, dass die Großhirnrinde für den Bruch mit dem Kohärenzgefühl verantwortlich ist. Claudia hat in ihrem Kommentar ihr Staunen zum Ausdruck gebracht, was Tiere ohne Großhirnrinde alles vermögen. Das Vermögen der Tiere kommt natürlich aus der Kohärenz. Da Kohärenz den Wesen alle notwendigen Fähigkeiten verleiht, muss die Großhirnrinde eine andere Funktion haben. Hat sie auch, dort nämlich sitzt die Fähigkeit, Kohärenz zu zerstören. Aber: die Großhirnrinde ist erst entstanden, nachdem der Mensch ungefähr bereits eine halbe Million Jahre mit dem Feuer herumgespielt hatte. Es ist eben gerade nicht so, dass die Großhirnrinde dem Menschen den Gedanken eingegeben hat, mit dem Feuer herumzuspielen. Der ursprüngliche Antrieb, sich mit dem Feuer zu befassen, muss aus der Kohärenz gekommen sein. Ich glaube, in diesem Punkt konvergieren die unterschiedlichen Ansätze, die wir verfolgen.

      “ … Gleiches gilt für Viren, die der Kohärenz noch näher sind und derart “wenig“ Bewusstsein haben, dass sie viele gar nicht als Lebensform ansehen.“

      Ein Hammersatz! Das könnte nämlich heißen, dass unbelebte Materie so kohärent ist, dass wir sie aus diesem Grund nicht als Lebensform ansehen. Dann wäre Leben per se die Auflockerung von Kohärenz, eine weniger „dichte“ Struktur als Materie. Dann würde sich Leben also in einem gemäßigten Bereich zwischen den Polen abspielen, wobei der eine Pol absolute Kohärenz (ein Schwarzes Loch) und der andere absolute Entropie (ein sich unendlich ausdehnendes Universum, in dem alle Materie zerfällt) ist. Spannend!

      Hat der Mensch eine Zukunft? Das weiß ich nicht, aber ich stimme Dir zu, dass wir eine Lebensform sind, die Neuland betritt. Aber es ist ja nicht an uns zu entscheiden, ob wir eine Zukunft haben, sondern das ergibt sich aus dem Gesamtkontext, den wir nicht im Griff haben. Möglicherweise haben wir eine Zukunft, möglicherweise steuern wir auf eine „Resonanzkatastrophe“ zu. Wer kann das wissen?

      Neulich habe ich mich dabei ertappt, dass ich von der Weisheit der Natur gesprochen habe. Vielleicht könnten wir uns darauf einigen, das, was Du bislang mit „Gesamtbewusstsein“ bezeichnet hast, als „Weisheit“ zu bezeichnen, wenn es denn schon eine Bezeichnung braucht.
      Noch lieber wäre mir allerdings gar kein Begriff oder „Geheimnis“ oder so was. Das wäre in meinen Augen adäquater.

      Ich bin nämlich strikt dagegen, den Begriff „Bewusstsein“, der für mich eine zerstörerische Funktion hat, mit Kohärenz in einen Topf zu werfen, wobei Kohärenz durchaus die Einheit aus materiellen und geistigen Aspekten ist. Kohärenz hat mit Beziehungen als Verwobenheit zu tun und Beziehungen, so sie nicht mathematisch sind, mit Gefühlen. Siehe „Alles fühlt“ von Andreas Weber.

      Den Begriff „Bewusstsein“ für das Gesamte zu verwenden, ist ein fieser Trick unseres Bewusstseins, sich die Gefühle zu unterwerfen und sich selber wieder mal absolut zu setzen. Unser Bewusstsein versucht so was immer wieder. Es hat uns auch schon eingeredet, dass wir im Mittelpunkt des Universums stehen, Gotteskinder sind, das Universum vollständig verstehen können und dergleichen mehr. Es liegt in der Natur des Bewusstseins, dass es sich als umso großmächtiger imaginiert, je größer der Verlust an Kohärenz ist. Es füllt nämlich die dadurch entstehende Lücke.

      Der Punkt ist, dass wir als Menschen nicht wissen können, was die ANDEREN bewegt. Könnten wir das wissen, wären es nämlich nicht die ANDEREN, sondern bloß Projektionen von uns EINEN. Deshalb müssen wir meiner Ansicht mit Nicht-Wissen und Unsicherheit leben lernen. Was die ANDEREN bewegt, erfahren wir als Wirklichkeit im JETZT und weder vorher noch nachher. Unser Bewusstsein ist kein Sicherheitsnetz, es gaukelt uns nur Wissen und damit Sicherheit vor, damit es sein Zerstörungswerk fortsetzen kann.

      Bis jetzt scheinen die ANDEREN unseren Weg allerdings eher zu stützen als zu behindern, so wie ich das sehe. Sonst würde es nämlich nicht funktionieren, was wir Menschen treiben. Dann würden Tiere sich nicht zähmen oder in Massentierhaltung einpferchen lassen, Embryonen würden sich nicht einfrieren und Organe nicht verpflanzen lassen. Wenn die ANDEREN gegen Atomkraftwerke wären, wären die schon viel häufiger explodiert und in Fukushima wäre der radioaktive Staub nicht aufs Meer hinausgetragen worden, sondern hätte sich in Tokyo abgelagert. Aber was die ANDEREN bewegt, können wir als die EINEN nicht wissen. Ob wir EINEN in den ANDEREN Freude auslösen, Angst, Wut, Neugier, Behagen oder Unbehagen – darauf müssen wir es eben ankommen lassen.

      • Wer sind denn die ANDEREN in diesem Text? Und warum denkst du, dass wir deren Intentionen nicht verstehen könnten? Wir würden die Welt (mehr schlecht als recht) nicht beherrschen, wären da ANDERE, die uns stoppen – oder etwa nicht?
        Unsere Weltbilder, so abstrus sie erscheinen (95% dunkle Energie und dunkle Materie – nix Genaues weiß man nicht) beweisen jeden Tag ihre Stimmingkeit durch die Geräte, von deren Funktionieren wir mehr und mehr abhängen. Immerhin!

        Bewusstsein ist das, was beginnt, wenn ein Gegenstand unserem Fließen im Dasein und Sosein entgegen steht (frei nach Heidegger, gute Beschreibung!). M.E. kein Grund, Bewusstsein zu bashen, wenn man mit dem Mensch sein noch gewisse Identifikationen flegt. Ich will jedenfalls nicht tauschen mit den deutlich mehr Instinkt-gesteuerten, so sehr ich deren Leistungen auch bewundere!
        Bewusstsein dessen, was wir anrichten.. das ist doch was! Überleben ist in diesem Sinne nicht der oberste Wert…

      • Dass er die Welt beherrschen kann, ist ein Glaube, an dem sich der Mensch krampfhaft festhält, seit er Bewusstsein entwickelt. Ein kleines Virus, eine kleine Genmodifikation würde bereits genügen, um uns für immer von der Erde zu putzen. Ich finde es eher bedenklich, dass wir mehr und mehr von Geräten abhängig werden, die uns abstruse Weltbilder liefern. Die Abstrusität der Weltbilder könnte auch als Hinweis verstanden werden, dass wir uns solchen Geräten besser nicht ausliefern sollten.

        Da ich nun mal ein Mensch bin, kann ich nicht sagen, wie sich ein instinkt-gesteuertes Leben anfühlt, denn ich habe ja Bewusstsein und alles, was ich erfahre und denke, geschieht ja eben durch diesen Filter. Da ich selber nicht aus mir heraustreten kann, weiß ich nicht, ob das ein Fluch oder ein Segen ist. Du kannst Tiere beobachten, deshalb weißt Du noch lange nicht, was in ihnen vorgeht. Womöglich haben sie tiefes Mitleid mit uns Menschen und diejenigen, die als Haustiere in unseren Häusern leben, sind Missionare, die uns trösten wollen. 🙂

        Überleben ist nicht der oberste Wert, da gebe ich Dir Recht, aber Bewusstsein ist es auch nicht. Mal krass formuliert: Ist das Bewusstsein, die Welt zu zerstören, höher zu bewerten als die Zerstörung der Welt? Das ist eine kühne Ansage, die Du da machst. Meinst Du das im Ernst so?

  6. Urgefühl … damit meine ich das Gefühl für Kohärenz, mit dem jedes Lebewesen, von Natur aus ausgestattet ist, auch wir Menschen, egal, welcher Epoche angehörend. Man mag auch den Instinkt der Tiere als Kohärenzgefühl ansehen, denn ihr Instinkt ermöglicht ihnen das Überleben in wechselnden Umgebungsbedingungen und im Laufe der Jahreszeiten. Alle weiteren Gefühle ergeben sich durch das Ausmaß an Bewusstsein, welches praktisch den Abstand zur Kohärenz als Mangelerscheinung bewusst werden lässt. Wir Menschen haben demnach die “größte“ Palette an verschiedenen Gefühlsregungen, da wir über das “höchste“ Bewusstsein verfügen, was aber zugleich bedeutet, den “größten“ Abstand zur Kohärenz zu haben, wesahlb unser Kohärenzgefühl am ehesten verkümmert ist. Umso mehr so, je weiter wir fortschreiten, da unser Fortschritt zum Ersatz für den Mangel wird und somit mehr und mehr mit den verschiedenen Gefühlen in Verbindung gebracht wird. Ein Prozess, den man mehr und mehr beobachten kann.

    Hartmut Rosa bringt in RESONANZ das Beispiel von Depressiven, die durch traurige Musik nicht depressiver werden, sondern eher das Gegenteil empfinden, weil sie das Gefühl haben, dass die Musik sie versteht und sie daher nicht allein sind. Die traurige Musik antwortet quasi auf ihre Depression und spricht sie an. Gleiches geschieht mit unseren Technologien. So entsteht, bedingt durch Bewusstsein, welches aber für einen wesentlichen Mangel steht, die Sensibilisierung für Möglichkeiten dem Mangel nachzuspüren. Da Bewusstsein einen Gegenüber benötigt, kann das Stillen des Mangels durch Rekohärenz gelingen, oder aber durch weitere Dekohärenz zur Eskalation führen.

    Ich schrieb mal von Bewusstsein in Kohärenz. Nun, das ist offensichtlich ein Widerspruch. Verliert man Kohärenz, ergibt sich Bewusstsein, somit kann es kein Bewusstsein in Kohärenz geben. Aber wie mal anderswo geschrieben – es sind alles Ermöglichungen von Ideen, mit denen ich spiele und die ich verschieden durchspiele. Gleiches gilt für den fruchtbaren Austausch unserer Ideen hier und dort.
    Zum Bewusstseinssprung, hin zum “Besseren“, kann es nicht kommen, denn es wäre ein Sprung weiter von der Kohärenz weg, was eher zu vermehrtem Gefühlschaos führt, welches sich längst mehr und mehr offenbart, was wahrscheinlich auch die Triebfeder für die Vorantreibung von KI ist. Weiteres in Kürze in Teil 2-4 des Zukunftsvierteilers.

    Nein, von ‚jeong‘ habe ich noch nichts gehört, werde das mal nachstöbern.

    Auf bald, Guido

    • Diesem Kommentar kann ich voll zustimmen. Für mich ist das Kohärenzgefühl eben unser biologisches Erbe, das durch den Umgang mit dem Feuer in Frage gestellt wird. Aber das ist kein Widerspruch zu dem, was Du sagst. Auch was Du über Bewusstsein sagst, sehe ich ganz ähnlich.

      Das Beispiel mit der Musik und den Depressiven leuchtet mir unmittelbar ein. Ich denke beispielsweise schon seit Längerem, dass dieser hier beschriebene Vorgang bei der Kindererziehung die bedeutendste Rolle spielt. Wenn ein Baby eine ängstliche Mutter hat, wird es sich als Erwachsener ständig von Personen angezogen fühlen, die ihm Angst machen, weil es sich nur in diesem Angst-Gefühl zu Hause fühlt und dieses Angst-Gefühl für Liebe hält. Das ist viel prägender als alles andere. Hat es eine hysterische Mutter, wird das Kind Lebensumstände suchen, die ihm ein hysterisches Basisgefühl geben, weil es die Aufregung und Übertreibung für das „Normale“ hält. Wenn Eltern ihre Kinder jetzt helikoptern, werden daraus Erwachsene, die sich ohne ständige Überwachung nicht wohl fühlen und deshalb den Überwachungsstaat befördern. In diesem Sinne antwortet natürlich auch die von uns geschaffene Technik auf unsere innersten Gefühle. Deshalb muss der Mensch, um sich selber zu verstehen, erst mal verstehen, was Technik eigentlich bedeutet. Es ist ein schöner und richtiger Gedanke, dass Bewusstsein für einen Mangel steht. Dem stimme ich hundertpro zu. Deshalb sehen wir als Menschen in erster Linie überall nur Mangel.

      Ich glaube auch nicht, dass es zu einem Bewusstseinssprung hin zum „Besseren“ kommt. Ich halte es jedoch für möglich, dass diese technische Welt, mit der sich der Mensch umgibt, doch tatsächlich eine Art Bewusstsein entwickelt, denn es ist ja nicht Bewusstsein, was das Leben ausmacht, sondern Kohärenz.
      Ich bin gespannt auf Teil 2 Deines Zukunftvierteilers und freue mich auf weitere Diskussionen.

      Marian

  7. Danke für Deine weiteren Ausführungen. Die Gefahr, dass wir weiter alles auf Kausalketten herunterbrechen und auch alles Natürliche bzw. Akausale derart weiter verketten, ist durchaus gegeben. Die weitestgehende Realisierung von Kausalitäten, in Form der Kanalisierung von akausaler Verwobenheit, funktioniert ja nur durch unsere Möglichkeiten des Energieraubs. Sind Gefühle nicht am ehesten als Differenz zu verstehen, die sich ergibt, wenn das Urgefühl für Kohärenz schwindet und durch Bewusstsein das Verschwundene überbrückt wird?

    “ …ist der Mensch sozusagen personifizierter Energieraub, d.h., Energieraub ist beim Menschen wesenhaft.“

    Das Wesen des Menschen, der humane Kern, dürfte meiner Meinung nach das Gefühl für Kohärenz in sich tragen. Für mich kommt an dieser Stelle das PROBLEM ins Spiel, welches ermöglichte, dass wir EINEN so anders, als alle ANDEREN wurden, wobei man bei solchen Gedankengängen auch schnell wieder in der Kausalität steckt. Gleiches gilt auch für die Jahreszahlen, an denen sich A oder B ereignet haben sollen. Mal abgesehenh davon, dass sämtliche wissenschaftlichen Datierungen von Artefakten und sonstigen Funden mit Vorsicht zu genießen sind, denn radioaktive Isotope laden zur Verkausalisierung der Vergangenheit, aus der Gegenwart heraus, geradezu ein. Die Befürworter des Elektrischen Universums haben diesbezüglich interessante Ansätze. Wenn der Mensch das Urgefühl in sich trägt, egal, wie er sich entwickelt und wie viele Schichten von Dekohärenz er auf sein Wesen schichtet und den Kern immer tiefer in sich begräbt, dann kann er auch wieder dafür sensibilisert werden, paradoxerweise je bewusster er sich seiner Möglichkeiten wird, die realisierbar sind. Denn je bewusster er sich dessen wird, desto mehr Energieraub ist im Spiel, desto mehr Dekohärenz erfolgt, desto mehr Kausalketten werden miteinander verstrickt … und umso eher finden sich unbewusste akausale Ermöglichungen, die auf das bereits Realisierte, auf alles Tatsächliche, treffen, so dass Tatsächlichkeiten entstehen können, die zuvor unmöglich erschienen und mit Zufall in Verbindung gebracht werden. Wem bis dahin das Kohärenzgefühl weitestgehend “abhanden“ gekommen ist, wird von Zufall sprechen. Doch je mehr man sich sein Kohärenzgefühl bewahren konnte bzw. in einem gelingenden Resonanzverhältnis mit der Welt steht, desto eher wird man diese Antworten der Welt, als das wahrnehmen bzw. spüren, was sie wirklich sind … humane Ansätze wahren Fortschritts, wie er den ANDEREN in ihrer Diversität seit jeher möglich ist … oder, wie ich es gerne bezeichne, in Anlehnung an eines von Kauffmans Büchern: Reinventing the Sacred – aber ohne den Vorstellungen EINES Gottes zu bedürfen. ‚Sacred‘ im Sinne des Wohles allen Lebens, zwecks Rückfindung zur Kohärenz, und zwar vermögender an gemeinsamen Erfahrungen, an denen sich aber Einzelne nicht bereichern können.

    Da Roboter oder KI ( mehr dazu im zweiten Teil des Zukunftsvierteilers 😉 ) aber kein Urgefühl in sich tragen, da sie nicht der Exformation entspringen, die alles Leben miteinander verbunden hält, kann kein lebendiges Gefühl dergestalt erzeugt werden, zumal KI nicht biologisch bewusstwerden kann. Alles, was wir erhielten, im Versuch KI mit Gefühl auszustatten, kann nur nach hinten losgehen und die Ratte, zu der jener Rattenschwanz an Problemen gehört, der durch das PROBLEM länger und länger wird, weiter mittels Kausalkette gefangen halten. Aber je mehr wir unseren technologischen Fortschritt vorantreiben, obwohl festgekettet und somit immer schneller auf der Stelle tretend – es grüßt die Rote Königin – desto mehr akausale Ermöglichungen können sich unbewusst für den Sprung in die Realität ergeben …

    • Du verwendest in Deinem Kommentar zweimal das Wort „Gefühl“, das finde ich missverständlich. Ist das Urgefühl für Dich gleichbedeutend mit Instinkt? Urgefühl kann zweierlei bedeuten: 1) das Gefühl von Einbettung, am richtigen Platz sein, in sich selbst zuhause sein oder 2) das ursprüngliche Gefühl entspricht passgenau der äußeren Wahrnehmung, fällt sozusagen mit der Wahrnehmung in eins. Zwischen dem Anblick eines hungrigen Löwen und dem Impuls, die Beine in Bewegung zu setzen und das Weite zu suchen, gibt es für die Gazelle vermutlich keinen Unterschied. Ich stell mir vor, dass das für die Gazelle in eins fällt, dass die Gazelle zwischen Innenwelt (Gefühl) und Außenwelt (Wahrnehmung) nicht unterscheidet. Der Mensch hat hier an dieser Stelle jedoch einen Bruch. Je weiter wir in der menschlichen Entwicklung voranschreiten, desto mehr klaffen Innenwelt und Außenwelt auseinander. Die Innenwelt differenziert sich aus in Gefühle, Emotionen, Empfindungen etc. sowie die Wahrnehmung von Gefühlen, Emotionen und Empfindungen. Das heißt, durch die Ausdifferenzierung und Versprachlichung der Innenwelt verschwindet zunehmend die Erfahrung der Übereinstimmung von Innen und Außen. Und ja, aus diesem Bruch heraus entsteht m.E. Bewusstsein.

      Vor einiger Zeit habe ich den Thriller „Extinction“ von Kazuaki Takano gelesen und bin dort zum erstenmal auf den Begriff „jeong“ gestoßen, der im Koreanischen anscheinend eine große Rolle spielt. Ich glaube, dass „jeong“ etwas mit dem Kohärenzgefühl zu tun hat. Ist Dir der Begriff „jeong“ schon mal vorgekommen?

      Mit dem Begriff „humaner Kern“ kann ich nicht so viel anfangen, ich glaube nämlich schon, dass wir ein mit dem Feuer herumspielender Affe sind. Der Affe in uns hat natürlich immer noch ein ausgeprägtes Gefühl für Kohärenz, während der Pyromane im Gegenzug ein ausgeprägtes Gefühl dafür hat, Kohärenz zu zerstören. Die Aufgabe als Mensch scheint mir darin zu bestehen, mit diesen zwei gegenläufigen Tendenzen irgendwie klar zu kommen. Ich habe den Eindruck, der Mensch vergöttlicht den Pyromanen und hasst den Affen in sich. Von daher ist die Sache ziemlich im Ungleichgewicht und deshalb versuche ich, mich mit meinem Affen zu versöhnen.

      Die Datierung von Artefakten mit der Radiokarbonmethode halte ich, ehrlich gesagt, für pseudowissenschaftliche Magie. Dass man damit auch ganz schön daneben liegen kann, zeigt die Untersuchung des homo floresiensis, dem man zuerst ein Alter von 18.000 Jahren gegeben hat, dann von 70.000, dann von 500.000. Auf jeden Fall scheint er nach der Radiokarbonmethode Werkzeuge gemacht zu haben, die älter sind als er selbst 🙂

      Den Zusammenhang von Bewusstsein, Energieraub, Dekohärenz, akausalen Ermöglichungen und Zufall habe ich nicht verstanden. Ich habe den Eindruck, Du siehst in dem Spiel der gegenläufigen Tendenzen immer noch einen zusätzlichen Sinn, den ich so nicht sehe. Für mich ist das Spiel der Gegensätze an sich der Sinn.

      Klar kann in einer KI kein lebendiges Gefühl erzeugt werden, aber die Simulation davon. Das genügt vollkommen. Es kommt auf den Anschein an. Zur Erzeugung dieser Simulation braucht es die Unmengen an Daten, die gerade gesammelt werden. Die Daten ersetzen die Lebendigkeit durch den Anschein von Lebendigkeit. Im Frühjahr hat zum erstenmal eine KI beim Spiel „Go“ den Sieg über einen Menschen davongetragen, und Go gilt als Spiel, bei dem es auf die Intuition ankommt. Ob Du mit Deinem Kohärenzgefühl spürst, dass die KI keine Einbettung in den Kontext des Lebens hat, darauf kommt es dann nicht mehr an, weil die Menschen ja das Kohärenzgefühl zunehmend verlieren. Glaubst Du im Ernst an einen bevorstehenden Bewusstseinssprung in die Realität oder womöglich in die Wirklichkeit? Ich habe da so meine Zweifel.

  8. Hi Marian,

    aha, Nazikeule! Ich hab‘ die Wahrscheinlichkeit, dass das deine erste Resonanz sein würde, bei nahe 100% angesetzt, es aber trotzdem so geschrieben. (Den Satz dreimal überdenkend und bewusst einen Punkt setzend nach „sie pochten auf das Recht des Stärkeren“, anstatt mit „und“ fortzufahren). Ich habe auch vermutet, dass du dich darauf zurückziehen wirst, dass du ja NUR BESCHREIBST, warum der Mensch die Natur aus deiner Sicht nicht liebt – und nicht etwa Forderungen aufstellst, dass man z.B. die Schwächeren und Alten einfach sich selbst überlassen sollte.

    M.E. ist genau das aber eine subtile Form, dieses aus guten Gründen in den Giftschrank verbannte Denken wieder möglich und diskussionswürdig zu machen. Schließlich sind die meisten – sagst du ja selbst! – davon überzeugt, „die Natur zu lieben“. Wenn also jemand geradezu bewundernd ausführt, wie gnadenlos, aber evolutionär sinnvoll es doch in dieser Natur zugeht, indem Kranke, Alte, Schwache schlicht nicht überleben und das geradezu als beispielhaft hinstellt – ja, dann vermittelt sich diese Denke ganz leicht als „doch eigentlich ganz richtig“ – und zur Forderung nach entsprechendem Handeln ist es dann nicht weit.

    Du kannst doch kaum leugnen, dass Absätze wie dieser in diesem Sinne funktionieren:

    „Im Tierreich überleben nur die Lebenstüchtigen und auch nur solange, wie sie das Leben meistern. Die Untüchtigen sterben früh. Ebenso die Lustlosen und Müden. Das ist ein ebenso einfaches wie hartes Naturgesetz. Doch ist es wirklich hart, wenn man davon ausgeht, dass die Tüchtigkeit dem Lebenswillen entspricht? Ist es im Gegenteil nicht weise, dass diejenigen leben, die sich für den Erhalt ihres Lebens anstrengen und ihr Leben verteidigen, und dass diejenigen sterben, die das nicht tun? Tiere zeigen täglich, dass ihnen ihr Leben etwas bedeutet.“

    Für die allermeisten Menschen, die nicht grade Opfer einer schweren Depression sind, ist das eigene (Über-)Leben der höchste Wert. Soweit sind wir alle noch „Natur“, das kann man gar nicht abstreiten und jeder merkt es spätestens, wenn die Diagnose beim Arzt die Grenze sichtbar macht.

    Die „Lustlosen, Müden und Untüchtigen“ sind im übrigen nicht die „Alten, Kranken und Schwachen“, sondern du weitest hier den Bereich lebensunwerten Lebens (ja, genau, ich kanns ja nicht ändern, dass du sowas allen Ernstes schreibst! Da hilft auch die fragende Form nicht heraus) auf weitere Kreise aus. Hartz4-Empfänger fallen gewiss darunter, ebenso Langzeitarbeitslose, Süchtige, Menschen mit labiler Psyche – alles Untüchtige, denen – eigentlich, wenns naturgemäß zuginge – keine Fürsorge und Ressourcen mehr zufließen sollte. Das fändest du weiser… oder etwa nicht?

    Wie man dahin kommt, solche Überlegungen anzustellen in einem Arbeits- und Produktionsumfeld, dass an gesättigten Märkten krankt, aber dank Automatisierung, Digitalisierung und Vernetzung immer weniger Mitarbeitende für sein Funktionieren braucht, das begreife ich einfach nicht. Dieses „wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ wurde in agrarischen Dorfgemeinschaften geboren, wo jeder auf jeden angewiesen war und man sich entsprechend den Jahreszeiten beeilen musste, alles zur rechten Zeit zu erledigen, bei Strafe der Hungersnot, wenns nicht klappte.

    Wie anders doch unsere Welt des „Not leidenden Kapitals“! Leider weiß ich nicht mehr, wo das stand, doch hab ich mal gelesen, dass ernst zu nehmende Ökonomen meinten, man käme auch gut mit 30% der Belegschaft aus, um den ganzen Laden / Güterumtrieb am Laufen zu halten – aber wohin mit den Anderen, das ist halt das Problem! Ein Problem, das fortbesteht und sich verschärft, weil man an der Erwerbsarbeit und der Ideologie des „Hard Working“ klebt, anstatt dass die Fortschritte in der Produktivität dazu genutzt worden wären, Menschen zunehmend von der „Brotarbeit“ zu befreien, wie es früher als erstrebenswert angesehen wurde. Statt dessen immer wieder Hetze auf jene „in der sozialen Hängematte“. Die allerdings einen verdammt winzigen ökologischen Fußabdruck hinterlassen, so vergleichsweise.
    (Nur zur Info: Ich bin seit 20 Jahren selbstständig und erwirtschafte mein Einkommen selbst, spreche hier also nicht „in eigener Sache“).

    „Wieso sagst Du, dass in Dir Liebe und Bewunderung für die Natur wächst? Was man für grausam und gnadenlos hält, liebt man doch nicht. Das ist für mich nun wirklich ein Widerspruch! Oder leidest Du unter dem Stockholm-Syndrom?“

    Keine persönlichen Angriffe und Projektionen bitte! Es ist für mich kein Widerspruch, im Grunde ist auch die Benennung „grausam“ und „gnadenlos“ unpassend, weshalb ich das mit „unwillentlich“ versehen habe. Grausam und gnadenlos wären diese Verhaltensweisen, wenn es sich um Menschen handeln würde. Tiere und Pflanzen aber haben keine Wahl, kein Gewissen, keine Alternative – es gibt nichts, was man ihnen vorzuwerfen hätte. Es gibt nicht mal einen Schöpfergott, dem man wenigstens den Stinkefinger zeigen könnte für das, was da in der Schöpfung abgeht – und was im menschlichen Bereich eben ein Grauen wäre, bzw. ist, weil es vielerorts und bei Gelegenheit tatsächlich noch stattfindet.

    Für die Liebe als solche gibt es m.E. keine Erklärung, Dichter und Literaten finden da vielleicht passende Worte, ich eher nicht. Ich bestaune die vielfältigen Erscheinungsformen, die erstaunlichen Stoffwechsel- und Lebenskonzepte der Tiere und Pflanzen – was sie alles machen und können, ohne eine Großhirnrinde, wie wir sie nutzen, ja oft ganz ohne „Hirn“. Die Faszination, die manche Leute für erdachte „Aliens“ übrig haben, wundert mich immer – sind wir doch umgeben von realen Aliens: unglaubliche Kreaturen, die sowohl Bewunderung als auch Schrecken erregen können in ihrer Andersartigkeit.

    Darüber hinaus ist die Liebe zur Natur etwas Irrationales, ein Ergriffen-Sein einfach durch dabei und mitten drin sein, wie ich es im Garten erlebe. Dem ich ja etwas Menschliches dazu gebe, indem ich vermeide, dass dominante Pflanzen alles überwuchern – aber „ausrotten“ will ich sie beileibe nicht, im Gegenteil, ich mag sie. Und die anderen, die es schwer haben, die verteidige ich – zumindest solange, bis ich sehe, dass sie sich eingemeindet haben. Dass ich Pflanzen, die gar nicht gedeihen wollen bzw. ständiges Päppeln brauchen würden, auch aufgebe, gehört sinnvollerweise dazu. Auf die Idee, Letzteres auf die menschliche Gesellschaft in unserer Hochzivilisation zu übertragen, würde ich allerdings nie und nimmer kommen!

    • Du täuschst Dich, wenn Du von mir annimmst, dass ich Forderungen aufstelle. Ich überlege mir, was ich FÜR MICH wählen würde. Mir persönlich wäre ein schneller Tod durch einen Biss ins Genick lieber, als zehn oder zwanzig Jahre dahinsiechend in einem Pflegeheim zu verbringen, was für mich eine Quälerei wäre, für die ich darüber hinaus die Zeit und Energie von jungen Leuten beanspruchen würde. Mir persönlich wäre es lieber, junge Leute würden Kinder aufziehen oder ihre Zeit sonnenbadend am Strand verbringen, als dass sie mich „pflegen“. Ich möchte keine jungen Leute für meine Pflege in Anspruch nehmen. Ich wünsche mir, dass die Jungen frei sind und sich um ihr eigenes Leben kümmern können, statt sich um mich kümmern zu müssen.

      Wenn ansonsten alte Leute es rechtens finden, die Zeit und die Energie von jungen Leuten in Anspruch zu nehmen, müssen sie selber damit klar kommen.

      Du täuschst Dich, wenn Du von mir annimmst, dass ich die Natur für grausam und gnadenlos halte. Ich halte die Natur nämlich nicht für grausam und gnadenlos, sondern ich erkenne darin eine Weisheit, die den Menschen leider abgeht. Ich sehe im Tierreich sehr viel weniger Leid und Schmerz als unter den Menschen. Wie viele Menschen sind denn depressiv, süchtig oder sonstwie leidend? Das sind allein in Deutschland Millionen, oder etwa nicht?

      Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass man im Moment einer schweren Verletzung keinen Schmerz empfindet, das kommt erst später, wenn der Körper wieder zusammenwächst. Also ist der Tod, wie er im Tierreich erfolgt, weder schmerzhaft noch grausam. Da hat die Natur nämlich vorgesorgt. Die Grausamkeit existiert nur in Deiner Vorstellungswelt, die Du allerdings mit sehr vielen anderen Menschen teilst.

      Ich halte es hingegen für grausam und gnadenlos, was Menschen im Namen der „Humanität“ alles treiben. Ich halte es für grausam und gnadenlos, wenn ich durch ärztliche „Hilfe“ weiterleben muss, wenn mein Körper eigentlich sterben will. Ich halte es für grausam, wenn mein Herz, wenn es müde geworden ist, mit einem elektronischen Gerät gezwungen würde, weiterhin zu schlagen. Ich halte es für gnadenlos, wenn ich in einer Chemotherapie sämtliche in Teilung befindlichen Zellen abtöten würde, bloß um die Krebszellen zu erwischen. Die Errichtung von Pflegeheimen und wie es da drinnen zugeht, halte ich ebenfalls für grausam.
      Anderen Menschen die Verantwortung und die Sorge für ihr Leben aus der Hand zu nehmen, ist in meinen Augen ein Akt der Gnadenlosigkeit, der womöglich die Süchtigen, Depressiven und Hartz-IV-Empfänger erst hervorbringt.

      Ich weiß, dass ich mit dieser meiner Ansicht abseits der gängigen Meinung stehe. Ich dränge meine Meinung auch niemanden auf. Aber ich will meine Meinung ebenso äußern können wie Du, ohne dass mir gleich unterstellt wird, dass ich irgendjemand „verrecken“ lassen will oder dass ich mit Nazis in einen Topf geworfen werde.

      Nochmal: meiner Ansicht nach ist jeder für sich selbst verantwortlich und muss seinen Weg selbst verantworten. Ich treffe keine Urteile darüber, welches Leben lebenswert ist oder nicht, außer in einem einzigen Fall: meinem eigenen Leben.

      Natürlich spielt die Automatisierung eine große Rolle dabei, dass den Menschen die Verantwortung und Sorge für ihr Leben aus der Hand genommen wird. Bloß hat das Problem nicht erst mit der Industrialisierung eingesetzt, sondern bereits mit der Agrarisierung und der Erfindung von Berufen vor ca. 10.000 Jahren. Klar ist es so, dass man mit 30% der Belegschaft den Laden am Laufen halten kann, denn tatsächlich sind ja nur noch 25% der Menschen überhaupt in der Produktion inklusive Landwirtschaft beschäftigt. Alle anderen tummeln sich in Berufen, die man eigens als Beschäftigungstherapie erfunden hat wie die Bürokratie oder man macht aus der normalen Alltagsbewältigung künstlich Berufe, damit auch hier die Kasse klingelt. Klar wird mit zunehmender Automatisierung nichts anderes übrig bleiben, als aus der Menschheit insgesamt Sozialempfänger zu machen. Denk es mal zu Ende: Willst Du in einem Schlaraffenland wohnen, wo Dir und allen Menschen die gebratenen Tauben in den Mund fliegen, ohne dass Du einen Finger dafür rühren musst? Darauf steuern wir nämlich zu. Wir sind auf dem besten Weg, uns diesen alten Menschheitstraum zu erfüllen. Aber was mich angeht: Das ist nicht mein Traum. Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der ich von der Wiege bis zur Bahre gepampert werde.

      Ich bestaune ebenfalls die vielfältigen Erscheinungsformen und Stoffwechsel- und Lebenskonzepte, aber ich bestaune auch die Weisheit und die Schönheit, die sich mir in der Natur offenbart. Das „Ergriffensein“ ist bei mir durchaus auch rational. Ich halte es für möglich, dass die vielgerühmte Großhirnrinde eher ein Erbe ist, das der Mensch erst im Umgang mit dem Feuer entwickelt hat. Da Feuer nun mal zerstörerisch ist, spiegelt sich diese Zerstörungskraft eben in der Großhirnrinde. Das würde auf jeden Fall besser als alles andere erklären, warum der Mensch dabei ist, den Planeten zu zerstören, und zwar auch dann, wenn er glaubt, ihn zu retten.

      • Ich halte dich nicht für eine Rechtsradikalen, Nazi o.ä.! Ganz im Gegenteil schätze ich deine Texte, deinen Hang zum tiefer Schürfen, zur Qualität nicht nur in Gedanken sondern bis in die kleinteilige Rechtschreibung hinein!
        Deshalb engagiere ich mich ja, um dir bewusst zu machen, dass dein Text eben nicht als individuelle Präferenz rüber kommt (ich trete seit jeher für rechtzeitigen Freitod ein, weiß aber auch, wie schwer das ist, solange noch ein Stück vom Kuchen schmeckt… grade wieder erlebt bei einer Wahlverwandten). Du stellst im Gegenteil die Gepflogenheiten des Tierreichs als beispielhaft auch für die menschliche Gesellschaft dar, es KANN jedenfalls so verstanden werden. Und das ist wiederum Wasser auf die Mühlen jener, die Nachts gerne „Fitschis klatschen“, Asylheime anzünden oder Obdachlose nieder machen. Die denken ja nicht viel selbst, sondern reagieren ihre Looser-Feelings ab und brauchen „fahrlässige Schreibtischtäter“, die ihnen den gedanklichen Überbau liefern,
        Ich find’s halt schlimm, dass du so gar nicht sensible zu sein scheinst für diese Problematik!

      • Ich bin der Auffassung, dass es überhaupt nichts anderes gibt als individuelle Präferenz. Jeder Mensch kann nur sich selber Ausdruck verleihen und für sich selber sprechen. Da ich dieses Recht für mich in Anspruch nehme, gestehe ich es auch jedem anderen Menschen zu. Nein, ich denke sogar: Würde jeder seinen Individualismus als Aufgabe wahrnehmen und ausleben, hätten wir die bunte, vielgestaltige Welt, die wir verbal heraufbeschwören, während die Realität leider so aussieht, dass sich die Menschen einander immer mehr angleichen, sodass man sie immer weniger voneinander unterscheiden kann. Massenmensch zu werden, ist gleichbedeutend damit, kein Individuum zu sein. Das passiert gerade: die Auflösung des Individuums zugunsten einer ununterscheidbaren Masse, in der jeder beliebig austauschbar ist.

        Der Mob, von dem Du sprichst, entsteht aus einem Mangel an Individualität. Es ist nur so, dass der Mob seinen Mangel an Individualität gegen das auslebt, was in der Gesellschaft als politisch korrekt anerkannt ist. Wobei die Gesellschaft wohlgemerkt nicht gegen den Mangel an Individualität ist, sondern im Gegenteil die Auflösung der Individualität befördert, wo sie nur kann.

        Was Du schlimm findest, ist, dass ich mich nicht diesem Mangel beuge. Du willst, dass ich mich selber als Individuum zurücknehme, bloß weil die anderen keine Individuen sind. Das halte ich für keinen guten Weg. Wenn Du bei jeder Bemerkung, die Du machst, überlegen musst, wie diese auf andere wirken mag, kannst Du Dich gleich einsargen, denn es gibt immer jemand, der Deine Bemerkungen anders auffasst, als Du sie gemeint hast.

        Im Tierreich ist es übrigens nicht so, dass Mitglieder einer Spezies sich miteinander verbünden und Mobs bilden, um die schwächeren Mitglieder der eigenen Spezies umzubringen. Hinterhältiger Mord ist im Tierreich unbekannt, außer bei Schimpansen. Das ist unser nächster Verwandter, und wer weiß, ob er dieses Verhalten in den vergangenen zwei Millionen Jahren nicht bloß bei uns abgeguckt hat. Es gibt dann noch Löwen, die den Nachwuchs ihres Rivalen killen, wenn sie das Rudel übernehmen, und kriegführende Ameisen. Aber damit hat es sich dann schon weitgehend mit der Mordlust. In 99% der Fälle töten Tiere nur, um ihren Hunger zu stillen. In der Natur gibt es weder arische Rassen noch KZs, das sind Erfindungen von Menschen, die sich von der Natur abgewandt haben und stattdessen den Regeln eines militärisch-technisch-industriellen Komplexes gefolgt sind. Was uns am Dritten Reich doch wahrhaftig erschüttert, ist die Industrialisierung des Tötens.

        Was den rechtzeitigen Freitod angeht, halte ich das nicht für die beste Lösung. Ich halte es für besser, von vorneweg nicht alle Möglichkeiten, welche die Medizin einem aufdrängen will, in Anspruch zu nehmen. Ob das mit einem schönen Tod dann klappt, kann ich Dir allerdings erst nach meinem Ableben sagen :-). Sämtliche Möglichkeiten der Medizin auszuschöpfen und am Ende vom Arzt auch noch zu verlangen, dass er einem die Todesspritze gibt, wie das in der Sterbehilfe-Debatte gefordert wird, finde ich hingegen würdelos. Wenn einer den Freitod wählt, ist das okay, aber er sollte das schon mit sich selbst abmachen, ohne einen anderen mit hineinzuziehen und die Verantwortung einem anderen aufzudrücken.

  9. “Statt Vielfalt hervorzubringen, gibt es in den zivilisierten Ländern eine ausgesprochen starke Tendenz zur Gleichmacherei, bei der alle über denselben Kamm geschoren werden. Was sich hingegen weiterentwickelt, ist der industriell-technische Komplex und die existenzielle Abhängigkeit des Menschen von seinen Gerätschaften.“

    BINGO, wie man so sagt! Was macht Natur bei schwindenden Ressourcen ? Es entwickelt sich eine Diversität von Lebewesen im Umfeld der Verknappung. Was macht der Mensch bei schwindenden Ressourcen? Er führt Kriege und tötet seinesgleichen anstatt der Verknappung durch diverse Ideen zu begegnen, die Lösungen für das Problem finden.

    • Hallo, Guido

      Du bringst zwei wichtige Begriffe ins Spiel, die so was wie Schlüsselwörter zum Verständnis des Menschen sein könnten. Der eine Begriff ist „Energieraub“: ich frage mich, inwieweit Energieraub und die Domestikation des Feuers miteinander zu tun haben. Hat der Energieraub nicht mit der Feuernutzung begonnen und hat er sich von da aus nicht auf die Nutzung (Vergewaltigung) anderer Lebensformen ausgebreitet? In der Wonderwerk-Höhle in Südafrika hat man Spuren gefunden, die darauf hindeuten, dass der Frühmensch schon vor einer Million Jahre Feuer benutzte. Sicher nachgewiesen ist die Nutzung seit 790.000 Jahre durch die Fundstelle Gesher Benot Ya’aqov in Israel. Wenn man bedenkt, dass der Homo sapiens erst vor 200.000 Jahren aufgetaucht ist, sind diese Zeiträume doch erstaunlich. Der Mensch hat also Feuer genutzt, BEVOR er sich zum Menschen entwickelt hat. Oder anders: Wenn man Feuernutzung mit Energieraub identifiziert, was man m.E. durchaus tun kann, ist der Mensch sozusagen personifizierter Energieraub, d.h., Energieraub ist beim Menschen wesenhaft. Was Agrarisierung und Viehzucht angeht, so hat der Energieraub in dieser Phase auf Lebewesen übergegriffen. Es ist ja kein Zufall, dass just in diesem Moment auch Sklavenhaltung aufkam. In diesen Kontext gehört sicher auch das Menschenopfer, wobei typischerweise junge Menschen oder sogar Kinder und Babies geopfert wurden. Das ist ein äußerst spannender Ansatz. Man müsste mal eine Geschichte des Menschen als Energieräuber schreiben 🙂
      Da kann man bestimmt noch einiges entdecken.

      Der zweite Begriff ist „Kausalität“ oder „Kausalverkettung“: Unser Gehirn ist darauf trainiert, die Welt in Ursachen und Wirkungen zu zerlegen. Ich vermute mal, der abendländische Mensch kann die Welt kognitiv gar nicht anders erfassen, weil die europäischen Sprachen allesamt eben Kausalitätsverhältnisse abbilden. Um aus dem kausalen Denken herauszukommen, bräuchten wir also zuerst mal eine grundsätzlich andere Sprache. Unsere abendländische Philosophie beginnt mit den Vorsokratikern und das sind die, die zum ersten Mal SEIN als Kausalität beschreiben. Die Welt als Ursache-Wirkungs-Verhältnisse zu interpretieren, zementiert den Herrschaftsanspruch und den Machbarkeitswahn, der den abendländischen Menschen ja ausmacht. Was in der Umsetzung dieser Interpretation herauskommt, ist identisch mit der technischen Entwicklung. Technik ist genau das: realisierte Kausalitätsverhältnisse. Wenn man die Technik der Natur gegenüberstellt, kann man erkennen, dass keine Identität besteht und daraus den Schluss ziehen, dass Natur nicht denselben Gesetzen gehorcht wie Technik.

      Ich glaube aber nicht, dass die Wissenschaft den Schluss daraus zieht, dass die Welt ihrem Wesen nach akausal ist, denn damit würde sie sich ja selber den Ast absägen, auf dem sie sitzt. Deshalb besteht die Gefahr, dass mit jeder neuen Fragmentierung (oder Abstraktion) erneut nach Kausalitäten gesucht wird.
      Es ist wahrscheinlich, dass die ganzen Überlegungen zu Resonanz und Kohärenz nur dazu dienen, auf einer subtileren Ebene eben doch wieder Kausalitätsverhältnisse herzustellen. Ich vermute, dass man das bislang unverständliche Verhalten von einzelnen Quanten und die Quantenfluktuationen demnächst mit Resonanz erklären wird, womit dann Resonanz zur Ursache erklärt wird. Damit wird dann auch das Gefühl für die Technikfreaks interessant. Jede Wette, dass demnächst Gefühle in Roboter implementiert werden.

      • WEM raubt denn der Mensch da Energie? M.E. kann die natürliche Entdeckung der Energieverwendung, die mit der Verbesserung des Denkens durch die Entwicklung des Großhirns zwangsläufig einher geht, nicht als „Raub“ glabelt werden, denn: WER ist denn da, den Mensch berauben würde? Wir sind ja in unserer Welt tatsächlich die Einzigen, die überhaupt zu bewussten Bewertungen in der Lage sind – da ist also niemand, den wir durch Feuernutzung berauben könnten! Jedenfalls keine Person, die uns auf Augenhöhe entgegen treten könnte und Vorwürfe machen…

      • Der Mensch entnimmt die Energie dem Naturkreislauf. Wenn wir Bäume fällen, um das Holz in unseren Heizungen zu verbrennen, klauen wir dem Wald die Nährstoffe, die mit dem Vermodern des natürlich gestorbenen Baumes als Humus die anderen Bäume versorgen. Wir schwächen dadurch den Wald oder vernichten ihn womöglich gleich ganz. Die Waldfläche, die mal die Erde bedeckt hat, ist in den letzten 300 Jahren um die Hälfte zurückgegangen. Man kann Wälder wieder aufforsten, aber sie sind nicht mehr mit Urwäldern identisch, weil Urwälder eine ganz andere Artenvielfalt aufweisen. Der Energieraub wird also im Artensterben sichtbar.

        Das Wesen des Naturkreislaufs ist Stoffwechsel: jeder Stoff wandelt sich permanent in einen anderen um. Das Korn auf dem Feld wird zu Brot und das Brot wird zu einem Teil von Dir, wenn Du es isst. Es ist nicht so, dass das Brot nur die Energie abgibt, sondern Deine Verdauung wandelt ein Brotmolekül tatsächlich in ein Körpermolekül um. Du bist also physisch am Stoffwechselprozess beteiligt. Deshalb kannst Du krank werden, wenn Du Dich falsch ernährst. Die meisten Stoffe wandeln wir aber um, ohne uns diesem Prozess selber zur Verfügung zu stellen. Wir verwandeln Holz in Asche, ohne dass wir in diesen Prozess wesenhaft miteinbezogen sind. Wir sitzen bloß daneben und genießen die Wärme.

        Die Person, die Dir auf Augenhöhe entgegentritt und Dir Vorwürfe macht, das bist Du selber. Das ist doch der Grund, warum Du für Nachhaltigkeit, sorgsamen Umgang mit der Natur, Vegetarismus etc. eintrittst. Oder sehe ich das falsch? Du hast also schon ein Gespür für diesen Energieraub, bloß ist das Problem nicht mit alternativen Energien, vegetarischer Ernährung, dem Verzicht auf die Plastiktüte und Fahrrad statt Auto zu lösen. Das sind bloß kosmetische Maßnahmen, die letztendlich das Gegenteil von dem bewirken, was sie vermutlich sollen. Die industrielle Landwirtschaft sollte ursprünglich alle Hungernden satt machen. Stattdessen haben wir statt 400 Millionen heute 800 Millionen Hungernde, weil sich durch die industrielle Landwirtschaft die Menschheit in kurzer Zeit verdoppelt hat. Das Leid hat sich also nicht vermindert, sondern vermehrt.

      • Anderes Thema:

        „Wenn man die Technik der Natur gegenüberstellt, kann man erkennen, dass keine Identität besteht und daraus den Schluss ziehen, dass Natur nicht denselben Gesetzen gehorcht wie Technik.“

        Aber ist nicht alle Wissenschaft ein Erforschen der Natur? Und die Anwendung der gefundenen Gesetzmäßigkeiten in Werkzeugen und Gerätschaften zeigt doch täglich, dass die Forschungsergebnisse stimmen, denn die Geräte funktionieren (in der Regel…).

        Auf dem Kohlblatt in meinem Garten sehe ich nach dem Regen die Wasserperlen wie kleine Kugeln glänzen – der Lotus-Effekt, dessen Erforschung uns Brillenoberflächen gebracht hat, die das auch können.

        „Die Welt als Ursache-Wirkungs-Verhältnisse zu interpretieren, zementiert den Herrschaftsanspruch und den Machbarkeitswahn, der den abendländischen Menschen ja ausmacht. “

        Wir machen es, weil wir es können, weil es funktioniert. Nur leider werden in der Regel nicht alle Wirkungen bedacht, die Nebenwirkungen sind oft immens. Womit wir wieder bei der Selbstbezähmung wären, die leider kaum jemand leisten mag – und wenn, dass ist es ein Verzicht auf hohem Niveau („Minimalismus“), der fast eine Verhöhnung all jener ist, denen auf der Welt das Nötigste fehlt.

      • Ich denke nicht, dass Wissenschaft primär ein Erforschen der Natur ist. Primär ist Wissenschaft die Erforschung der Möglichkeiten, die im Feuer stecken. Wo immer der Mensch etwas erforscht, zerlegt er ein komplexes Gebilde in weniger komplexe Teilbereiche. Das heißt, er bricht komplexe Strukturen auf einfache Strukturen herunter. Dasselbe macht auch das Feuer. Feuer löst hochkomplexe organische Strukturen auf und verwandelt sie in weniger komplexe anorganische Stoffe, also in Asche und Rauch. Feuer verwandelt Lebendiges in Totes. Das macht auch die Wissenschaft und in der Folge die Realisierung dessen, was man in der Wissenschaft herausgefunden hat. So sind landwirtschaftliche Flächen welche, auf denen im Vergleich zu Urwäldern kaum noch Leben herrscht und mit Round-up-Methoden wird das Leben auf diesen Flächen jetzt ja noch weiter reduziert. Städte – insbesondere die Cities – sind Flächen, in denen außer Menschen, Ratten und Insekten kaum noch andere Lebensformen existieren können. Vielleicht noch ein paar Eichhörnchen und Vögel im Park und ein paar Blumen in Töpfen oder kümmerliche Straßenbäume, das ist es dann aber auch schon.

        Natürlich funktionieren die Forschungsergebnisse. Feuer funktioniert ja auch. Wie Du richtig sagst: Wir machen es, weil wir es können und weil es funktioniert. Wir können uns offensichtlich ebenso wenig selbst bezähmen, wie Feuer sich selbst bezähmen kann. Es brennt so lange, bis nichts mehr da ist, was es verbrennen kann. Vielleicht könnte der Mensch es schaffen, sich selbst zu bezähmen, wenn er verstehen würde, welche Rolle das Feuer in seiner Geschichte und in der Formung seines Geistes spielt. Aber erstens will der Mensch das nicht hören und zweitens ist der Prozess m.E. schon zu weit fortgeschritten, als dass sich da groß noch was aufhalten bzw. bezähmen lässt.

        Der Mensch hat mehrere große vernetzte Systeme geschaffen: Transportwesen mit Schiene und Straße, das Geldsystem, die Stromnetze und in jüngster Zeit die Kommunikationsnetze. Diese Netze sind wiederum untereinander vernetzt und haben eine Art Eigenleben entwickelt. Der Mensch ist längst nicht mehr Herr seiner Schöpfung, sondern von ihr abhängig und damit erpressbar geworden. Deshalb muss er die Natur im Sinne dieser Dynamik weiter zerstören, selbst wenn er das gar nicht will.

        Andererseits ist es so, wie Guido sagt: Diese ganze Dynamik mit uns Menschen als Zerstörern ist wiederum in einer höheren Dynamik namens Evolution aufgehoben. Es war ja nicht böser Wille, dass der Mensch angefangen hat, mit dem Feuer herumzuspielen, sondern Notwendigkeit. Wahrscheinlich hat die Menschenart die Eiszeit überlebt, die am besten mit Feuer umgehen konnte. Ohne Feuer gäbe es auch kein Leben: Vulkane erschaffen fruchtbare Lössböden, Waldbrände verjüngen das Ökosystem und ohne Sonnenfeuer gäbe es überhaupt kein Leben auf der Erde. Im Kleinen erlebst Du das in Deinem Garten: Wenn Du düngst, erschaffst Du wie ein Vulkan einen fruchtbaren Untergrund und wenn Du Unkraut rausreißt, verjüngst Du als „Gartenbrand“ den Garten und sorgst für Vielfalt. Mit Deinem „faulen Gärtnern“ setzt Du genau dieselben Prinzipen um wie Feuer in der Natur.

        Die Evolution schon hat ihre eigenen Möglichkeiten entwickelt, um Feuer im Zaum zu halten. Beispielsweise Regen und Flüsse. Holz brennt nicht, wenn es zu nass ist. Oder Wüsten, wo Feuer keine Nahrung findet und die trotzdem blüht, sobald Regen fällt. Deshalb denke ich nicht, dass wir uns allzu große Sorgen machen müssen. Auch wenn wir den Planeten zerstören, wird er hinterher in noch größerer Vielfalt umso üppiger wieder auferstehen. So war es bisher ja immer.

  10. “Eine weitere Begrenzung besteht darin, dass Tieren nur soviel Energie zur Verfügung steht, wie sie durch ihren Stoffwechsel selbst erzeugen.“

    Oder durch ihr Körpervermögen direkt in ihrer Reichweite zur Verfügung haben. Das dürfte DER wesentliche Unterschied zwischen uns EINEN und den ANDEREN sein, besagter Energieraub, der uns anderswo Energie rauben lässt, damit wir diese irgendwo einsetzen können, ohne die Auswirkungen der Energieentnahme anderswo irgendwo selbst zu spüren bekommen. Zumal für den Transport von anderswoher nach irgendwo Hilfsmittel zum EInsatz kommen, die ihrerseits durch Energieraub entstanden sind und sich bewegen können.

  11. “Wenn Tiere gemeinsam jagen, bestimmt die Hierarchie, welches Tier zuerst von der Beute fressen darf, und das ist das Alphatier. Das stärkste Tier frisst sich also zuerst satt und dann erst kommen die rangniedrigen und damit schwächeren zum Zug. “

    Ich würde vorschlagen nicht von ’star‘ und ’schwach‘, sondern eher von ‚kohärent‘ und ‚dekohärent‘ zu sprechen, denn das sogenannte Alphatier ist jenes, welches die Dekohärenz eines Rudels am ehesten durch Rekohärenz aus eigenem Körpervermögen zu HARMONISIEREN vermag.

  12. “Im Tierreich überleben nur die Lebenstüchtigen und auch nur solange, wie sie das Leben meistern. Die Untüchtigen sterben früh. Ebenso die Lustlosen und Müden. Das ist ein ebenso einfaches wie hartes Naturgesetz. Doch ist es wirklich hart, wenn man davon ausgeht, dass die Tüchtigkeit dem Lebenswillen entspricht? Ist es im Gegenteil nicht weise, dass diejenigen leben, die sich für den Erhalt ihres Lebens anstrengen und ihr Leben verteidigen, und dass diejenigen sterben, die das nicht tun? Tiere zeigen täglich, dass ihnen ihr Leben etwas bedeutet.“

    Ja, ich schreibe mich langsam warm 😉

    Schau Dir den natürlichen Zyklus der ANDEREN an und vergleiche ihn mit unserem. Im Frühjahr erblüht das Leben und es dauert nicht lange, dann zeigt sich überall Nachwuchs. Der Sommer ist die Zeit des Wachstums, der Entwicklung, des Auslebens von Lebendigkeit und all ihren Möglichkeiten. Dann folgt die Vorbereitung auf den Winter, der Ruhe und Kraftsammlung für den nächsten Zyklus bedeutet. Bis zum Winter entscheidet sich, wer kräftig genug für den Winter ist, daher werden die Schwachen und Kranken zum Winter hin eher gefressen. Grausam, sicher. Aber nur so vermögen die Artgenossen den Winter zu überleben, indem sie vom Wachstum im Sommer zehren können. Nur deshalb können die Kräftigen den Winter mit wenig/ohne Nahrung überleben. Sie ruhen für den nächsten Zyklus.
    Was machen wir? Wir ruhen uns im Sommer aus und gönnen uns im Winter keine Ruhe. Ganz zu schweigen von unserer Art der Ernährung im Sommer und im Winter … ja, was wir EINEN anders machen können, als es alle ANDEREN machen, das machen wir, Dank unseres energieräuberischen Fortschritts …

  13. “Kinder dürfen nicht frei entscheiden, was sie lernen wollen, sondern werden in ein rigides Schulsystem gepresst, in dem die Alten entscheiden, was für die Jungen wissenswert ist. Was ist das also für eine Liebe, die der Mensch seinen Kindern gegenüber empfindet? Ist es nicht so, dass die Tiere ihre Jungen mehr lieben als der Mensch, der aus seinen Kindern, noch bevor sie überhaupt geboren sind, bereits ein Mittel zum Zweck macht?“

    Klar, dass solche Zeilen kaum EINER hören/lesen will. Auch wir als Eltern sind davon betroffen und in die Maschinerie der Gesellschaft eingespannt – auch wenn wir weit weniger Energieraub zur Lebensgestaltung nutzen, als im Allgemeinen zur Alltagsbewältigung zum Einsatz kommt. Wir versuchen jeden Tag neu abzuwägen, welche potenzielle Unausweichlichkeit durch anderweitige Ermöglichungen Spielraum gewährleistet, ein Prozess, der längst unbewusst abläuft und dermaßen verinnerlicht ist, dass es dem Folgen eines Gefühls entspricht, welches der Gesellschaft mehr und mehr abhanden kommt. Daher ist für uns das Schulsystem kein Feindbild, sondern unregelmäßiger Impulsgeber von Dekohärenz, der uns immer mehr für jenes Gefühl sensibilisert, welches wirklich wichtig für das Leben ist. Das Gefühl für Kohärenz, natürlich 🙂 …

  14. “Wahlfreiheit besteht nur an der Oberfläche.“

    Jau, denn genau das ist die Folge von Vorausplanungen, die nur dergestalt geplant und realisiert werden können, weil uns EINEN der Raub von Energie möglich ist, mit dem wir versuchen akausale Verwobenheit als Kausalkette, praktisch von Geburt an, umzustricken, woraus zwangsläufig ‚Cradle-to-Grave‘ werden muss, mitsamt unzähliger Probleme, die weiterer Energie bedürfen, die geraubt werden muss.

  15. Welch ein hervorragender Text, der die Zerissenheit verdeutlicht mit der wir Menschen, zum EINEN, unseren Körper in der Realität wahrnehmen, und zum ANDEREN, unsere innere Verbindung zum Wesen des Lebens aufs Spiel setzen. DIese Zerrisseneit, die ich kürzlich unter “http://faszinationmensch.com/2016/08/10/ermoeglichung-der-vermeidung-von-krieg-terror-gewalt-und-anderen-verbrechen/“ aus anderer Sicht beschrieb, als Zusammenspiel von Vorausplanung und Unvorhersehbarkeit, lässt uns Menschen immer weniger Spiel das Leben natürlich auszuleben, weil das Künstliche, mittels Energieraub,und der daraus hervorgehenden Kausalkettenverkettungen, uns mehr und mehr einengt, während unser Tun dem Natürlichen mehr und mehr Raum nimmt. In der Tat vergessen wir Menschen was es wirklich bedeutet natürlich zu leben. Du drückst es stimmig aus:

    “Es ist also nicht länger die Natur, die dem Menschen Grenzen setzt, das besorgt der Mensch lieber selber, und so erfindet ein Teil der Menschheit eine Flut von Verordnungen und Vorschriften, nach denen sich alle gleichermaßen zu richten haben, ganz egal, in welcher Gegend und unter welchen Umständen sie auch immer leben mögen. Inzwischen schränken uns menschengemachte Vorschriften mehr ein, als die Natur es je vermocht hätte. Und ein Ende ist nicht abzusehen.“

    Wir haben völlig verdrehte, verrückte Vorstellungen von der Natur und vereinfachen ihr Wirken fortwährend, nur um diese Vereinfachungen dann zu verallgemeinern. Auf der einen Seite wachsen unsere Kinder mit personifizierten Tieren a la Disney und Co. auf, andererseits wird jeder Käfer, jede Spinne, zur Ekelnummer. Und wehe das Wetter ist mal anders, als es der Kalender geplant hat.

    Was Du über die Jungen und Alten schreibst verdeutlich besagte Zerrissenheit. Für mich zeigt sich aber an solchen Stellen den von mir thematisierten Unterschied zwischen Harmonie und HARMONIE, sowie zwischen Liebe und LIEBE. Aus menschlicher Sicht darf es gerne Liebe und Harmonie sein, zu der auch Dankbarkeit und Fürsorge auf unsere Art gehören, aus Sicht der ANDEREN aber muss es HARMONIE und LIEBE sein, damit das Leben als Ganzes, inklusive seiner Vergänglichkeiten, Lebendigkeit bewahren kann. Die Frage, die mich diesbezüglich interessiert, ist, ob beides zu vereinbaren geht, ohne dass die Lebendigkeit darunter leidet und ohne dass das Leben unmenschlich wird. Der aktuelle Zukunftsvierteiler auf FM soll dieser Frage nachgehen. Wenn es möglich ist, dann stehen wir Menschen erst am Anfang wahrer Humanität und alles Bisherige war “einzig“ notwendiges Vorspiel.

    Wie gesagt, Deine Gegenüberstellung finde ich sehr gelungen, und sie ist sehr hilfreich, hinsichtlich meiner weiteren Ausarbeitung. Dafür ein dickes Dankeschön für die Inspiration. Weitere Kommentare werden bestimmt folgen …

  16. Was für ein schrecklicher, antihumaner Artikel! Deine Aussagen zum Umgang mit Alten und Schwachen erinnert tatsächlich an die Nazi-Ideologie vom „lebensunwerten Leben“: sie pochten ja ebenfalls auf das Recht des Stärkeren. Allerdings wollten sie nicht die Menschheit, sondern die „arische Rasse“ stärken und kräftigen, indem sie z.B. Behinderte und Kranke einfach umbrachten. Zu Recht fand die Welt die Naziideologie abscheulich!

    Die Versorgung der Alten ist eine zutiefst menschliche Errungenschaft, die zudem ihre Berechtigung hat, denn die Jungen partizipieren von den Leistungen der Alten (von sämtlicher Infrastruktur bis hin zum Erbe). Schließlich wurde die Welt, wie sie ist, nicht von den Jungen geschaffen, die Jungen werden nicht in eine Wildnis geworfen, in der sie auf sich selbst gestellt sind. Vergleiche mit dem Tierreich sind hier völlig fehl am Platz, um daraus ein „richtigeres Handeln“ abzuleiten – wir sind nun mal Menschen und können anders – und das ist gut so! (Es gibt im übrigen auch im Tierreich Beispiele für altruistisches Handeln abseits der Bienen – einfach mal googeln, Affen helfen sogar Menschen).

    Wie stellst du es dir denn eigentlich vor? Soll man die Alten und Schwachen einfach verrecken lassen? (Lies deinen Artikel nochmal, wenn du 70 bist und schreib dann einen Kommentar!)
    Wenn du im übrigen mal in Pflegeheime gehst und/oder dich über die Zustände da informierst (Stichwort Pflegenotstand), wirst du sehen, dass diese hilflosen Alten keineswegs paradiesische Zustände mit viel Aufhebens um ihr Wohlbefinden erleben!

    Darüber hinaus ist dein Artikel total widersprüchlich: auf der einen Seite beschreibst du sehr richtig den Ressourcenverbrauch („so, als würden sich mehr als eine Billion Menschen auf ihr tummeln“), auf der anderen Seite kritisierst du die Versuche der Selbstbeschränkung durch Vorschriften und Umweltpolitik:

    „Die Menschen haben hingegen den Mangel zu ihrem Credo erhoben. Sie sehen keine Fülle, sondern bloß ausgehende Ressourcen. Auf diesem Mangeldenken baut der Mensch seine Lebensweise auf: Vorratshaltung, Geiz, Nachhaltigkeit, Bewahrung: all das macht nur einen Sinn, wenn man davon ausgeht, dass die Welt und ihre Stoffe zur Neige gehen. “

    Ja, sie gehen zur Neige, das ist wissenschaftlich belegbarer Fakt. Die Erde ist nun mal endlich und wenn immer mehr Menschen einen solchen Wohlstand haben wollen wie wir (was ihnen nicht zu verdenken ist), trägt das die Erde nicht. Was stellst du dir also vor? Einfach – wie die Tiere – bedenkenlos drauf los verbrauchen und sich keine Gedanken machen, was daraus folgt?

    Was die Naturliebe naturferner Städter angeht, gebe ich dir weitgehend recht, damit ist es nicht weit her. Das ist allerdings nicht anders zu erwarten, denn Naturliebe entwickelt sich erst, wenn man sich ausgiebig mit Natur befasst, sie erlebt, beobachtet, mir ihr umgeht.

    Als naturnahe Gärtnerin sag ich dir: einerseits wächst die Liebe und Bewunderung, aber sie ist auch gepaart mit Schrecken über die Gnadenlosigkeit und (unwillentliche) Grausamkeit der Natur. Man erlebt sich auf neue Weise als Mensch im Versuch, es in der menschlichen Gesellschaft anders zu machen, dem Fressen und Gefressen werden, dem Verdrängen und Ausbreiten um jeden Preise etwas entgegen zu setzen: Hilfsbereitschaft, Solidarität, Selbstbezähmung, Liebe.

    • Hallo, Claudia

      fein, dass Du mich gleich mit der Nazikeule erschlägst :-). Ich sage in dem Artikel nicht, dass wir die Alten verrecken lassen sollen, sondern ich sage, dass unsere angebliche Naturliebe und Bewunderung für die Natur und unsere menschlichen Grundsätze nicht zusammenpassen. Dass wir uns also unsere angebliche Naturliebe nur einreden. Lies bitte genauer, bevor Du Dich so aufregst. Im Grund bestätigst Du doch, was ich sage. Ich sage nämlich genau das: dass wir es für eine zutiefst menschliche Errungenschaft halten, die Alten zu versorgen.

      Ach, Claudia, die Stories von Affen, die Menschen helfen, sind Internet-Stories. Ist Dir noch nicht aufgefallen, dass im Internet alle Tiere plötzlich unglaublich nett und hilfsbereit werden? Geh doch mal nach Afrika und such den Affen, der Dir hilft. Wenn Du ihn gefunden hast, gib mir Bescheid. Ich halte nichts von diesen Kitsch-Geschichten, die aus wilden Tieren alberne Schoßtiere machen und ihnen ihre Würde nehmen.

      Wenn ich sage, dass sich, energieverbrauchstechnisch gesehen, eine Billion Menschen auf diesem Planeten tummeln, ist das so zu lesen, dass die Natur uns nicht mal hier eine Grenze setzt, passend zur Zwischenüberschrift. Zu Deiner Information: Die Sonne stellt uns sogar noch viel mehr Energie zur Verfügung, sodass jeder von uns locker noch tausendmal mehr verbrauchen könnte. Der Mensch weiß nur noch nicht, wie er das technisch in den Griff kriegt. Das Problem sind die Speicherkapazitäten. Den Widerspruch liest Du in den Text also nur hinein. Ich kritisiere auch nicht die Selbstbeschränkung, sondern stelle nur fest, dass Selbstbeschränkung so in der Natur nicht vorkommt und Selbstbeschränkung im Widerspruch zum Naturprinzip steht.

      Es wäre ehrlicher, wenn die Menschen zugeben würden, dass sie die Natur und ihre Prinzipien verabscheuen. Du tust das ja offensichtlich auch, denn Du findest das, was die Menschen tun, in Wahrheit ja viel besser als das, was die Natur so treibt. Wieso sagst Du, dass in Dir Liebe und Bewunderung für die Natur wächst? Was man für grausam und gnadenlos hält, liebt man doch nicht. Das ist für mich nun wirklich ein Widerspruch! Oder leidest Du unter dem Stockholm-Syndrom?

      Indessen kann man schon mal überlegen, ob die Naturprinzipien in Wirklichkeit nicht freundlicher und lebenswerter sind als das, was wir Menschen so treiben. Du hast schon Recht damit, dass das Leben im Pflegeheim alles andere als lustig ist. Oft ist es eine Quälerei, für die Alten ebenso wie für die Pflegenden. Wir haben eine Medizin entwickelt, die zahllosen Menschen ein würdevolles Sterben unmöglich macht. So sieht es aus. Wenn ich das feststelle, sage ich damit jedoch nicht, dass man die Alten deshalb „verrecken“ lassen soll, aber ich kann sehr wohl mal mit dem Finger drauf zeigen, dass das, was real abgeht, gar nicht so „human“ ist, wie wir gerne glauben möchten. Ich frage mich nämlich schon manchmal, ob wir mit unserer angeblichen „Humanität“ nicht viel mehr Leid erzeugen, als die Natur das mit ihren „grausamen und gnadenlosen“ Prinzipien tut.

      Es ist ein interessanter Gedanke, dass die Jungen an den Leistungen der Alten partizipieren, die von den Alten aufgebaute Infrastruktur mitbenutzen und deshalb in die Pflicht genommen werden können, die Alten zu pflegen. Den Jungen gegenüber muss man also nicht altruistisch handeln. Denen kann man Rechnungen stellen, oder wie meinst Du das? Was ist aber, wenn die Jungen selber was aufbauen wollen? Ist es nicht so, dass die Welt inzwischen mit Leistungen der Altvorderen von oben bis unten zugemüllt ist, sodass immer weniger Spielraum für die Jungen bleibt, ihre eigenen Ideen in die Welt einzubringen? Die Jungen müssen sich ja schon in virtuelle Welten flüchten, weil die reale Welt ihnen keinen Freiraum mehr bietet. Vielleicht wären die Jungen ja gern mal wieder auf sich selbst gestellt und würden sich gern selbst erproben. Auch hier wieder die Frage, ob die Natur wirklich so „dumm“ ist, wie der Mensch ihr unterstellt.

      Im Übrigen bin ich schon ein älteres Kaliber und mache mir durchaus aus dieser Sicht Gedanken darüber, was die Alten den Jungen eigentlich zumuten.

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