Der Gefangene in Platons Höhle

Eines der berühmtesten Gleichnisse der Antike ist Platons Höhlengleichnis: In einer Höhle leben Gefangene, die so gefesselt sind, dass ihr Blick permanent auf die Höhlenwand ausgerichtet ist. Hinter den Gefangenen brennt ein Feuer und bewegen sich Gestalten, die als Schatten auf der Wand wahrgenommen werden. Da die Schatten das Einzige sind, das die Gefangenen in ihrem Leben überhaupt je zu sehen bekommen, halten sie diese Schatten für die Wirklichkeit. Die Gefangenen versuchen nun, in den Bewegungen der Schatten Gesetzmäßigkeiten zu erkennen. Sie entwickeln eine Wissenschaft der Schatten und geben Prognosen über deren Verhalten ab. Anschließend lässt sich Sokrates darüber aus, was passieren würde, wenn die Gefangenen befreit und aus der Höhle hinausgeführt würden.

In Platons Höhle gibt es bei näherer Betrachtung jedoch nur einen einzigen Gefangenen, und das ist jene Erscheinung, die als Ich bezeichnet wird. Eingekerkert in seiner knöchernen Schale, ist unser Gehirn vom direkten Kontakt mit der Außenwelt abgeschnitten. Es kann nichts anderes tun, als die Eindrücke, die über ein paar wenige, zudem noch vergitterte Fenster zu ihm gelangen, zu registrieren. Vergittert sind die Fenster, weil alles, was durch sie hereinkommt, in elektromagnetische Impulse und Spannungszustände verwandelt wird. Etwas anderes lassen die Filter nämlich gar nicht durch. Erreichen die Spannungszustände eine bestimmte Größenordnung, werden sie als Aktionspotentiale über die Nervenbahnen weitergeleitet, bleiben sie darunter, ebbt die Erregung wieder ab. Was die Weiterleitung von Impulsen angeht, müssen diese also ganz bestimmte Energiewerte annehmen, damit überhaupt etwas passiert. Wenn das Gehirn feuert, dann in ähnlichen Energiepäckchen, wie sie in der Quantenphysik beschrieben werden. Dabei ist es unerheblich, ob die Fenster Sinnesorgane oder wiederum bereits elektro-chemische Leitungsbahnen sind. In ihrem Aufbau ähnelt die einzelne Nervenzelle übrigens dem Gesamtkomplex: in der Regel hat sie mehrere Eingangskanäle (Fenster), die Dendriten genannt werden, aber nur einen Ausgang, das Axon, das sich wiederum mit den Dendriten anderer Nervenzellen verbindet.

Platons Höhlenwand besteht also aus einem Geflecht von Nervenzellen und Blutgefäßen. Die elektromagnetischen Impulse und Spannungszustände, die durch die Nervenzellen weitergeleitet werden, entsprechen den Schatten auf dieser Höhlenwand. Im Laufe fortschreitender Entwicklung verselbständigt sich der Tanz der Schatten. Je höher ein System entwickelt ist und je komplexer es wird, desto weniger hängen seine Zustände noch von äußeren Bedingungen (Fenstern) ab, sondern mehr und mehr von dem, was innerhalb der eigenen Strukturen geschieht. Die Schatten auf der Wand scheinen ein Eigenleben zu führen und ihren eigenen Gesetzen zu gehorchen. Irgendwann bringen die Schatten sogar ihren eigenen Beobachter hervor, das Ich.

Bewusstsein entsteht erst in dem Moment, in dem es zur Ausbildung eines Beobachters kommt, der nicht länger mit dem Geschehen auf der Höhlenwand identifiziert ist. Erst durch den Beobachter können Erfahrungen miteinander verglichen und rational Schlüsse gezogen werden. Bewusstwerdung setzt im Sinne von Platons Höhlengleichnis einen Gefangenen voraus.

Der Gefangene in seiner Knochenhöhle, das Ich, analysiert die verschiedenen Schatten und verknüpft sie zu einem kohärenten Bühnenbild. Daraus generieren sich Erinnerungen, die zu einem späteren Zeitpunkt wieder abgerufen werden können. Aus den erinnerten Bühnenbildern wird unter Umständen sogar eine fortlaufende, sinnvolle Geschichte. Die Verknüpfung verschiedener Sinneseindrücke zu Bühnenbildern oder einer Geschichte basiert auf der vom Gefangenen unterlegten Bedeutung. Wahrnehmung ist also gleichzeitig immer auch bereits Interpretation und deshalb nie objektiv, ganz egal, was Wissenschaftler auch immer behaupten mögen.

Im Bereich der Daten- und Informationsverarbeitung wird dieser Prozess der Bewusstwerdung nachgebildet. Daten sind nichts anderes als elektromagnetische Spannungszustände, die entweder den Wert Null oder Eins annehmen können, ebenso wie ein Impuls im Gehirn in einem Generatorpotential verebbt oder als Aktionspotential weitergeleitet wird. Die wahrgenommene Wirklichkeit wird in Daten umgewandelt und kommt in Form von Daten im Gehirn an. Daten sind Schatten. Die Verknüpfung von Daten und deren Einbettung in einen sinnstiftenden Kontext verwandeln bloße Daten in Information.

Sind Tiere, die keinen Beobachter ausbilden, also ohne Bewusstsein? Ja! Das heißt jedoch nicht, dass Tiere Automaten sind, sondern gerade das Gegenteil ist der Fall. Tiere gehorchen ihren Gefühlen und werten keine Daten aus. Menschen, die Bewusstsein ausbilden, verhalten sich viel eher wie Automaten als Tiere, die kein Bewusstsein ausbilden. Bewusstsein ist nämlich berechen- und damit reproduzierbar, und genau das ist es, was uns die Computerwelt jeden Tag aufs Neue vorführt.

Wie der Gefangene in Platons Höhle die Schatten an der Wand für die Wirklichkeit hält, so verwechselt das beobachtende Ich permanent Information mit der Wirklichkeit. Bereits Galilei hielt die Natur für ein Buch, das in der Sprache der Mathematik geschrieben ist und beweist mit dieser Aussage, dass er Wirklichkeit und Sprache nicht auseinanderhalten kann. Das Ich kann zwischen Wirklichkeit und Sprache tatsächlich nicht unterscheiden, weil es ein verselbständigtes sprachliches Konstrukt ist. Welt und Information sind für diese Instanz dasselbe. Deshalb kommen einige Physiker in der Nachfolge von Galilei heute auf die Idee, nicht länger das Atom, sondern Information für den Grundbaustein der Wirklichkeit zu halten.

Im Übrigen begnügt sich der Mensch nicht damit, sein eigenes Gehirn, wie er es als Beobachter wahrnimmt, nachzubauen. Er baut seit jeher auch die Schattenwelt auf den Höhlenwänden samt der von ihm unterlegten Interpretation nach und verwandelt so allmählich seine natürliche Umwelt in eine technisch-künstliche.

Wenn ausschließlich der Beobachter, das Ich, dafür verantwortlich wäre, sich in der Wirklichkeit zurechtfinden zu müssen, wäre der Mensch vermutlich schon längst ausgestorben. In der Art und Weise, wie der beobachtende Mensch die Natur nachbaut, zeigt sich, dass er tatsächlich bloß eine Wissenschaft der Schatten betreibt.  Seiner Wissenschaft fehlt nämlich das Wesentliche: sie versteht nicht, was Leben eigentlich ist, und deshalb sind alle von Menschen geschaffenen Erzeugnisse unlebendig. Der menschliche Geist kann natürliche Prozesse imitieren, aber selbst nichts wirklich Neues selbst erschaffen. Der Beobachter in uns verwandelt Lebendiges in Totes, so wie Feuer Holz zu Asche verbrennt.

Glücklicherweise gehen die Gestalten, die auf den Höhlenwänden bloß als Schatten wahrgenommen werden, nach wie vor ihren eigenen Geschäften nach und halten das Leben noch immer am Laufen. Inwieweit sie sich vom Beobachter, der ihnen zuruft, was sie tun sollen, beeinflussen lassen, sei mal dahingestellt. Vielleicht verstehen sie gar nicht, was dessen Geschrei bedeuten soll. Vielleicht ignorieren sie den Beobachter oder nehmen ihn nicht ernst. Eventuell lassen sie sich von ihm irritieren.

Die Frage ist, wie sich die Anderen, die auf den Höhlenwänden bloß als Schatten erscheinen, in der Wirklichkeit zurechtfinden. Für diese Anderen kann nicht dasselbe gelten wie für den Beobachter. Ihre Art der Wahrnehmung und der Orientierung in der Welt muss eine grundsätzlich andere sein. Tatsächlich sind diese Anderen, zu denen beispielsweise die Billionen Zellen und Bakterien gehören, die unseren Körper bilden, über ihre pure Stofflichkeit mit der Welt verbunden und eben gerade nicht durch eine Lücke, die zur Überbrückung mit elektromagnetischer Strahlung gefüllt werden muss. Das große Verbindungssystem, das nicht nur alles Lebendige miteinander verbindet, sondern auch den Körper in seine Umgebung integriert, ist der Stoffwechsel. Zellen bilden einen Organismus, indem sie konkret Stoffe miteinander tauschen und sich aus diesen Stoffen permanent neu erschaffen. Ebenso erschaffen sich unsere Körper mit der Atmung, der Nahrungsaufnahme und der Ausscheidung ständig neu und bilden mit ihrer Umgebung so zusammen einen Organismus. In diesem Sinne kann man ein Ökosystem wie die Erde durchaus als lebendigen Organismus begreifen.

Zur Wahrnehmung und Orientierung in der Welt gehört also die Bereitschaft, sich gemäß den Erfordernissen und den zur Verfügung stehenden Stoffen selbst stets neu zu erfinden.

„Stoffwechsel heißt, den eigenen Stoff mit der Welt zu tauschen. Wenn ich etwas esse, so durchläuft mich dieser Brennstoff ganz anders als einen Motor das Benzin. Dieses wird im Kolben gezündet und verlässt dann den Auspuff wieder als CO2. Die Nahrung aber, die ich zu mir nehme, wird stofflich zu einem Teil von mir. Die Zellen müssen dafür ein anderes Stück ihrer eigenen Substanz hergeben. Wir alle stoßen mit jedem Atemzug einen Teil von uns an die umgebende Luft ab. Im selben Maße entstehen wir stets neu aus den Produkten der Erde. Was eben noch Ich war, ist jetzt schon das CO2-Molekül in der Lunge des Gegenübers und dann ein Stück Grashalm auf der Wiese. Was eben noch Korn auf dem Feld war, Es, ist nun bereits Ich. Aber dieses Ich ist stets ein anderer, weil es nicht aus meinen eigenen spezifischen Stoffteilchen besteht, sondern weil der Stoff, der mich bildet, beständig wechselt.“ (Andreas Weber, Alles fühlt, S. 58).

Innerhalb von sieben Jahren ist der gesamte Stoff, der einen Menschen körperlich ausmacht, einmal ausgetauscht. Wenn wir als Menschheit die Umwelt schädigen, schädigen wir also uns selbst. Wir inkarnieren den Qualitätsverlust der Luft und der Nahrungsmittel, wie er durch Artensterben, industrielle Landwirtschaft und Massentierhaltung entsteht. Durch die Atmung und den Stoffwechsel bilden wir mit unserer Umwelt eine untrennbare Einheit. Durch den permanenten Austausch bildet sich unsere Umwelt in unserem Körper ab.

Die Einheit oder Verbundenheit, wie sie in der Spiritualität häufig beschworen wird, ist keine Sache des Geistes oder des Bewusstseins. Wo immer das behauptet wird, spielt sich der Beobachter als Schöpfer auf. Was der Beobachter als Schöpfer zustande bringt, tritt uns in Form der technischen Entwicklung entgegen. Das ist nicht wenig, aber es ist letztendlich doch bloß ein Abbild, das sich vom Original darin unterscheidet, dass alles Lebendige darin verloren gegangen ist. Der Mensch ist gut darin, Maschinen zu konstruieren, doch mehr ist das nicht.

Die Einheit, die alles Lebendige miteinander verbindet, ist materieller Natur, und wir erfahren sie als Gefühl. Zum Glück handeln die meisten Menschen immer noch aufgrund von Gefühlen und nicht aufgrund ihres Bewusstseins. Allerdings besteht die Gefahr, dass der Mensch auf Dauer ebensowenig mit seinen Gefühlen identifiziert bleibt wie mit seiner Umwelt, sondern anfängt, auch die Gefühle zu beobachten, zu analysieren, zu interpretieren und nachzubauen. Dann geraten ihm auch seine Gefühle zu Schatten an Wänden, die seine Verbindung zur Welt vollends unterbrechen. Spätestens dann, wenn die Bewusstwerdung der Gefühle abgeschlossen ist, wird der Mensch zur Maschine mutiert sein.

Bewusstwerdung heißt Begriffe bilden. Um einen Begriff zu bilden, müssen permanent Ja-Nein-Entscheidungen getroffen und festgeschrieben werden. Gehört diese oder jene Erscheinung zum gewählten Begriff: ja oder nein? Kann eine solche Zuordnung nicht eindeutig getroffen werden, muss die Erscheinung solange fragmentiert werden, bis sie sich in das System aus Begriffen eingliedern lässt. Wenn Leben und damit die Wirklichkeit nun aber in sich selbst ein Widerspruch sein sollte – und dafür spricht einiges –, dann ist in Wirklichkeit jedes Ja auch gleichzeitig immer ein Nein, jede Null gleichzeitig eine Eins. Bewusstwerdung entpuppt sich damit als Exklusionsverfahren, welches von zwei möglichen Zuständen immer nur einen zulässt. Während paradoxe Situationen im Gefühl durchaus adäquat erfasst werden können, kann Bewusstwerdung aufgrund der diesem Prozess immanenten Ja-Nein-Entscheidungen niemals ganzheitlich sein. Statt zu erkennen, dass Bewusstwerdung deshalb gleichzeitig immer eine Einschränkung bedeutet, wird jedoch lieber die Wirklichkeit auf die Funktionsweise des Bewusstseins reduziert.

Ich glaube, dass der derzeit um sich greifende Datensammelwahn und das esoterische Gequatsche vom bevorstehenden Bewusstseinssprung der Menschheit zwei verschiedene Ausdrucksweisen für dasselbe Phänomen sind. Der angebliche Bewusstseinssprung besteht eben genau darin, die Wirklichkeit weiter zu fragmentieren und in exponenziell wachsende Datenmüllhalden zu verwandeln, in der Hoffnung, die Wirklichkeit damit endlich vollständig begreifen zu können. Begreifen heißt Begriffe bilden. Das ist nichts anderes, als die Welt in Sprache zu verwandeln bzw. die Welt vollständig auf elektromagnetische Impulse zu reduzieren. Die Schatten an der Höhlenwand sind nicht nicht länger ein Abbild einer Welt an sich, sondern werden als Projektionen des Ich interpretiert. Das beobachtende Ich erklärt sich selbst zum Original, zum Schöpfer, zu Gott und die Welt zu seiner Ausdrucksform, zum Abbild. Das, was ursprünglich mal als passiv-empfangende Instanz begonnen hat, erfährt sich fortan aktiv erschaffend. Was dabei entsteht, ist jedoch nicht ursprüngliche Schöpfung, von der der Mensch ein Teil ist, sondern die virtuelle Welt des Internet, die ja tatsächlich ein Produkt des menschlichen Geistes ist. In der Folge wird die virtuelle Welt des Internet für realer gehalten als der gelebte Alltag. Das Ich redupliziert sich in Form des ganzen Menschen, die Höhlenwand redupliziert sich als Bildschirm, das Gehirn redupliziert sich als allumfassendes Netzwerk namens Internet. Aus dem individuellen Bewusstsein von Milliarden Menschen wird durch die technische Umsetzung auf einmal ein einziges kollektives Bewusstsein. Wie sich im Prozess der Bewusstwerdung auf individueller Ebene das beobachtende Ich ausgebildet hat, so bildet sich auf kollektiver Ebene ebenfalls ein Beobachter heraus. Der heraufdämmernde Überwachungsstaat ist nichts anderes als ein Ich auf kollektiver Ebene, ein Über-Ich. Ebensowenig wie die einzelnen Zellen im Gehirn die Herausbildung des Ich beeinflussen können, ebensowenig kann der einzelne Mensch die Herausbildung des Überwachungsstaats beeinflussen. Auch Angela Merkel und Barack Obama sind in diesem Sinne Zellen, die das Gehirn als Ganzes weder steuern noch gestalten können.

Der Gefangene kann seine Höhlenwelt nicht verlassen, indem er leugnet, ein Gefangener zu sein und sich stattdessen lieber einbildet, die Höhle selbst geschaffen zu haben. Er kann die Höhle auch nicht verlassen, indem er eine Höhle in der Höhle baut und die reale Welt auf eine virtuelle reduziert, die ihm aufgrund des kollektiven Charakters zwar ungleich größer erscheinen mag, jedoch um den Preis, dass er zuerst sich und anschließend die Welt auf ein bloßes Gehirn reduziert und den Rest des Körpers respektive der Welt zum Abbild erklärt, indem er sie in elektromagnetische Impulse auflöst.