Auf dem Weg zum Chemitarier

Neulich hat mein Supermarkt mich mit einem neuen Arrangement überrascht: eine zusätzliche Regaleinheit, die im weitesten Sinne Gesundheitsprodukte enthält, hat das bisherige, schon recht umfangreiche Angebot noch einmal erweitert. Gesundheitsprodukte sind Vitamine aller Art, Mineralstoffe, Antioxidantien, Kiesel-, Linol- und sonstige Säuren, Salze, basische Stoffe, Co-Enzyme, und sie versprechen ihren Käufern schöne Haut und glänzende Haare, eine bessere Verdauung, die perfekte Figur, entspannten Schlaf, mehr Leistungskraft, Muskelaufbau und was weiß ich nicht noch alles. Diese Mittel gibt es bevorzugt in Form von Pillen, Kapseln, Dragees, Pulver, Tees und Brausetabletten. Sie werden nicht nur im Supermarkt und im Einzelhandel angeboten, sondern ebenso in Bio-Läden, nur dass sie dort eben „biologisch“ hergestellt werden. Reformhäuser verkaufen fast nichts anderes. Auf diesem Markt der frei verkäuflichen Gesundheitsprodukte werden Milliardenumsätze getätigt. Es ist ein Markt mit enormen Wachstumszahlen. Für ihre Gesundheit geben immer mehr Menschen immer mehr Geld aus.

Von der Medizin, den Apotheken und der Pharma-Industrie will ich hier gar nicht erst groß reden, denn das wäre ein Thema für sich. Nur so viel, dass dieser Komplex uns systematisch an synthetisch hergestellte Produkte gewöhnt. Schon in jungen Jahren wird für den modernen Menschen die Einnahme von Pillen zur Selbstverständlichkeit. Ich kenne fast niemanden über 50, der nicht regelmäßig irgendwelche Medikamente schluckt.

Hier passiert schleichend eine tiefgreifende Veränderung, die insgesamt wenig beachtet wird. Wir gewöhnen uns daran, in unsinnlichen, unanschaulichen, abstrakten Begriffen von unserem Essen zu denken. Wir reden immer weniger von Äpfeln, Radieschen und Brezeln, dafür umso mehr von Vitaminen, Fettsäuren, Hormonen, Eiweißen und Kohlehydraten und genau das wird auf die Verpackungen außen auch aufgedruckt. Entsprechend verwandeln sich allmählich die Lebensmittel, die wir zu uns nehmen, in Pillen, Pasten und Tabletten. Zunehmend verdrängt die chemisch-synthetische Form die natürliche. Da wir am Gewohnten hängen, vollzieht sich diese Umorientierung allerdings recht langsam, scheibchenweise und über mehrere Generationen hinweg.

Wenn wir Wörter wie „Äpfel“ oder „Brezeln“ hören, verbinden sich damit in der Regel anschauliche Vorstellungen und Erinnerungen, die oft genug sogar körperliche Reaktionen auslösen. Manchmal läuft einem schon, allein wenn man ein bestimmtes Wort hört, das Wasser im Mund zusammen. Man glaubt, den Duft förmlich zu riechen, den Geschmack auf der Zunge zu spüren. Nichts davon trifft auf die Begriffe zu, die ein Lebensmittel auf seiner chemischen Basis beschreiben. Begriffe wie „Vitamin“ oder „Enzym“ lösen nur eine vage Vorstellung davon aus, dass die Einnahme der entsprechenden Produkte irgendwie gesund sein soll. Das liegt daran, dass Vitamine, Enzyme, Fettsäuren, Kohlehydrate nichts Wesenhaftes sind, sondern chemische Zusammensetzungen, die sich nur durch die Elemente gemäß dem Periodensystem voneinander unterscheiden. Und Elemente im Periodensystem wie Wasserstoff, Sauerstoff, Eisen, Kupfer unterscheiden sich letztendlich nur durch die Zahl der Elektronen und die Zahl der Protonen und Neutronen im Atomkern voneinander. Es ist ein rein numerischer Unterschied. Zahlen haben es an sich, dass sie so abstrakt sind, dass sie sich beliebig auf alles anwenden lassen, Zahlen wohnt absolut nichts Wesenhaftes inne.

Es gibt zwei Verfahren, Lebensmittel zu designen: entweder werden natürliche Lebensmittel denaturiert oder sie werden gleich synthetisch hergestellt. Als ich mit meinen Überlegungen soweit war, fiel mir auf, dass im Grunde genommen sämtliche Nahrungsmittel in meinem Supermarkt zumindest denaturiert sind: das reicht von Milchprodukten wie fettarmem Joghurt oder Vollmilch bis zu den Konserven und Nudeln. Nichts davon ist so, wie es in der freien Natur vorkommt. Und selbst Gemüse, Kartoffeln und Früchte sind nicht naturbelassen, sondern werden gedüngt, mit Herbiziden und Pestiziden geschützt, in Hydro- und Monokulturen gezüchtet. Natürlich sind Pflanzengemeinschaften aus verschiedenen Arten, deren Wurzelwerk unter der Erde so miteinander verflochten und mit Bakterien und Pilzen besiedelt ist, dass man nicht genau sagen kann, wo eine Pflanze aufhört und eine andere anfängt. In keinem Laden und auf keinem Markt der Welt gibt es wirklich Naturbelassenes zu kaufen.

Man kann zudem beobachten, dass der Anteil an sogenanntem Convenience Food, also an vorgefertigten Lebensmitteln, bei denen der Nahrungsmittelhersteller bestimmte Be- und Verarbeitungsstufen übernimmt, in den letzten Jahrzehnten massiv zugenommen hat. Das geht von Fertiggerichten über Tiefkühlpizza bis hin zu bereits gewaschenem und gezupftem Salat.

Außer Religion und Feuernutzung gibt es also einen weiteren grundlegenden Unterschied zwischen Mensch und Tier: der Mensch verändert seine Nahrungsmittel, bevor er sie verzehrt. Das hat schon vor Hunderttausenden von Jahren angefangen, als der Mensch das Kochen und Braten entdeckte. Das Verändern von Nahrungsmitteln ist keine Erfindung des Homo sapiens, sondern umgekehrt ist der Homo sapiens das Ergebnis stark veränderter Essgewohnheiten.

Parallel zu den kontinuierlichen Veränderungen, die in unseren Supermärkten stattfinden, läuft eine andere Entwicklung, die sich ebenfalls intensiv mit unserer Nahrung befasst. In meiner Jugend war es in bestimmten Kreisen schick, Vegetarier zu sein. Damals überschwemmten vegetarische Kochbücher den Markt und die ersten vegetarischen Restaurants erschienen auf der Bildfläche. Dieser Trend zum Vegetarismus war in aller Regel mit der Öko-Bewegung verknüpft und häufig spirituell angehaucht. Entsprechende Vorbilder gab es in der östlichen, vor allem indischen Spiritualität, dem Yoga, und natürlich im Buddhismus, der dank des 14. Dalai Lama im Westen eine neue Blütezeit erlebte.

Der vegetarische Mensch galt als reiner, bewusster, mitfühlender, spirituell weiter entwickelt als der Fleischesser, der rücksichtslos das grausame Töten von Tieren in Kauf nimmt, nur um sich genüsslich einen Fettwanst anzufressen. Man erkannte im Tier das leidende Mitgeschöpf, das ebenso wie der Mensch leben will, und stellte zudem meist falsche Berechnungen an, dass die vegetarische Lebensweise die einzige Möglichkeit wäre, um die zunehmende Weltbevölkerung zu ernähren.

Hinter der vegetarischen Lebensweise steckte häufig genug auch der spirituelle Traum vom unsterblichen Lichtwesen, das zu seiner Existenzerhaltung nur noch Licht bzw. reine Energie benötigt. Es ist eine Form magischen Denkens, dahingehend, dass man glaubt, durch den Verzicht auf jegliches Töten selber der Unsterblichkeit näher zu kommen. Andererseits ist dieser spirituelle Traum eine Absage nicht nur an den Körper mit seinen Zähnen und Verdauungsorganen, seinen Ausscheidungen, seinem Altern und seinen Krankheiten, sondern überhaupt eine Absage an die Natur und das Leben, das ohne Stoffwechsel nun mal nicht funktioniert. Der natürliche Stoffwechsel beinhaltet den Tod als Notwendigkeit, schließlich lebt ja eins vom anderen. Wer leben will, muss töten, lautet die Formel für Mensch und Tier. Doch nicht mal Pflanzen ernähren sich ausschließlich von Sonnenlicht und Wasser, sondern brauchen für ihr Gedeihen zusätzlich den Humus, der aus abgestorbenen Pflanzen und einer Mikrowelt aus Bakterien und Pilzen besteht.

An die Stelle des Vegetariers meiner Jugend ist heute der Veganer getreten, der gleich auf jegliche Nutzung von Tieren verzichtet, außer auf die, die in Medikamenten und Nahrungsergänzungsmitteln so gut versteckt ist, dass sie schon nicht mehr auffällt. Denn wenn die Veganer auch lieber auf synthetischen als auf Daunenkissen schlafen und Fleecejacken statt Wollpulli tragen, so verzichten sie doch nicht auf den medizinischen Fortschritt und auf all das, was als gesundheitsfördernd gilt, selbst wenn dieser Fortschritt mit Tierversuchen erkauft worden ist. Im Unterschied zum Vegetarier meiner Jugend ist der moderne Veganer synthetischen Produkten gegenüber jedoch viel aufgeschlossener und insgesamt technikfreundlicher eingestellt.  Vom Veganer zum Chemitarier ist der Weg nicht mehr sehr weit.

Ein Chemitarier ist meiner Definition nach ein Mensch, der auf chemischer Basis erzeugte, synthetische Nahrung natürlichen Lebensmitteln vorzieht. Ein Chemitarier ernährt sich also bewusst und mit guten Gründen lieber von Pillen, Pulvern, Kapseln, Pasten, Brausetabletten und Tees als von Fleisch und Gemüse. Es fehlt ihm auch nicht an guten Gründen für seine Entscheidung: zum einen kann er die Nährstoffzufuhr mit synthetischen Produkten weitaus gezielter als mit herkömmlicher Ernährung steuern und so seinen Bedarf akkurat abdecken. Bei dieser Art von Ernährung gibt es weder Mangel noch Verschwendung. Der Chemitarier nimmt auch keine Giftstoffe zu sich, was bei der heutigen Ernährungsweise so gut wie unvermeidlich ist. Bei konventionellen, mit Herbiziden und Pestiziden behandelten Erzeugnissen sowieso, aber auch der Bio-Anbau hat seine Tücken, beispielsweise ist hier die Verkeimung ein Problem. So nehmen seit 2001 die EHEC-Infektionen kontinuierlich zu, 2011 gab es gar eine durch verkeimte Sprossen ausgelöste Epidemie, an der in Norddeutschland 855 Menschen am Hämolytisch-Urämischen Syndrom erkrankten, wovon 53 starben. Wer sich synthetisch ernährt, braucht überdies keine Küche mehr und spart eine Menge Zeit, die ansonsten mit Kochen und Geschirrspülen verschwendet wird. Und last, not least tut der Chemitarier seiner Umwelt und dem Klima einen geradezu gigantischen Gefallen. Man stelle sich nur mal vor: rund 1,4 Milliarden Hektar Ackerfläche können an die Natur zurückgegeben und wieder aufgeforstet werden, wenn der Nährwert von Getreide, Reis, Soja, Kartoffeln, Fleisch und Gemüse in synthetisierter und komprimierter Form in Chemiefabriken hergestellt wird.

In der Geschichte der Menschheit lassen sich drei Entwicklungsphasen ausmachen. Zu jeder Phase gehört eine Technik oder eine technische Erfindung, die zu einem Paradigmenwechsel führt. Außerdem eine neue Art der Kommunikation, um die Abläufe im jeweilig neuen Paradigma zu organisieren. Und als drittes Element gehört zu jeder Phase eine tiefgreifende Veränderung der Ernährung und der Essgewohnheiten.

In der 1. Phase lernte der Frühmensch das Feuermachen und begann sich mittels Sprache zu verständigen, die weit über bloße Warn- und Grunzlaute hinausging. In dieser Phase löste das Kochen und Braten von Fleisch, Fisch und Gemüse die bisherige Rohkost ab. Da gebratenes und gekochtes Fleisch länger haltbar war als rohes, wurde die Jagd auf größere Tiere interessanter, der Fleischanteil in der Nahrung nahm entsprechend zu. Der Mensch war Jäger und Sammler.

In der 2. Phase begann der Mensch, mit Hilfe des Feuers Metall zu verarbeiten und Keramik herzustellen, was zur Sesshaftwerdung und Gründung von Städten führte. Um das frühe Stadtleben, die neu entstandenen Berufe und den Handel zu organisieren, erfand der Mensch die Schrift. Tiere wurden von jetzt an in Herden gehalten und Getreide und Früchte wurden angebaut und durch Selektion auf ihren Nährwert hin kontinuierlich verbessert. Der Mensch war Viehzüchter und Bauer.

In der 3. Phase, in der wir uns gerade befinden, löste die Erfindung der Dampfmaschine und des Verbrennungsmotors die Industrielle Revolution aus, und seither prägen industrielle Fertigungsprozesse unser Leben bis in die industrielle Nahrungsmittelproduktion und industrielle Landwirtschaft hinein. Die neue Kommunikationstechnik besteht in der Erfindung von Computern, der maschinellen Verarbeitung von Schrift und Sprache, mit einer umfassenden Digitalisierung sämtlicher Prozesse unseres Lebens. Die Ernährung wandelt sich vom Anbau zur Konstruktion von Lebensmitteln. Dazu gehört Gentechnik ebenso wie alle möglichen chemischen Verfahren. Der Mensch ist Lebensmitteldesigner.

Es ist noch nicht entschieden, wie die Änderung der Ernährung sich in der Realität konkret vollziehen wird. Noch sind wir mitten drin in der Entwicklung. Es kann durchaus sein, dass wir uns in eine neue Lebensform hineinentwickeln, die in ein paar tausend Jahren tatsächlich ohne Stoffwechsel auskommen und sich ausschließlich von synthetischen Produkten oder Energie ernähren wird. Möglich, dass der spirituelle Traum vom Lichtwesen schließlich auf diese chemische Weise in Erfüllung geht, werden doch alle spirituellen Träume stets auf technischem Weg verwirklicht. Es kann allerdings auch sein, dass dieses Projekt der Evolution namens Mensch vorzeitig zu einem Ende kommt und/oder an sich selbst scheitern wird. Es ist auch möglich, dass der Mensch zuguterletzt doch seine biologische Grundlage mit Stoffwechsel und Sterblichkeit als die glücklichere Lösung empfindet und sich dafür entscheidet.

Angesichts der Vielzahl der Vorzeichen halte ich es jedoch für wahrscheinlich, dass sich die Menschheit in absehbarer Zeit nur noch von synthetisch hergestellten Produkten ernähren wird. Aber bis dahin lasse ich mir mein Schnitzel und meine Pizza schmecken, mit einem Glas Rotwein zur Abrundung des Geschmackserlebnisses. Prost Mahlzeit!

20 Kommentare zu “Auf dem Weg zum Chemitarier

  1. Sicher ist nicht nur unsere Form der modernen Nahrung eine Lüge, sondern auch die Umgebung, in der wir die Nahrung aufnehmen, zumal ja unsere winterliche Beleuchtung mehr und mehr den Mittag eines Hochsommertages simuliert. Im Grunde geht es noch weiter, denn die Lüge aus Nahrung und Umgebung, die Raum und Zeit negiert, hat auf den Körper Auswirkungen, da dieser versucht seiner Natur treu zu bleiben. Dazu gehört aber auch sich an seine Umgebung anzupassen, wenn denn diese Umgebung von Dauer ist, was bei uns Menschen längst der Fall ist. Dumm nur, dass wir Symptome dieser Anpassung als Krankheiten deuten und auszulöschen bzw. zu unterdrücken versuchen. Unsere moderne Medizin ist überwiegend damit beschäftigt diese Symptome unserer Anpassung zu beseitigen. Daraus ergibt sich, dem Körper gegenüber, eine weitere Lüge, weil wir dem Körper einzureden versuchen, dass es diese Auswirkungen, die Folge der ersten Lüge sind, nicht gibt. Daher unser Harmoniebestreben unsererseits mittels technologischen Fortschritt. Harmonie, die darauf baut, dass eine doppelte Lüge wieder die Wahrheit ergibt. Und die Folge davon ? Wir behindern uns selbst auf dem Weg organische Technologie zu werden, weil wir bereits die Konsequenzen für unseren organischen Körper fürchten. Aus dieser Furcht entspringt die virtuelle Scheinwelt der Bits und Bytes. Quo vadis, Menschheit ? Pokemon Go, der digitale Hype in den Großstädten, lässt grüßen.

    Du erwähntest, dass keineswegs “Leere“ vorläge und das Informationssystem weiter funktioniert. Natürlich funktioniert ist, nur sind es zunehmend Daten, die ohne Bindung zum Leben, in dieses System eindringen, da wir Menschen versuchen dieses System zu “hacken“, in der Annahme ihm läge ein Algorithmus zugrunde, der sich kausal den Vorstellungen der Menschen vom Leben unterwerfen lässt. Nur wird dieser “Hack“ nach hinten losgehen, der Informationen wegen, mit denen das feine Netz des Lebens gewoben ist. Aber es gibt ja noch EINEN ANDEREN Lösungsweg 😉

  2. “Denn medizinisch betrachtet beinhaltet Fleisch keinen einzigen besonderen Nährstoff, der nicht über eine vegetarische Ernährung sicher gestellt werden kann.“

    Dieses Argument ist ein Trugschluss, da Nahrung nicht nur Transportmittel von Bausteinen ist, sondern ein Medium, welches den Körper in seine Umwelt einbindet und dergestalt informiert, dass Körperfunktionen nachhaltig gewährleistet werden. Ohne diese Informationen degeneriert der Körper nach und nach. Warum gibt es von Natur aus keine Veganer unter den Inuits ? Warum kann hierzulande jemand im Winter Früchte essen, die nur im Sommer hier wachsen ? Nur weil unser Fortschritt uns im Winter Äpfel aus Neuseeland auf den Tisch zaubert, heißt das nicht, dass das Mögliche auch für den Körper auf Dauer gut ist. Diese Äpfel erzählen dem Körper im Winter eine Lügengeschichte über den Zustand seiner aktuellen Umwelt. Das bringt dich nicht um, aber es ist ein kleiner Schritt, von vielen derart möglichen Schritten, die dich in Richtung chronischer Erkrankung führen, z. B. Diabetes.

    Nahrung ist in erster Linie ein Informationssystem, in der Form, was wann, wo, und wem zugänglich ist. Doch unser Fortschritt mit all seinen Möglichkeiten hat dieses System komplett verzerrt bzw. ist dabei es gänzlich zu verzehren.
    Nahrung regelt von Natur aus die Dynamik, die wir Leben, mit all seinen Populationen, nennen. Nur deshalb breitet sich die Population der Menschen derart aus, weil unser Fortschritt uns aus dieser Dynamik herauszuhalten vermag … allerdings nicht ohne doch Probleme unsererseits zu bekommen – besagte Zivilisationskrankheiten.

    Zudem ist Nahrung, von Natur aus, die Basis dafür, empfänglich für die natürliche Dynamik zu sein, über unser Mikrobiom im Darm, welches Einfluss auf unsere kognitiven Fähigkeiten hat. Du nimmst die Welt in dem Sinne wahr, wie du isst, könnte man zusammenfassend sagen. Natürliche Nahrung ist die Muttersprache des Lebens, die wir Menschen mehr und mehr verlernen …

    • Ich sehe es ganz genau so, dass der Stoffwechsel ein Informationssystem ist, das den Einzelnen in seine jeweilige Umwelt einbindet. Aber es ist noch etwas komplizierter. Die neuseeländischen Äpfel im Winter würden dem Körper eine Lügengeschichte erzählen, wenn der Mensch noch in einer natürlichen Umwelt mit ihren Jahreszeiten zu Hause wäre. Der heutige Mensch bewegt sich aber in einer von Industrie und Technik geprägten Umwelt, die unseren Zellen in gewisser Weise ebenfalls Lügen erzählen. So hält sich der moderne Mensch im Winter überwiegend in geheizten Räumen auf. Der Apfel aus Neuseeland erzählt dem Körper von der gegenwärtigen Sonne aus Neuseeland, der geheizte Raum erzählt von der Verbrennung von Kohle und Öl. Die Verbrennung von Kohle und Öl setzt Sonnenlicht aus vergangenen Zeiten frei, löst also die Zeitgebundenheit auf. Der Apfel aus Neuseeland hingegen löst die räumliche Beschränkung auf. Raum und Zeit fallen in der Wahrnehmung auf Körperebene plötzlich zusammen und werden zur relativen Raumzeit. Die Relativitätstheorie ist also nichts anderes als ein Schattengebilde dieser körperlichen Wahrnehmung. Die Nahrung, die wir derzeit zu uns nehmen, erzählt uns, dass der Mensch ein raum- und zeitloses Wesen ist, und das ist genau die spirituelle Erfahrung, die der heutige Mensch in der Meditation macht.

      Der Mensch ist nicht mehr zeitlich und lokal eingebunden. Er ist nicht mehr in sich selber zu Hause, wie das ein Tier ist. Diese Aus-sich-selber-Herausgerissensein wird durch die Vertreibung aus dem Paradies symbolisiert und dahin können wir nicht mehr zurückkehren. Die Engel mit dem Flammenschwert lassen das nicht zu. Die Flamme steht fürs Feuer und das Schwert für den Schnitt. Durch den Umgang mit dem Feuer ist der Mensch eben gerade kein Tier mehr, deshalb kann man die Kriterien, die für ein Tier gelten, nicht mehr auf ihn anwenden. Wir sind als Menschen erst dabei herauszufinden, welche Kriterien für uns gelten.

      Kommt hinzu, dass ein großer Teil unserer Nahrung heute industriell gefertigt ist. Die Nahrung ist nicht „leer“, wie Du glaubst, sondern erzählt von diesem industriellen Fertigungsprozess. Deshalb ist der Mensch zunehmend davon überzeugt, dass er organische Technik ist, und er verwandelt sich ja tatsächlich in organische Technik, weil auf der materiellen Ebene eben gerade nicht gelogen wird. Das Informationssystem funktioniert nach wie vor, bloß wollen wir nicht wahrhaben, was es uns eigentlich erzählt, nämlich dass wir dabei sind, uns vom Leben und der Natur abzuwenden. Stattdessen glauben wir lieber, dass Bewusstsein die Materie kreiert und Lebewesen ihrer wahren Natur nach raum- und zeitlos sind.

      Der springende Punkt ist: Leben und Natur sind ewig und erneuern sich immer wieder im Sinne von Cradle to Cradle, Feuer verzehrt sich selber und erlischt. Und genau das verwechseln wir. Wir halten Feuer und Licht für ewig und Leben und Natur für was Vorübergehendes.

      „Du nimmst die Welt in dem Sinne wahr, wie du isst …“ Bingo! Genauso ist es.

  3. Nahrung aus dem Labor ist keine Lösung für uns Menschen, wohl aber eine Loslösung des Lebens von uns Menschen, sprich, eine Möglichkeit für das Leben uns Menschen loszuwerden. Nahrung ist von Natur aus ein Medium, um Lebewesen mit dem Informationsgehalt der Sonne zu nähren, um Lebendigkeit bewahren zu können. Je weniger Nahrung als ein solches Medium fungieren kann, wie z. B. “Nahrung“ aus dem Supermarkt, desto weniger Informationen werden vermittelt, desto mehr der sogenannten chronischen Zivilisationskrankheiten entstehen, in Form von Fehlinformationen. “Nahrung“ aus dem Labor ist somit gänzlich informationslos. Die Folge wäre folgenreich für uns Menschen. Je mehr die Sonne aus der Nahrung schwindet und zyklische Zusammenhänge der Jahreszeiten keine Rolle mehr spielen, desto unmenschlicher wird die Nahrung. Bleibt nur die Anpassung des Menschen an diese “Nahrung“, die er aber als Mensch nicht überleben wird. Folgenreich, in der Tat. Aber vielleicht ein Segen für das Leben ?

    Nahrung ist weit mehr als die Summe der Nährstoffe, die in einer Tabelle in Gramm und Prozent unterteilt werden.

    Ich melde mich die Tage mal per Mail …

    • Ja, klar: die ganze Entwicklung läuft darauf hinaus, dass wir unsere biologische Basis verraten und uns von dem, was normalerweise unter Leben oder Natur verstanden wird, loslösen. Das ist ja eben die Vercyborgisierung. Mit Nahrung aus dem Labor werden wir noch mehr zu Cyborgs als wir jetzt schon sind.

      Unser Verdauungssystem ist in der Tat ein Informationssystem. Es hat ja seinen Grund, warum um den Verdauungstrakt nochmal so viele Nervenzellen angeordnet sind wie im Gehirn, bloß eben in dezentraler Form. Die chronischen Zivilationskrankheiten sind einerseits Fehlinformationen, einverstanden, aber sie sind andererseits auch eine Methode, den Menschen gaaanz langsam an synthetische Nahrung zu gewöhnen. Schließlich glauben ja die allermeisten Leute, dass Pillen ihnen helfen und der Gesundheit zuträglich sind, obwohl Pillen ja eben gerade nicht die Informationen haben, von denen Du sprichst, also in Deiner Definition von „Mensch“ bereits „unmenschlich“ sind.

      Die meisten Leute behandeln Medikamente wie religiöses Kultgut und bewahren sie als Heiligtümer in Schächtelchen auf, wie Hostien in Kelchen. Krankheit hat die Funktion, die Menschen in den Industriekomplex einzugliedern. Es ist ja nicht zufällig, dass gerade die Schulmedizin den Körper wie eine Maschine behandelt, die gefälligst zu funktionieren hat. Als biologisches Wesen werden wir die Anpassung an die synthetische Nahrung nicht überleben, aber vielleicht als organische Technik. Und darauf bewegen wir uns als Menschen zielstrebig zu. Aber vielleicht macht genau das unser menschliches Wesen aus. Durch den Umgang mit dem Feuer sind wir nicht mehr als biologisches Wesen angelegt, sondern als was Neues: als biologisches Wesen, das mit einer anorganischen Kraft, die Leben zerstört, verschmilzt. Diese Unvereinbarkeit, gleichzeitig Bios und Anti-Bios zu sein, macht uns als Menschen aus. Wenn was dabei herauskommt, dann was vollkommen Neues, was es in der Natur so bislang nicht gegeben hat. Aber genau das ist Evolution: Neues hervorzubringen, was es vorher nicht gegeben hat. Möglicherweise scheitert das Projekt, wie Du annimmst. Ich bin mir da nicht so sicher.

      Ich freue mich auf Dein Mail …

      • “Aber genau das ist Evolution: Neues hervorzubringen, was es vorher nicht gegeben hat.“

        Aber nur, wenn Kontext bewahrt bleibt und somit keine entwurzelter Raub von Energie nötig ist, um das Neue hervorzubringen – Neues, welches von Natur aus auf bereits Bestehendem aufbaut. Das Projekt scheitert am Timing, denn wenn die ANDEREN schneller verschwinden, als wir EINEN umdenken, verschwindet beides …

      • Die Bindungen auf atomarer, molekülarer, organischer und psychischer Ebene – und vielleicht gibt es noch weitere Ebenen, von denen wir keine Ahnung haben – ergeben alle zusammen den Kontext. Ständig bauen sich Bindungen auf und zerfallen wieder. Diese Bindungen sind sozusagen die Kehrseite des Teppichs, der auf der anderen Seite die Welt ist. Die Dynamik in diesem Bindungsgeschehen bringt Neues hervor. Es ist aber doch so, dass wir als Menschen immer erst hinterher begreifen, warum es zu welchem Wandel gekommen ist und oft begreifen wir es überhaupt nicht, sondern uns bleibt nur das Staunen. Unserer Art zu denken ist es nicht gegeben, den Wandel vorhersagen zu können. So gut wie alle Vorhersagen, die der Mensch macht, treffen nicht ein. Das könnte uns allmählich doch schon zu denken geben. Deshalb können wir unsere Rolle in dem Gesamtgeschehen auch nicht mit Sicherheit erkennen, sondern nur Vermutungen drüber anstellen. Die Vermutungen, die Du anstellst, haben eine gewisse Wahrscheinlichkeit, aber mehr ist es nicht.

        Deshalb spiele ich daneben auch noch mit anderen Szenarien. Wenn ich davon ausgehe, dass Leben sich eben als Bindungsgeschehen ausdrückt, ist auch das, was uns unbelebt erscheint, in gewisser Weise lebendig, nur haben wir als Menschen bis jetzt (?) keinen Zugang dazu. Es ist möglich, dass sich in diesem Bereich einer Verschmelzung von Affe und Feuer etwas Neues entwickelt, das wir uns eben nicht vorstellen können. Es ist möglich, dass eine weiterevoluierte Menschheit eines Tages zu den Sternen aufbricht oder die Erde sich auffaltet oder das Universum sich einfaltet. Wenn auch so was möglich ist, wäre es dann nicht falsch, wenn wir „umdenken“ würden? Oder anders: denken wir nicht dauernd um? Aufgrund unseres Umgangs mit dem Computer fangen wir heute an, die Welt als vernetztes System zu begreifen. Vor 200 Jahren war die Welt für uns ein Uhrwerk. Davor Gottes wunderbare Schöpfung oder das Pfuschwerk eines Demiurgen.

        Mal angenommen, die Menschheit würde insgesamt auf die Öko-Bewegung einschwenken. Nachhaltiges Wirtschaften und Gewaltfreiheit wären die einzigen Ziele, die künftige Menschen noch verfolgen. Kleingeschriebene Harmonie. Das kann es ja wohl nicht sein.

        Vielleicht stellt sich der Energieraub auf der Kehrseite des großen Teppichs namens Welt ja ganz anders dar. Vielleicht muss der als Erdöl und Kohle gebundene Kohlenstoff ja in irgendeiner Weise wieder freigesetzt werden. Und weil wir Menschen das tun, retten wir genau damit die Welt und reden uns nur ein, dass wir sie zerstören, weil wir uns vor Angst ständig in die Hose machen.

  4. Interessanter Text.

    In der Tat ist heute nahezu nichts was im Supermarkt zu finden ist noch natürlich. Der Begriff natürlich wird gerne mit positiven Merkmalen assoziiert, doch nicht alles was natürlich ist, ist automatisch gut und genauso wenig ist alles was unnatürlich ist automatisch gut. Das kommt auch immer wieder auf den Einzelfall an.
    Ein bekanntes Beispiel wäre das bekannte Jodsalz. Ohne den Zusatz durch die Nahrungsmittelindustrie hätten die meisten unter uns einen Jodmangel. Und damit dann ein schönes Struma, weil die Schilddrüse dann hypertrophiert um noch genug T3 und T4 zu produzieren.

    Was ich mich an anderer Stelle jedoch frage ist wie man auf den Begriff des Chemitariers kommt?
    Die ganzen Zusatzpräparate gibt es ja nicht erst seit es Veganer gibt, sondern schon lange davor primär für die sich nicht vegan ernährende Population.
    Davon abgesehen, den einzigen Nahrungszusatz, den man als Veganer nehmen muss ist Vitamin B12. An dieser Stelle sei dann damit einhergehend auch gleich erwähnt, dass es natürliches B12 heute nicht mehr gibt. Denn die sogenannten Nutztiere erhalten heutzutage auch B12-Nahrungszusätze ins Futter. Insofern ist das in meinen Augen gehupft wie gesprungen. Gesünder ist es meiner Ansicht nach da sogar das Nahrungsergänzungsmittel direkt einzunehmen.

    Was mich in Sachen Synthetik auch auf den nächsten hier erwähnten Punkt bringt: Medikamente.
    Wenn jemand Typ 1 Diabetiker ist und seit seiner Kindheit Insulin spritzen muss, so sollte dieser Mensch der „Logik“ wegen natürlich niemals Veganer werden.
    Jemand, der vegan lebt und an Krebs erkrankt sollte dieser „Logik“ halber dann besser sterben, statt sich einer Chemotherapie zu unterziehen.

    Ich kann über der Hinweis als Veganer Medikamente zu nehmen sei inkonsequent nut mit dem Kopf schütteln. Denn weder entkräftet, noch bestärkt es warum es besser sein soll Tierprodukte zu konsumieren.

    Zum hier erwähnten Punkt man könne nicht leben ohne anderes Leben zu töten: Doch. Gerade medizinisch betrachtet haben wir Menschen heute die Wahl. Wir können unseren Nährstoffbedarf über eine vegane Ernährung sichern, ganz ohne den Konsum von Tierprodukten.
    Wenn das also möglich ist, rein logisch betrachtet und ohne Emotionen: Wenn man seinen kompletten Nährstoffbedarf ohne Tierprodukte decken kann, warum dann welche essen?

    Lg Cordula

    • In dem Artikel ging es mir darum, dass der Mensch seine Nahrung verändert, seit es ihn gibt. Und natürlich gibt es schon lange Nahrungsergänzungsmittel. Für unsere Urgroßeltern war ein Glas Rotwein mit einem rohen Ei drin ein Stärkungsmittel. Wenn es bei Dir so ankam, dass Nahrungsergänzungsmittel extra für Veganer konzipiert werden, dann ist das ein Missverständnis. Es ist umgekehrt: Veganer kann man erst in einer technisch hochgerüsteten Welt werden, in der es Nahrungsergänzungsmittel und hochgezüchtete Pflanzen gibt.

      Ich wollte darauf hinaus, dass wir vermutlich vor einer grundsätzlichen Änderung unserer Essgewohnheiten stehen, indem wir schrittweise vom Anbau von Lebensmitteln zu deren Konstruktion im Chemielabor übergehen. Chemitarier ist ein Wortspiel aus Chemie statt dem Wortstamm Veg- (Leben) und -tarier wie aus Rotarier, Vegetarier, Parlamentarier.

      Diabetes und Krebs sind Krankheiten, die mit gentechnisch veränderten Substanzen respektive Chemie behandelt werden, enthalten also nicht direkt Tierprodukte. Aber der Veganer muss sich klar machen, dass diese Medikamente im Tierversuch getestet wurden und er also ein Produkt konsumiert, für dessen Herstellung erhebliches Tierleid in Kauf genommen wurde. Wie ist es übrigens mit einer Herzklappe vom Schwein? Würde ein Veganer sich eine solche Herzklappe einpflanzen lassen? Ich sage nicht, dass der Veganer sich nicht behandeln lassen soll, sondern dass er seinem eigenen Anspruch, niemals Tierprodukte zu konsumieren, nicht ganz gerecht wird, wenn er Medikamente nimmt, denn der Verschleiß von Tieren ist ja bereits im Medikament enthalten. Ohne Verschleiß von Tieren gäbe es das Medikament ja eben gar nicht. Wenn es dem Veganer drum gehen sollte, ohne Töten von Tieren existieren zu wollen, so ist das eine Utopie: 1) werden beim Pflügen eines Getreidefeldes massenhaft Mäuse und Kleintiere getötet und 2) ist unsere Lebensweise als Ganzes so tödlich für Tiere, dass der Mensch für das sechste große Artensterben verantwortlich ist. Und nochmal: Der Veganer ist ein Typus, der sich nur in einer technisch so hochgerüsteten Welt wie der unseren herausbilden kann. Entsprechend sind die meisten Veganer auch in Städten zu finden.

      Auch Pflanzen sind Lebewesen und in gewisser Weise müssen sie was fühlen, denn sonst würden sie Wunden nicht überwallen und sich auch nicht dem Sonnenlicht entgegenrecken. Sie haben kein Nervensystem wie Menschen und Tiere, aber ein ziemlich ausgefeiltes chemisches Kommunikationssystem. Pflanzen sind uns nur wesentlich fremder als Tiere, aber davon das Recht abzuleiten sie zu essen, ist genauso fragwürdig wie das Recht, das Fleischesser für den Konsum von Tierprodukten beanspruchen. Warum ist ein Tier so viel mehr wert als eine Pflanze? Warum darf man das Leben einer Pflanze zerstören und das eines Tiers nicht? Wer entscheidet darüber? Was für Gründe gibt es für eine solche Wertung? Ein Veganer nimmt immer noch getötete Pflanzen zu sich und entsprechend gibt es den Frutarier, der sich dieser Problematik bewusst ist und sich entsprechend nur von Früchten ernährt, die sowieso vom Baum fallen.

      Wenn es also rein logisch möglich wäre, seinen Nährstoffbedarf ganz ohne Tier- und Pflanzenprodukte zu decken, warum dann Tiere oder Pflanzen essen? Das ist die Frage, die sich der Chemitarier stellt. Es wird ja feste daran gearbeitet, Nahrungsmittel direkt aus dem Periodensystem der Elemente herzustellen, das heißt, aus Unbelebtem. Also muss der künftige Mensch eben auch keine Pflanzen mehr töten.

      Geistige Strömungen, die sich in einer Linie vom Vegetarier über den Veganer zum Frutarier bewegen und die technischen Möglichkeiten, Nahrungsmittel im Labor zu synthetisieren, werden mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit dazu führen, dass sich der künftige Mensch, sobald die Möglichkeiten da sind, fürs Chemitariertum und gegen jedes Töten entscheidet. Zumal das Chemitariertum ja wie im Artikel beschrieben auch noch andere Vorteile hat. Ich habe in meinem Artikel bisherige Entwicklungslinien nur noch ein Stück weiter geführt.

      • Was ich mich beim Hinweis auf Nahrungszusätze frage ist warum du dir explizit Veganer heraus suchst?
        Ich stimme dir zu, vegan leben ist erst Dank der Moderne möglich. Und natürlich ist es auch nicht. Doch wenn es dir um die allgemeine Entwicklung geht, dann wäre es auch sinnig genau dabei zu bleiben. Denn wie gesagt, der Hauptanteil der im freien Handel verfügbaren Nahrungsergänzungsmittel sowie Fastfood-Angebote (verarbeitete Lebensmittel, gespritztes Obst, Monokulturen inklusive) existiert wegen der sich mischköstlich ernährenden Bevölkerung.
        Insofern habe ich das schon verstanden, nur bezieht sich dein Text gen Mitte bis Ende dann doch stark auf Veganer und rückt vom Allgemeinen weg.

        Nun ja, der Hinweis auf den Gebrauch von Medikamenten (sowie andere Beispiele) und den damit einhergehenden Einsatz von Tierversuchen bzw. den Inhalt von Tierprodukten halte ich für kontraproduktiv und wenig sinnig. Denn als Veganer behaupte ich nicht komplett leidfrei oder tierproduktfrei zu leben. Das geht schon allein wegen der Gegebenheiten unserer Gesellschaft nicht. Sich an solchen Aspekten festzuhalten ist meiner Ansicht nach auf Kleinigkeiten herum reiten und führt im Großen und Ganzen innerhalb von Gesprächen zu nichts.

        Ich fahre Auto, dabei können Fliegen an meine Windschutzscheibe knallen. Sollte ich nun deshalb, weil ich nicht vollkommen leidfrei leben kann, besser full slaughter gehen und ein Billig-Schnitzel aus Massentierhaltungsproduktion essen? Scheint logisch, denn würde ich alles essen, würde man mich nicht auf die Konsequenzen des Autofahrens in Bezug auf Insekten hinweisen. Dann würde man mir auch nichts von Hasen, die beim Umpflügen ihr Leben lassen erzählen und man würde mir auch nicht auf die Sache mit den Medikamenten hinweisen.

        Das Circle of Life-Argument ist in diesem Zusammenhang ja schön und gut. Aber wie gesagt, es ist wenig sinnig.
        Das ist wie folgendes Szenario:
        Ein Mensch trennt Müll, wegen der Umwelt. Ein anderer, der seinen Müll nicht trennt sagt zum Mülltrenner, dass das er nicht leben kann ohne Müll zu produzieren. Davon abgesehen läge die Straße weiter unten haufenweise Müll herum. Außerdem die Tat eines Einzelnen wird in Sachen Umwelt auch nicht viel anrichten.

        Was soll derjenige, der seinen Müll trennt jetzt tun?
        Er wird hier kritisiert, dass er seinen Müll trennt, während der andere das nicht tut. Soll er es jetzt genauso machen wie der andere und aufhören seinen Müll zu trennen und auf nichts achten?

        Zum Hinweis auf Mäuse und Getreide:
        Als Mischköstler hast du mehr tote Tiere auf dem Gewissen als der Veganer. Die Tiere, die für Tierprodukte sterben UND die Tiere, die beim Umpflügen drauf gehen. Damit sei auch gesagt, dass der Hauptanteil der Weltgetreideernte in die Tröge der Nutztiere fließt. Also, wenn ein Mischköstler in der Endbilanz dieser Umstände mehr Tierleben (Klein- UND Großtiere) auf dem Gewissen hat, inwiefern macht dieses Argument dann Sinn?
        (Da gibt es ein paar Artikel von Urgeschmack sowie IFL Science, die das mal veröffentlicht haben, dass Veganer mehr Blutvergießen auf dem Gewissen hätten als Mischköstler. Diese Theorie ist jedoch falsch und auch wiederlegt.)

        Zu Pflanzen:
        Auch hier hast du als Mischköstler in der Gesamtbilanz mehr Pflanzenleben auf dem Gewissen als der Veganer. Insofern, wenn dir Pflanzen so am Herzen liegen, dann ist das eher ein Argument dafür Veganer zu werden.

        Zu weder Pflanzen noch Tiere essen:
        Das wird mir zu philosophisch. Wo wir dann wieder beim Circle of Life-Argument wären.
        Niemand kann leben ohne Leid zu verursachen, irgendwas muss man essen. Doch die Wahl zwischen Mischkost und veganer Kost, dank der Moderne, ist ähnlich
        wie die Wahl zwischen Müll trennen und Müll auf die Straße schmeißen.

        Lg Cordula

      • Ich habe den Eindruck, dass Du Dich als Veganerin irgendwie durch den Artikel angegriffen fühlst und den Veganismus rechtfertigen willst, aber darum geht es doch gar nicht. Sondern es geht drum, in der Gegenwart bestehende Tendenzen in die Zukunft zu prolongieren, um mir auszumalen, wie die Zukunft der Menschheit aussehen könnte. Und da halte ich es eben für möglich, dass der Mensch sich in Zukunft irgendwann ausschließlich von Produkten aus dem Chemielabor ernähren wird.

        Der Veganer unterscheidet sich vom Vegetarier, dass er bestrebt ist, Tieren noch weniger Leid zuzufügen, indem er auch auf Eier, Honig und dgl. mehr verzichtet. Der Frutarier unterscheidet sich vom Veganer, dass er auch das Leid der Pflanzen im Blick hat. Der Chemitarier treibt diese Denkweise der Leid-Verhinderung nur noch ein Stück weiter. Insofern sind Vegetarier, Veganer, Frutarier als Vorstufen des Chemitariers zu sehen. Ich habe im Artikel den Veganer mit dem Vegetarier verglichen, um die Verschärfung der Position zu illustrieren. Der Veganer ist in seinem moralischen Anspruch rigider als der Vegetarier. Und Veganer beherrschen derzeit die Medien, nicht Vegetarier oder Frutarier.

        Die Position des Veganers lässt sich aber eben auch noch mehr verschärfen, indem man Tierversuche, die zerquetschten Fliegen an der Autoscheibe, das Schreddern von Mäusen auf dem Getreidefeld, die Massenhaltung von Pflanzen, das Töten von Pflanzen ebenfalls als Leid sieht und es zu verhindern sucht. Und das ergibt dann das Argument, dass Chemitarismus in Sachen Leid-Verhinderung den Veganismus übertrifft.

        Du hast Recht damit, dass ich in dem Artikel zwei unterschiedlichen Gedankengängen folge.
        Der eine Gedankengang ist der mit dem Supermarkt und den Pillen als beobachtbare Tendenz, der andere ist der mit dem Veganismus als beobachtbare Tendenz. Diese beiden Gedankengänge führe ich zunächst getrennt aus. Wenn man sie dann zusammenführt, kommt bei meinen Überlegungen als Schnittpunkt der Chemitarier heraus.

        Es geht mir in dem Artikel nicht drum, den Richter über verschiedene Moral- und Ernährungsvorstellungen zu spielen, sondern darum, wie sich neben technischen Möglichkeiten, wozu das Herstellen von synthetischen Nahrungsmitteln gehört, auch „geistige“ Trends wie Veganismus in und als Zukunft niederschlagen. Eigentlich könntest Du Dich doch auch drüber freuen, dass ich den Veganern mehr Einfluss auf die Zukunft einräume als den Carnivoren 🙂

        Ich halte den Veganer weder für „besser“ noch „schlechter“ als den Carnivoren, sondern für eine von mehreren Möglichkeiten, wie der einzelne Mensch sein Leben gestalten kann. Ich gestalte mein Leben anders als Du, aber das beinhaltet keinen Appell an Dich, meinem Beispiel zu folgen. Ich esse Fleisch und Tierprodukte und ich habe meine guten Gründe dafür, so wie Du Deine guten Gründe fürs Veganische hast. Das ist doch okay, oder? Ja, vermutlich bin ich für mehr getötete Pflanzen und Tiere verantwortlich als Du. Ich akzeptiere das Stoffwechselgeschehen und damit auch, dass ich töte, um zu leben. Leid und Tod ist für mich nicht identisch. Dieser Vergleich, wer jetzt mehr „Tote“ auf dem Gewissen hat, hat was von einem Wettbewerb, und davon halte ich nichts. Ich esse das, von dem ich das Gefühl habe, dass es gut und richtig für mich ist. Ich glaube nicht, dass für alle Menschen dieselbe Ernährung passt.

      • Angegriffen fühle ich mich in keinster Weise. Vielmehr sind die von dir hier erwähnten Gedankengänge Medikamente etc. Dinge, die man als Veganer öfter
        mal zu hören bekommt und die ich, auch in Hinblick auf die Überlegung wie das Essverhalten des Menschen in Zukunft aussehen könnte, schlichtweg für unsachlich
        halte.

        Allgemein gesprochen denke ich nicht, dass die Zukunft im Chemielabor besteht.
        Realistisch betrachtet gibt es mehrere Möglichkeiten. Eine davon könnte sein und das sagen auch Prognosen, dass sich der weltweite Fleischkonsum verdoppelt,
        und dass wir irgendwann keine Regenwälder mehr haben. Das wiederum führt zu Artensterben, wodurch dann der Klimawandel begünstigt wird und die Ressourcenverschwendung um Tiere zu mästen dazu führt, dass Wirtschaftssysteme in Drittländern zunehmend zerstört werden usw.
        Realistisch ist auch, dass die durch den Menschen genutzten Fischbestände in den nächsten Jahrzehnten (so ca. 30-40 Jahre) vollkommen leer gefischt sind usw.

        Also das Szenario wir Menschen machen so weiter wie heute und leben halt dann mit den dadurch entstehenden Konsequenzen (die halt nicht gerade prickelnd sind.)

        Zweites Szenario wäre, dass wir umdenken. Das kann nach Szenario eins passieren oder schon davor.
        Doch bis zum Chemielabor, das bedürfte einige Jahrhunderte. Und von dieser Überlegung sind wir nach aktuellem Stand doch noch sehr, sehr weit entfernt.

        Das hat auch nichts mit einem Wettbewerb zu tun wer mehr Leid verursacht als der andere.
        Wenn du von Kleintieren beim Umpflügen und Pflanzenleid sprichst, dann ist es vielmehr eine sachliche Feststellung, dass derjenige, der alles isst mehr Leid in Bezug auf diese Aspekte verursacht als der Veganer. Und da frage ich mich dann halt schon nach dem Sinn dahinter?

      • Ich habe für Dich nochmal ein paar „unsachliche“ Argumente 🙂

        Innerhalb meiner Generation hat sich die Weltbevölkerung mehr als verdoppelt und den Prognosen nach wird sie nochmal um drei weitere Milliarden ansteigen.
        Und Deutschland jammert, weil in diesem Land so wenige Kinder geboren werden und deshalb der Rentenfinanzierung die Basis entzogen ist!
        Es ist also kein Wunder, dass neben dem Getreide- auch der Fleisch- und Fischkonsum zunehmen. Sechs von sieben Milliarden Menschen leben unter Bedingungen, dass sie sich die Frage, was sie essen, gar nicht stellen können, sondern essen, was sie eben kriegen. Die explosionsartige Zunahme der Weltbevölkerung ist der industriellen Produktion zu verdanken. Mit „Bio“ bekommt man die Ernährung der Weltbevölkerung nicht hin, weil biologisch betriebene Anbauflächen nur zwei Drittel des Ertrags erbringen wie industriell betriebene, zumindest was Getreide und Reis angeht. Bei Gemüse und Früchten sieht es anders aus, aber im Vergleich mit Getreide und Reis machen Gemüse und Früchte nur einen geringen Anteil aus. Weltweit gesehen, fressen 80% der Rinder bloß Gras, und auf Grasflächen wächst kein Getreide, weil die Böden das nicht hergeben. Schweine und Hühner werden zum Großteil mit angebauten Produkten gefüttert, wobei beim Mais auch Pflanzenteile verfüttert werden, die der Mensch nicht verträgt, da gibt es also überlappend Doppelnutzung. Was Schweine und Hühner angeht, wär’s in der Tat ein Zugewinn an Nahrung, die Fleischproduktion wesentlich zu verringern, bei Rindern und Fisch nicht. Für den biologischen Anbau braucht man überdies Dünger, der von Tieren stammt, Gründüngung genügt nicht.

        Sechs von sieben Milliarden Menschen wollen zudem das, was für Dich eine Selbstverständlichkeit ist: eine Wohnung, ein Auto, eine Waschmaschine. Aus Gründen der Gerechtigkeit müssen wir den abgehängten sechs Milliarden zugestehen, dass sie erstmal zu unserem Lebensstandard aufholen. Wir haben kein Recht, diesen Menschen vorzuschreiben, was sie essen sollen. Angesichts unserer eigenen Luxus-Situation haben wir auch kein Recht, diese Menschen zu erziehen. Sondern wir müssen diese Menschen ihren eigenen Weg gehen lassen.

        Um die Probleme zu lösen, vor die die Menschheit gestellt ist, ist der Veganismus von ein paar Millionen im Überfluss lebender Menschen nicht die adäquate Maßnahme. Ernährung aus dem Chemielabor hingegen schon. Vielleicht geht der Weg so, dass zuerst Tierfutter vollsynthetisch hergestellt wird. Das würde auf einen Schlag eine ganze Anzahl unserer Probleme lösen. Versteh mich bitte nicht falsch: ich bin kein Anhänger von synthetischer Nahrung, ich sehe bloß keinen anderen Weg. Und dieser mehr oder weniger spirituellen Richtung der Gewaltfreiheit, die sich derzeit als Veganismus äußert, müsste meiner Ansicht nach Chemienahrung auch entgegenkommen. Angesichts der Tatsache, dass der Mensch für alle seine Probleme immer nur technische Lösungen findet, dürfte dies das Naheliegendste sein und schneller gehen als eine „Umerziehung“ des Menschen. Seit Tausenden von Jahren erziehen die Vertreter spiritueller Wege wie das Christentum an den Menschen herum und sie haben genau das Gegenteil von dem erreicht, was sie predigen.

        Wenn es Veganern schmeckt, was sie essen und es ihnen gut tut, finde ich das voll okay. Mir schmeckt vieles nicht und diese Einseitigkeit tut mir auch nicht gut. Für mich wäre es Selbstbestrafung, wenn ich vegan leben müsste. Veganismus, um die Welt zu retten, ist eine nicht zum Ziel führende Maßnahme, wenn ich alle „unsachlichen“ Argumente mal nüchtern und nicht durch die ideologische Brille hindurch betrachte.

        Veganismus als Selbstkasteiung, Selbstbestrafung oder Buße lehne ich jedoch rundweg ab, ebenso wie ich es ablehne, mich selbst zu geißeln, um „erlöst“ zu werden oder die Welt zu retten. Ich muss mich nicht dafür bestrafen, dass es mich gibt, denn für meine Existenz kann ich nichts. Und für die Existenz von weiteren 7,5 Milliarden Menschen kann ich ebenso wenig. Der Sinn des Lebens besteht für mich nicht darin, sich ständig zurückzunehmen und sich den Lebensgenuss zu versagen und das aus Gründen heraus, für die man nicht verantwortlich ist. Ich lehne es ab, mein Leben von einem eventuell drohenden Weltuntergang dominieren zu lassen. Was nicht heißt, das ich mich jetzt für Maßlosigkeit und Völlerei stark mache. Ich bin durchaus für ein maßvolles Leben, aber nicht aus Gründen der Weltrettung.

      • Was ich mich frage: Was hat die geminderte Geburtenrate Deutschlands mit dem Anstieg der Gesamtpopulation und der Frage nach der Resourcenverteilung zu tun?

        Dann wie kommst du auf 6 Mrd. Menschen?

        Desweiteren, wenn du selbst sagst, dass die Nachfrage nach Nahrung ansteigen wird, inwiefern macht es dann Sinn als Mensch in der ersten Welt auf einem globalisierten Supermarktangebot und damit einhergehend Tierproduktekonsum aus Massentierhaltung zu beharren?
        Ich meine, dem Menschen in der dritten Welt, den du hier erwähnst macht auch niemand rinen Vorwurf, der hat nicht den Luxus sich seine Ernährung aussuchen zu können. Du aber schon. Oder etwa nicht?

        Davon abgesehen, was hat Veganismus mit Ideologie oder Esotherik bzw. Religion zu tun?
        Für mich ist es mehr eine logische Konsequenz. Für Eier werden heute Küken geschreddert, ich finde das doof, also ziehe ich die Konsequenz. Was ist daran spirituell oder ideologisch?

        Na ja, der Entschluss vegan zu leben muss von einem selbst kommen. Wenn es dir wie eine Selbstbestrafung erscheint, dann ist das schade. Für mich jedenfalls ist es das komplette Gegenteil. Meine Ernährung ist heute abwechslungsreicher als früher als ich noch alles gegessen habe. Und ich habe damals auch nicht gerade qenig Fleisch gegessen. Wenn du dir mal einen Überblick verschaffen möchtest, was man so alles als Veganer „einseitiges“ essen kann, aufmeinrm Blog habe ich etwa über 80 Rezepte. Dazu kannst du auch auf Instagram sehen was ich so esse 🙂

        Lg Cordula

      • a) Die geminderte Geburtenrate in Deutschland, im globalen Kontext betrachtet, wäre ein Grund zum Jubeln. Hongkong und Deutschland müssten als Vorbilder für den Rückgang der Geburtenrate den doppelten Friedensnobelpreis erhalten. Stattdessen hört man nur larmoyantes Gejammer, hauptsächlich wegen der Renten. Wenn Länder über Geburtenrückgang jammern statt zu jubeln, ist das kein Anreiz für andere Länder, ihre Geburtenrate zu drosseln.

        b) Von den 7,5 Milliarden Menschen haben geschätzte 1-1,5 Milliarden den hiesigen Durchschnitts-Lebensstandard mit Wohnung, Auto und Waschmaschine: Amerika (400 Mio.), Europa (500 Mio.) und die Wohlhabenden in den Schwellen- und Drittländern. Bleiben 6 Milliarden, die das nicht haben.

        c) Wenn es nach Dir geht, kann ich mir meine Ernährung ja eben nicht raussuchen, wie es mir passt, sondern ich soll mir ja „freiwillig“ die Ernährung raussuchen, die DU für richtig hältst. Wo also soll da der Luxus freier Wahl sein? 🙂

        d) Veganismus ist eine Ideologie, weil die verschiedenen Argumente nicht offen auf den Tisch gelegt, diskutiert und evaluiert werden. Ideologiefreie Weltrettungsprogramme gibt es deshalb nicht, weil schon der Anspruch, die Welt durch eine Verhaltensänderung „retten“ zu können, Ideologie ist. Im Mittelalter war es die Seele, die man „retten“ wollte, heute ist es die Welt. Du glaubst (!), mit Deiner Kaufentscheidung andere Menschen zu einer Verhaltensänderung zwingen zu können. Schließlich bist ja nicht Du es, die Küken schreddert. Du sprichst dem Küken-Schredderer die Verantwortung für sein Tun ab und überträgst sie stattdessen auf Dich und mich. Mit solchen Vorstellungen machst Du andere Menschen zu Spielfiguren auf Deinem Spielfeld. Wenn Du mit Deiner Kaufentscheidung allein stehst, nutzt das den Küken überhaupt nichts. Für das, was Du willst, brauchst Du die große Masse. Also musst Du andere Menschen zu Deinem Standpunkt bekehren, damit das, was Du tust, überhaupt Sinn macht. Missionieren ist das Wesen von Religion.

        Was Anderes wäre es, wenn Du so gesund, fröhlich und glücklich wärst, dass alle Menschen neugierig drauf wären, was Du wohl für ein Geheimnis hast. Dann würden die Leute Dich nach Deiner Lebensweise fragen, statt dass Du sie den Anderen krampfhaft aufdrängen musst. Da jeder gesund, fröhlich und glücklich sein will, hättest Du wahrscheinlich ganz von selbst viele Nachahmer. Stattdessen versuchst Du, Anderen Schuldgefühle einzuimpfen. Auch dieses Verfahren, anderen Menschen Schuldgefühle einzureden und ihnen zu versichern, dass sie so, wie sie sind, NICHT in Ordnung sind, ist zutiefst religiös.

        d) Ich war zehn Jahre lang Vegetarier, ich weiß also schon, was Veganer essen. Sojaerzeugnisse schmecken mir bspw. überhaupt nicht. Sie sind fad wie nur was. Und ja: selbst vegetarische Kost ist einseitig und man muss die Nahrungsmittel schon richtig kombinieren, damit man auf Dauer keine Mangelerscheinungen bekommt und Produkte dazunehmen wie bspw. Kokosfett, wofür übrigens indonesischer Regenwald abgeholzt wird. 🙂

      • a) Ja, wir sollen bis 2050 ca, 10 Mrd Menschen sein.
        In diesem Zusammenhang sprach ich davon, dass die derzeitige westliche Ernährungsweise insbesondere die Produktion von Tierprodukten große Mengen an Ressourcen verschlingt. Gerade weil wir mehr Menschen werden und somit mehr Menschen ernährt werden müssen, macht es keinen Sinn an der heutigen Ernährungskultur in westlichen Zivilsationen festzuhalten. Wenn man auf den Seiten der FAO und UN liest, dann wird GERADE hierbei geraten, dass wir im Westen mehr Grünzeug und weniger Fleisch essen sollten. Was daran ist dir unklar?

        b) Hast du diese Berechnung selbst angestellt oder hast du dafür eine entsprechende Belegquelle? Das würde mich dann wirklich sehr interessieren.

        c) Ja, ich halte eine vegane Ernährung für das Beste. Sonst würde ich mich nicht so ernähren. Ich halte auch nichts von Bio. Für mich ist das ein Label zur Gewissensbefriedigung.
        Ich darf meine Meinung haben. Genauso wie du deine. Wenn du dich davon angegriffen fühlst, dann liegt das primär daran wie du es auffassen
        willst, denn ich habe dir in keiner einzigen Textpassage vorgeschrieben wie du dich ernähren sollst.

        d) Du musst unterscheiden zwischen: EIner Handlungsweise nicht in Ordnung finden und dich als Mensch nicht in Ordnung finden.
        Dieses sich selbst zum Opfer machen ist alles, nur nicht hilfreich. Ich kann dein Handeln in Frage stellen, wenn du das aber auf dich selbst projizierst, dann liegt das daran wie du es selbst auffassen willst. Also gib mir nicht die Schuld daran wie du meine Worte auffasst.

        Ich bin da einfach direkt und schmücke das nicht aus. Wenn du heutzutage zum Beispiel Eier kaufst, auch Bio-Eier, so werden dafür heutzutage
        Küken geschreddert. Und wenn du das kaufst, weil dir das Ei so schmeckt, dann sagst du mit deinem Kassenbon, dass du das was dahinter steckt
        in Ordnung findest. Oder dass dir dein Geschmack über ein paar geschredderte Küken geht.
        Wenn das alles in Ordnung ist, dann frage ich mich, wo das Problem ist? Ich habe diese Umstände nicht erschaffen, ich halte sie einfach für falsch. Und wenn du das anders siehst, dann brauchst du auch kein schlechtes Gewissen haben. Oder?
        Oder ist das Schildern reeller Umstände, also ehrlich sein, für dich etwas negativ zu bewertendes?

        Natürlich möchte ich, dass die Menschen weniger Fleisch essen. Ich halte die Art wie wir heute mit Tieren umgehen für falsch. Was ist also daran schlecht?
        Es sei denn, du möchtest allgemein behaupten, wenn man etwas für ungerecht bzw. moralisch falsch hält, soll man lieber den Mund halten, statt sich gegen diese Ungerechtigkeit auszusprechen?

        Ich bin durchaus offen für Diskussionen und Darlegung sachlicher Argumente. Nur Argumente wie den Verweis auf vermeintliches Pflanzenleid und kleine Häschen, die beim Umpflügen von Acker zum Opfer fallen, halte ich wirklich für unlogisch.

        e) Kokosöl und Palmöl sind zwei verschiedene Sachen. Wofür Regenwald abgerodet wird ist Palmöl.
        Davon abgesehen kannst du auch bei Mischkost einen Nährstoffmangel bekommen. Im Alter ist das häufig ein B12-Mangel, genauso wie du eine Eisenanämie bekommen kannst usw. Mischkost allein ist kein Garant dafür, dass du alle Nährstoffe in ausreichendem Maß bekommst.
        Hierbei spielen auch deine körperliche Konstitution sowie dein Ernährungsverhalten sowie deine Essensauswahl eine entscheidende Rolle. Genauso wie bei jeder anderen Ernährungsweise auch. Von daher ist es falsch das zu Verallgemeinern.

        Ich war auch 11 Jahre lang Vegetarier, dann 5 Jahre Mischköstler und jetzt 2,5 Jahre Veganer.
        Ich betrachte, dass ich damals wieder angefangen hatte Fleisch zu essen heute als Fehler. Wenn du das anders siehst, dann ist das deine Ansicht und dann ist doch alles paletti.

      • Neulich war in der FAZ ein Artikel, wonach die Bundesregierung vorhat, den Fleischkonsum bis 2050 in der BRD zu halbieren. Anti-Fleisch-Kampagnen plus Klimarettung werden politisch, das heißt, wir driften in Richtung auf eine Öko-Diktatur, in der dem Bürger vorgeschrieben wird, wie er sich zu ernähren hat. Ich nehme an, es wird nicht beim Ratschläge erteilen der UN bleiben. Gut möglich, dass es bald eine Fleischsteuer gibt und auf den Verpackungen der Aufdruck „Mit Fleischkonsum schaden Sie Ihrer Umwelt“ erscheint und Fleischessen in Restaurants verboten wird. Der Veggie-Day war ja schon ein erster deutlicher Versuch in diese Richtung, der zeigt, was die Öko-Bewegung mit den Grünen an ihrer Spitze vorhaben. Man darf gespannt sein, was sich da entwickelt.
        Und wie stehst Du dazu? Findest Du solche Eingriffe gerechtfertigt und gut?

        Die Zahlen stammen als grobe Schätzung von mir selbst.

        Im Übrigen bestätigst Du mir, was ich in dem Artikel geschrieben habe, nämlich dass der Veganer eine Vorstufe zum Chemitarier ist. Ich denke, die Art der Diskussion, wie wir sie gerade führen, lässt sich 1:1 übertragen. Ich kann mir gut vorstellen, dass mir in 20 bis 30 Jahren jemand ein Mail mit denselben Argumenten schreibt, der das Chemitariertum für die einzig „richtige“ Ernährungsweise hält. Ich fühle mich übrigens nicht angegriffen. Es ist nur mühsam, in Diskussionen gleichzeitig Wertschätzung und Argumentation zu vermitteln. Von mir aus darf es in Diskussionen auch mal direkt zur Sache gehen. Da habe ich nichts dagegen.

        Ich finde Küken schreddern nicht richtig, aber ich finde es ebensowenig richtig, Eier aus diesem Grund aus meiner Ernährung zu entfernen. Wenn Eier gesund für mich sind und mir schmecken, ist es meiner Ansicht nach falsch, keine mehr zu essen, weil Küken geschreddert werden. Ich mache mich erpressbar und lenkbar, wenn ich meine Ernährung an Faktoren festmache, die ich nicht zu verantworten habe.

        Ich weiß nicht, ob Du das Buch von Peter Wohlleben „Das geheime Leben der Bäume“ kennst? Der Mann ist Förster und beschreibt Bäume in einer Art und Weise, dass sie plötzlich gefühlvoll und sozial erscheinen, also als Lebewesen mit einer Seele, die genauso empfindsam sind wie Mensch und Tier. Das Buch ist ein Bestseller. Leute wollen so was gern lesen. Wenn sich Leute wie Wohlleben im öffentlichen Bewusstsein durchsetzen sollten, sodass in ein paar Jahrzehnten jederman glaubt, dass Bäume eine Seele haben, dann hast Du mit Deiner Haltung meiner Ansicht nach nur zwei Möglichkeiten: entweder Du leugnest strikt, dass auch Bäume und damit Pflanzen eine Seele haben können oder Dir bleibt nur das Chemitariertum als Ausweg. Da ich selber offen bleiben möchte für Ideen wie die von Wohlleben und dem Chemitariertum keinen Vorschub leisten möchte, habe ich mich dafür entschieden, meine Ernährung nur noch an dem auszurichten, wovon ich selber glaube, dass es richtig für mich ist, also mein Wohlbefinden fördert. Ich weiß nicht, ob das mit den Bäumen stimmt, aber die Idee gefällt mir. Die öffentliche Meinung kann sich übrigens durchaus ändern. Noch in den 60er Jahren wurden bspw. Babies ohne Narkose operiert, weil man damals allen Ernstes geglaubt hat, Babies würden keinen Schmerz verspüren, weil das Nervensystem noch nicht ausgebildet ist. Sollte man irgendwann also glauben, dass Pflanzen empfindsamer sind als Tiere, müsstest Du mit Deiner Haltung Tiere essen. Und was machst Du, wenn die große Masse irgendwann glaubt, Tiere seien empfindsamer als Menschen? 🙂

        Ich beobachte den Trend, dass durchaus eine Sensibilisierung großer Teile der Bevölkerung stattfindet, die teilweise auch groteske Züge annimmt, wie die Geschichte mit den amerikanischen Studenten, für die bereits die Lektüre von Klassikern zu grausam ist. Also: es kann gut sein, dass der Mensch die Seele der Bäume entdeckt. Nochmal: ich möchte meine Ernährung nicht vom Glauben anderer Leute abhängig machen. Das ist neben dem, dass es mir schmeckt und bekommt, der eine „philosophische“ Grund.

        Der andere „philosophische“ Grund besteht darin, dass ich mich mit dem großen Stoffwechselgeschehen vollkommen ausgesöhnt habe. In der Natur lebt eins vom Anderen und zwischen Gras, Korn und Fleisch macht sie keinen Unterschied. Der Tod gehört zum Leben. Ich sag ja dazu. Von meiner Natur her bin ich als Mensch Mischköstler, dafür sprechen Zähne und Verdauungssystem. Unsere nächsten Verwandten, die Schimpansen und Bonobos, fressen Fleisch, sogar Artverwandte, nämlich kleinere Affen. Ich habe mich dafür entschieden, meinem biologischen System treu zu bleiben. Und ja, Mischkost bekommt mir besser als vegetarisch. Meinem Verdauungssystem ist Getreide und Reis als Hauptnahrungsbasis nicht bekommen. Mit Gemüsen, Früchten und Fleisch und nur ab und zu Nudeln oder Reis fühle ich mich wesentlich wohler.

        Für mich ist der Veganismus Ausdruck davon, wie Industrieprozesse in das Leben der Menschen eingreifen und es verändern. Die meisten Veganer glauben, dass sie der Natur verbunden sind, aber das stimmt meiner Ansicht nach nicht, weil sie mit wesentlichen Gegebenheiten der Natur brechen. Wenn ich Dich recht verstanden habe, ist es ja auch zu einem großen Teil die Industrieproduktion, die Dich zum Veganismus gebracht hat. Küken schreddern ist nichts anderes als die industrielle Verarbeitung von Hühnchen. Ja, und das ist grausam, und diese Grausamkeit ist schwer auszuhalten. Wenn Du mit Deiner Ernährung darauf reagierst, ist Deine biologische Basis der Preis, den Du zu zahlen bereit bist, um in dem industriellen Komplex leben zu können. Du sagst damit ja zur Industriegesellschaft und zu dem, was ich Vercyborgisierung nenne, nämlich die Anpassung des Menschen an die Industrie und an die Maschine.
        Ich sehe den Veganismus als Folge des Industriekomplexes, in dem der Mensch allmählich aufgeht und dort die Funktion einer Zelle übernimmt.

      • Wie ich dazu stehe?
        Ja, ich finde dass es eine gute Sache ist, dass das nun politisch wird. Weil das Thema Fleischkonsum in Umweltfragen bislang eher außen vor gelassen wurde.
        Fleischkonsum ist z.B. umweltschädlicher als Auto fahren.
        Das Washingtoner Worldwatch Institut hat mal berechnet, dass die Massentierhaltung mit ihren Beiprodukten für 51 % aller weltweiten Co2 Emissionen verantwortlich ist.
        Alles in allem ist Fleisch essen in seinen Auswirkungen auf die Umwelt keine harmlose Sache mehr. Und mit einer Milliarde Euro aus Steuergeldern für billige Fleischpreise könnte man wesentlich Sinnvolleres anstellen wie ich finde.
        Sehr informativ in diesem Zusammenhang die Doku Cowspiracy. Sollte jeder mal gesehen haben gerade in Bezug auf Fleischkonsum und Umwelt bzw. Ressourcenverschwendung uns Menschen betreffend.

        Auch gesundheitlich hätte das einige Vorteile. Da wäre ein Warnhinweis auf Salamiverpackungen oder sonstigen verarbeiteten Fleischprodukten durchaus wünschdnswert. Denn verarbeitetes Fleisch also Salami, Speck, Leberkäs und Co. ist laut WHO ein Karzinogen, das so sicher die Wahrscheinlichkeit für Krebs erhöht wie der Konsum von Nikotin und Asbest.(kann man alles bei der WHO nachlesen )

        Hm, dachte ich mir schon. Eigens angestellte Berechnungen ohne entsprechende Belege sind nichts worauf ich mich in einer Diskussion stützen würde.

        Ich glaube du machst es dir hier allgemein ziemlich einfach, indem du meinst du hättest keinen Einfluss auf die Umstände, die dich umgeben. Sei es hier die Produktion von Eiern. Nun ja, so funktioniert freie Marktwirtschaft aber leider nicht. Deine Kaufkraft erteilt einen Auftrag an eine Firma. Wenn keiner ein Produkt kauft, weil kein Interesse besteht, dann kann eine Firma noch so viel davon produzieren, es wird keine Abnehmer finden.
        Davon abgesehen, laut USDA dürfen Eier noch nicht einmal als healthy (gesund) bezeichnet werden.

        Nun ja, das Heranziehen von Extrembeispielen ist kein Argument dafür dass etwas schlecht ist. Viel aussagekräftiger ist der Durchschnitt bzw. der Durchschnittswert.
        Davon abgesehen hat Veganismus nichts mit Glaube zu tun. So wie du es dargestellt hast, das Wesen einer Religion sei das Missionieren.
        Vielmehr stützt sich die Entscheidung zu einer veganen Ernährungsweise auf Fakten. Die Entscheidung Fleisch zu essen und das damit zu begründen man sei von Natur aus ein Allesesser, wenn man doch von sonst allem Unnatürlichen (Sanitäre Einrichtungen, fließendes Wasser, Elektrizität usw.) profitiert, ist in meinen Augen eher eine Sache des Glaubens. Zumal die ganzen Argumente zur Verteidigung des Fleischkonsums stets widerlegbar sind. (Auch ein Grund, weshalb ich mich vegan ernähre. Nichts für ungut.)
        So ist der Mensch zwar in der Lage auch Fleisch zu essen, jedoch ist er auch in der Lage es nicht zu essen und in allen Lebensphasen vegetarisch zu leben. Denn medizinisch betrachtet beinhaltet Fleisch keinen einzigen besonderen Nährstoff, der nicht über eine vegetarische Ernährung sicher gestellt werden kann.
        Insofern ist das Argument man sei ein Allesesser und akzeptiere den Tod und den Kreislauf der Natur vielmehr eine appeal to nature fallacy. Man bezieht sich auf Natürlichkeit als etwas Psoitives, wenn man doch sonst von all dem Unnatürlichen was heutzutage Standard ist profitiert. Alles zu essen ist natürlich, tja, folglich ist heutzutage dann auch Regenwaldabrodung, Kükenschreddern und künstliche Besamung von Kühen, damit sie Milch produzieren natürlich.

        Ich muss dir da widersprechen.
        Meiner Ansicht nach ist die heutige Produktion von Tierprodukten, um dich als Mischköstler zu ernähren, ein ziemlicher Eingriff in die Natur. Im Grunde kann man sagen, dass wir mit unserer heutigen Esskultur eigentlich die Natur, die uns umgibt zerstören.
        Du meintest zum Beispiel Fisch sei eine gute nahrungsquelle. Nun ja, in 30 Jahren sollen wirklich alle durch den Menschen genutzten Fischbestände leer gefischt sein. Der Thunfisch ist heute schon vom Aussterben bedroht. Und bereits heute wird knapp die Hälfte allen Fisches aus Aquakulturen bestellt. Im Grunde genommen sind Aquakulturen riesengroße Becken, für die Ökosysteme zerstört werden und in denen Fische Antibiotika bekommen, damit sie nicht krank werden usw. Massentierhaltung im Wasser sozusagen. Und das ist die Natürlichkeit auf die du dich beziehst?
        Wir schaffen mit unserem Hunger nach Tierprodukten eine Welt, in der von der einstigen Natur irgendwann nichts mehr übrig ist.
        Und da ist der Bezug auf die Natürlichkeit deiner Physiologie nichts weiter als eine schön klingende Ideologie, die all das rechtfertigen soll.

      • Tja, siehst Du: wenn Du dafür bist, dass der Staat, die UN oder sonst eine Institution mir Vorschriften hinsichtlich meiner Ernährung machen, ist es mit der freien Wahl eben nicht mehr weit her. Du bist offensichtlich dafür, dass Andere, die nicht Deiner Meinung sind, auf Deinen Weg gezwungen oder abgestraft werden. So fängt es an mit Diktaturen. Immer haben Diktatoren gute Gründe dafür, warum Menschen im Namen eines höheren Ziels (in diesem Fall Klimarettung etc.) zu etwas gezwungen werden, was sie freiwillig nicht tun würden. Mir ist allerdings kein einziger Fall einer Diktatur bekannt, wo der Schuss nicht nach hinten los ging. Der Unterschied zwischen Dir und mir besteht darin, dass ich es ganz Deiner eigenen Entscheidung überlasse, wie Du Dich ernährst. Ich würde eine Staatsform, die Dir Dein gegen Deinen Willen ein tägliches Schnitzel vorschreibt, nicht gut finden, während Du es befürwortest, dass der Staat sich regulierend in meine Ernährung einmischt. Du hältst meine Begründungen nicht nur für falsch, was okay wäre, Du lässt sie nicht mal neben Deinen gelten, was nicht okay ist, sondern übergriffig.

        Bei Deiner Bemerkung, dass Fleischkonsum schädlicher ist als Autofahren, musste ich schmunzeln. Bewundernswert, wie Dein Gehirn Dir die Argumente zurechtbiegt und das, was Du gern (?) tust, rechtfertigt. Du meinst also, weil Autofahren bloß für 49% des CO2-Ausstoßes verantwortlich ist, ist das vertretbar. Jaja, die 2% reißen es sicher raus. Aber ja: mein Gehirn erfindet auch immer die Argumente, um zu rechtfertigen, was ich tue. Da ich weiß, wie korrupt Gehirne in dieser Hinsicht sind, versuche ich allerdings, mich aus der Lebensgestaltung von Anderen rauszuhalten und die Anderen so zu nehmen, wie sie sind.

        Ich halte es für eine Utopie, den Markt durch die eigene Kaufkraft gezielt lenken zu können. Der Markt entwickelt sich nicht so, wie Du als Käufer Dir das vorstellst. Als Beispiel sei eben „Bio“ genannt. Die ursprüngliche Idee war, möglichst naturbelassene Produkte zu verkaufen. Am Anfang war das auch so. Dann gab es mehr Kunden und um deren Bedarf zu befriedigen und Geschäfte zu machen, ist das, was mal „Bio“ war, völlig aufgeweicht worden. Was heute ein Bio-Hühnchen von einem konventionellen unterscheidet, ist, dass es mit Bio-Kost gefüttert wird und ein bisschen mehr Platz um sich herum hat. Aber im Grunde ist das „Bio“, wie es in den Supermärkten angeboten wird, kaum noch besser als konventionell. Wie Du richtig festgestellt hast, ist „Bio“ bloß noch ein Label, und der Kunde kauft sich damit ein gutes Feeling. So sieht es aus, wenn Kunden Einfluss auf den Markt nehmen. Aber das ist hier ja gar nicht das Problem. Ich denke, ich habe deutlich gemacht, dass ich Eier essen will. Um Eier zu essen, brauchen normalerweise keine Küken geschreddert zu werden. Hühner legen Eier, und ein paar davon will ich essen. Kükenschreddern ist eine Perversion der industriellen Produktion. Warum soll ich etwas tun, was ich nicht will, nämlich auf Eier verzichten, um eine Perversion zu beenden, für die ich nicht im Geringsten verantwortlich bin? Ich bin weder Kükenschredderer von Beruf noch habe ich eine Kükenschreddermaschine erfunden. Warum wendest Du Dich an mich und nicht an diese Personen? Warum hockst Du nicht mit einem Demo-Schild vor den Hühnerfarmen oder organisierst Demo-Märsche, wenn Du vom Kükenschreddern so betroffen bist? Das wäre die adäquate Maßnahme. Stattdessen unterstellst Du mir, dass ich unverantwortlich mit meiner Kaufkraft umgehe und reduzierst mich gleichzeitig zum Massenmenschen.

        „Wenn keiner ein Produkt kauft, dann …“ Die pure Masse entscheidet es. Der Mensch als Zahl. Ich finde solche Argumente gruselig. Und jemandem, der in den Menschen bloß eine Zahl sieht, soll ich abnehmen, dass er die richtige Idee davon hat, wie die Welt zu retten ist? Sorry, das kann ich nicht. Ich glaube nicht, dass es für sieben Milliarden Menschen einen richtigen Weg gibt, ich glaube, dass es sieben Milliarden richtige Wege gibt, von denen sich manche sogar widersprechen. Mir ist es schlichtweg egal, was „die Masse“ tut, weil ich mich nicht mit ihr identifiziere. Ich sehe bloß einzelne Menschen, die meistens ihre guten Gründe dafür haben für das, was sie tun. Es ist mir auch egal, was welche Institution wann wo für gesund hält oder nicht. Diese Art von Gläubigkeit geht mir ab, ich höre lieber auf mich selber. Zumal sich ja auch je nach Marktsituation gerade ändert, was Institutionen für gesund halten. Seit Kurzem soll ja Kaffee gesund sein, Zimt hingeben schädlich. Das war auch schon mal umgekehrt. Ah, da fällt mir noch was ein: In Deutschland ist der Fleischkonsum um ein paar Kilo pro Person zurückgegangen, trotzdem ist meines Wissens die Fleischproduktion gestiegen und das Fleisch wird nach China exportiert. Das nur so nebenbei, was die Steuerung des Marktes durch Verbraucherverhalten angeht.

        Alle Religionen berufen sich auf die Wahrheit. Sie gehen davon aus, dass es EINE Wahrheit gibt, in deren Besitz sie sind. Dasselbe geschieht in der Öko-Religion. Klar produziert das Gehirn die entsprechenden „Fakten“. Es ist für ein Gehirn überhaupt kein Problem, für alles eine logisch klingende Begründung zu finden. Es war auch schon mal Fakt, dass die Sonne sich um die Erde dreht oder flach ist. Für die Christen ist es logisch, dass Jesus am Kreuz für sie gestorben ist, wie es für Dich logisch ist, dass die Welt und das Klima durch Verzicht auf Fleisch gerettet werden müssen. Die Diskussionen der Vertreter verschiedener Religionen laufen dann so, dass man sich gegenseitig seine angeblichen „Fakten“ um die Ohren knallt, um, zu beweisen, dass man im Besitz der Wahrheit ist. Das mit den Fakten ist jedoch bloß die Oberfläche. Das, worum es eigentlich geht, liegt tiefer und hat was mit Machtspielchen zu tun.

        Deine Argumente zu dem, was natürlich und unnatürlich ist, gefallen mir. Denn sie bestätigen meine These, um die es mir eigentlich geht, nämlich dass der Veganer im Grunde genommen Künstlichkeit als Lebensweise befürwortet und Künstlichkeit befördert, dies aber unter dem Etikett von Naturbewahrung. Habe ich das richtig verstanden, dass Du vom Kreislauf der Natur nichts hältst?

        Nein, meine Zähne und mein Darm sind weder schön klingende Ideologie noch Fakt, sondern schlicht und einfach ein nicht ganz unwichtiger Teil meiner Wirklichkeit.

        Mein Artikel zielt übrigens nicht darauf ab, die Pro und Cons von Fleischkonsum oder Veganismus zu erörtern, sondern darauf, dass Veganismus seinem wahren Wesen nach Ablösung von der Natur bedeutet, obwohl die angebliche Naturbewahrung als Hauptargument ins Feld geführt wird. Schon der Anspruch, Natur „zu bewahren“ ist m.E. unnatürlich, weil Natur ihrem Wesen nach Wandel und nicht festzuhalten ist. Natur ist lebendig, ein riesiger Metabolismus aus Ana- und Katabolismus.

        „Wir schaffen mit unserem Hunger nach Tierprodukten eine Welt, in der von der einstigen Natur irgendwann nichts übrig ist“. Es ist nicht der Hunger nach Tierprodukten, sondern der industrielle Komplex, der von der Natur nichts übrig lässt, u.a. deshalb, weil die Bevölkerungsexplosion auf sein Konto geht. Der Hunger nach Tierprodukten ist ein Stellvertreter-Argument, um vom industriellen Komplex abzulenken. Ohne industriellen Komplex gäbe es weder so viele Menschen noch Massentierhaltung noch Autos. Wenn die Massentierhaltung beseitigt wird, ist der industrielle Komplex immer noch da und wird weiter um sich greifen und die Natur in einen Teil von sich verwandeln.

      • Sorry, aber ich spare mir hier weitere Worte und auch weitere Minuten meiner Zeit.
        Wenn du von Dikationen reden willst, dann mach das für dich alleine. Mir ist das zu niveaulos.

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