Religion und Feuer

„Statt den Menschen ein vernünftiges Tier zu nennen, sollte man ihn ein religiöses Tier nennen. Alle Tiere sind vernünftig, der Mensch allein ist religiös“, so ein Zitat von Ferdinando Galiani in den Briefen an Louise d’Épinay.

Religion ist das Eine, was den Menschen vom Tier unterscheidet. Es gibt kein Tier, das erkennen lässt, dass es einer übernatürlichen Wesenheit huldigt. Die Zähmung des Feuers und die Entdeckung der Möglichkeiten, die im Feuer verborgen sind, das Andere. Der überwiegende Teil unseres technologischen Fortschritts hat mit Feuer zu tun und mit Produkten, die in irgendeiner Weise mit Hilfe von Verbrennungsenergie hergestellt werden. Unsere Zivilisation hat sich rund ums Feuer und rund ums Kochen entwickelt. Ohne Feuer hätten wir kein Metall, keine Keramik und keine Kunststoffe. Außer dem Menschen gibt es kein Tier, das Feuer machen kann.

Religion und Feuernutzung: das also macht den Menschen im Unterschied zum Tier aus. Unsere ganze menschliche Geschichte ist geprägt von Religion und Technik. Und im Zentrum dieser Geschichte, sozusagen im Auge des Wirbelsturms, sitzt die dualistische Weltsicht, die Geist und Materie als zwei qualitativ unterschiedliche Entitäten ansieht. Die Religiösen sehen den Urgrund der Welt im Geistigen, die Techniker im Materiellen oder in Energie. Die Auseinandersetzung zwischen den Vertretern beider Gruppen durchzieht unsere Geschichte von ihren Anfängen im Animismus bis heute. Immer noch ist der Bruch nicht überwunden, und es sieht auch nicht so aus, als ob er in absehbarer Zeit überwunden werden könnte. Immer noch stehen sich zwei anscheinend unversöhnliche Haltungen gegenüber, und wo Versöhnung versucht wird, geschieht es in Bereichen wie der Quantenphysik, die so hochgradig abstrakt sind, dass niemand mehr irgendwas verifizieren kann. Tatsächlich sieht es aber nur so aus, als ob sich diese beiden Weltsichten unvereinbar gegenüberstehen, in Wirklichkeit passiert etwas anderes.

Es gibt, denke ich, weder Materie, die völlig geistlos ist, noch gibt es gänzlich immateriellen Geist in Form eines Jenseits oder Transzendenten. Die Trennung findet nur in unserem Kopf statt und in den Begriffen, die wir wählen, um Entitäten eine Existenz zu verleihen, die es so gar nicht gibt. In Wahrheit gibt es nur eine Wirklichkeit, die von außen, das heißt über die Sinnesorgane betrachtet, materiell erscheint, und von innen, das heißt über Gefühl und Verstand, als Bewusstseinsphänomen erfahren wird. In Wahrheit handelt es sich beim Geist-Materie-Dualismus also um zwei verschiedene Erfahrungsweisen derselben Wirklichkeit, nicht um zwei verschiedene Wirklichkeiten.

Geist und Materie in ihrer untrennbaren Einheit ist Leben. Leben, als Beziehungsgeschehen definiert, findet in den kleinsten Teilchen ebenso wie im Kosmos statt. Wir sind Teil einer ungeheuer lebendigen Welt. Eigentlich. Seltsam ist, dass wir in der materiellen Welt, die wir über die Sinnesorgane wahrnehmen, nur einen Teil einer durch und durch lebendigen Welt auch tatsächlich als lebendig erfahren. Es gibt aber auch andere Erkenntnisweisen. „Gott schläft im Stein, träumt im Tier und erwacht im Menschen“, sagt beispielsweise ein altes indisches Sprichwort und erinnert damit an die urprüngliche Belebtheit von Allem, was ist.

Solange ein Teil der Menschheit wie die Religiösen und Esoteriker glauben, dass Bewusstsein Materie kreiert, und ein anderer Teil der Menschheit wie die Wissenschaftler glauben, dass Bewusstsein eine Folge der Selbstorganisation von Materie ist, solange zerstören beide Gruppen Hand in Hand das Leben und alles, was lebendig ist und leben will. Das ist die eigentliche Tragik, die sich hinter unserem Menschsein verbirgt. Wie alle Lebewesen hat auch der Mensch eine tiefe Sehnsucht nach dem Leben und doch zerstört er es. Manchmal absichtlich, häufig unabsichtlich und ziemlich oft gerade dann, wenn er es bewahren will. Dass Esoterik und Wissenschaft miteinander verschränkt sind und sich in ihrem lebensfeindlichen Tun gegenseitig bedingen, wird in diesem Zusammenhang gerne übersehen, da, oberflächlich gesehen, die Vertreter beider Gruppen die Weltsicht des jeweils anderen in der Regel für falsch halten.

Die Technologie des Menschen ist in ihren wesentlichen Entwicklungen nämlich nichts Anderes als die Umsetzung religiös-esoterischer Träume durch Wissenschaft. Dass der Mensch über die Schöpfung herrsche, steht schon in der Bibel. Das haben wir inzwischen beinahe geschafft und dabei das sechste große Artensterben verursacht. Dank Smartphones, Telefon und PC sind wir inzwischen alle miteinander verbunden, doch stellen wir mit leichtem Schaudern fest, dass gerade diese Art der Verbundenheit uns einander entfremdet. Ein beliebtes Motiv im Mittelalter waren schwebende Heilige, wir haben heute Flugzeuge. Was die Astralreisen angeht, so wird am Beamen fleißig gearbeitet, bei kleinen Teilchen soll es sogar schon funktionieren. Dass wir weder geboren werden noch sterben, wie die Mystiker lehren, daran arbeiten Reproduktionsmedizin und Genforschung. Wird in der Offenbarung des Johannes eine reiche, mit Edelsteinen geschmückte Stadt zur Gottesbraut, so sehen wir überall auf der Welt Riesenstädte wachsen, die im Zentrum die prächtigen Hochhäuser der Finanzwelt beherbergen. Da diese Stadt, das neue Jerusalem, in der Bibel menschenleer scheint, wandeln sich die Menschen allmählich in Automaten um, die weder Mann noch Frau sind, dafür aber gendern und funktionieren. Diese Stadt, das Schlussbild der Bibel, wird von innen heraus leuchten und es wird keine Nacht mehr sein, deshalb werden die Städte nachts beleuchtet, sodass die Sterne nicht mehr sichtbar sind.

Bei alledem erschafft der Mensch in Form des heraufdämmernden technischen Überwachungsstaates zudem auch seinen Gott, der alles sieht und hört und willkürlich bestraft und belohnt. Und da wir uns laut Jesus in den Dienst von Kranken, Schwachen, Alten und Armen stellen sollen, bringt unsere Gesellschaft immer mehr Kranke, Schwache, Alte und Arme hervor, damit sich jeder von uns ganz im Sinne von Jesus und der Nächstenliebe selbst aufopfern kann. Aus der bedingungslosen Liebe wird in dieser Logik selbstverständlich das bedingungslose Grundeinkommen.

Bei alledem verwandelt der Mensch Lebendiges permanent in Strukturen um, zu denen er den innerlichen Bezug zerschneidet. Der Mensch verliert das körperliche Gefühl, das aus unzähligen materiellen Bindungen kommt und durch den Stoffwechsel erhalten wird. Damit verliert er die Möglichkeit, die Welt von innen heraus zu erfahren. Was zur Folge hat, dass ihm die Welt, die er über die Sinnesorgane wahrnimmt, als tot erscheint.

Erstaunlich viele Menschen können nicht mal mehr ihren eigenen Körper in seiner Lebendigkeit wahrnehmen. Viele Menschen halten ihren Körper für eine Maschine, die man wie ein Auto warten muss. An die Stelle eigener Wahrnehmung tritt die Vorsorge-Untersuchung, eben so, wie das Auto alle zwei Jahre zum TÜV muss.

Ja, der Mensch geht soweit, dass er sogar seine Gefühle und sein Bewusstsein veräußerlicht und zum Objekt von Untersuchungen macht, deren Ergebnisse in zahllosen Texten verbreitet werden. Durch diese Veräußerlichung der eigenen inneren Befindlichkeit wird ihm diese fremd. Er verliert, was seine innere Verbindung zur Wirklichkeit begründet. Die eigene Seele wird ihm zum Objekt. Das ist der Gipfel der Entfremdung. Über Objekte kann man verfügen. Deshalb ist der Tag nicht mehr fern, an dem das in Worte gefasste, analysierte und besprochene Bewusstsein in Maschinen implementiert werden kann, denn alle Texte sind ja nichts anderes als Daten. Dann wird der Mensch nicht mehr von einer Maschine unterscheidbar sein und mit seiner Technik verschmelzen. Er tut das bereits seit Jahrtausenden. Die Geschichte des Menschen ist nichts anderes als die schrittweise Umwandlung von einem Lebewesen in eine Maschine, die im besten Fall als organische Technik gelten kann.

Andererseits muss man sich doch auch fragen: Wollen wir Menschen es nicht gerade so? Wer von uns will denn wirklich ohne Technik leben? Finden die meisten von uns Waschmaschinen, Thermomix, Computer und Smartphone nicht genial? Warum sollen wir nicht ein müdes Herz mit einem Herzschrittmacher auf Trab bringen? Warum soll man auf ein Kind verzichten, bloß weil auf natürlichem Weg keins entstehen will?

Fühlen wir uns in einer technischen Umwelt nicht besser aufgehoben als in einer natürlichen? Will einer von uns in einer unbeheizten Höhle leben? Ungeschützt der Natur ausgesetzt sein? Wer von uns würde seine Existenz von Pfeil und Bogen abhängig machen? Schmecken Pommes mit Ketchup den meisten nicht besser als wurmstichige Bio-Radieschen? Und mal ehrlich: Sieht Bio-Gemüse nicht häufig recht vergammelt aus? Wer will denn wieder wie im Mittelalter leben? Oder gar in der Steinzeit?  Wer von uns wollte auf Kaffee, Tee oder sonstige Importe verzichten? Fährt nicht jeder von uns Auto, und wenn nicht gerade Auto, dann Bahn, Bus und Straßenbahn? Wer wollte Hunderte von Kilometern in wochenlangen Wanderungen zurücklegen? Wer ist nicht froh, wenn er alle unangenehmen Arbeiten wie Ernten, Schlachten, Graben, Schleppen, Bauen, Mahlen, Heizen, Müllentsorgen dienstbaren Maschinen überlassen kann? Wer von uns würde auf die medizinische Versorgung und die Rente verzichten wollen? Wer würde ein bedingungsloses Grundeinkommen ablehnen, wenn es ihm denn angeboten würde?

Das sind alles einzelne Schritte, die, für sich genommen als unbedeutend erscheinen, uns jedoch in summa immer abhängiger von unserer selbst geschaffenen Technik werden lassen. Ohne Technik können die allermeisten von uns überhaupt nicht mehr überleben. Und dieser Prozess schreitet unaufhörlich weiter voran. Die Abhängigkeit von der Technik geht nun allmählich in eine Verschmelzung mit der Technik über. Menschen werden mehr und mehr zu Maschinen, während Maschinen immer menschlicher werden.

Haben wir uns nicht längst an diese Dynamik gewöhnt, die letztendlich aus dem Bruch von Geist und Materie kommt? Lieben wir diese Dynamik denn nicht tatsächlich mehr als das Leben? Könnten wir überhaupt anders, selbst wenn wir wollten? Inwieweit sind wir überhaupt Herr über uns Schicksal? Sind wir Teil einer Geschichte, die nicht der Mensch, sondern die das Feuer schreibt?

Ich denke, auf solche Fragen gibt jeder von uns eine individuelle Antwort. Nicht nur, mit dem was er denkt und sagt, sondern vielmehr noch mit seinem konkret gelebten Leben, das sich für die meisten allerdings in einem von der Technik bereits festgelegten Rahmen, mitunter in engen Grenzen bewegt. Und der Prozess schreitet weiter voran. Wissenschaftler und Ingenieure fluten die Welt täglich mit neuen Erfindungen, von denen sich manche in Windeseile weltweit verbreiten und denen man sich nur schwer oder gar nicht entziehen kann. Was will man dagegen machen, wenn die Steuern künftig elektronisch bezahlt werden müssen oder wenn die Krankenkassen und Ärzte ihre Dateien vernetzen?

Andererseits ziehen und zerren Ideologen wie Esoteriker, Grüne und Linke pausenlos an ihren Mitmenschen herum, um sie zu einem Lebenswandel zu erziehen, der auf den ersten Blick ökologisch nachhaltig erscheint, die Menschen aber in Wahrheit bloß zu funktionierenden Zellen in einem technischen Superorganismus macht. Ja, es ist so:  Je mehr die heutigen Ideologen eine nicht-materielle Weltsicht gegen Kapitalismus, Industrie und Technik durchsetzen wollen, desto schneller holen uns die technischen Erfindungen und Veränderungen auf der materiellen Seite wieder ein, um zu offenbaren, was sich hinter den Ideologien und Träumen denn nun tatsächlich verbirgt. Dieser Dynamik kann sich der Einzelne nicht entziehen. Er kann sich nur innerhalb dieser Dynamik einen Platz suchen, der ihm zusagt: entweder mitten in der Strömung oder etwas mehr am Rande. In diesem Sinne: möge jeder den Platz finden, der ihm konveniert. Bloß Aussteigen, das geht nicht.

18 Kommentare zu “Religion und Feuer

  1. „Aber Tatsache ist doch, dass kaum einer von uns Heutigen tatsächlich wieder Jäger und Sammler sein wollte, sondern es würde uns davor grausen, wenn wir das müssten. Ich denke mir, die Menschen in fünfhundert Jahren wird es ebenso grausen, wenn sie so leben müssten wie wir heute, während immerhin die Möglichkeit besteht, dass ihnen ihr künftiges Leben gefällt so wie uns unser Leben pi mal Daumen ja auch gefällt.“

    Was gleich geblieben ist und leider gar nicht technisch entschärft ist die Geburt. Frauen zahlen immer noch den Preis für die Entwicklung der Großhirnrinde – und Feministinnen finden das sogar richtig so! Dazu meine Kommentare anderswo:

    http://www.bzw-weiterdenken.de/2016/07/schweiss-schreie-blut-und-kacke-das-ist-eine-hausgeburt/#comment-530970

    und:

    http://www.bzw-weiterdenken.de/2016/07/schweiss-schreie-blut-und-kacke-das-ist-eine-hausgeburt/#comment-531084

    • Ich habe Deine Kommentare unter dem angegebenen Link gelesen. Dabei ist mir aufgefallen, dass Du Dir Filme über Geburten angeguckt hast, aber anscheinend nicht live bei einer Geburt dabei warst. Meine persönliche Erfahrung, die sich vielleicht vergleichen lässt, ist folgende: In einem meiner medizinischen Lehrbücher waren Fotos von grässlichen Wunden abgebildet, bei deren Anblick sich mir schier der Magen umgedreht hat. Als ich dann aber in der Realität mit solchen Wunden zu tun hatte, habe ich die Situation anders erlebt. Ein lebendiger Körper ist etwas anderes als ein Foto. Beim Foto bist Du zudem in die rein passive Rolle des Beobachters, der vom Geschehen abgeschnitten ist, gedrängt. In einer Live-Situation nimmst Du am Geschehen teil und machst was, und sei es, dass Du – wie dem Geburtsbericht – bloß ein Glas Wasser reichst oder einen Stuhl hältst. Damit will ich die Schmerzen bei einer Geburt nicht klein reden, die sind da und sie sind bei vielen Frauen heftig. Tatsächlich lässt sich auch feststellen, dass der Kopfumfang bei Säuglingen in den letzten 100, 200 Jahren zugenommen hat, dass Geburten heute also schwieriger sind als früher. Es steht sogar der Fleischkonsum 🙂 in Verdacht, für diese Zunahme beim Kopfumfang verantwortlich zu sein.

  2. Sehr interessanter Text, der mich immer wieder an Latours These denken lies, dass wir westlichen Menschen immer Reinigung (also Natur und Kultur theoretisch auseinander gehalten) und Hybridisierung (Natur und Kultur praktisch vermischt) praktiziert hätten, aber nie die Beziehungen zwischen Reinigung und Hybridisierung explizit machten. Es könnte sein, dass in diesem blinden Fleck viel von dem verborgen ist, was uns richtiges erkennen und handeln erst ermöglichen würde. Denn natürlich haben typische Ökophrasen etwas religiöses (und strotzen vor unberechtigter Hoffnung), auf der anderen Seite ist das Anthropozän (http://www.geistundgegenwart.de/2016/05/gaia-ohne-esoterik.html) auch wissenschaftlich nicht mehr zu leugnen und damit auch der menschliche Einfluss (destruktiv und das destruierte korrigierend) evident.

    Kennst du übrigens die Bewegung The Dark Mountain (http://www.geistundgegenwart.de/2014/04/trauer-um-natur.html)? Die haben sich bereits von jeglicher Hoffnung befreit und fragen nicht, wie können wir etwas zurückdrehen, sondern wie können wir mit dem, was zweifellos auf uns zu kommt umgehen (und was machen wir bis dahin)?

    • Ich verstehe die Auseinandersetzung zwischen Feuer und Bios, wie sie im Menschen stattfindet, als dialektischen Prozess. Der Umgang mit dem Feuer veränderte den Waldaffenmenschen, der zum Homo erectus und Homo faber wurde. Der Homo Faber veränderte wiederum das Feuer, das bspw. zur Jagdwaffe oder zum heimeligen Lagerfeuer wurde. Der Umgang mit brennenden Pfeilen und Lagerfeuer machte aus dem Homo faber schließlich den Homo sapiens, wobei irgendwann in dieser Entwicklung eine Mutation, die zur Auffaltung der Großhirnrinde führt, dem Homo irgendwas (man weiß nicht genau, wann diese Mutation erfolgte) die Möglichkeit gab, die Erkenntnisse, die er im Umgang mit dem Feuer gewann, zu speichern und über Lernen (zunächst religiöse Rituale) weiterzugeben und sich dadurch aus dem ursprünglich rein instinktiven Verhalten zu lösen.

      Wir können sehen, wie Tiere sich in ihren Ökosystemen verhalten und leiten daraus ab, was „natürlich“ ist. Wir können auch die Möglichkeiten entdecken, die im Feuer liegen bis hin zur Erkenntnis, dass die Sonne ein Feuer ist oder Atome gebundene Energie sind und leiten daraus ab, was „nicht natürlich“ bzw. „künstlich“ ist. Was wir bislang nicht sehen, ist die Prozesshaftigkeit in ihrer ganzen Verwobenheit und den Wandel sowohl von Feuer als auch von Affe. Wir sehen uns entweder als superintelligente Tiere, Götter oder als beschränkte Pyromanen, die die Welt zerstören. Wir sehen uns aber nicht als die neue Lebensform, die wir in Wahrheit sind und die sich anscheinend immer noch in der Entwicklung befindet.

      Die Synthese aus These und Anti-These in einem dialektischen Prozess ist weder das Eine noch das Andere, sondern übersteigt sowohl die These wie die Anti-These. Die Synthese können wir uns nicht vorstellen, weil es eben etwas ganz Neues ist, das es vorher in der Form nicht gegeben hat. Unser Gehirn ist nicht in der Lage, sich wirklich Neues vorzustellen, bevor es sich verwirklicht hat. Deshalb orientieren wir uns immer am Vergangenen resp. Gegenwärtigen und verlängern das, was wir erkannt haben, einfach in die Zukunft, ohne uns gewahr zu werden, dass in Wahrheit etwas Neues im Entstehen ist.

      Wie dieses „Neue“ aussehen wird, ist unseren Erkenntnismöglichkeiten nicht zugänglich, weil unsere Erkenntnis immer rückwärts gewandt ist. Wir stehen mit dem Rücken zur Zukunft. Ist das nicht die Benjaminsche Eule?

      Wenn ich die Geschichte des Menschen zurückverfolge, sehe ich, dass er durch die ganze Geschichte, soweit zugänglich, von massiven Ängsten geprägt ist. Weltuntergangsängste haben den Menschen immer begleitet. Das macht ja auch Sinn, weil Feuer tatsächlich eine gefährliche Sache ist. Wir dürften im kollektiven Gedächtnis einige traumatische Erfahrungen gespeichert haben, was bspw. die Vorstellung einer „Hölle“ hervorgebracht haben könnte. Sprich: Der Waldaffe konnte den Umgang mit dem Feuer nur managen, weil er gleichzeitig auch immer schreckliche Angst davor hatte. Ebenso fürchtet er sich vor der Macht, die ihm das Feuer verleiht. Und das ist gut so, denn das ist die einzige Möglichkeit, die den Menschen vielleicht doch davon abhalten kann, die ganze Welt in Brand zu setzen oder sonstwie zu vernichten. Angst bringt den Menschen zum Nachdenken. Furcht und Intelligenz gehören zusammen.
      Die Weltuntergangsängste sind sozusagen der Preis für die ungeheueren Möglichkeiten, die uns das Feuer eröffnet hat.
      Das heißt aber nicht, dass der Weltuntergang deshalb die wahrscheinlichste Perspektive ist. Wahrscheinlicher ist, dass die Ängste den Menschen davon abhalten, die Weltkatastrophe zu verursachen. Schließlich ist der Mensch ja in der Lage, sein Verhalten zu korrigieren.

      Die Zukunft muss nicht negativ sein oder von unseren Nachkommen negativ erfahren werden. Der Jäger und Sammler hat die Zukunft wahrscheinlich ebenso schwarz gesehen, wie wir das heute tun. Zusammengepfercht in Städten, mit Leuten, die man gar nicht kennt, dann noch einen Beruf ausüben, als Bauer das Feld bestellen – was für eine Katastrophe! 🙂 Aber Tatsache ist doch, dass kaum einer von uns Heutigen tatsächlich wieder Jäger und Sammler sein wollte, sondern es würde uns davor grausen, wenn wir das müssten. Ich denke mir, die Menschen in fünfhundert Jahren wird es ebenso grausen, wenn sie so leben müssten wie wir heute, während immerhin die Möglichkeit besteht, dass ihnen ihr künftiges Leben gefällt so wie uns unser Leben pi mal Daumen ja auch gefällt.
      Es ist einseitig, unser Menschsein immer nur in den düstersten Farben zu sehen.
      Es gibt zwei Möglichkeiten: entweder wir ruinieren den Planeten oder wir ruinieren ihn nicht, sondern wandeln ihn um.
      Ich bin schon eher Pessimist und Misanthrop, aber trotzdem kann ich diese zweite Möglichkeit nicht ausschließen. Will ich auch nicht, ehrlich gesagt.
      Weil es eben spannend ist, gedanklich mal mit einer Alternative zum Weltuntergang zu spielen.
      Die Bewegung „The Dark Mountain“ kenne ich nicht. Das muss ich mir erst noch ansehen.

  3. Hi, Claudia hat mich hierhin gebracht. Ich habe ein anderes Thema, als das Eurer Diskussion. Feuer und Religion, Titel und Leitmotiv. Ich sehe das anders. Zunächst mal zum Feuer.

    Offensichtlich haben Menschen den Werkzeug-Gebrauch deutlich weiter getrieben, als andere Tiere. Feuer stand nicht an erster oder letzter Stelle der Menschwerdung oder des Werkzeug-Gebrauchs. Das Feuer als etwas Besonderes herauszustellen hat eine lange Tradition und es ist ja auch nachvollziehbar. Aber die frühen Stein-Werkzeuge waren ein ebenso wichtiger Faktor … sie dürften sogar wichtiger gewesen sein, da sie den Menschen erlaubten Ihre körperliche Unterlegenheit auszugleichen. Dumm nur, dass Werkzeug-, insbesondere Stein-Gebrauch in der Tierwelt weit verbreitet ist. Sich deshalb aufs Feuer zu versteifen halte ich für falsch. Die Frage ist, wieso Menschen den Werkzeug- und Feuer-Gebrauch so weit verfeinern konnten. Mehr dazu unten, jetzt erstmal zur

    Religion. Ich halte die These für einen typischen Anthropozentrismus. Wir glauben, dass Religion mit dem Animismus begann. Und weil andere Primaten beim Betreiben ihres Animismus keinen so ausgeprägten Werkzeug-Gebrauch betreiben, haben sie keinen?

    Ich vermute, dass Tiere wie Vormenschen einem physiologischen Solipsismus unterliegen. Jedes Tier ist das Zentrum seiner Welt, alle Reize, die es empfängt, „zielen“ alle hargenau auf dieses Zentrum. Tieren Fehlen ausgefeilte Mittel viel über eine von ihnen unabhängige Wirklichkeit zu erfahren. Aber Tiere, die sozial interagieren, insbesondere Primaten, benötigen ein internes geistiges „Modell“ von ihren Sozialpartnern und in zahlreichen Versuchen wurde nachgewiesen, dass sie in der Tat über ein solches verfügen.

    Animismus lässt interpretieren als die Verwendung ebendieses Modells für das Verhalten anderer als der Sozialpartner: andere Tierarten, Pflanzen, selbst unbelebtes. Es wird schwer nachzuweisen sein, aber ich wäre überrascht, wenn sich so etwas in der Tierwelt nicht fände.

    Menschliche Religion ist stark vom Egozentrismus des physiologischen Solipsismus und vom Animismus geprägt. Animismus findet sich zum Beispiel bis heute in Vorstellungen von Engeln und Dämonen aber auch in den Grundannahmen des Buddhismus. Die Geschichte der menschlichen Religion scheint von einer zunehmenden Abstraktion der „natürlichen“ religiösen Wurzeln geprägt zu sein. Aus individuellen Geistern werden erst Pantheons und dann dualistische und monopolistische Götter. Wieder ist die Frage, wieso Menschen Religion so verfeinern konnten. Und jetzt kommen wir zu meiner persönlichen Antwort. Ich vermute, die Antwort lautet

    150. So ungefähr jedenfalls, können auch nur 100 oder sogar 200 sein, aber bleiben wir mal bei 150. Das ist die Größe, des menschlichen Stammes. 150 Menschen sind mehr als 20 Schimpansen. Ganz schön viel mehr. 150 ist ungefähr die Zahl der Menschen, zu denen wir einen noch bedeutsamen sozialen Kontakt aufrecht erhalten können. Menschen sind mit großem Abstand die sozialsten Tiere dieses Planeten.

    Die Tausend Bisons einer Herde haben keinen persönlichen Kontakt zueinander, keine ausgefeilte Rangordnung oder Arbeitsteilung. 20 Schimpansen schon. Oder 150 Menschen. Durch den enormen Selektions-Vorteil der Stammesgröße, hat uns die Evolution in relativ kurzer Zeit einen enormen Verstand zur Bewältigung der sozialen Komplexität geschenkt und damit etwas in dieser Dimension völlig Neues geschaffen:

    Der menschliche Stamm erstreckt sich nicht „bloß“ über 150 Menschen im hier und jetzt. Er schließt auch die Vorfahren ein. Die Sprache, die vermutlich ebenfalls eine evolutionäre Notwendigkeit zur Bewältigung der sozialen Komplexität ist, schenkte uns „nebenbei“ die Tradition, kulturelle Überlieferung, kulturelle Evolution und letztlich den technischen Fortschritt.

    Und heute steht das sozialste aller Tiere vor der Frage aller Fragen: Wie skaliere ich 150 auf 150 Millionen? Wie kann ich wirklich große Stämme organisieren, ohne dass sie auseinander fliegen, sich gegenseitig zermalmen, ihre eigenen Kinder fressen und/oder ihre Lebensgrundlage zerstören?

    • Es ist nicht der Werkzeug-Gebrauch als solcher, der uns vom Tier unterscheidet, denn Tiere benutzen Werkzeuge. In manchen Schimpansenhorden ist es sogar üblich, sich aus Blättern eine Art Kissen zu machen. Stein-Werkzeuge spielen auch bei Affen schon eine Rolle: beim Nüsse knacken. Kein anderes Tier hingegen macht Feuer. Also ist der Feuergebrauch etwas, was uns grundsätzlich vom Tier unterscheidet. Den Ausgangspunkt vom „physiologischen Solipsismus“ kann ich nachvollziehen. Allerdings glaube ich, dass soziale Interaktion zunächst einmal über die Gefühlswelt und nicht über ein geistiges Konzept zustandekommt. Meine These ist, dass das, was in der „Außenwelt“ Bindung/Beziehung ist, in der „Innenwelt“ einem Gefühl entspricht, dass Bindung/Beziehung und Gefühl die beiden Seiten derselben Medaille sind. Bindung/Beziehung verstehe ich dabei in einem umfassenden Sinn: physikalisch, chemisch, biologisch, sozial, mental. Durch diese verschiedenen Arten von Bindungen entstehen Strukturen, entsteht Komplexität.

      Ich gehe also davon aus, dass Tiere fühlende Wesen sind, die ganz in ihrem Gefühl „zu Hause“ sind. Primaten gehen soziale Bindungen ein, darin unterscheiden sie sich von Bisons. Durch den Feuergebrauch fing der Frühmensch darüber hinaus an, mentale Konzepte zu entwickeln, wobei animistische Vorstellungen eben das sind, was von unserem heutigen Standpunkt aus am weitesten zurückliegt. Aus mentalen Bindungen entsteht das, was wir „Zivilisation“ oder „Kultur“ nennen samt der Rückbindung an die weiter zurückliegenden Vorfahren und die Vergangenheit, wohingegen soziale Bindungen nur auf die Gegenwart bezogen sind.

      Tatsächlich wissen wir als Menschen jedoch nicht wirklich, was in Tieren und Pflanzen vorgeht, man kann ihnen ein Innenleben, wie immer es aussehen mag, nicht per se absprechen.

      Was Du sonst zu Religion sagst, teile ich. Man kann bspw. zeigen, dass Götterreligionen in einem direkten Zusammenhang mit der frühen Urbanisierung stehen. In Städten mussten Menschen, die aus verschiedenen Stämmen kamen, ihr Zusammenleben regeln. Die Götter wachten über die Stadtgemeinschaft und das hielt die Mitglieder der verschiedenen Stämme davon ab, sich gegenseitig umzubringen. Deshalb geht bspw. Jahwe so entschieden gegen die lokalen Baalsgottheiten vor. Es ging drum, den engen Rahmen der Horde (von etwa 150) aufzusprengen.

      Im Augenblick fahren wir das Modell, dass wir das Zusammenleben sehr großer Einheiten über eine gemeinsame Bedrohung regeln, und das ist die Atombombe. Die Menschheit kann es sich eigentlich nicht leisten, einen Atomkrieg zu führen, deshalb müssen größere Auseinandersetzungen, die zum Einsatz der Atombombe führen könnten, vermieden werden. Ob der Mensch das hinbekommt? Ein anderer Weg ist die Verdichtung wechselseitiger Abhängigkeit in einer extrem komplexen Welt, in dem der einzelne Mensch zu einer Art „Zelle“ in einem industriell-wirtschaftlichen Komplex wird und den Regeln des Superorganismus zu gehorchen hat, wenn er nicht vom Immunsystem elimiert werden will. So kann man den sich herausbildenden Überwachungsstaat erklären.

  4. Dieses Gespräch ist mal ein Beispiel, wie man auch mit Menschen anderer Meinung auf angenehme Art diskutieren kann – danke dafür! (siehe auch den Beitrag unterm Namenslink).

    Inhaltlich haben wir unsere unterschiedlichen Herangehensweisen gut heraus gearbeitet, finde ich.

    Noch zur Technik der Antike: die haben auch viel mit Wasserkraft und Muskelkraft (von Tieren) gemacht – siehe z.B. den Wikipedia-Eintrag zur Technik im römischen Reich.

    Ansonsten: Wären wir wirklich „Feuerwesen“, dann wären wir eben genau wie das Feuer und es würde uns nicht kümmern, was wir alles zerstören. Dem ist aber nicht so, deshalb gibt es die grüne Bewegung, das Bemühen um Nachhaltigkeit, Energiewende – letztlich müssen wir es schaffen, mit den Ressourcen des Planeten auszukommen, um nachfolgenden Generationen nicht nur Verwüstung zu hinterlassen.
    Dabei ausschließlich auf Einsicht und Selbstbezähmung zu setzen, halte ich für eine schöne Utopie! Und: wäre der Planet mit seinen Ressourcen unendlich, WARUM sollten wir uns denn beschränken? Es gäbe doch gar keinen Grund dafür!

    Mich wundert im Übrigen, dass Du als Philosoph so etwas „Esoterisches“ wie „Feuerwesen“ vertrittst. Das stammt aus uralten Elemente-Lehren, aus analogem Denken („wie oben, so unten“ etc.) und hat mir rationaler, aufgeklärter Wissenschaft schier gar nichts zu tun. Für mich kein Hinderungsgrund, diese Denkweisen auch mal auszuprobieren (das hat mehr „Seele“ als das Stoffe und Teilchen zählen der Wissenschaft) – es wundert mich nur, das HIER vorzufinden!

    • Wenn ich „Feuerwesen“ sage, dann meine ich damit nicht die „uralte Elemente-Lehre“, sondern die Domestikation des Feuers durch den Frühmenschen.
      Und das bedeutet: Holz sammeln, trocknen, anzünden, kochen, braten, Birkenpech gewinnen, Ton brennen und all diese schönen Dinge, zu deren Entwicklung unsere Vorfahren viel Zeit brauchten. In der Wonderwerk-Höhle in Südafrika wurde eine 1 Million Jahre alte Feuerstelle gefunden, die von Frühmenschen benutzt worden ist. Im Vergleich: den homo sapiens sapiens gibt es erst seit etwa 200.000 Jahren. Das mag Dir eine Vorstellung davon geben, wie lange der Mensch und seine Vorstufen sich schon mit dem Feuer beschäftigen. Womit man umgeht und worauf man viel Zeit verwendet, prägt sowohl Geist wie auch Körper. Im Vergleich mit Schimpansen und Bonobos ist unser Unterkiefer schwach entwickelt, weil man eben nicht so starke Kauwerkzeuge braucht, wenn man Gekochtes und Gebratenes isst. Unser Darm ist aus dem selben Grund verkürzt und unsere Enzym-Haushalt ein anderer. Auch unser Bewusstsein ist durch den konkreten Umgang mit dem Feuer ein anderes geworden. Der Geist-Materie-Dualismus, aus dem heraus sich die Religionen entwickelt haben, ist m.E. eine Folge aus dem Umgang mit dem Feuer. Meine Herangehensweise ist nicht esoterisch, wohl aber teilweise phänomenologisch, was gar nicht anders geht, da die „Zeugen der Vergangenheit“ wie Feuerstellen, Knochenreste, Artefakte stumm sind und von uns Heutigen „wiederbelebt“ werden, indem wir unsere gegenwärtige Situation als Ausgangspunkt nehmen und von der Gegenwart aus die Retrospektive entwerfen.

      Der springende Punkt ist, dass sich ein affenähnliches Wesen mit dem Feuer eingelassen hat. Tierischen Eigenschaften auf der einen Seite wie Paarung, Brutpflege, Revierverhalten, Gruppenbildung stehen auf der anderen Seite Feuereigenschaften gegenüber wie Maßlosigkeit, Zerstörungskraft, Selbstentzündung. Was uns als Menschen ausmacht, ist: diese an sich nicht miteinander vereinbaren Eigenschaften zu etwas ganz Neuem zu verschmelzen, das weder Tier noch Feuer ist.

      „Wäre der Planet mit seinen Ressourcen unendlich, WARUM sollten wir uns denn beschränken?“ Das ist eine sehr gute Frage. Die Antwort liegt in dem begründet, was Feuer ist. Feuer ist dem Leben oder dem Sein nur dienlich, wenn es lokal beschränkt ist. Lokale Waldbrände verjüngen die Natur. Lokale begrenzte Vulkanausbrüche schaffen fruchtbaren Boden. Eine sich lokal selbst verzehrende Sonne spendet Licht und Wärme, die Grundbedingung, dass irgendwo Leben gedeihen kann. Schließlich sind wir als Menschen ja auch Leben. Stell Dir mal vor, ein lokaler Waldbrand könnte nicht mehr gelöscht werden, sondern würde sich immer weiter ausbreiten. Stell Dir mal vor, jeder ausbrechende Vulkan würde zwei neue erzeugen. Stell Dir mal die sich aufblähende Sonne vor, die irgendwann das Leben auf der Erde unmöglich macht. Dann kannst Du Dir vielleicht auch vorstellen, warum Beschränkung in Sachen Feuer angebracht ist, selbst wenn die Ressourcen unendlich wären.

      „Letztlich müssen wir es schaffen, mit den Ressourcen auszukommen, um nachfolgenden Generationen nicht nur Verwüstung zu hinterlassen.“ Was Du den nachfolgenden Generationen hinterlassen willst, ist eine Welt, wie DU sie Dir vorstellst, und Vorstellungen sind immer rückwärts gerichtet, weil unser Geist sich immer nur an Vergangenem orientieren kann. Evolution besteht jedoch darin, dass die ständig Neues hervorbringt, also etwas, was es vorher nicht gab.

      Ich glaube fast, Du hast kein Vertrauen in die Evolution, sondern denkst, dass die nachhaltigen Ökis es besser machen könnten als dieser Prozess, der sich seit Milliarden von Jahren bewährt hat. Dabei hat die Evolution aber eben genau die Natur hervorgebracht, an der Du nun unbedingt festhalten willst und sogar die Ökis, die sich für so viel schlauer halten. Wenn die Evolution in Sachen Natur so Wunderbares hervorbringt, warum soll sie dann in Sachen Mensch nicht dasselbe tun? Wie kommst Du dazu zu sagen, in Sachen Natur war die Evolution erfolgreich, in Sachen Mensch versagt sie auf der ganzen Linie, weswegen der Mensch die Evolution in die eigenen Hände nehmen und für Nachhaltigkeit und Energiewende sorgen muss? Denn eins ist Evolution garantiert nicht: nachhaltig. 99% aller Arten, die es je gegeben hat, sind ausgestorben oder haben sich so verwandelt, dass man sie nicht wiedererkennt.

      Was für ein rückwärtsgewandtes, stagnierendes Leben wäre denn das, bloß immer und immer wieder dieselben Ressourcen aufzuarbeiten, nur weil man keine wirklichen Veränderungen zulassen will? Was der Öko-Bewegung und den Grünen fehlt, ist eine positive Perspektive und ein Urvertrauen ins SEIN und ins Leben an sich, es dominieren bloß alle möglichen Ängste. Und das macht die Welt so klein, finde ich.

      • „…Denn eins ist Evolution garantiert nicht: nachhaltig. 99% aller Arten, die es je gegeben hat, sind ausgestorben“
        Und ich möchte halt nicht, dass die Menschheit schon bald dazu gehört. Die Evolution als solche ist mir schnuppe, wenn wir nicht mehr dabei sind, weil wir die Grundlagen unseres Weiterlebens zerstört haben.

      • Im Gegensatz zu Dir hat das Leben schon ein paar Milliarden Jahre Erfahrung auf dem Buckel, deshalb interessieren mich die evolutionären Verfahren. Ich bin nicht so arrogant davon auszugehen, dass die Natur alles „falsch“ macht. Ich möchte mich lieber von der Natur inspirieren lassen. Es ist nicht erwiesen, dass Nachhaltigkeit zum Überleben der Menschheit führt. Es kann durchaus sein, dass das, was Du für weise hältst, es in Wirklichkeit gar nicht ist, sondern einen möglichen Untergang ebenso verursachen kann wie sinnlose Verschwendung. Deshalb finde ich es gut, wenn Du das machst, was Du für richtig hältst und ich mach das, was ich für richtig halte. Ich hoffe, wir können uns auf dieser Basis verständigen.

  5. „Je mehr die heutigen Ideologen eine nicht-materielle Weltsicht gegen Kapitalismus, Industrie und Technik durchsetzen wollen, desto schneller holen uns die technischen Erfindungen und Veränderungen auf der materiellen Seite wieder ein, um zu offenbaren, was sich hinter den Ideologien und Träumen denn nun tatsächlich verbirgt.“

    Könntest du diesen Satz noch ein wenig erläutern? Ich verstehe nicht, warum das Bemühen und einen möglichst kleinen ökologischen Fußabdruck hier einen Seitenhieb abbekommt – schließlich sind unsere Ressourcen endlich, das Artensterben ist ein großer Verlust, der menschengemachte Klimawandel ist kein Spaß. Was also kritisierst du da? Es sagt doch niemand, dass wir in Höhlen wohnen sollten…

    • Ich halte das „grüne Denken“, das sich um Bio, Nachhaltigkeit, ökologischen Fußabdruck, Klimawandel dreht, für die Religion der Moderne. Religionen haben es an sich, dass sie vernünftige Dinge in einen unvernünftigen Kontext einbetten, um eben diesem Kontext den Anschein von Vernunft zu geben. Ess- und Hygienevorschriften und soziale Regeln in den alten Religionen waren das Vernünftige, das in einen unvernünftigen Kontext (Gott, Wunder, Übernatürliches) eingebettet wurde, um so nicht nur Gott, sondern vor allem die Priesterschaft zu legitimieren.

      Natürlich ist Maßhalten durchaus vernünftig, aber die von der Ökoreligion angegebenen Gründe fürs Maßhalten sind irrational. Es steckt der Glaube dahinter, dass das Klima sich nicht wandelt, wenn der Mensch sich selbst beschränkt. Das ist falsches magisches Denken. Klimawandel gehört zur Erdgeschichte. Das Klima hat sich gewandelt, lange bevor es Menschen gab, und zwar ziemlich extrem. Der Mensch hat den Klimawandel nicht im Griff, egal, was er tut. 2014 wurde triumphierend erklärt, dass der Verzicht auf FCKW das Ozonloch fast zum Verschwinden gebracht hätte, 2015 war es wieder so groß wie zu seinen besten Zeiten.

      Hinter jeder Religion steckt Angst vor dem Ungewissen. Die Ökoreligiösen wollen einen Status quo resp. eine Naturidylle erhalten, die so gar nicht existiert. Natur ist permanenter Wandel und davor fürchten sich viele Menschen. Die Dynamik der Evolution wird u.a. dadurch aufrechterhalten, dass die Natur eben gerade nicht auf Nachhaltigkeit aus ist. Tiere und Pflanzen wirtschaften nicht nachhaltig, sondern verschwenden sich und wollen mehr von dem Stoff, der Leben heißt. Das ganze Bio- und Nachhaltigkeitsgedöns dient dazu, die menschliche Angst vor dem Ungewissen zu beruhigen. Das lähmt, deshalb hat die Bio-Bewegung etwas repressiv-rückwärts Gewandtes.

      Letztendlich steckt der Gedanke dahinter, dass das Ökosystem Erde gemäß den Wünschen des Menschen plan- und machbar ist. Ein Blick in unsere Geschichte zeigt, dass der Mensch auf technischem Weg seine Probleme löst und seine Wünsche erfüllt. Nicht Maßhalten gestaltet das Ökosystem Erde um, sondern Technik und Geld. Tatsache ist auch, dass sechs Milliarden Menschen in den Startlöchern stehen, die erstmal so ein komfortables Leben wie wir haben wollen. Ganz egal wie ökologisch wir leben, die Millionen in den Slums wollen auch gern Häuser, Waschmaschinen, Autos und einen Job in einem klimatisierten Büro und das geht mit einem ökologischen Fußabdruck einher, der sämtliche Sparmaßnahmen in der westlichen Welt zu Kinderkram reduziert.

      Die Ökoreligion verschleiert Fakten. Den Machtlosen wird suggeriert, dass sie durch Maßhalten Einfluss auf die Gestaltung des Planeten nehmen können. In derselben Weise wurde den Machtlosen früher verklickert, dass sie durch Gebet und frommen Lebenswandel Gott zu ihren Gunsten beeinflussen können. Diese scheinbare Teilhabe an der Macht dient der Steuerung von Menschen und zur Ablenkung von den wahren Machtverhältnissen und dem wahren Ausmaß der Probleme, die wir haben.

      Schon bei den alten Griechen war Maßhalten eine Tugend, ohne dass der Klimawandel dabei eine Rolle gespielt hätte. Maßhalten tut dem Menschen gut, ebenso wie gesundes Essen, Hygiene und soziale Regeln. Ich befürworte Maßhalten durchaus, aber nicht in dem Zusammenhang, in den diese Tugend von der Ökoreligion gestellt wird.

      • Danke für die umfangreiche Einlassung!
        Was das Ozonloch angeht, so ist gerade ein Artikel erschienen, der berichtet, dass die Heilung dieses Phänomens nun weitgehend bewiesen sei – trotz der Schwankungen, die z.B. durch Vulkanausbrüche verursacht seien.

        Dass das Klima sich über geologische Zeiträume massiv verändert, bestreitet niemand. Daneben ist sich aber eine überwältigende Mehrheit von Klimaforschern einig, dass die menschengemachte (!) Veränderung der Atmosphäre (Treibhauseffekt) seit der industriellen Revolution deutlich nachweisbar sei. Und nur um diesen menschengemachten Anteil geht es in der Debatte, denn der geht schneller voran als alles, was im Lauf der Erdgeschichte ansonsten so das Klima verändert.

        Ich empfinde es als zutiefst menschlich, Problemen tätig entgegen zu treten und zu versuchen, die Ursachen zu finden und gegen zu steuern: mit Technik und Verhaltensänderungen gleichermaßen.

        „Natur ist permanenter Wandel und davor fürchten sich viele Menschen. Die Dynamik der Evolution wird u.a. dadurch aufrechterhalten, dass die Natur eben gerade nicht auf Nachhaltigkeit aus ist. Tiere und Pflanzen wirtschaften nicht nachhaltig, sondern verschwenden sich und wollen mehr von dem Stoff, der Leben heißt. Das ganze Bio- und Nachhaltigkeitsgedöns dient dazu, die menschliche Angst vor dem Ungewissen zu beruhigen. Das lähmt, deshalb hat die Bio-Bewegung etwas repressiv-rückwärts Gewandtes. “

        Selber betreibe ich einen naturnahen Garten und bin dort in stetiger Auseinandersetzung mit der Natur. „Naturnah“ bedeutet nicht „Wildnis“, aber auch kein Terrarium-Gärtnern, das den Garten steuert wie ein geschlossenes System (und alles selbst bestimmt, was rein darf und was nicht). Du hast völlig recht mit deiner Beschreibung, dass Natur sich um Nachhaltigkeit nicht kümmert. Würde ich gar nichts tun, wäre der Garten schnell von dominanten Pflanzen überwuchert (Brombeeren, Gras, Goldrute etc.).
        Statt dessen halte ich sie im Zaum, bringe immer mal wieder neue Pflanzen ein, von denen sich manche dauerhaft ansiedeln und andere verschwinden, die die Bedingungen nicht mögen. Der Tierwelt (beginnend beim Bodenleben und den Insekten) soll der Garten ebenfalls dienen – es ist insgesamt der Wert „Artenvielfalt“, der mich leitet, es so und nicht anders zu machen.
        Ein rein ÄSTHETISCHER Wert, der allein menschlich ist, wie alle Ästhetik.

        Mich wundert, dass du als Philosoph den Menschen einer blinden Evolution unterwerfen willst und offenbar alles falsch findest, was uns ausmacht: insbesondere das Bemühen, die Welt für eine Vielzahl lebender Wesen zu erhalten, der Verwüstung entgegen zu wirken und und und… Es ist zudem nicht nur ein ästhetisches Interesse, sondern auch ein Eigeninteresse: zwar glaube ich nicht, dass die Menschheit gleich stirbt, wenn die Biene verschwindet, aber massive Probleme mit der Befruchtung vieler Nutzpflanzen bereitet uns das durchaus!

        Es gäbe viele Beispiele, die ich in diesem Sinne anführen könnte, die rational und wissenschaftlich bewiesen sind. Daneben ist es für mich aber auch eine Sache des Herzens – eben aufgrund meines Gartenhobbys. Zwar ist in der Natur Hauen & Stechen und unter Pflanzen gibts eine Art biologischer Kriegsführung – wie schön, wenn es dann gelingt, das Ganze in einem Miteinander zu halten, das allen die Luft zum Atmen lässt.

        Für mich durchaus ein Beispiel fürs große Ganze: eigentlich sollte der Mensch mit seiner Fähigkeit zum Überblick, mit dem ganzen Verständnis für Ursachen und Wirkungen, irgendwann „Gärtner des Planeten“ sein – und dafür sorgen, dass wir eines Tages nicht mehr vom Raubbau sondern vom Recycling und erneuerbaren Energien leben. Zusammen mit möglichst vielen Tieren und Pflanzen in einer Vielzahl von „Habitaten“.

      • „Mich wundert, dass du als Philosoph den Menschen einer blinden Evolution unterwerfen willst …“

        Wie kommst Du darauf, dass Evolution „blind“ ist? Ich erfahre Evolution gerade anders: als umfassend alle Beziehungen wahrnehmend und angemessen darauf reagierend. Das hat aber nichts mit Gott oder einem Transzendenten zu tun, sondern mit dem Materiellen, mit dem SEIN. Deshalb nenne ich mich ja auch „Materiemönch“.
        Materie ist ja nichts anderes als Beziehungsgeflecht. Aus dieser materiellen Verflochtenheit ergeben sich die Impulse, die zu Veränderungen führen, bis hin zur Veränderung oder Entstehung neuer Arten. Die Beziehungen reagieren auf sich selber, entwickeln sich aus sich heraus selber weiter. Das ist nicht blind, sondern extrem sensibel und immer hundertprozentig adäquat. Das löst in mir ein Wow-Gefühl aus, also ein Gefühl von Bewunderung, Staunen, dem Wahren auf der Spur zu sein.

        Ein Garten ist ein tolles Beispiel für diese materiell-lebendige Verwobenheit. So kannst Du Pflanzen unter der Erde nicht voneinander abgrenzen, weil Wurzelgeflechte, Bakterien, Pilze nahtlos ineinander übergehen: ein Beziehungsgeflecht, das sich gegenseitig ständig beeinflusst, bestimmte Pflanzen gedeihen lässt, andere nicht. Und in dieses Beziehungsgeflecht bist Du als Gärtnerin eingebunden, aber Du dominierst es nicht. Vielleicht hast Du schon die Erfahrung gemacht, dass Du dem Garten nicht Deinen Willen aufzwingen kannst. Ein Garten ist umso lebendiger, je weniger Du das versuchst, Dich aber trotzdem mit Deiner Freude und Deiner Begeisterung einbringst.

        „Für mich durchaus ein Beispiel fürs große Ganze: eigentlich sollte der Mensch mit seiner Fähigkeit zum Überblick, mit dem ganzen Verständnis für Ursachen und Wirkungen, irgendwann „Gärtner des Planeten“ sein …“

        Glaubst Du wirklich, dass der Mensch die Fähigkeit zum Überblick hat? Ist das nicht ein bisschen arrogant, dass Du den Menschen als den Sehenden ansiehst und die Evolution für blind hältst? Ist das nicht anmaßend angesichts der Zerstörung, die der Mensch anrichtet, gerade auch da, wo er „gut“, „berufen“ oder „besser“ sein will? Hat die Natur nicht Millionen von Jahren ohne den Menschen funktioniert? Wieso soll sie dann plötzlich einen Gärtner brauchen? Siehst Du, das sind die Fragen, die ich mir stelle.

        Meiner Ansicht nach ist das, was Du die Fähigkeit zum Überblick nennst, kein wirklicher Überblick, sondern nur eine durchaus beschränkte Fähigkeit, die sich aus dem Umgang des Menschen mit dem Feuer herausgebildet hat und die den Menschen zum derzeit mächtigsten, aber auch zerstörerischsten Wesen auf dem Planeten macht. Ich glaube nicht an eine uns eingeborene Spiritualität oder Göttlichkeit, die uns über das Ökosystem hinaushebt und uns den Überblick eingibt. Ich glaube, dass wir den Überblick nicht haben, und dadurch, dass wir uns einreden, ihn zu haben, in der Regel unangemessen handeln.

        Mir stellt es sich nicht so dar, dass sich das Beziehungsgeflecht, in das wir eingebettet sind, tatsächlich in Ursache- und Wirkungszusammenhänge auflösen lässt. Es ist richtig, dass der Mensch in Ursache- und Wirkungszusammenhängen denkt, aber was dabei herauskommt, wenn man Ursache-Wirkungszusammenhänge realisiert, ist die Technik, mit der wir uns mehr und mehr umgeben. Der technologische Fortschritt mag beeindruckend sein, aber er löst in mir trotzdem nicht das Wow-Gefühl aus wie die Natur/Evolution das tut. Vielfach löst der technologische Fortschritt in mir eher ein Gruseln aus. Am technologischen Fortschritt kann man ablesen, dass man die Welt durchaus in Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zerlegen und sie als funktionierende Maschinerie sehen kann, dass aber trotzdem irgendwas dran nicht stimmt, weil damit das Wesentliche – der Sinn – verloren geht. Und mit dem Sinn geht auch die Freude und die Begeisterung verloren.

        Wenn der Sinn verlorengeht, müssen wir uns künstliche Aufgaben einreden: das wir das Leben und die Vielfalt bewahren müssen, dass wir die Gärtner des Planeten sind und ihn retten müssen.

        Nein, es ist anders: wir sind Teil in einem Prozess, denn wir mit unserem Ursache-Wirkungs-Denken nicht dominieren können, weil Evolution anders abläuft. Was nicht heißt, dass wir den Planeten nicht verändern, aber wir können ihn nur so verändern, wie es in unserem Wesen liegt. Und deshalb sollten wir uns zuerst mal über unser Wesen klar werden. Das versuche ich hier in diesem Blog. Bis jetzt stellt es sich mir so dar, dass wir natürliche Abläufe permanent in technische umwandeln und uns dabei selber auch nicht ausnehmen.

        Ich sehe das Ganze also eher anders herum und frage mich, wieviele Gärtnerei die Erde aushält, bevor sie kollabiert. Und ich freue mich drüber, wenn mein Garten mich akzeptiert und mich gedeihen lässt, trotzdem ich bloß ein mechanisches Ursache-Wirkungs-Hirn habe, das dem Garten insgesamt mehr Probleme macht als dass es ihm wirklich was hilft.

      • Grad nur kurz, weil ich am arbeiten bin:

        „Vielleicht hast Du schon die Erfahrung gemacht, dass Du dem Garten nicht Deinen Willen aufzwingen kannst. “

        Wundert mich, dass du sowas sagst – NACH meiner klaren Erläuterung über mein mit der Natur interaktives „naturnahes Gärtnern“. Willen aufzwingen ist „Terrarium-Gärtnern“ – das geht, hat aber mit Natur nur ganz wenig zu tun.

        Dazu mal als kleiner Input die 7 Regeln für faules Gärtnern“ aus meinem Gartenblog.
        Ich denke eigentlich, diese Art gärtnern würde dir gefallen.
        Mehr später.

      • Okay, das war missverständlich. Korrekter ausgedrückt: „Vielleicht hast Du schon die Erfahrung gemacht, dass Du einen Garten nicht nach Deinem Willen gedeihen lassen kannst.“ Diese Vorstellung, etwas gedeihen lassen zu können, spricht für mich aus Deinem Kommentar, sowohl aus dem, was Du zum Garten sagst, wie auch, was Du zu unserer Aufgabe als Mensch sagst.

        Das wäre auch gar nicht so falsch, wenn wir dabei gleichzeitig verstehen würden, dass wir Kinder des Feuers sind. Feuer hat im Naturzusammenhang nämlich durchaus die Aufgabe, die Natur zu verjüngen und für Artenvielfalt zu sorgen, aber eben, indem die Fläche gewaltsam abgeräumt wird und das Bisherige in Dünger für das Neue verwandelt wird. Was dann Neues passiert, ist nicht mehr Aufgabe des Feuers.

        So ähnlich beim Gärtnern: der Gärtner als „Feuernatur“ räumt ab, reißt aus, jätet, düngt und das, damit irgendwann ein möglichst buntes Bild entsteht. Aber das bunte Bild ist eben nicht das Werk des Gärtners, auch dann nicht, wenn er Pflanzen setzt. Ob diese gedeihen oder nicht, liegt nämlich nicht an ihm, sondern am Garten.
        Ich denke, der Mensch ist nicht in der Lage, etwas außerhalb seiner selbst gedeihen zu lassen.
        Was er kann, ist: abräumen, Platz schaffen.
        Was ja aber irgendwie notwendig ist, damit ein buntes Bild überhaupt eine Chance hat. Und ein buntes Bild empfinden wir als ästhetisch, weil es ja wieder mit der Natur (dem Garten) in Eins fällt. Buntheit ist der Ausdruck eines vielgestaltigen Beziehungsgeflechts voller Arabesken und Schnörkel.
        Aus keinem anderen Grund ist auch der Tod eine Notwendigkeit.

      • Das stimmt halt einfach nicht, denn unser Garten ist ein leibhaftiges Gegenbeispiel! Unser Vorgänger war so ein Tabula-Rasa-Gärtner, der Garten die reine Sandwüste. Wir haben gewässert und nix gemacht, bis erstmal alles begrünt war… tolle Erfahrung! 🙂
        Man kann dann aber durchaus eingreifen und das Entstehende partiell verändern, mehr Vielfalt reinbringen – und richtig, nicht alles gedeiht auch, sondern nur das, was da gute Bedingungen für sich vorfindet. Nun kann man es dabei belassen und wieder anderen Elementen eine Chance geben (meine bevorzugte, weil faulere Variante) ODER man arbeitet an den Bedingungen: Bodenverbesserung bzw. Veränderung in Richtung der Bedürfnisse der Pflanze, die man da haben will (=voll durchgezogen endet das im „Terrarium-Gärtnern“ – oft schön, aber arbeitsintensiv und ressourcenfressend).

        „Am technologischen Fortschritt kann man ablesen, dass man die Welt durchaus in Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zerlegen und sie als funktionierende Maschinerie sehen kann, dass aber trotzdem irgendwas dran nicht stimmt, weil damit das Wesentliche – der Sinn – verloren geht.“

        Mich wundert jetzt sehr, dass ausgerechnet Du einen „Sinn“ in der Evolution siehst. Welchen denn? Die technischen Gerätschaften und Verfahren haben ihren Sinn in ihrer Funktion für diejenigen, die sie haben wollen. Und wenn ich den Lotus-Effekt nicht nur auf Blättern, sondern auf der Brille sehe, ist das schon auch ein Wow-Effekt: klasse hinbekommen!

        Deine Verengung des Menschlichen auf den Umgang mit Feuer teile ich nicht. Wir nutzen ja ebenso umfangreich Wasser, Erde und Luft. Vielleicht hast du auch schon mal die Doku „Technik der Antike“ gesehen: da wurde ganz ohne Feuer verdammt viel technisch auf die Beine gestellt!

        „Nicht Maßhalten gestaltet das Ökosystem Erde um, sondern Technik und Geld. “

        Ohne die heftigen Bemühungen vieler Umwelt- und Naturfreunde gäbe es allerdings nicht die vielen Naturschutzgebiete, Reservate etc., die viel dazu beitragen, dass nicht alles zugebaut, beackert und verwüstet wird. Zudem widerspricht deine Aussage der anderen: dass es eben NICHT klappt, alles aus dem Kopf selbst zu bestimmen!

        Dass unzählige Menschen auf diesem Planeten unseren Wohlstand auch haben wollen, heißt für mich nicht, dass ich selbst beim mutwilligen Verbrauchen endlicher Güter locker fröhlich mitmachen muss. Ganz im Gegenteil sind „wir“ am nächsten an der Möglichkeit, die eigenen Bedürfnisse nach mehr-höher-schneller-weiter herunter fahren zu können. Wer denn sonst?

        Mir kommt diese Gegenrede gegen im weiten Sinne „grüne“ Bemühungen, den Planeten nicht komplett auszubeuten sondern höchstens zu „begärtnern“, immer vor wie der Versuch, sich das eigene exzessive Konsumieren schön zu reden: ist ja evolutionär typisch für Menschen…
        (Damit sag ich nicht, dass das bei DIR auch so sein muss!) Ich bin selbst – trotz vergleichsweise bescheidenem Lebensstil – auch keine grüne Asketin, aber ich rede es mir immerhin nicht rund.

        Fazit: we agree to disagree. Ich hab dein Blog in meine Blogroll aufgenommen und hoffe, das ist ok!

      • Schau mal, Dein Gedankengang im letzten Absatz kommt bei mir so an: wer die Öko-Bewegung nicht gut findet, befürwortet und praktiziert exzessiven Konsum und lügt sich was in die Tasche. Weil Du mir jedoch nichts unterstellen willst, fügst Du ein „Das muss bei DIR ja nicht so sein“ an. Was ich zu schätzen weiß 🙂

        Mit diesem Gedanken gehst Du an dem vorbei, worauf es mir ankommt. Was ich sage, ist: Der einzige Grund, warum der Mensch Maßhalten (lernen) sollte, ist der, dass er ein „Feuerwesen“ ist, d.h. im Umgang mit dem Feuer die Eigenschaften des Feuers inkarniert hat.

        Feuer ist ein notwendiges Element, damit ein Ökosystem sich erhalten und verjüngen kann. Wo ein Feuer jedoch zuviel Nahrung bekommt und nicht ausgebremst wird, wird ein gewaltiger Feuerbrand, also eine Katastrophe daraus. Die Menschheit steht an dem Punkt, ob sie zu einer Katastrophe wird oder die Fähigkeit zur Selbstkontrolle entwickelt. Die Fähigkeit zur Selbstkontrolle kann verschiedene Formen annehmen: entweder kontrolliert jeder sich selbst (in Eigenverantwortung) oder jeder kontrolliert jeden (die Selbstkontrolle liegt bei kleineren oder größeren Gemeinschaften) oder eine Weltregierung kontrolliert ihre Mitglieder (die Kontrolle der Menschheit insgesamt liegt bei ein paar wenigen Auserwählten/Machthabern). Es ist noch nicht entschieden, welche Form die Kontrolle in unserem Kulturkreis annehmen wird. Alle drei Optionen haben eine gewisse Wahrscheinlichkeit. Und außerdem kann die Geschichte der Menschheit natürlich auch in der Katastrophe enden.

        Was Selbstkontrolle und Maßhalten angeht, überschneidet sich, was meinen Standpunkt angeht, durchaus viel mit der Öko-Bewegung, aber die Begründung ist eine andere. Darum geht es mir, weil die Begründung eine wesentliche Rolle dabei spielt, welche der drei obigen Möglichkeiten von Kontrolle sich verwirklichen wird.

        Wenn ich weiß, dass ich meiner Natur nach ein Feuerwesen mit den Eigenschaften des Feuers (Zerstörungspotenzial, Zügellosigkeit, Selbstentzündung) bin, verstehe ich, dass der Grund zur Selbstkontrolle in mir selber liegt. Es ist Selbsterkenntnis. Nicht mehr und nicht weniger.

        Wenn ich das nicht weiß und stattdessen glaube, das Klima, die Arten und die Welt retten zu müssen, liegt der Grund zur Selbstbeschränkung nicht in mir selbst begründet, sondern außerhalb meiner selbst im Klima, den Arten und der Welt. Ich beschränke mich dann allein aus dem Grund, weil ich nicht will, dass das Klima sich wandelt, die Bienen aussterben oder die Welt eine andere wird. Mit meiner Selbstkontrolle stelle ich gleichzeitig eine Forderung ans Klima, die Anderen und die Welt. Im Stil von: Ich tue das, von dem ich glaube, dass es gut für euch ist, also tut ihr gefälligst das, was ich von euch erwarte: ändert euch nicht. Das ist diese Angst vor dem Wandel, von der ich schon gesprochen habe.

        Jeder Klimawandel, jeder Artentod, jede Veränderung wird in dieser Denkweise zum menschlichen Versagen umdefiniert. Die Kehrseite davon ist eine Allmachtsfantasie, nämlich dass der Mensch es in der Hand hat, was aus dem Planeten wird. Wenn man eine Allmachtsfantasie ins Kraut schießen lässt, wird sehr leicht etwas Diktatorisches daraus, dahingehend, dass nicht mehr jeder für sich selber die Verantwortung (und damit die Selbstkontrolle) übernimmt, sondern dass Andere dies für ihn übernehmen. Nicht umsonst befürchten manche eine heraufdämmernde Öko-Diktatur, und ja, ich gehöre auch zu denen, die solche Befürchtungen hegen.

        Ein paar Gründe, warum wir m.E. doch tatsächlich „Feuerwesen“ sind:
        Wenn ich mich in der Welt umschaue, sehe ich, dass der allergrößte Teil der von uns Menschen hergestellten Produkte auf Verbrennungsprozesse zurückgeht, und sei es nur, dass wir Erdöl, Holz, Kohle verbrennen, um daraus die notwendige Energie zu gewinnen, etwas anderes umzuwandeln wie bei der Kunststoffherstellung. Metall und Keramik sind Produkte aus Verbrennungsprozessen. Ohne Metallwerkzeuge sind Stein und Holz kaum zu bearbeiten. Ich kenne die Doku „Technik der Antike“ nicht. Es würde mich schon interessieren, was für Techniken es da gegeben hat, die letztendlich nicht auf Feuer zurückgehen.

        Zudem handelt es sich um einen kontinuierlichen Prozess. Das heißt, dass im Laufe unserer menschlichen Geschichte immer mehr Feuerenergie für unsere weitere Entwicklung notwendig geworden ist. Das wirst Du ja hoffentlich nicht bestreiten. Wir verbrauchen heute ein Zigfaches an Feuerenergie wie die Leute in der Antike.

        Ein weiterer Hinweis auf unsere Feuernatur: wir kochen und braten einen wesentlichen Anteil unserer Nahrung. Getreide, die Basis unserer Ernährung seit der Agrarisierung, können wir beispielsweise nicht in großen Mengen roh zu uns nehmen, sondern müssen mittels Feuerenergie Brei, Brot oder Nudeln draus machen. Dasselbe gilt für Fleisch, weil sich unser Darm verkürzt hat und unsere Kauwerkzeuge schwächer geworden sind.

        Und noch eins: Wasser und Luft können wir nicht selber machen (oder doch nur in sehr begrenztem Ausmaß), sondern nur benutzen, aber Feuer können wir selber machen. Wir können sogar Atome spalten. Genau das macht uns zu „Feuerwesen“ und das trägt seine eigne Dynamik in sich, die unseren „Kopf“ zu ihrem Diener macht. Deshalb können wir das nicht selbst bestimmen. Also doch kein Widerspruch 🙂

        Der „Sinn“ der Evolution:
        Jedes Ding bedarf zu seinem Sein seines Gegenteils. In der Physik wird das durch die verschränkten Teilchen ausgedrückt. Der Sinn der Evolution ist der Tanz des an sich Unvereinbaren. Das Zusammengehören und Zusammenwirken des Gegensätzlichen. Das sieht nicht immer schön aus, deshalb sieht es auch in der Natur nicht immer schön aus. Und sobald das Eine und das Andere anfangen sich einzupendeln und ein Gleichgewicht herzustellen, kommt ein neuer Mitspieler, der alles wieder durcheinanderbringt, weil Gleichgewicht Stillstand bedeuten würde. Das Zusammengehören und Zusammenwirken des Gegensätzlichen samt der dazugehörigen Spannung ist das, was ich mit dem Ausdruck „Liebe“ verbinde. Liebe ist für mich kein Gefühl, sondern schöpferische Spannung.

        Mich freut’s, wenn ich in Deinem Blogroll auftauche. Deinen Gartenblog sehe ich mir gerne an.

        PS: Was das Ozonloch angeht, einfach mal „Ozonloch“ googeln, die Berichte der letzten drei Jahre vergleichen und sich selber ein Bild machen.

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