Das Anti-Daodejing

Ein wundervoller Text, der in fünfzehn Zeilen alles Wissenswerte sagt, ist der erste Aphorismus im Daodejing von Laozí:

Das Dao, das sich aussprechen lässt,
ist nicht das ewige Dao.
Der Name, der sich nennen lässt,
ist nicht der ewige Name.
„Nichtsein“ nenne ich den Anfang von Himmel und Erde.
„Sein“ nenne ich die Mutter der Einzelwesen.
Darum führt die Richtung auf das Nichtsein
zum Schauen des wunderbaren Wesens
die Richtung auf das Sein
zum Schauen der räumlichen Begrenztheiten.
Beides ist eins dem Ursprung nach
und nur verschieden durch den Namen.
In seiner Einheit heißt es das Geheimnis.
Des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis
ist das Tor, durch das alle Wunder hervortreten.

Wenn Laozí vom Sein und Nichtsein spricht, stellt er dem Leser zwei Richtungen vor, in die der Mensch schauen kann: das Eine ist die mystische Innenschau, das Andere die wahrnehmende Außenschau. Laozí sagt, dass beide Arten des Schauens ähnlich wie verschränkte Teilchen zusammengehören. Sie entstehen miteinander, bedingen sich gegenseitig und sind ohne einander unvollständig und einseitig. Die mystische Innenschau bedeutet Vereinheitlichung, also das Auflösen von Unterschieden. Die wahrnehmende Außenschau ist gleichbedeutend mit dem Erkennen von Unterschieden. Die beiden Richtungen des Schauens laufen diametral auseinander und können deshalb nicht ineinander überführt werden. Aus dem Geheimnis der Einheit geboren, driften die beiden Arten des Schauens voneinander weg. Die beiden Richtungen des Schauens sind absolut gleichwertig. Es gibt hier weder richtig und falsch noch über- oder untergeordnet.

Was nun aber passiert, wenn Menschen über das Sein und Nichtsein nachdenken, ist, dass sie bloß eine Schau für die wahre halten und die andere deshalb entweder zur Illusion, zum Abbild oder zum Ausdruck der anderen erklären. Im Grunde wird nur eine von zwei Arten des Schauens zugelassen.

Die Esoteriker behaupten, dass die mystische Innenschau die wahre ist und die wahrnehmende Außenschau bloß ein Spiegel, ein illusionäres Abbild dieser inneren Wahrheit darstellt. Die Wissenschaftler behaupten das Gegenteil, nämlich dass die mystische Innenschau Einbildung ist und allein die wahrnehmende Außenschau die objektive Wahrheit. Diese Unterteilung in Esoteriker und Wissenschaftler ist natürlich eine sehr grobe. Es gibt in beiden Lagern auch eine Menge Leute, die den Spagat zwischen den beiden Wahrnehmungsweisen versuchen. Einige sehen die Philosophie, andere die Vernunft als Instanzen, die beide Sichtweisen harmonisch vereinen können und nehmen an, dass der Mensch durch diese Vereinigung zu wahrem Wissen über die Welt gelangen kann.

Häufig versuchen die Vertreter der einen Sichtweise jedoch, die Vertreter der anderen niederzumachen. Dieses Niedermachen des jeweils Anderen, um sich selber als der Gescheitere, Bessere oder Erleuchtetere fühlen zu können, scheint in vielen Diskussionen das offensichtlichere Motiv als die Suche nach einer wie immer gearteten Wahrheit. So werden die jeweiligen Sichtweisen zu den Keulen, mit denen man aufeinander eindrischt. Sowohl hinter dem empirischen Wissen der Wissenschaftler wie auch hinter dem mystischem Wissen der Esoteriker verbirgt sich ein Herrschaftsanspruch, verbirgt sich Übergriffigkeit, die aus dem Anspruch resultiert, Einfluss auf das Leben von Anderen zu nehmen und dem eigenen ICH dadurch mehr Gewicht zu verleihen.

Weder die eine noch die andere Art des Schauens kann für sich genommen bestehen. Sie existieren nicht unabhängig voneinander. Beide Arten des Schauens zusammengenommen, versetzen uns aber nicht die Position, etwas über die Welt aussagen zu können. Sie vermitteln kein Wissen und schon gar kein Herrschaftswissen, sondern münden im Nicht-Wissen, das Laozí „Geheimnis“ nennt:

In seiner Einheit heißt es das Geheimnis
Des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis
ist das Tor, durch das alle Wunder hervortreten.

Der Begriff Bewusstsein bezeichnet im engeren Sinne nur, dass beide Richtungen des Schauens zu Gedanken verarbeitet werden, die man kommunzieren und mit anderen teilen kann. Im weiteren Sinne bezeichnet Bewusstsein, dass beide Arten des Schauens achtsam gepflegt werden. Unbewusst ist ein Mensch, wenn er des Schauens nicht mächtig ist, beispielsweise, wenn das wunderbare Wesen im Inneren verschüttet ist oder er die Außenwelt nicht so wahrnimmt, wie sie ist. Wahn, Gier, Sucht, Abgestumpftheit und dergleichen mehr beeinträchtigen die Bewusstheit.

Schauen ist immer passiv und weder aktiv noch schöpferisch. Deshalb ist auch Bewusstsein oder Bewusstheit nicht schöpferisch im Sinne von Wirklichkeit erschaffend. Ein bewusster Mensch ist nur in der Lage, über die Wirklichkeit zu reflektieren, sie in Gedanken oder Kunstwerke zu gießen. Heute wird gerne gesagt, dass Bewusstsein die Wirklichkeit erschafft. Oder dass Geist die Materie kreiert. Das ist falsch. Der Irrtum besteht darin, Bewusstsein für das Geheimnis zu halten. Schöpferisch ist des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis, und das kann nicht geschaut werden. Und schon zweimal nicht mit einem Begriff benannt werden.

Bewusstsein mit der Einheit aus Sein und Nichtsein zu verwechseln und hierin die schöpferische Kraft oder den schöpferischen Akt zu sehen, passiert dann, wenn unbedingt eine höchste Einheit konstruiert und benannt werden muss. Etwas, das nach den Worten von Laozí überhaupt nicht geht. Die Konstruktion einer höchsten Einheit durch einen Begriff, unter dem Sein und Nichtsein gleichermaßen subsumiert werden, hat immer etwas mit dem weiter oben bereits erwähnten Herrschaftsanspruch zu tun.

Die Konstruktion einer benennbaren höchsten Einheit hat zur Folge, dass eins von beiden, Sein oder Nichtsein, zur Ursache des jeweils Anderen erklärt werden muss. Die Esoteriker erklären das wunderbare Wesen (die Vereinheitlichung) zur Ursache der räumlich begrenzten Einzelwesen. Für den Esoteriker kommt alles aus einer wie auch immer gearteten Einheit, die wahlweise Gott, Geist oder Gesamtbewusstsein genannt wird. Der Wissenschaftler erklärt die kleinsten Teilchen (Atome, Quanten, Wellen), aus denen die Einzelwesen sich angeblich zusammensetzen, zur Ursache auch aller geistigen Phänomene, zu denen eben auch das wunderbare Wesen gehört. Der Wissenschaftler sucht nach dem allen Einzelwesen Gemeinsamen und fragmentiert die Wirklichkeit dabei immer mehr, bis sie in Atomen, Quanten und Wellen schließlich ganz verschwindet.

Durch die Konstruktion eines übergeordneten Gesamtbegriffs (wie Gott, Gesamtbewusstsein) werden das wunderbare Wesen der Innenschau und die räumlich begrenzten Einzelwesen der Außenschau durch eine Ursache-Wirkungs-Relation miteinander verknüpft. Das ist falsch. Das wunderbare Wesen, das sich in der Innenschau zeigt, bringt nämlich nicht die sinnlich erfahrbaren Einzelwesen hervor, ebensowenig wie die Summe der Einzelwesen als Gemeinsames das wunderbare Wesen hervorbringt.

Innen- und Außenschau gehören zusammen wie verschränkte Teilchen. Das Schauen selbst ist schon als Dichotomie zu verstehen und deshalb widersprechen sich die beiden Arten des Schauens. Es handelt sich um ein Gegensatzpaar. Die Sichtweisen stehen gleichberechtigt nebeneinander. Der Widerspruch ist nicht aufzulösen, indem man eins davon zum Absoluten und das andere zur Illusion (oder zum Abbild) erklärt. Oder eins zur Ursache und das andere zur Wirkung.

Sowohl der Wissenschaftler wie der Esoteriker versuchen beide, die Welt unter eine Formel oder einen Begriff zu bringen. In diesem Streben sind sie sich einig. Sowohl dem Wissenschaftler wie dem Esoteriker geht es also vor allem um Macht und Herrschaft. Es geht beiden darum, anderen Leuten zu erklären, wie sie die Welt zu erfahren haben. Alle Menschen sollen in der wahrnehmenden Außenschau das erfahren, was die Wissenschaft herausgefunden zu haben glaubt. Alle Menschen sollen in der mystischen Innenschau dasselbe erfahren wie der angebliche Mystiker. Alle Wahrnehmungen und inneren Erfahrungen werden damit standardisiert und in eine Norm gepresst. Wie es sich für den sich derzeit herausbildenden Massenmenschen in seiner Ichlosigkeit und seinem Schwarmverhalten ja auch ziemt. Fatal wird es, wenn esoterisch angehauchte Wissenschaftler wie Hans-Peter Dürr oder C.F. von Weizsäcker oder wissenschaftlich interessierte Esoteriker ihren Herrschaftsanspruch sowohl über die Innen- wie über die Außenschau der Anderen geltend machen. Wenn also eine Gruppe sich anmaßt, den anderen Menschen zu sagen, was sie wahrzunehmen, zu denken und zu fühlen haben. Das ist ein neuer Totalitarismus, den wir in der Menschheitsgeschichte bis jetzt noch nicht ausprobiert haben.  Es ist die Verkehrung des Daodejing. Das Anti-Daodejing.

5 Kommentare zu “Das Anti-Daodejing

  1. Hinsichtlich Deines letzten Satzes stelle ich die Tage mal bei Martin meine “Kritik“ zur Kritik am Konzept des Gesamtbewusstseins ein.

    Zur Verdeutlichung noch einmal: Gesamtbewusstsein bedeutet mir nicht Gott. Gott ist für mich eher ein energetischer Zustand des Gesamtbewusstseins, nämlich Kohärenz. Vielleicht wird dann eher deutlich, warum wir Menschen seit unserer Entfremdung von den ANDEREN derart auf EINEN Gott bestehen/vertrauen bzw. EINEN derartigen Gott suchen – und warum der Zeitgeist den Begriff Gott für eigene Zwecke missbraucht, schließlich ist Kohärenz das Antodot zur Entfremdung …

    Und NEIN, jegliches Herrschaftsdenken oder Geltungsbedürfnis ist mir fremd, dazu aber mehr in besagter “Kritik“ …

    Gesamtbewusstsein ist wie HARMONIE und Harmonie, wie LIEBE und Liebe … alles eine Frage der Betonung. Gleiches könnte für Wirklichkeit und Realität gelten, oder Welle und Teilchen … aber dazu die Tage mehr.

    Und mal wieder DANKE dafür, dass Du mich das Thema weiter denken lässt und mir weitere Pfade ermöglichst …

    • Ich frage mich dann, warum Du als allumfassenden Überbegriff nicht „Kohärenz“ oder „HARMONIE“ verwendest, sondern einen Begriff, der dank der Esoterik schon belegt ist, und zwar mit dem altbekannten Herrschaftsdenken, das den Menschen gottgleich macht und ihn extrem überhöht. Wenn Du schon einen allumfassenden Überbegriff benutzt, warum dann nicht einen neuen jungfräulichen, der nicht bereits bis zur Bedeutungslosigkeit mit Bedeutung überladen ist? Das muss doch einen Grund haben. Ich habe mich gefragt, welchen. Die einleuchtendste Erklärung für mich ist eben, dass Du von der alten Vorstellung der Sonderrolle des Menschen eben doch nicht lassen kannst und das bewusstseinszentrierte Weltbild eben doch nicht wirklich über Bord wirfst, wie Kopernikus das seinerzeit mit dem heliozentrischen gemacht hat.

      Eine Theorie, die das SEIN erklären will, hat per se ein gewisses Gewalt- und Herrschaftspotenzial. Das liegt im Anspruch selbst begründet. Wer sich die Welt erklären muss, will sie mit seinem Verstand be-„greifen“. Das heißt, der Verstand will sich mit der Erklärung über das SEIN stellen, sich das SEIN zu eigen machen. Das ist Vereinnahmung. Der Verstand macht die Welt und jedes Lebewesen darin zu Objekten. Das ist eine subtile Form von Gewalt. Ein Abbild davon ist unsere Sprache, die die Struktur „Subjekt-Prädikat-Objekt“ hat. Im Subjekt ist eigentlich alles enthalten, was in der Prädikat-Objekt-Struktur bloß entfaltet, dh. sichtbar gemacht wird. Ein Beispiel: Der Mann spaltet Holz = ein holzspaltender Mann. Aber so funktioniert nun mal leider unser Gehirn, und wir kommen da nicht ohne Weiteres raus. Je vollständiger eine Theorie sein muss, desto größer ist das ihr innewohnende Gewalt- und Herrschaftspotenzial. Eine Theorie, die einen allumfassenden Begriff braucht, um ALLES darunter subsumieren zu können, hat ein hohes Gewalt- und Herrschaftspotenzial. Eine Theorie, die zugibt, nicht alles wissen zu können, hat weniger von diesem Potenzial. POESIE ist eine Sprachform, die dieses Machtverhältnis auflösen will. Gewalt- und herrschaftsfrei ist nur der, der keine Erklärung für die Welt braucht, sondern einfach stillvergnügt in ihr lebt. Ich selber zähle mich übrigens noch nicht zu dieser glücklichen Gattung Mensch und Dich auch nicht.

      Ich denke, dass die Verwendung des Begriffs „Gesamtbewusstsein“ in Deiner Weltsicht aber schon einen Grund hat. Du spielst mit der Idee, dass Dein Gehirn die Bilder von der Welt erzeugt, was Dir als Realität erscheint. Ist es nicht so? Um dem dieser Idee innewohnenden Solipsismus oder Wahn zu entgehen, projizierst Du diese Idee von der Bildhaftigkeit auf die Kohärenz und damit wird die Kohärenz automatisch zum Gesamtbewusstseins oder zu einem Zustand des Gesamtbewusstseins. Du löst den Solipsismus dadurch auf, dass Du ihn zum allumfassenden Prinzip erklärst. Zudem kommst Du nicht aus dem Zweck- und Nützlichkeitsdenken raus, und das ist nun mal typisch fürs Bewusstsein, das unbedingt eine Erklärung für sich selber braucht, weil sonst seine Existenz auf dem Spiel steht. Und so bleibst Du dem esoterisch-religiösen bewusstseinszentrierten Weltbild verhaftet. Ist es nicht so?

  2. Woher rührt Deine Annahme, dass eigene Ideen, die anders gestaltet sind, als bereits bekannte, einen Herrschaftsanspruch bedingen ? Können derartige Gedanken nicht einfach nur mit anderen Ideen spielen, ohne Herrschaft im Sinn ?

    • Mit den „eigenen Ideen, die anders gestaltet sind als bereits bekannte“ beziehst Du Dich doch bestimmt auf Deine Arbeit, oder? Zum einen: Das Anti-Daodejing ist zwar aus unserer Diskussion entstanden, aber ich habe den Artikel ins Allgemeine gewendet. Du bist nicht der Einzige, der „Gesamtbewusstsein“ als allumfassenden Begriff verwendet, sondern das ist in der Esoterik gerade absolut angesagt. Zum anderen: Ich weiß nicht, ob sich hinter Deiner Arbeit ein Herrschaftsdenken oder ein Geltungsbedürfnis verbirgt. Da Du die EINEN und die ANDEREN gelten lässt, vermute ich eigentlich, dass sich hinter Deiner Arbeit weniger Herrschaftsdenken verbirgt als bei den ganzen Esoterikern, bei denen es die ANDEREN gar nicht gibt, sondern wo alle EINS sind und deshalb allen gesagt wird, wer sie sind, wie sie sein müssen, welche Entwicklungswege sie gehen können oder auch nicht, was sie zu fühlen haben und wenn sie es nicht fühlen, dass sie dann falsch, unreif, unentwickelt, unerleuchtet etc. sind.

      Deshalb irritiert es mich ja gerade, wenn Du denselben allumfassenden Begriff verwendest wie diese Esoteriker und letztendlich auf dieselbe Instanz verweist, die sich als „Geist“ oder „Gott“ in der Vergangenheit bereits unrühmlich hervorgetan hat. Und was anderes ist das „Gesamtbewusstsein“ nicht. Früher hat man „Gott“ dazu gesagt, das hast Du selber sogar schon mal so gesagt. Es ist gleichzeitig ein transzendenter Gott, der als immaterielles Bewusstsein jenseits des SEINS verortet ist sowie ein immanenter Gott, der in der Welt ist. Das ist aber ganz und gar nicht neu. Ebenfalls nicht neu ist, dass Du eine Richtung vorgibst, nämlich die gemeinsam ins Tal hinunter. Ebenfalls nicht neu ist, dass Du die ANDEREN nicht fragst, wer sie sind, sondern das im Vorfeld weißt. Und ja, das bereitet mir Unbehagen und ich habe das Bedürfnis, diesem Unbehagen einen Ausdruck zu verleihen.

      Andererseits sehe ich in Deiner Arbeit das Potenzial, aus eben diesem altbekannten religiös-esoterischen Herrschaftsdenken auszusteigen, deshalb versuche ich, Deine Denkweise gegenüber den obengenannten Esoterikern abzugrenzen. Ich versuche, für mich das herauszufiltern, das meiner Ansicht nach für eine stimmige Weltsicht OHNE Herrschaftsdenken nützlich wäre, und da ist eben auch einiges vorhanden, eben gerade, weil in Deiner Arbeit zum ersten Mal ANDERE auftauchen und wechselseitige Bezogenheit großräumig thematisiert wird. Das finde ich spannend. Ich wünsche mir nämlich eine Weltsicht, in der jeder selber seinen Platz suchen und finden darf und selber sagen und einbringen darf, wer er ist, ohne dass jemand anders das bereits vorwegnimmt und man von diesem nur eine Rolle zugewiesen bekommt.

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