Gibt es Gott?

Um die Frage, ob es Gott gibt, beantworten zu können, müsste man erst mal wissen, was der Begriff Gott bezeichnet oder wofür er steht. Das scheitert jedoch schon am Fehlen einer allgemein gültigen Definition. Die Menschen sind sich ja nicht mal drüber einig, ob Gott ein Seiendes, ein Nicht-Seiendes, die Einheit aus Seiendem und Nichtseiendem oder nichts von alledem ist. Manchmal wird Gott mit einer immateriellen Einheit assoziiert, manchmal mit der Vielfalt des Seins, manchmal mit beidem. Ebensowenig sind sich die Menschen einig, ob Gott ein übernatürliches Wesen oder eine höhere Macht ist, wobei auch wieder unklar bleibt, was übernatürlich bzw. höher eigentlich bedeuten soll. Darüber hinaus sind Wesen und Macht keine austauschbaren Synonyme. Es wird vom Gott geredet, der die Welt erschaffen hat, ebenso wie vom Gott in mir, vom transzendenten wie vom immanenten Gott. Gott ist allwissend, die absolute Vernunft, sich Gott aber mit rationalen Fragen anzunähern, ist verpönt, denn Gott ist eine Sache des Glaubens, aber doch wieder nicht, denn es ist eine Sache der Vernunft, an einen einzigen Gott oder ein übergeordnetes Prinzip und nicht an viele Götter oder gar an ein Spaghettimonster zu glauben.

Über die Frage, ob es Gott gibt oder nicht, ist ein Austausch aufgrund dieser fehlenden verbindlichen Vereinbarung, wovon man eigentlich spricht, nicht möglich. Für eine Diskussion fehlt jede Grundlage. Ebenso für eine Antwort.

Wenn man von Gott spricht, ohne zu wissen, wer oder was Gott ist, geht es gar nicht um Gott. Es geht um die tief im Menschen verwurzelte Sucht nach Erklärungen. Der Mensch ist offensichtlich so strukturiert, dass es ihm nicht genügt zu wissen, dass es ihn gibt, er will darüber hinaus wissen, warum es ihn gibt. In den meisten Fällen ist mit der Erklärung eine Rechtfertigung verbunden. Oder ein Zweck. In vielen Fällen hat unser Dasein hier in dieser Welt den Zweck, in ein Jenseits zu gelangen, Gott bei seiner Arbeit zu helfen oder selber Gott zu werden.

Im Laufe unserer menschlichen Entwicklung ist diese Sucht nach Erklärungen immer stärker geworden. Der Mensch will, ja muss wissen, was die Welt im Kern zusammenhält, wie sie funktioniert, was ihre erste Ursache ist und welche Rolle wir als Kollektiv und als Einzelne darin spielen. Die Menschheit ist von dieser Sucht vollkommen besessen und verteilt Nobelpreise an die Junkies, die ebenso nach Wissen gieren wie die Heroinsüchtigen nach Heroin. Die Schule, die Universität und die Kirche sind die Orte, wo mit Erklärungen gedealt wird. Manche Erklärungsmodelle werden als Wissen, andere als Glauben, wieder andere als Ethik oder Sozialisation verkauft.

Je vollständiger man die Welt erklären kann, desto mehr hat man sie im Griff. Die Sucht nach Erklärungen hat damit zu tun, dass der Mensch die Welt beherrschen, kontrollieren und manipulieren will. Der Gottesbegriff vervollständigt die lückenhaften Erklärungsmodelle, die der Mensch aus seinen praktischen Erfahrungen ableiten kann. Die totale Erklärbarkeit der Welt und des Seins ist nur mit Hilfe eines übergeordneten, allumfassenden Begriffs möglich. Für den Menschen, der keine Frage unbeantwortet lassen kann, ist Gott oder ein ähnlich allumfassender Begriff eine Notwendigkeit.

Gier ist in unseren Augen schlecht. Die meisten Menschen in unserem Kulturkreis sind inzwischen durchaus zur Einsicht gelangt, dass Gier die Welt zerstört. Deshalb wird der Kapitalismus als systemisch gewordene Gier von allen in höchsten Tönen kritisiert, wenn nicht gar verdammt. Unbegreiflich bleibt, dass die Neu-Gier bei alledem weiterhin den Status einer Tugend genießt. Aber schließlich ist Neugier der Antrieb, um neues Wissen zu erlangen, und darf deshalb nicht in Frage gestellt werden. Wissen ist uns heilig. Neugier ist allenfalls schlecht, wenn man den Nachbarn ins Fenster guckt oder deren Briefe liest. Aber auch hier findet derzeit eine gewaltige Verschiebung statt, auch diese Art von Neugier wird rehabilitiert und zur Normalität, während das Bestehen auf einer Privatsphäre zunehmend verdächtig wird, es sei denn, man heißt William und Kate. Während Adlige früher die Objekte waren, an denen sich die Neugier schamlos befriedigen durfte, kann heute jeder zum Objekt schamloser Neugierde werden, während Adlige plötzlich das Privatleben für sich entdecken.

Wie jeder Süchtige merkt auch der Erklärungssüchtige nicht, von welcher Qualität der Stoff ist, den er zu sich nimmt. Er klammert sich an Begriffe, deren Bedeutung er nicht kennt und über die er sich auch gar nicht klar werden will. Er klammert sich an Erklärungsmodelle, die nicht nur immer abstrakter, sondern auch immer abstruser werden. Manchmal klammert er sich auch an eingebildete Verschwörungen, bloß um eine Erklärung zu haben. Wie jeder Süchtige merkt auch der Erklärungssüchtige nicht, dass seine Sucht ihm schadet. Wie jeder Süchtige merkt auch der Erklärungssüchtige nicht, dass er nicht nur die Welt um sich herum, sondern auch sich selber langsam, aber sicher zerstört.

Die interessante Frage ist also nicht, ob es Gott gibt oder nicht, sondern die Frage, warum der Mensch derart erklärungssüchtig geworden ist. Ja, ich brauche keine Erklärung für den Kosmos, aber ich hätte doch gern eine Erklärung für diese Erklärungssucht. 🙂
Ich habe auch eine gefunden: Unsere rasante geistige Entwicklung inklusive der damit verbundenen genetischen Veränderung unseres Gehirns ist die Folge eines systemischen Zuwiderhandelns gegen unsere innerste Natur und gegen unseren Instinkt. Es ist ein Bruch in uns selbst, der Instinkt und Geist zu unvereinbaren Gegensätzen macht. Daher kommt diese Unruhe, die uns in die Sucht zwingt. Im Grunde will der Mensch nichts anderes, als diesen Bruch überwinden und wieder zur Ruhe zu kommen. In Genese des Übernatürlichen versuche ich, diesem Bruch in uns selbst auf die Spur zu kommen.

Im Laufe unserer Entwicklung haben die metaphysischen Erklärungen, die der Mensch sich zu seiner Beruhigung zurechtlegt, unterschiedliche Gestalt angenommen. Im Großen und Ganzen lassen sich drei Phasen unterscheiden.

Der Anfang der ersten Phase liegt im Dunkeln. Die mögliche Zeitspanne reicht von zweihunderttausend Jahren bis zu zwei Millionen. In dieser Zeit lernte der Mensch, mit dem Feuer umzugehen und entwickelte eine Sprache, die über reine Laute weit hinausging. In dieser Phase erfuhr der Mensch die ganze Welt noch als belebt. Er entwickelte im Animismus das Erklärungsmodell der doppelten Erscheinungsweise aller Dinge als einerseits materiell und andererseits geistig. Alle materiellen Dinge waren dem Menschen gleichzeitig geistiger Natur. Der Mensch lebte inmitten der Welt gleichermaßen in einer Welt der Geister und Dämonen. Durch die Erfindung von Geistern und Dämonen konnte sich der Mensch unerklärliche Erscheinungen wie Feuer, Regen, Wolken, Gewitter erklären. Geister und Dämonen sind ein erstes umfassendes Erklärungsmodell. Aus heutiger Sicht sind es also durch und durch natürliche Erscheinungen, die im Menschen den Glauben ans Übernatürliche begründet haben.

Die zweite Phase begann vor rund zehntausend Jahren. Der Mensch wurde sesshaft. Er fing an, Ackerbau zu betreiben und Metall zu bearbeiten. Er entwickelte die Schrift und den Glauben an Götter, die im Monotheismus zu einer einzigen, allmächtigen Gottheit verschmolzen. In diese Zeit fällt auch die Gründung von Städten, wo erstmals Menschen, die nicht verwandt miteinander waren, ja, die sich nicht einmal gut kannten, zusammenlebten.
Der Glaube an einen Gott, der jeden Menschen bei seinem Tun beobachtete, machte die Urbanisierung überhaupt erst möglich. Das allwissende Auge, das über jeden Einzelnen wacht, brachte die Menschen dazu, sich ihren fremden Nachbarn gegenüber anständig zu benehmen, sie nicht auszurauben oder umzubringen. Bei den Jägern und Sammlern war es die natürliche Entfernung der verschiedenen Clans zueinander gewesen, deren riesige Reviere Mord und Totschlag weitgehend verhindert hatten. Da in Städten diese natürliche Barriere aufgehoben war, brauchte es dringend einen Ersatz, und das war der Glaube an den allessehenden, allwissenden Gott. Nicht nur wurden die Städte dabei allmählich immer größer, der Mensch schloss sich auch zu immer größer werdenden Organisationseinheiten zusammen. Aus Glaubensgemeinschaften oder Völkern wurden Nationen, aus Nationen Staaten, aus vielen Staaten ein Staatenverbund. Der Glaube an einen universalen Gott wirkt vereinheitlichend auf die Menschen.

Die dritte Phase begann mit der Industrialisierung vor knapp zweihundertfünfzig Jahren. Der Mensch erfand die Dampfmaschine und den Verbrennungsmotor. Das sind Maschinen, die Energie erzeugen. Bis dahin konnte der Mensch nur die Energie von Tieren, anderen Menschen (Sklaven) oder von Naturphänomenen (Wasserkraft, Windräder) nutzen, sie aber nicht selbst herstellen. Das ist nun anders geworden und dem Menschen stand auf einmal ungleich viel mehr Energie zur Verfügung als bislang. Das zu dieser Phase gehörende neue Kommunikationssystem, das in den vorhergehenden Phasen der Sprache und der Schrift entspricht, ist der Computer und die Digitalisierung.

An die Stelle von Gott tritt als höhere Macht nun das kosmische Bewusstsein. Damit einher geht ein Gefühl der Erhabenheit, das sich angesichts der strukturellen Zusammenhänge in der Natur sowie auch der eigenen Gedankenwelt einstellt. Die Welt wird als Ausdruck des kosmischen Bewusstseins verstanden, als seine Gedanken und Träume. Der moderne Mensch sagt nicht mehr, dass Gott die Welt erschaffen hat, sondern, dass Bewusstsein (oder Geist) die Materie kreiert. Ganz unverfroren geht der Mensch davon aus, dass das kosmische Bewusstsein analog seinem eigenen funktioniert. Das ist auch ganz logisch, denn ein anderes Bewusstsein als sein eigenes kann der Mensch ja gar nicht kennen. Der Begriff Bewusstsein ist ähnlich vage wie der Begriff Gott. Niemand weiß, was der Begriff Bewusstsein überhaupt bedeutet. Verstand, Gefühl, Instinkt, Gott, Natur, der Urknall, Elektromagnetismus: alles wird darunter subsumiert, sodass der Begriff total beliebig wird. Aber darauf kommt es gar nicht an. Das Entscheidende ist, dass durch die Verwendung des Begriffs Bewusstsein der Mensch nun selbst an die Stelle des Schöpfergotts tritt. Beinahe unmerklich wird der Mensch oder eben sein Bewusstsein nun selber zum allumfassenden Prinzip, zur allumfassenden Ordnung.

Die Übersteigerung des menschlichen zum kosmischen Bewusstsein geht einher mit einem totalen Universalismus. Die Utopie der vollkommenen Entgrenzung wird Wirklichkeit. Das Prinzip, das Ordnungsgesetz, auf das radikal alles, was ist, zurückgeführt werden kann, ist der menschliche Geist. Vor diesem Hintergrund verlieren nationale, soziale und religiöse Schranken ihre Bedeutung. Mit Riesenschritten strebt die Menschheit der globalen Welt entgegen, in der alle Menschen nicht nur Brüder und Schwestern, sondern ein Bewusstsein sein werden. Zur Verwirklichung des totalen Universalismus wird gelegentlich auch schon mal geltendes Recht gebrochen, wie das zuletzt bei den Abkommen von Maastricht, Schengen oder Dublin der Fall war.

Dem Bruch in seinem Bewusstsein, der durch die Entwicklung dem Instinkt zuwiderlaufender kognitiver Fähigkeiten entstanden ist, versucht der Mensch durch totale Entgrenzung, Veräußerlichung und Übersteigerung seiner selbst zu begegnen. Um den Bruch zu überwinden, strebt der Mensch danach, sich die Materie, die Welt und den Kosmos bis zum letzten Molekül einverleiben, indem er alles zu Gedanken oder Träumen seines eigenen Bewusstseins erklärt, das er nun als göttlich definiert.

Ich habe meine Zweifel, ob der Bruch überwunden werden kann, wenn ein Teil des Zerbrochenen sich zum alles beherrschenden Ordnungsgesetz aufschwingt. Ich habe nicht den Eindruck, dass die Einheit zwischen Verstand und Instinkt wiederhergestellt wird, sondern vielmehr, dass durch den krampfhaften Versuch, die ganze Vielfalt der Wirklichkeit einem ins Kosmische übersteigerten menschlichen Bewusstsein unterzuordnen, die weitere Fragmentierung sowohl von Verstand wie Instinkt nur immer weiter vorangetrieben wird. Die Sucht nach Erklärungen scheint das Problem nicht zu lösen, sondern Teil des Problems zu sein.

Ich muss nicht für alles eine Erklärung haben. Ich kann Fragen unbeantwortet lassen und mir die Grenzen meines Wissens eingestehen. Aus diesem Grund plädiere ich für die Abschaffung eines allumfassenden Begriffs oder Prinzips, das für totale Erklärbarkeit steht. Ich denke, nicht nur die Welt würde befreit aufatmen, sondern auch die Menschen.

2 Kommentare zu “Gibt es Gott?

  1. „Ich muss nicht für alles eine Erklärung haben. Ich kann Fragen unbeantwortet lassen und mir die Grenzen meines Wissens eingestehen. Aus diesem Grund plädiere ich für die Abschaffung eines allumfassenden Begriffs oder Prinzips, das für totale Erklärbarkeit steht. Ich denke, nicht nur die Welt würde befreit aufatmen, sondern auch die Menschen.“

    Wie genau stellst Du dir solch eine „Abschaffung“ vor? Für mich, als Mensch mit einem spirituellen Glauben, ist „Gott“ der tragende und allbelebende Grund des Seins, wie beispielsweise Paul Tillich sagte. Was dieser Grund ist, wie wir ihn beschreiben, wie wir unsre Beziehung zu ihm verstehen, das können wir offen lassen. Darüber könnten wir zahllose Bücher schreiben, wochenlang Gespräche führen und wir würden an kein Ende kommen.

    Gerne werde ich beizeiten noch eine ausführlichere Antwort dazu schreiben.

    • Für mich ist der tragende und allbelebende Grund des Seins die Wirklichkeit, wie ich sie erfahre, wenn ich mich ganz auf sie einlasse. Sobald ich diese Wirklichkeit benenne, lasse ich mich nicht mehr ganz und gar auf sie ein. Ich nehme mich heraus, um über die Wirklichkeit reden und reflektieren zu können. Um sie in Begriffe und Wörter zu packen. Da ich nun mal mein Gehirn habe, lässt sich das nicht vermeiden. Zu denken, ist nun mal unsere menschliche Eigenart. Es mag auch noch angehen, wenn ich über die Schönheit des Meeres oder über den Geschmack von Orangen reflektiere und mir selber bewusst mache, dass ich gerade am Reflektieren bin. Dann kann ich den Vorgang des Reflektierens zumindest zeitweise unterbrechen und wieder in die Wirklichkeit zurückkehren. Mit der Reflexion über das Ganze mittels eines allumfassenden Begriffs wie Gott nehme ich mich allerdings ganz aus der Wirklichkeit heraus und erhebe mich über alles, was ist. Statt zu erleben, denke ich. Einen allumfassenden Begriff wie Gott zu setzen, bedeutet die totale Abtrennung von der Wirklichkeit. Je mehr ich mich mittels Sprache von der Wirklichkeit abtrenne, desto größer ist die Gefahr, die Welt der Sprache mit der Wirklichkeit zu verwechseln. Die Welt verschwindet, an ihre Stelle tritt der Begriff.

      Dabei ist dies im Grunde die Abtrennung, die der Mensch überwinden möchte. Die Rückkehr in die Wirklichkeit bedeutet, die Dinge so zu erfahren, wie sie sind. Es bedeutet Wertschätzung gegenüber dem Leben, die Wiedereingliederung des materiell-körperlichen Aspekts des Lebens in Form von direktem, nicht durch Sprache vermitteltem Erleben.

      Ja, wenn wir zahllose Bücher schreiben und wochenlang Gespräche führen, werden wir an kein Ende kommen. In der direkten Erfahrung der Wirklichkeit gibt es weder Anfang noch Ende. Wir müssen nirgendwohin kommen. Wir sind schon da.

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