Der universale Rorschach-Test

Nach dem Standardmodell der Physik ist unser Universum 13,7 Milliarden Jahre alt. In der Vorstellung der Physiker ist das Universum ein Gebilde aus Raum und Zeit, das einen Anfang hat. Die Frage, ob das Universum auch ein Ende hat, wird von den Forschern bis jetzt nicht einheitlich beantwortet. Einig sind sie sich jedoch darin, dass sich das Universum derzeit ausdehnt. Das machen sie daran fest, dass die Galaxien auseinanderdriften, sich also voneinander entfernen.

Die Physiker folgen dem Prozess dieser Ausdehnung in umgekehrter Richtung und spulen ihn gedanklich über mathematische Berechungen weiter und weiter zurück, bis sie schließlich beim Urknall landen. Das ist ein ausdehnungsloser Punkt, in dem einst alle Masse und die Raumzeit vereinigt waren. Dieser Punkt ohne Ausdehnung stellt eine Singularität dar, das heißt, es ist der Punkt, an dem alle Theorien und Berechnungen ihre Gültigkeit verlieren und zusammenbrechen. Der Urknall ist nichts, das man mit Teleskopen beobachten und mit Geräten messen kann, sondern ein rein mathematisches Konstrukt. Nein, der Urknall ist nicht mal ein mathematisches Konstrukt, weil die Mathematik hier ja an ihre Grenzen stößt. Der Urknall symbolisiert nicht die Grenzen des Universums, sondern die Grenzen der Mathematik.

Die Urknall-Theorie gibt es in einer harten und in einer weichen Version. In der harten Version ist es das klassische Modell, das im Bereich der Planck-Einheiten (Länge, Zeit, Dichte, Temperatur) zusammenbricht. In dieser Version macht es keinen Sinn zu fragen, was denn vor dem Urknall war, weil Raum und Zeit erst mit dem Urknall entstanden sind. Es gibt also kein Davor. In der weichen Version versucht man, die Singularität, also den Zusammenbruch der Mathematik, unter Berücksichtigung von Quanteneffekten zu vermeiden. Masse und Raumzeit werden auf ein winziges Volumen zusammengedrängt, aber nicht jeglicher Ausdehnung beraubt. Ein Teil der Physiker versucht, auf Quantenebene soviel übrigzulassen, dass sie eben doch wieder ein Davor konstruieren können. Die Schöpfung aus dem Nichts wird von manchen Physikern eben doch nicht mehr so ohne Weiteres akzeptiert. Zu diesen weichen Versionen gehören die String-Theorie und die Schleifen-Quanten-Gravitation.

Mit einem Blick in die Tiefen des Universums tun wir einen Blick in die Zeit. Wenn wir in seine Zukunft schauen, wird es angeblich größer sein als heute, nach allem, was die Physiker behaupten. Umgekehrt heißt das, dass das Universum fortwährend kleiner würde, wenn wir in seine Vergangenheit reisen könnten. Wenn wir aus den Lichtstrahlen, die uns von fernen Galaxien erreichen, ein Photonen-Raumschiff basteln, um auf demselben Lichtstrahl wieder zurückzufliegen, würden die Galaxien wieder näher zusammenrücken, weil mit jedem zurückgelegten Lichtjahr der Raum um uns herum entsprechend schrumpft.

Wenn wir mit unserem Raumschiff auf dem Lichtstrahl zehn oder zwölf Milliarden Jahre in die Vergangenheit reisen könnten, würden wir nicht erleben, dass in einem leeren Raum auf wundersame Weise Sterne geboren werden, sondern wir würden die Erfahrung machen, dass alle Sterne und Galaxien miteinander verschmelzen, wobei der zur Verfügung stehende Raum immer kleiner und heißer wird. In einer Entfernung von 13,6996 Milliarden Lichtjahren, als das Universum gerade mal 400.000 Jahre alt war, sind Strahlung und Materie überhaupt nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Es gibt weder Teilchen mit noch Teilchen ohne Masse. Das Universum ist eine einzige, brodelnde, undurchsichtige Ursuppe.

Davon legt die sogenannte Hintergrundstrahlung Zeugnis ab, eine nicht ganz gleichförmige, stark rot verschobene Mikrowellenstrahlung. Für die Physiker ist diese Hintergrundstrahlung so was wie das ferne Echo vom Urknall. Stellt man sich das Universum als eine Art Luftballon vor, der durch die Energie des Urknalls aufgeblasen wird, dann würde die Hintergrundstrahlung der Hülle dieses Ballons entsprechen, denn sie umgibt uns von allen Seiten, egal in welche Richtung wir auch blicken, während unsere Erde irgendwo im Inneren dieser Hülle, von der Gravitation auf Kurs gehalten, in einem Vakuum herumschwimmt. Das Bild vom Luftballon wird aber auch anders benutzt: nämlich dass der gegenwärtige Zustand des Universums die Hülle ist, weshalb unsere Erde einen winzig kleinen Teil der Hülle bildet. Die Vorstellung vom aufblasbaren Universum ist den Vertretern der Inflationstheorie jedoch mehr als nur ein Bild oder eine Metapher. Sie glauben allen Ernstes, dass das Universum eine Art Ballon ist, der nicht mit Luft, sondern stattdessen mit Energie aufgeblasen wird.

Mit der Hintergrundstrahlung sind die Grenzen des Messbaren erreicht. Mit seinen technischen Mitteln kann der Mensch nicht weiter als 13,6996 Milliarden Jahre in die Vergangenheit blicken. Es sei denn, er wendet den Blick vom unfassbar Großen dem unfassbar Kleinen zu. Beobachtungen in den Teilchenbeschleunigern wie im CERN verschieben die Grenze noch einmal. Die in den Beschleunigern erzeugten Energien entsprechen einem Zeitraum, der noch einmal 25 Größenordnungen näher an den Urknall heranreicht. Dann aber ist Schluss mit allen experimentellen Daten.

Unsere Beobachtungen werden durch die Hintergrundstrahlung begrenzt. Mit den Teilchenbeschleunigern schließt sich an diesen Beobachtungshorizont ein experimenteller Bereich an, in dem Physiker die von den Naturkräften vorgegebene Welt simulieren und dadurch weitere Beobachtungen machen. Die Frage ist, ob man innerhalb eines 13,7 Milliarden Jahre alten Universums seine Entstehung überhaupt angemessen simulieren kann, denn man kann die 13,7 Milliarden andauernde Entwicklung ja nicht ungeschehen machen. Sämtliche Energien, die im Universum derzeit wirken, ob das nun Gravitation, Kernkräfte, elektromagnetische Strahlung oder nicht identifizierte Kräfte sind, wirken ja auch auf die Versuchsanordnung im CERN. Diese Kräfte kann man nicht einfach ausschalten.
Auf jedes Teilchen, auf das die im Teilchenbeschleuniger erzeugte Energie einwirkt, wirken zusätzlich die Kräfte, die aufs CERN, auf die Erde, auf unsere Galaxie einwirken. Wenn wir durch ein künstliches Facettenauge blicken, sehen wir die Welt trotzdem nicht wie ein Insekt, weil wir ja zusätzlich immer noch unsere eigenen Augen haben, die wir uns nicht aus dem Kopf reißen können.

Was in der Annäherung an den Urknall dann noch folgt, ist ein Bereich theoretischer Modelle und mathematischer Berechnungen. Mit dem Urknall als Singularität enden schließlich all unsere Erkenntnismöglichkeiten.

Diesen Prozess kann man auch umgekehrt begreifen. All unsere physikalischen Erkenntnisse beginnen mit der Mathematik und theoretischen Modellen. Auf der Basis mathematischer Überlegungen erschafft der Physiker Versuchsanordnungen und denkt sich Experimente aus, die ihm Daten und Datenstrukturen liefern. In der Folge richtet sich das, was wir als die von den Naturkräften vorgegebene objektive Welt ansehen, nach den auf diesem Weg bereits gewonnenen Strukturen und Engrammen. Das heißt, dass die Mathematik der Physik die Denkformen vorgibt. Physikalische Erkenntnisse sind durch die mathematischen Grundmuster zwingend vorgeprägt.

Das heißt, dass der Physiker nach den ihm bereits vorliegenden mathematischen Normen das Beobachtbare zu Mustern verknüpft. Die verschiedenen Geometrien behandeln die räumlichen Beziehungen, während der Rest Rechnen, also letztendlich Zählen ist. Durch Zählen und damit verknüpfte Rechenoperationen werden Objekte in eine Reihenfolge gebracht. Phänomene und Objekte in eine Reihenfolge zu bringen, bedeutet sie hintereinander anzuordnen. Durch diese Ordnung, durch dieses Zählen entsteht Zeit. Zeit ist ein rein mathematisches Konstrukt. Eine Abstraktion.

Eine der grundlegenden mathematischen Normen ist die Einheitlichkeit. Die mathematischen Gesetze müssen an jedem Ort des Universums gleichermaßen gelten. Und das in jedem Augenblick seiner Geschichte. In jedem seiner Zustände. Wenn man die Bewegungen des Meeres eine Stunde nach Einsetzen der Flut misst und dann nochmal eine Stunde später und die so gewonnenen Ergebnisse extrapoliert, dann kann man ausrechnen, wie lange es dauert, bis die gesamte Erde mit Wasser überschwemmt ist. Bloß ist das ein Zustand, der so nie eintrifft. Denn nach einem Zeitraum von ungefähr sechs Stunden schlägt die Bewegung um. Ebbe setzt ein. Der Zeitraum des Umschlags zwischen Ebbe und Flut ist nicht immer exakt derselbe, der Koeffizient auch nicht. Die Einheitlichkeit des Universums ist jedoch ein sine qua non für die Physiker. Diese dürfen sie gar nicht in Frage stellen, denn sonst brechen all ihre Berechnungen zusammen bzw. erweisen sich als ebenso absurd wie eine von der Flut überschwemmte Erde.

Was Physiker für die objektive Wirklichkeit halten, sind also in Wahrheit mathematische Muster, die sie in die Wirklichkeit hineininterpretieren. Das bedeutet aber nicht, dass die Wirklichkeit tatsächlich ein mathematisches Konstrukt ist. Das ist sie auch nicht. Denn die Wirklichkeit ist einzigartig, nicht reproduzierbar, irreversibel. Wie das Leben. Kinder sind niemals identisch mit ihren Eltern. Ebensowenig ist ein Sonnenumlauf identisch mit dem anderen, denn weder die Erde noch die Sonne bleiben sich immer gleich. Solche Identitäten müssen die Physiker aber permanent konstruieren, damit das Universum zu einem mathematischen Konstrukt werden kann. Was sich gleich bleibt und reproduzierbar ist, ist bloß das Unwesentliche, das worauf es überhaupt nicht ankommt. Die Physiker machen etwas Unwesentliches zum Wesentlichen. Das mathematische Konstrukt ist letztendlich doch eine Illusion, selbst wenn man damit Sonnenfinsternisse vorhersagen kann. Oder anders herum: Die Illusion wird glaubwürdig, eben weil man Sonnenfinsternisse berechnen kann. Um die Illusion aufrechtzuerhalten, werden neunzig Prozent des Universums zu Dunkler Materie oder Dunkler Energie deklariert. Jede Illusion hat eben ihren Preis. Und Konsequenzen für alle, die das Weltbild der Wissenschaftler für die Wirklichkeit halten.

Die Wirklichkeit entpuppt sich als Rorschach-Test. Ebenso wie ein Tintenklecks in Wahrheit nichts anderes als ein Tintenklecks ist, ist die Wirklichkeit nichts anderes als die Wirklichkeit. Ebenso wie man erkennen kann, dass es sich bei dem Tintenklecks um einen Tintenklecks handelt, kann man auch die Wirklichkeit als Wirklichkeit erkennen. Man kann aber auch ein mathematisches Konstrukt hineininterpretieren oder einen Schöpfergott oder einen Luftballon. Die Esoteriker interpretieren die Wirklichkeit als Bewusstsein. Damit sind sie gar nicht so weit von den Physikern weg, wie sie gern glauben würden. Denn genau das, was wir Bewusstsein nennen, bringt mathematische Konstrukte hervor.

Damit will ich nicht sagen, dass die mathematische Rekonstruktion des Universums falsch ist  oder dass die Messwerte etwa nicht stimmen. In einem körnig erscheinenden Tintenklecks können die Entfernungen der Körner sehr wohl gemessen und zueinander in Beziehung gesetzt werden. Man kann sich den Kopf drüber zerbrechen, warum die Körner jetzt gerade so und nicht anders angeordnet sind. Man kann sich auch Experimente ausdenken, die beweisen sollen, warum die Körner zwangsläufig so angeordnet sein müssen und nicht anders. Man kann durchaus Überlegungen anstellen, ob es noch andere Tintenkleckse gibt, auf denen die Körner vielleicht anders angeordnet sind. Nichts daran ist falsch. Nur sagt das Ergebnis nichts über die Wirklichkeit aus, sondern vielmehr über den Physiker bzw. die Berufsgruppe der Physiker. Wenn ein Betrachter in jedem Tintenklecks einen Penis erkennt, sagt das nichts über die Tintenkleckse aus, sondern über den Betrachter. Und natürlich bestätigt sich eine Gruppe gleich gearteter Betrachter ständig gegenseitig in der Interpretation.

Betrachter, die mit bestimmten, bereits im Voraus festgelegten Vorstellungen an die Welt herangehen, werden in der Welt vor allem diese ihre Vorstellungen wiederfinden. Die Wirklichkeit ist für viele Interpretationen offen.