Grenzen und Struktur

Wir sind Gefangene. Wir sitzen im Gefängnis unserer Körperlichkeit. Wir werden alt und sterben. Was sind schon 70 oder 80 Jahre? Was bedeutet diese Zeitspanne, verglichen mit den vier Milliarden, die unsere Erde auf dem Buckel hat und den vier bis fünf Milliarden, die ihr noch bleiben? Seit es Menschen gibt, sehnen sie sich nach Unsterblichkeit.

Deutschland hat über zwei Billionen Euro Schulden, das sind 2.000 Milliarden. Weltweit beträgt die Schuldenlast mittlerweile an die 200 Billionen Dollar, also 200.000 Milliarden. Was sind da schon vier oder fünf Milliarden? Die 13,7 Milliarden Jahre, die wir als Alter des gesamten Kosmos annehmen, erscheinen da auf einmal lächerlich wenig.

Selbst wenn wir unsere Existenz dank unserer Kinder und Kindeskinder oder über den Weg der Evolution in die Zukunft hinein verlängert denken, Anfang und Ende sind absehbar, und durch die Gewöhnung an große Zahlen in anderen Bereichen erscheint das Weltall auf einmal erschreckend klein.

Wenn ich meine Grenzen verleugne, verleugne ich mich selbst.

Die Einsicht in offensichtliche Grenzen behagt vielen Menschen nicht, denn da ist etwas in uns, das ewig leben will. Etwas, das Ewigkeit und Unendlichkeit einen heiligen Glanz verleiht. Da ist etwas in uns Menschen, das Grenzen absolut popelig findet.

Die meisten Religionen tun so, als hätten sie Fluchtmöglichkeiten aus dem Gefängnis anzubieten. Sie versprechen uns ein Dasein im Jenseits, das Einswerden mit einem alles umfassenden Bewusstsein oder wenigstens den Austritt aus dem Kreislauf des Leidens. Den Beschränkungen des Physischen wird eine grenzenlose geistige Welt gegenübergestellt. Das Materielle wird zu einer bloßen Scheinwelt degradiert oder sonstwie verächtlich behandelt. Es tut sich eben jener Graben auf, der in den vergangenen Jahrhunderten als Leib-Seele-Problem oder Geist-Materie-Dilemma unsere Kultur entscheidend mitgeprägt hat.

Den Beweis, dass wir aus dem Gefängnis unserer Körperlichkeit in eine immaterielle, rein geistige Welt entkommen können, sind bislang alle Religionen schuldig geblieben. Religiöse Aussagen können ebensogut ewige Wahrheiten wie billige Trostworte sein. Niemand kann mit Gewissheit sagen, ob es eine allumfassende Weltseele oder ein Gesamtbewusstsein gibt, in das die individuelle Seele einst zurückkehrt, oder einen allmächtigen Gott, der uns nach unserem Tod im Jenseits willkommen heißt.

Mal ganz davon abgesehen, dass Religionen den Beweis stets schuldig bleiben, frage ich mich ernsthaft, was daran gut sein soll, wenn sie Grenzenlosigkeit und Ewigkeit versprechen. Ist das überhaupt etwas Wünschenwertes? Ist die Vielfalt, die wir Hier und Jetzt erfahren, nicht in jedem Fall einer wie auch immer gearteten Einheit vorzuziehen?

Die Einheit als Ziel unserer Existenz ist ein Wahn, den wir dem Feuer verdanken

Die Einheit mag immateriell, grenzenlos und ewig sein, es ist jedoch ein Dasein ohne Struktur und Unterschiede. Es ist ein Dasein in oder als Dauernebel, und dieser Nebel ist grau, monoton, einförmig und extrem langweilig. Warum ein solches Dasein als der Gipfel der Glückseligkeit angesehen wird, ist mir schleierhaft. Mir erschließt sich auch nicht, warum dieser öde Dauernebel die wahrere Existenz sein soll. Ich jedenfalls ziehe ein Leben mit Sonne, Wolken, Bergen, Flüssen, Bäumen, Tieren, Menschen, Häusern und einem Staubsauger einem formlosen, grauen Dauernebel vor.

Ich bin weder mit meinem Bruder noch mit einer Schwester noch mit meinen Freunden identisch. Ich bin nicht mit der Menschheit identisch. Und auch nicht mit Gott oder einer wie immer gearteten Weltseele oder einem Gesamtbewusstsein. Ich grenze mich gegen Andere ab, und deshalb habe ich selber Grenzen. Ich möchte kein ununterscheidbares Quantenteilchen in einem ununterscheidbaren Universum sein. Wenn ich meine Grenzen verleugne, verleugne ich mich selbst. Meine Grenzen machen mich zu dem, was ich bin.

Nur wo es Grenzen gibt, können sich Strukturen bilden. Das gilt auf allen Ebenen, ob es sich nun Atome, Moleküle, Zellen, Organismen, Ökosysteme, Planeten oder Galaxien handelt. Krebs ist das Sinnbild dafür, was passiert, wenn Unterschiede aufgelöst und Grenzen nicht respektiert werden. Krebszellen versuchen, die Einheit herzustellen, indem sie sich entdifferenzieren und invasiv ausbreiten. Krebszellen leben ewig oder doch zumindest solange, bis der Organismus, in dem sie sich entwickelt haben, an ihnen zugrunde geht.

Der Preis für die Gesundheit ist Sterblichkeit. Ein Körper bleibt nur gesund, wenn die Zellen, die ihn ausmachen, permanent sterben und durch neue ersetzt werden. Der Preis für Vielfalt sind Grenzen. Nur wo Grenzen oder zumindest Membranen gebildet werden, kann überhaupt etwas entstehen.

Religionen verkaufen uns also ein Krebsgeschwür als den Gipfel der Glückseligkeit.  Die Sehnsucht nach der Einheit ist die Sehnsucht nach dem All-Sein und damit nach dem Nicht-Sein. Es ist nicht die Sehnsucht nach dem Leben, sondern die Sehnsucht nach dem Tod. Die Religionen machen aus uns Todessüchtige. Das hat seinen Grund in der Nähe der Religionen zum Feuer. Der Ursprung aller Religionen liegt in dem Double-bind von Furcht und Faszination (siehe Artikel Feuer und Die Genese des Übernatürlichen ). Der Umgang mit dem Feuer in Kombination mit Religionen haben den Menschen von einem Waldaffen in ein Feuerwesen transformiert. Feuer ist seinem Wesen nach jedoch zerstörerisch. Es löst die hochkomplexen Strukturen organischer Substanzen auf. Vielleicht hätte ich weiter oben nicht von einem Dauernebel als Sinnbild für Einheit, sondern von Asche sprechen müssen. Denn genau das macht Feuer: es verwandelt Vielfalt in die Einheit von Asche. Feuer ist maßlos und entgrenzend. Es brennt so lange, bis nichts mehr da, das verbrennen kann. Das heißt, wenn dem Feuer nicht selbst Grenzen gesetzt werden. Begrenzte Feuer regenerieren die Natur. Sie bieten Wärme und Schutz. Sich selbst verzehrende Feuer wie die Sonne sind für das Leben sogar eine absolute Notwendigkeit.

Es ist also wichtig, dass der Mensch Grenzen akzeptiert und sich selber Grenzen setzt. Das macht er, indem er ein ICH ausbildet. Das ICH lässt ihn erkennen, dass er nicht mit Anderen und nicht mit Allem identisch ist. Dem ICH steht ein DU gegenüber. Oder das ANDERE. Das ICH hat in unserer modernen Welt keinen guten Ruf. Es wird überall geschmäht und ist als Egoismus verschrien. Immer noch fordern die Vertreter der Religionen und andere Moralheinis die Preisgabe des ICH zugunsten einer einheitlichen Gemeinschaft. Diese Leute reden unserem Feueranteil das Wort. Dabei ist das, was der Mensch braucht und bis heute nicht wirklich ausgebildet hat, ein gesundes ICH. Es mangelt dem heutigen Menschen nicht an Gemeinschaftssinn, wie permanent behauptet wird, es mangelt ihm an einem ICH, welches sich selbst und das DU erkennt. Würde ich an einen Gott glauben, müsste ich sagen: „Herr, vergib den Religiösen und Spirituellen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

 

 

4 Kommentare zu “Grenzen und Struktur

  1. Danke, dass Du so eine Geduld mit mir hast 😉 … doch ich meine zu erkennen, wo der Knackpunkt in unserem Austausch liegt, nämlich hier:

    “ …während Du in Deiner BILDLOSIGKEIT als Teil eines Gesamtbewusstseins ewig weiterlebst.“

    Das ‚Du‘ passt hier nicht. Nehmen wir mal eine Metapher. Ein Ozean, dessen Wellen sich bilden und vergehen, weil Energie, in Form von Wind, nebst vielen anderen Formen, auf sie einwirkt. Der Ozean ist das Gesamtbewusstsein, die Energie, die darauf einwirkt, ist die Notwendigkeit, dahingehend, dass sich Wellen bilden müssen, um sich der Energie annehmen zu können. Die Wellen sind die Verkörperungen, bedingt durch den Energieeinfluss. Mein Leben wäre demnach die Ausbildung einer Welle, meine Lebensspanne wäre die Verkörperung der Energie, die mein Leben ermöglicht. Wenn ich nun keine Energie mehr verkörpern kann, dann vergeht die Welle und wird wieder Ozean. Sicherlich bin ich auch während der Verkörperung Ozean, aber nur lebend, in Verbindung mit der Energie, bin ich Welle. Sterbe ich nun und bin wieder “nur“ Ozean, dann bin ich aber nicht mehr ich als Teil des Ozeans, sondern ich war ja “nur“ Welle. Soll heißen, die Auflösung meiner Verkörperung (als Welle) ermöglicht nicht mir Unsterblichkeit als Ozean, sondern dem Ozean Unsterblichkeit. Ich habe mich aufgelöst. Ich kann auch nicht wiederkehren als ich. Ich schwimme auch nicht irgendwo im Ozean. Aber alles, was mich Welle sein ließ und was ich als Welle bewirkte, bleibt als Auswirkung im Ozean (Gesamtbewusstsein), dahingehend, dass weitere Wellen sich anders entwickeln werden, als es ihnen möglich wäre, wenn es mich nicht als Welle gegeben hätte. Das gilt aber auch für alle Formen von Wellen, die immerfort den Einfluss der Energie auf den Ozean zum Ausdruck bringen, als Leben. Meiner Meinung nach weicht diese Metapher gehörig von religiösen Vorstellungen von Unsterblichkeit bzw. Wiedergeburt ab. Allerdings steckt in den Religionen irgendwo ein wahrer Kern, ansonsten hätte das religiöse Vokabular nicht bis heute überlebt. Nur wurde der wahre Kern im Laufe der Zeit arg verzerrt, des Fortschritts unserer Spezies wegen bzw. aufgrund unseres Fortschreitens von der Gemeinschaft des Lebens. Wir EINEN werden mehr und mehr zu Wellen, die an Neuland gespült werden und dort bleiben wollen, ohne wieder in den Ozean zurückzukehren. Und das hat gravierende Auswirkungen. Vielleicht aber ist genau das die eigentliche Absicht des Lebens als Ganzes ?

    Für mich bedeutet Gesamtbewusstsein daher Unsterblichkeit nicht als mein Körper, der ich war, sondern Unsterblichkeit in Form formloser Möglichkeiten, die weitere Formen ermöglichen können. Mit mir hat das nichts mehr zu tun, doch was von mir im Ozean der Möglichkeiten bleibt, ist meine gewesene Notwendigkeit, denn andernfalls, wäre ich als Welle nicht möglich geworden.

    • „…während Du in Deiner Bildlosigkeit ewig weiterlebst …“: Ich habe mich selber gefragt, ob das für Dich so überhaupt zutrifft, wenn ich das schreibe, denn der Satz schien mir nicht wirklich den Kern Deiner Position zu treffen.

      Es freut mich, wenn wir versuchen, hier im Austausch mehr Klarheit zu schaffen. Die „Welle und das Meer“ ist eine schöne Metapher, die ich in der von Dir geschilderten Form so zum erstenmal von Willigis Jäger gehört habe. Es gibt ein Buch von ihm: „Die Welle ist das Meer. Mystische Spiritualität“. Ich war ungefähr zwanzig Jahre lang Schüler bei Jäger, kenne also diese Vorstellungswelt ganz gut. Und ja, ich verstehe, dass dieses Bild mit der Welle und dem Meer der Position, die Du vertrittst, auf jeden Fall gerechter wird als das, was ich Dir unterstellt habe. Das mit uns EINEN als den Wellen, die an Land gespült werden, ist mir hingegen neu.

      Ich versuche mal zu formulieren, was mich an dieser Metapher von der Welle und dem Meer stört. In der Vorstellung der Mystiker ist das „ruhende Meer“ , also das spiegelglatte Meer ohne jegliche Wellen das Ziel, das Nirwana, die Erfüllung. Das ruhende Meer ist ihnen identisch mit Bildlosigkeit, Bewusstsein ohne Verkörperung, Immaterialität. Die Wellen, das heißt, das Sein, das Universum mit all seinen Formen erscheint in dieser Vorstellung als vorübergehende Störung oder als Problem, das irgendwann wieder behoben ist. Dann kehrt das Meer in seinen ruhenden Zustand zurück, der mit Glückseligkeit gleichgesetzt wird.

      Und genau das kann ich so nicht akzeptieren. Denn ich frage mich, wo in einem spiegelglatten ruhenden Meer auf einmal die Energie herkommen soll, die für den Wellenschlag verantwortlich ist. Beim Ozean, wie wir ihn aus unserer Anschauung kennen, gibt es Strömungen wie den Golf-Strom, unterschiedliche Wassertemperaturen, unterseeische Gebirge und Gräben, aufsteigendes Methan, Stürme, den Mond, den Austausch des Meeres mit der Luft, das Klima usw. Die Energie, die zum Wellenschlag führt, kommt aus einem ziemlich komplizierten Gesamtkomplex, in den das Meer wiederum eingebettet ist. Das verleitet zu falschen Schlussfolgerungen. Diese äußerlichen Einflüsse durch einen Gesamtkomplex sind beim „mystischen Meer“ nämlich nicht gegeben, da es als Bild für etwas Umfassendes, Absolutes verwendet wird. Ins „mystische Meer“ ist alles eingebettet, aber es selber hat keine solche Einbettung.

      Die Energie muss also dem Ozean immanent sein. Dann gibt es aber nicht den Ozean als Ruhendes, dann ist die Energie, die den Ozean bewegt, immer da. Die Energie ist höchstens mal mehr oder weniger gleichmäßig verteilt, um sich dann wieder in Clustern anzusammeln und sich in Wellen zu ergießen. In diesem Fall sind Wellen und Ozean dasselbe. Und zwar in gleicher Wertigkeit. Die Wellen sind nicht weniger als das Meer. Sie sind auch nicht ein vorübergehendes Bild vom Meer. Sie sind weder Störung noch Problem. Die Wellen sind nicht das Akzidens, nicht das Unselbständige, Zufällige, sondern ebenso wesentlich wie das Meer selber. Es macht keinen Sinn, die Wellen vom Ozean trennen zu wollen, da absolute Identität herrscht. Es gibt keinen ruhenden Ozean. Kein Nirwana. Kein Ziel. Kein Wesentliches und Unwesentliches. Und das ist nun genau der Unterschied, auf den es mir ankommt.

      Ich finde Bestätigung in der Physik, denn die sogenannte Hintergrundstrahlung, die angeblich das Echo vom Urknall sein soll, ist nicht total gleichmäßig verteilt, sondern weist Clusterbildung auf. Ich glaube, dass diese Hintergrundstrahlung nicht das Echo vom Urknall ist, sondern identisch mit dem sogenannten „Urplasma“, in dem Strahlung und Materie nicht getrennt sind. Zum Urknall kommt man, wenn man den jetzigen Zustand des Universums jedoch bis auf Null zurückrechnet: eine mathematischer Irrtum. In etwa so, wie ein Mathematiker zum Schluss kommen kann, dass irgendwann die ganze Erde unter Wasser stehen muss, wenn er zu einem bestimmten Zeitpunkt Berechnungen mit der Flut anstellt und dies immer weiterrechnet statt zu berücksichtigen, dass es eben auch Ebbe gibt.

      Was aber ist das Urplasma? Es ist eben nicht (elektromagnetische) Strahlung. Es ist eine undurchsichtige Suppe, in der weder Strahlung noch Materie für sich genommen vorkommen. Es ist ein Zustand, aus dem sich Strahlung und Materie, also Teilchen mit und ohne Masse ausdifferenzieren, und dabei wird das Universum durchsichtig. Da das Urplasma undurchsichtig ist, ist es nicht wirklich immateriell. Ich finde es übrigens interessant, dass sich dieselbe Vorstellung von der Ursuppe als Ursprung des Lebens auch bei den Biologen findet. Dieses Urplasma ist der Stoff, aus dem das Leben ist. Respektive das Leben selbst.

      Die Ursuppe ist ein Zustand, den wir, da wir IM Universum leben, so gar nicht kennen. Die erste Ausdifferenzierung aus diesem Urplasma ist auch nicht Strahlung und Teilchen, sondern Gravitation und Raum.
      Vorsicht: Wir bewegen uns bei alledem immer noch im Bereich von Metaphern/Bildern, die der Verstand ersinnt, um sich die Welt zu erklären.

      Die Physik erklärt uns, dass Strahlung und Materie wechselweise ineinander übergehen können: E = mc2. Das heißt: Strahlung ist nicht der Urzustand, aus dem Materie hervorgeht. Man könnte nämlich genausogut Materie als den Urzustand nehmen. Materie hat dieselbe Wertigkeit wie Strahlung. Der Urzustand ist das Plasma.

      Dieses Plasma mit Bewusstsein zu identifizieren, ist falsch. Bewusstsein ist etwas, das sich erst im Universum entwickelt, also nach der Trennung des Plasmas in Raum und Gravitation. Bewusstsein ist nicht der Urzustand. Der Urzustand ist für uns nicht nachvollziehbar, da wir INNERHALB der Trennung leben. Das Plasma mit Bewusstsein zu identifizieren, ist ein Trick des EGOS, um sich selbst in überkosmische Sphären zu erheben und sich auf diese Weise mehr Bedeutung zu verleihen. Bewusstwerdung ist derzeit ein extrem beliebtes Motiv des EGOS. Das EGO raubt sich seine Bedeutung zusammen, wie der Mensch sich die Energie raubt.

      Also: Das Universum ist eben KEIN Bild des Urplasmas. Das Universum bildet das Urplasma nicht ab. Es ist durch die Trennung in Strahlung und Materie zu etwas Anderem geworden. Das Universum vollzieht sich als Zusammenspiel von an sich unvereinbaren Gegensätzen:
      Raum und Gravitation sind absolute Gegensätze und alles, was daraus entsteht, vollzieht sich in ähnlich unvereinbaren Gegensätzen. Das Universum macht sozusagen das Unmögliche allem Widersinn zum Trotz doch möglich. Dasselbe gilt für Materie. Materie ist genau genommen ein Wunderwerk der Unmöglichkeit, und es gibt sie eben doch. Dieses Zusammenspiel – das Unvereinbare zu vereinen – ist HARMONIE oder eben LIEBE.

      Wenn Du mit dem Begriff „Notwendigkeit“ operierst, ist damit nicht eigentlich das gemeint: dass die Energie dem Ozean immanent ist und somit die Welle nicht nur eine vorübergehende Störung? „Notwendigkeit“ würde ich so verstehen, während ich mit Deiner Vorstellung vom Bewusstsein ohne Verkörperung nicht klarkomme. Ich hoffe, ich habe mich klar genug ausgedrückt, damit Du verstehst, worauf es mir ankommt.

      Ich gehe noch einen Schritt weiter und kehre von der Metapher wieder zurück in die Wirklichkeit. Denn ich habe auf meiner Reise durch die metaphorische und physikalische Abstraktion ja gelernt, dass das, was ich wahrnehme, ebenso das Wesentliche ist wie der Urzustand, den ich nicht erkennen kann.

      Der Austausch mit Dir ist wichtig für mich, denn er hilft mir beim Formulieren dessen, was mir so durch den Kopf geht. Eigentlich denke ich jetzt mehr als vorher, dass unsere jeweiligen Positionen nicht unvereinbar sind, sondern durchaus nebeneinander stehenbleiben können.

  2. Ein sehr anschaulicher Text, der das Dilemma, nicht nur der heutigen Zeit, in welcher der Mensch steckt, deutlich macht. Keine Frage, Grenzen, wie Du sie beschreibst und für das ‚Ich‘ als notwendig ansiehst, sind in der Tat unumgänglich. Dass das ‚Ich‘ aber auch zur Egozentralität neigen kann, ist nicht von der Hand zu weisen, wobei das ‚Ich‘ keinesfalls mit dem Ego gleichzusetzen ist. Ein ‚großes Ego‘ zu haben bedeutet nicht sich der Grenzen des ‚Ichs‘ besonders bewusst zu sein, denn das Ego vermag seine Grenze nicht in Bezug zu anderen Grenzen wahrzunehmen, welche das Umfeld des Egos gestalten.

    Sich im Rahmen von sich abgrenzenden Objekten zu bewegen und deren Anblick zu genießen, sowie deren Zusammenspiel zu beobachten, ist ein wesentliches Vermögen des Menschens, welches auch ausgelebt werden sollte. Doch bedeutet es nicht, dass es in Stein gemeißelt bleibt. Die Kehrseite besagten Vermögens ist nämlich die Erwartung fortwährender Bewahrung. Dieses zeigt sich in der menschlichen Eigenschaft Objekte zu sammeln und Zustände zu konservieren, wie z. B. der Artenschutz. Allerdings, um beim Artenschutz zu bleiben, verdrängt der Schutz, mittels reichlich Aufwand, dass der Schwund der Art ein Symptom unseres Schaffens ist. Solange wir sagen können, dass es die Art noch gibt, solange brauchen wir uns der Verantwortung nicht gänzlich stellen, dass der Schwund unser Werk ist.

    Nochmals zur Einheit – wir haben das ja schon anderswo angefangen durchzukauen. Du schreibst:

    “Die Einheit als Ziel unserer Existenz ist ein Wahn, den wir dem Feuer verdanken.“

    Aktuell ist der Trend zur Individualität beim Menschen deutlich ausgeprägt. Es zeigt sich auch im Vorhaben von BIG DATA die Medizin zu individualisieren. Im Grunde zeigt sich Einheit hier bereits deutlich, denn Individualisierung ist ein einheitlicher Trend. Zeigt sich hier aber auch Kohärenz ? Ist hier wesentliches Vertrauen im Spiel ?
    Sich der Gemeinschaft des Lebens anzuvertrauen, seine Grenze fallen zu lassen, sein ‚Ich‘ zu öffnen, sollte nicht im Kontext der heutigen Zeit betrachtet werden, denn da hat es keinen Platz. Das Auflösen von Subjekt und Objekt, zwecks Einswerdung ( ja, ja, Esoterik, Schublade auf und zu ), sprich, Bewusstsein ohne Verkörperung, ist nur möglich, wenn die Notwendigkeit, im Kontext, der das noch unmöglich Scheinende möglich werden lässt,vorliegen wird. Vogel- und Fischschwärme sind eine erste Annäherung an diese Einswerdung, wo das ‚Ich‘ in den Hintergrund tritt. Vorübergehend. Der entscheidende Faktor dürfte das Empfinden der Zeit sein. Als Beobachter des Schwarms besteht der Schwarm nur Momente, weil er im vertrauten Kontext der Realität betrachtet wird. Ein Kontext, wo möglich ist, was Erwartungen entspricht. Wenn aber das Bewusstsein ein anderes Zeitempfinden hat, weil EIN ANDERER 😉 Kontext von Realisierung besteht, dann erscheint Einssein, wie sie aktuell nicht wahrnehmbar ist. Ich hoffe Du kannst damit was anfangen. Das alte Problem der Wörter.

    Das Wahrnehmungsvermögen ist ein dynamischer Prozess, wie alle Sprachen. Entsprechend wird sich die Realität anders zeigen, als es aktuell der Fall ist. Auch als das erste Feuer in eine finstere Höhle getragen wurde, nahm sich die Realität all der neuen Möglichkeiten an, bis in die heutige Zeit.

    Soweit erstmal …

    • Ich stimme darin überein, dass das EGO nicht mit dem ICH identisch ist, weil das EGO sich seiner Grenzen gar nicht voll bewusst ist. Man kann auch sagen, dass das EGO die Grenzen negiert und sich darüber hinwegsetzt. Das EGO hat seinen Ursprung aber nicht im ICH, sondern umgekehrt in einem mangelnden ICH-Gefühl. Das EGO kann sich da ausbreiten, wo das ICH fehlt oder mangelhaft ist. Das voll ausgebildete ICH ist sich seiner Grenzen bewusst und erkennt deshalb das DU respektive den ANDEREN als DU oder das ANDERE. Deshalb finde ich Deine Gedanken ja so wertvoll. Du bist eine Ausnahme darin, dass Du die ANDEREN als ANDERE auf dem Schirm hast, während die meisten schon EINS MIT ALLEM sind.

      Das voll ausgebildete ICH projiziert nicht sich selbst auf das DU/die ANDEREN, sondern lässt sich von den ANDEREN zeigen, wer sie sind. Bereits im Vorfeld zu wissen, wer das DU/der ANDERE ist und was er braucht, ist pure Projektion. Was der ANDERE braucht oder will, ergibt sich immer nur aus dem Augenblick heraus und ist auch nicht immer dasselbe. So ist es bspw. eine Projektion, wenn man sagt, dass man mit Kindern immer kuscheln soll, denn es kann durchaus Kinder geben, die das weder brauchen noch mögen. Es ist hingegen keine Projektion, wenn man auf das Kind guckt und im Kontakt mit ihm auslotet, ob es gerade kuscheln will oder nicht.

      In letzter Konsequenz bleibt das DU/die ANDEREN deshalb rätselhaft. Das DU/der ANDERE bleibt ein Geheimnis, das ICH nicht durchdringen kann. Das muss aber auch nicht sein, um trotzdem eine Gemeinschaft oder ein Ökosystem zu bilden. Ein Eichhörnchen muss nicht wissen, was ein Baum ist oder was ein Baum braucht, um eine Nuss zu vergraben, aus der dann ein Baum wächst.

      Der Unterschied zwischen EGO und ICH besteht für mich darin, dass das ICH eine offene Weltsicht hat. Es weiß nichts von einem absoluten Anfang oder Ende, sondern eben nur von dem Jetzt, in dem es lebt und am Ganzen teilhat. Das ICH versteht, dass es in eine bestehende Welt hineingeworfen wird, in der aufgrund einer wie auch immer gearteten Vorgeschichte bestimmte Bedingungen herrschen. Das ICH macht sich nicht zur Ursache der wahrgenommenen Phänomene, wie das EGO (oder das absolute ICH nach Fichte) das macht.

      Das heißt nicht, dass die Bedingungen, in die man hineingeboren wird, unwandelbar sind. Das ICH hat teil am Wandel der Welt und der jeweiligen Bedingungen, die diese Welt gerade konstituieren. In dieser Dynamik des Wandels lernt es etwas über sich selbst. Das EGO hingegen erscheint mir wie ein aufgeblasener Luftballon. Das Universum, wie die Physiker es präsentieren, scheint mir deshalb das perfekte Bild für EGOZENTRIK zu sein, denn in der Inflationstheorie wird das gesamte Universum letztendlich zum aufgeblasenen Luftballon. Ein Luftballon hat aber letztendlich doch eine Hülle, selbst wenn er sich ins Unendliche aufbläst oder aufgeblasen wird. Deshalb gehen die Physiker auch von einem Anfang und einem Ende des Universums aus. EGOZENTRIK hat selbst im Unendlichen eine Hülle, deshalb kann man auch einen Begriff drüber bilden und GOTT oder GESAMTBEWUSSTSEIN dazu sagen. Aus der Sicht des ICH gibt es jedoch keinen Begriff, der das Ganze umfasst oder umfassen könnte.

      Eine Welt ohne Objekte kann es m.E. nur von einem absolut gesetzten egozentrischen Standpunkt aus geben. Wer so denkt, akzeptiert nicht seine körperliche Befindlichkeit mit Sinnesorganen, die sowohl den Blick auf die Außenwelt eröffnen als auch Grenzen bewusst machen. Die Frage, warum ICH oder auch andere Lebewesen mit Sinnesorganen ausgestattet sind, kann das ICH, wenn es sich seiner Grenzen bewusst ist, nicht beantworten. Ebensowenig kann das ICH die Frage beantworten, warum es überhaupt IST und nicht vielmehr NICHT IST. Was mir durch die Sinnesorgane vermittelt wird, ist meine Grundlage. Daran ändert sich auch nichts, wenn ich feststelle, dass die Objekte in der Dunkelheit bspw. die Farben verlieren. Solche Erkenntnisse verweisen mich nur drauf, dass meine Wahrnehmungen nicht zu allen Zeiten gleichermaßen gelten, also nicht absolut sind.
      Das macht aber nichts, da ich ja meine grundsätzliche Begrenzung akzeptiere.

      Wenn Du nun von einem Bewusstsein ohne Verkörperung ausgehst, akzeptierst Du m.E. die Begrenzung ebenfalls nicht. Du akzeptierst in diesem Fall ja nicht mal, dass Du Sinnesorgane hast, sondern tust so, als wäre Deine körperliche Befindlichkeit samt den Sinnesorganen bloß was Vorübergehendes, während Du mit Deinem unkörperlichem (und wahrerem) Bewusstsein Teil von etwas Unsterblichem bist. Und damit bist Du wieder an dem Punkt, dass bloß ein unwesentlicher Teil von Dir, nämlich ein BILD von Dir stirbt, während Du in Deiner BILDLOSIGKEIT als Teil eines Gesamtbewusstseins ewig weiterlebst. Da sehe ich den Unterschied zu den Religionen nicht, denn die behaupten seit Jahrhunderten dasselbe, nämlich dass etwas Immaterielles (Seele) nach dem Tode weiterlebt.
      Die Sterblichkeit ist doch wieder nicht akzeptiert.

      Der Gedankengang ist doch dann so: ICH bin meiner wahren Natur nach unkörperliches Bewusstsein. Alles ist seiner wahren Natur nach unkörperliches Bewusstsein. Deshalb bin ich EINS mit ALLEM. Und das ist m.E. eben doch wieder das EGO, das hier spricht. Das ICH hat an dieser Stelle nämlich keinen Begriff mehr, mit dem es operieren kann. Das ICH weiß nicht, was das GANZE ist, sondern erkennt, dass es das nicht wissen kann. Wie man zu dieser Einsicht ins Nicht-Wissen kommt, findet sich bei Sokrates, Cusanus oder auch Kant. Ja, man kann, genau genommen, nicht mal sagen, dass das Ganze BEWUSSTSEIN ist.

      Mit meinen Grenzen akzeptiere ich ja vor allem meine Sterblichkeit. Und wenn ich mit meiner Sterblichkeit einverstanden bin, bin ich auch damit einverstanden, dass das DU oder ANDERE sterben. Ich akzeptiere damit grundsätzlich den Wandel. Das ist für mich durchaus mit einem Gefühl von Trauer verbunden, aber ich akzeptiere auch die Trauer, die für mich eine notwendige Bedingung für das Verständnis von Liebe ist. Und darum geht es doch: zu verstehen, was HARMONIE oder LIEBE ist.

      Objekte sammeln und/oder Artenschutz betreiben hat seine Ursache darin, dass Wandel nicht wirklich akzeptiert wird. Wer Objekte sammelt oder in der Natur einen Status quo erhalten will, hat ein Problem mit der Vergänglichkeit. Und das ist wieder bloß diese Sehnsucht nach Unsterblichkeit. Ich bin mir noch nicht mal sicher, dass Artenschutz eine Flucht vor der Verantwortung ist. Für mich hat Artenschutz etwas damit zu tun, dass der Mensch sich ein künstliches Paradies im Stil von Disneyland erschaffen will. Neulich habe ich einen Artikel gelesen, dass Nashörnern jetzt die Hörner abgesägt werden, nicht nur wegen der Wilderer, sondern damit sie sich gegenseitig nicht verletzen. Das zeigt doch, dass wir in ein Disneyland unterwegs sind.

      Die angebliche Individualisierung ist in Wahrheit gar keine. Die Leute unterscheiden sich immer weniger voneinander. Sie werden sich ähnlich wie die Fische in einem Schwarm. Deshalb gilt der Fisch- oder Vogelschwarm als neues Paradigma, als Vorbild künftiger Menschengestaltung. Was passiert ist folgendes: Nachdem die Physiker die Objekte der Außenwelt bis auf die Quantenebene zerlegt haben, macht der Mensch dasselbe mit sich und seiner Innenwelt. Auf der Suche nach seinem verlorenen ICH zerlegt er sich in Daten und verwechselt die entstehende Datenmenge mit Individualität. Dahinter steckt diese verflixte Suche nach der Einheit. Die Physiker suchen die Einheit und finden ununterscheidbare Teilchen, der Mensch sucht die Einheit und löst sich dabei in ununterscheidbare Datenströme auf. Das Suchen oder Streben nach Einheit führt gerade nicht zur Einheit, sondern zu Fragmentierung und Dekohärenz.

      Sich der Gemeinschaft des Lebens anzuvertrauen, heißt nicht, seine Grenzen fallen zu lassen und sich zu „öffnen“, sondern im Gegenteil, es heißt, seine Grenzen und damit sein Nicht-Wissen voll und ganz zu akzeptieren und sich trotzdem aufs Leben einzulassen. Es heißt nichts anderes, als wieder zum Eichhörnchen zu werden, das aus seinem ICH-Interesse heraus Nüsse vergräbt und im Interesse des Gesamten dabei unwissentlich Bäume pflanzt. Es heißt auch, seinen Gefühlen zu vertrauen. Auf etwas vertrauen bedeutet doch eben genau das: nicht zu wissen. Blind ist das Vertrauen aber trotzdem nicht, weil ich ja die HARMONIE erkennen kann. In der Erkenntnis der HARMONIE fallen Gefühle und kognitiver, also die Außenwelt erkennender Verstand wieder in eins. Ich werde EINS mit mir selber. Das ist Individualisierung, so wie ich sie verstehe. Das Individuum ist das Ungeteilte. Wenn Du Gesamtbewusstsein so definieren würdest, wäre ich voll damit einverstanden. Wenn sich in mir Verstand und Gefühl wieder vereinigen, also EINS werden, löst sich die Welt der Objekte aber trotzdem nicht in purer Subjektivität auf. Diese Annahme stimmt einfach nicht, sondern kommt aus einem übersteigerten EGO, das sich absolut gesetzt hat.

      Ich kann aufgrund meiner Begrenztheit nicht wissen, ob die HARMONIE die Ursache von allem ist oder ob etwas Anderes wie ein Gesamtbewusstsein die Ursache der HARMONIE ist. Ob es nun EINES ist, was die HARMONIE hervorbringt oder ob es ZWEI oder VIELE sind, kann ich nicht wissen. HARMONIE muss nicht notwendig aus einer EINHEIT hervorgehen. Was IST, kann auch Zusammenspiel von ZWEIEN oder gar VIELEN sein. Ich halte es schon für möglich, dass der permanente Wandel Formen von EINSSEIN hervorbringt, die nochmal anders sind als ein Fischschwarm. Das Zeitempfinden halte ich übrigens sowieso für künstlich andressiert. In Wirklichkeit gibt es zwar den Wandel von Tag und Nacht und auch den Wechsel der Jahreszeiten, aber man muss diese explizit zählen, um Zeit überhaupt erst zu generieren. Zeit ist eine Folge des Zählens, so wie die Zahlen ja auch erst hinter einander angeordnet einen Sinn ergeben.

      Wie schon gesagt, ich bin mit vielem einverstanden, was Du sagst, behaupte aber nach wie vor, dass ich nur die HARMONIE erkennen kann und sie deshalb oberstes Prinzip meiner Auseinandersetzung mit der Welt sein muss und nicht ein Gesamtbewusstsein, das m.E. eine Projektion ist.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.