Hilfe, die Ressourcen gehen aus!

Entarzis Großeltern waren Jäger und Sammler gewesen. Deshalb wusste Entarzi, dass sein Clan, der ungefähr hundert Personen zählte, ein ziemlich großes Gebiet gegen andere Clans zu verteidigen hatte. Um dem Leser eine Vorstellung von der Größe dieses Gebiets zu geben: sein Durchmesser entsprach etwa der Strecke von Hamburg bis Lübeck oder von Stuttgart bis Karlsruhe. Wenn der Clan ein solches Revier halten konnte, war sichergestellt, dass für alle Clanmitglieder über die Jahre hinweg genügend Nahrung zur Verfügung stand. Entarzi wusste, dass der Jäger nie alle Hasen erschlagen und der Sammler nie alle Beeren pflücken durfte, wenn es auch im nächsten Jahr wieder welche geben sollte.

Da Entarzi sich in Sachen nachhaltiger Lebensweise sehr gut auskannte, wusste er auch, wieviel an einem einzigen Tag gefressen wurde, wenn sich mehrere Clans zu einem Fest trafen. Solche Feste wurden veranstaltet, damit die Frauen andere Männer kennenlernen und sich eine andere Familie suchen konnten. Sie konnten nur alle paar Jahre stattfinden, und auch nicht immer am selben Platz. Da musste man auch mal größere Wanderungen unternehmen, von Hamburg bis Berlin oder von Stuttgart bis München oder auch mal bis Wien.

Entarzis Eltern hatten schon ein paar Ziegen gehalten, die sie auf ihren Wanderungen mitnahmen. Sie streuten hier und da auch schon gezielt Getreidekörner aus, um im nächsten Jahr, wenn sie wieder an diesem Platz vorbeikamen, gleich ernten zu können. Dasselbe machten sie mit einigen Kräutern und Wurzelgemüsen. Dank dieser neuen Methoden war der Clan auf hundertsiebzig Mitglieder angewachsen. Entarzi wusste aber auch, dass die neuen Methoden ihre Nachteile hatten. Man musste immer da lang gehen, wo die Ziegen frisches Gras fanden, und es gab wegen der Ziegen Krankheiten, die es vorher nicht gegeben hatte. Würmer, beispielsweise. Oder Parasiten. Oder Infektionskrankheiten. Der Clan konnte jetzt zwar hundertsiebzig Mitglieder ernähren, dafür lebten sie aber im Durchschnitt nicht mehr ganz so lange wie die Großeltern.

Eines Tages kam Entarzi in ein Gebiet von etwa derselben Größe, das den Clan seiner Großeltern nachhaltig ernährt hatte. In diesem Gebiet zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris gab es, was neu für Entarzi war, eine Menge Heiligtümer. Es waren Tempel wie der Göbekli Tepe, Sefer Tepe, Karahan, Urfa, Hamzan Tepe und wie sie alle hießen. Wo die Tempel waren, fingen die Menschen an, sich dauerhaft niederzulassen, um zu den Göttern zu beten, die in diesen Tempeln wohnten.

Entarzi sah sofort, dass das nicht gut ausgehen konnte. Niemals konnte dasselbe Gebiet, das etwa hundert Menschen ernährt hatte, tausend ernähren. Oder gar zweitausend. Oder noch mehr. Die Zahl der Menschen wuchs jedoch immer weiter. Es war ja nicht nur so, dass der sesshaft gewordene Götteranbeter doppelt oder dreifach so viele Kinder bekam wie der Jäger, sondern dass zudem immer mehr Menschen, die vorher Jäger waren, nun Götteranbeter wurden.

Entarzi warnte seine Zeitgenossen, dass die Menschen in wenigen Jahren allesamt verhungern oder an Krankheiten vorzeitig elend zugrunde gehen würden. Das konnte gar nicht anders sein. Einfach deshalb, weil ihre Lebensweise nicht nachhaltig war. Weil die Zahl der Menschen viel zu schnell wuchs. Weil Krankheiten sich ausbreiteten, wo immer mehr Menschen und Tiere auf immer engerem Raum zusammenlebten. Ganz klar. Für die Zahl der Menschen, die das Gebiet zwischen Euphrat und Tigris besiedelten, reichte die Ressource Land nicht aus. Und Land war nun mal die Grundlage von allem. Hilfe, die Ressourcen gehen aus!, rief Entarzi.

Aber da es sich in der Nähe eines Tempels bequemer lebte, blieb er trotzdem da und wurde Priestergeselle.

Auf einmal lebten in einem Gebiet von derselben Größe, das den Clan von Entarzis Großeltern ernährt hatte, nicht nur doppelt so viele Menschen, sondern zehn Mal so viele. Das funktionierte, weil die Methoden mit den Körnern und den Ziegen, die seine Eltern entwickelt hatten, ständig verbessert wurden. Dafür wurden in dem Gebiet zwischen Euphrat und Tigris die Wälder abgebrannt, daraus Ackerland gewonnen und großräumig Getreidekörner ausgesät. Wo kein Getreide gedieh, wuchs immerhin noch Gras für die Ziegen.

Wurden die Bäume nicht gerade abgefackelt, wurden sie gefällt, um Häuser daraus zu bauen. Natürlich brauchte man auch ziemlich viel Holz, um all die Feuer zu schüren und den Weihrauch zu verbrennen, womit man den Göttern diente. Und erst das Holz für all die Feuer, auf denen täglich gekocht wurde und mit denen man die Steinhäuser wärmte.

Entarzi sah sofort, dass das nicht gut ausgehen konnte. Die Götteranbeter fällten die Bäume schneller, als sie nachwuchsen. Überdies wurde den Bäumen gar nicht erlaubt, nachzuwachsen, weil man stattdessen dort lieber Getreidekörner ausstreute. Das war auch notwendig, um all die Menschen zu ernähren. Damit nicht genug, kamen die Menschen auf die Idee, Tonkrüge zu brennen, um darin die Getreidekörner vor Ratten und Schimmel zu schützen. Dafür brauchten sie wiederum noch mehr Holz, denn Ton wird ja im Feuer gebrannt. Die sesshaft gewordenen Götteranbeter fällten also immer schneller immer mehr Bäume.

Entarzi warnte seine Zeitgenossen, dass in wenigen Jahrzehnten die ganzen Bäume zwischen Euphrat und Tigris verschwunden sein würden. Spätestens dann würde es mit der Menschheit zu Ende sein. Ganz klar: Für die Zahl der Menschen, die das Gebiet zwischen Euphrat und Tigris besiedelten, reichte die Ressource Holz nicht aus. Wo es keinen Wald mehr gab, so auch keine Beeren, Wurzeln und Nüsse. Keine Wildtiere. Und viel weniger Fische, zumal wenn das ganze Dorf an derselben Stelle in den Fluss kackte. Hilfe, die Ressourcen gehen aus!, schrie Entarzi verzweifelt.

Außerdem konnte eine derart einseitige Ernährung aus Brot, Milch und Ziegenfleisch ganz gewiss nicht gesund sein. Diese Mangelernährung musste neue Krankheiten verursachen, an denen die Menschen vorzeitig zugrunde gingen, wenn sie denn schon nicht verhungerten.

Weil er inzwischen verlernt hatte, auf die Jagd zu gehen, und weil er auch etwas träge geworden war und das Brot gar nicht so schlecht schmeckte, blieb er trotzdem da.

Das Land und das Holz wurden tatsächlich knapp, deshalb begannen die Menschen, Waffen aus Metall herzustellen, um anderen das Land und das Holz wegzunehmen und sich gegenseitig umzubringen. Dafür fällten sie allerdings noch mehr Bäume, denn um dem Metall die gewünschte Form zu geben, musste man es erst mal im Feuer schmelzen. Zu diesem Zweck wurde die Holzkohle erfunden. Du lieber Himmel, dachte Entarzi. Das ist aber nun ganz gewiss das Ende der Menschheit. Nicht nur, dass sie verhungern oder vorzeitig an Krankheiten sterben, jetzt fangen sie auch noch an, sich gegenseitig massenhaft umzubringen.

Wenig später starb Entarzi tatsächlich vorzeitig an einer Krankheit, die entweder durch Fäkalien oder Ratten verursacht worden war. So genau weiß man das nicht. Die Lebenserwartung der sesshaft gewordenen Bauern und Handwerker hatte sich gegenüber der von Jägern und Sammlern nämlich fast halbiert. Statt mit durchschnittlich sechzig Jahren wurden die Menschen jetzt mit durchschnittlich fünfunddreißig Jahren beerdigt.

Die Geschichte der Menschheit ging dessen ungeachtet jedoch weiter. Das Pferd und das Kamel wurden gezähmt und große Schiffe gebaut, um Holz, Getreide, Metall und Tonkrüge über lange Strecken zu transportieren. Woanders entstanden neue Städte mit noch mehr Einwohnern. Ur, Uruk, Babylon, Assur und wie sie alle hießen. Heute gibt es Städte, in denen zehn Millionen Menschen auf einem kleineren Gebiet wohnen als das, welches ursprünglich mal Entarzis Clan ernährt hat. Die Menschheit denkt nicht daran, auszusterben, sondern vermehrt sich immer noch. Inzwischen gibt mehr als sieben Milliarden Exemplare dieser Spezies. Nicht nur die Menschheit hat allerdings zugenommen, sondern auch diejenigen, die vor ausgehenden Ressourcen warnen. Auch die Zahl der Ressourcen, die ausgehen, ist größer geworden. Neben dem Land und dem Holz (Urwälder) zählen viele Tierarten und die Fische im Meer dazu, die fossilen Brennstoffe, Helium, einige Metalle und sogar der Sand, aus dem Häuser gebaut werden.

Seit Maschinen den Menschen die schwere Arbeit abnehmen, hat die Lebenserwartung jedoch wieder zugenommen. Inzwischen übertrifft sie sogar die des Jägers und Sammlers, und das um etwa zwanzig Jahre.

Den Göbekli Tepe, Urfa, Sefer Tepe, Karahan und wie die Tempel alle hießen, gibt es schon lange nicht mehr. Nur ein paar Ruinen sind übrig geblieben. Auch Ur, Uruk, Babylon, Jericho und die anderen großen alten Städte sind längst von der Landkarte verschwunden. Das Gebiet zwischen Euphrat und Tigris ist heute eine Wüste, wo nichts mehr wächst. Nur die endlosen Kämpfe und Kriege um dieses Gebiet haben sich bis heute erhalten und dauern immer noch an.

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