Alles ist Leben

Seit gut einem Jahr beschäftigt mich nun schon die Frage, welchen Einfluss die Domestikation des Feuers auf die Entwicklung des menschlichen Geistes gehabt haben mag. Ich habe mich gefragt, was in unseren frühen Vorfahren – einem mit Schimpansen, Gorillas und Bonobos verwandten Affenmenschen – vorgegangen sein mag, als er die Erfahrung machte, dass beim Aufeinanderschlagen von Steinen plötzlich Funken entstehen, die zu einem Flächen- oder Waldbrand werden können. Was passiert, wenn ein Waldaffenmensch zudem die Erfahrung macht, dass ein vom Himmel herunterfetzender Blitz ebenfalls einen Waldbrand verursacht? Wie wirken solche Erfahrungen auf ein Lebewesen, das gerade erst damit anfängt, Stöcke, Blätter und Steine als Werkzeuge für sich zu entdecken? Am ehesten kann man das vielleicht nachempfinden, wenn man versucht, sich in ein Kind hineinzuversetzen, das mit Streichhölzern zündelt und dabei ein Wohnhaus abfackelt.

Für unsere Vorfahren muss Feuer etwas Gewaltiges gewesen sein. Die Erfahrung, dass man Feuer selber machen und damit den eigenen Lebensraum und sogar die eigene Affenhorde von einem Augenblick auf den nächsten vernichten kann, muss traumatisch gewesen sein.

Nicht nur bei einer körperlichen Verletzung durch äußere Gewalteinwirkung spricht man von einem Trauma, sondern mehr noch bei einem seelischen Schock. Legt man den aristotelischen Begriff zugrunde, so meint Seele die Sehnsucht zu sein, zu leben, zu atmen, sich fortzupflanzen. Es ist die reine, unendliche Lebenslust, die mit dem Lebenswillen identisch ist. Das Feuer, mit dem der Waldaffenmensch zu experimentieren begann, hat nicht nur Wälder und damit äußere Lebensräume vernichtet, sondern auch innere. Der unbedingte Lebenswille, der jedes Lebewesen trägt wie eine Woge den Schwimmer, wurde durch das Feuer gebrochen. Im Umgang mit dem Feuer wurde sich der Waldaffenmensch seiner Sterblichkeit bewusst. Er fing an, die toten Artgenossen zu begraben und Begräbnisrituale zu entwickeln.

Zusammen mit dem Todesbewusstsein entwickelten sich zudem Vorstellungen von Geistern und Dämonen, die dem Tod nicht unterworfen sind, sondern in unsichtbaren Welten leben. Auch bei der Entwicklung dieser Vorstellungen spielt das Feuer eine wesentliche Rolle, hat es doch durchaus etwas Geisterhaftes, wenn es auf rätselhafte Weise aus Steinen springt oder vom Himmel fällt, wenn es an einer Stelle erlöschen und an anderer Stelle wieder aufflammen kann, wenn es nicht nur raucht, faucht und knistert, sondern auch noch jeden Morgen als Sonne am Himmel erscheint und am Abend wieder verschwindet. Überwältigt von diesen ersten Erkenntnissen über das Feuer, wurde der Waldaffenmensch religiös und beschritt damit den Weg, der ihn von seinen tierischen Verwandten trennte.

In dem Jahr, in dem ich mich mit der Geschichte unserer Vorfahren beschäftigte, hat sich der Glaube an Geister und Dämonen, an Übersinnliches und Jenseitiges, an einen Schöpfergott oder höhere Bewusstseinsstufen ganz einfach aufgelöst. Feuer ist ebensowenig etwas Übernatürliches wie ein Regenbogen oder Wolken am Himmel. Seit ich selber nachvollzogen habe, wie eine durch und durch natürliche Ursache wie das Feuer oder die Sonne den Glauben an Übernatürliches hervorbringen kann, hat das Übernatürliche oder Göttliche jegliche Faszination für mich verloren. Es ist dasselbe wie mit den Wundern. Solange man keine rationale Erklärung für ein Phänomen hat, ist man geneigt, an Wunder und Wundererzählungen zu glauben, sobald aber eine rationale Erklärung auftaucht, ist es schlagartig damit vorbei.

Geist und Materie, Leib und Seele, Gott und Welt entpuppen sich auf einmal als bloße Begriffe, für die es in der Wirklichkeit gar keine Entsprechung gibt. Es gibt nicht diese von reinen Begrifflichkeiten suggerierte Trennung in Geist und Materie, in Leib und Seele, in Gott und Welt. Weder gibt es geistlose Materie noch immateriellen Geist, weder Leiber ohne Seelen noch Seelen ohne Leiber, weder eine gottlose Welt noch einen Gott, der nicht mit der Welt identisch ist. Mit dem Verlust des Übernatürlichen, Transzendenten, Jenseitigen fallen die Begriffe, die einen Dualismus suggerieren, wieder in eins. Zusammen sind Geist und Materie, Leib und Seele, Gott und Welt nichts anderes als Leben.

Wir beschränken heute den Begriff Leben auf die Lebewesen, denen wir bestimmte Eigenschaften wie Stoffwechsel, Wachstum, Bewegung, Reproduktion, Abgrenzung, Zerfall zuordnen. Wir gehen normalerweise davon aus, dass Lebewesen all diese Qualitäten haben. Leben bedeutet aber, all dies zu sein.

In diesem Unterschied zwischen Haben und Sein erscheinen manche Dinge belebt und andere unbelebt. In diesem Unterschied erscheint der Tod als etwas Endgültiges und Schreckliches. Wer keinen Stoffwechsel mehr hat, ist tot. Wer Stoffwechsel ist, verwandelt sich durch den Tod und ist weiterhin Teil des Prozesses, der Leben heißt.

Dieser Prozess, der gleichzeitig und gleichermaßen Stoffwechsel, Wachstum, Bewegung, Reproduktion, Abgrenzung, Zerfall umfasst, ist universal. Er vollzieht sich in den kleinsten Teilchen ebenso wie in großen Strukturen des Kosmos. Teilchen ziehen sich an und stoßen sich ab, sie bewegen sich und wandeln sich um, sie bilden, indem sie sich zusammenfinden und sich gegeneinander abgrenzen, nicht nur Strukturen, sondern auch den Raum, den es braucht, um zu sein. Dasselbe geschieht mit den Sternen. Auch diese ziehen sich wechselseitig an und halten sich in Bahnen auf Abstand, sie bewegen sich umeinander, wandeln sich um und bilden größere Strukturen wie Galaxien, die irgendwann wieder zerfallen. Im Prozess der Anziehung bekommen Teilchen ihre Masse, im Prozess der Abstoßung erschaffen sie den Raum.

Wohin man auch schaut, im Großen wie im Kleinen, ist alles Wechselwirkung und Beziehung. Das und nichts anderes ist Leben.

Gefühle sind der innere Ausdruck einer lebendigen Beziehung. Angezogensein drückt sich als Gefühl aus. Abgestoßenwerden ebenso. Hinwendung erleben wir als freudiges Gefühl, von dem wir gerne mehr haben wollen. Abwendung erleben wir eher als unangenehmes Gefühl. Um unseren Platz im Beziehungsgeflecht zu finden, brauchen wir jedoch beide Gefühle gleichermaßen. Es sind Gefühle, die die Beziehungen steuern. Es sind Gefühle, die uns steuern. Wenn wir glauben, dass es rationale Argumente sind, machen wir uns selbst was vor. Unser kognitiver Apparat hat nun mal die Tendenz, sich permanent selbst zu überschätzen.

Noch scheint es den meisten Menschen unvorstellbar, dass wir in einem durch und durch fühlenden Universum leben. Andererseits ist es noch nicht sehr lange her, dass die Wissenschaft auch Babies und Tieren sämtliche Gefühle abgesprochen hat. Vor Kurzem hat ein Förster ein Buch herausgebracht, das endlich Bäume als Gefühlswesen anerkennt. Wie man sieht, wird in der allmählichen Überwindung des Todesbewusstseins das Universum peu à peu wieder lebendig.

Es gibt heute viele Menschen, die ganz selbstverständlich glauben, dass wir Teil eines bewussten Universums sind. Es gibt viele Menschen, die glauben, dass wir wesentlich in einer geistigen Welt leben und für die Materie bloß Illusion und Erscheinung ist. Es gibt viele Menschen, die glauben, dass sie nach dem Tod in eine geistige Welt eingehen werden.
Geist, Bewusstsein, Seele, Gott sind jedoch Vorstellungen, die aus dem Todesbewusstsein heraus entstanden sind und dieses wiederum ist die Folge einer traumatischen Erfahrung. In der Überwindung des Traumas verlieren diese Vorstellungen allmählich an Bedeutung.

Alles ist Bewusstsein, heißt es in spirituellen Kreisen. Alles ist Leben, wäre richtiger.

2 Kommentare zu “Alles ist Leben

  1. Alles Leben ist nur das geformte Bewusstsein .
    „Alles ist Bewusstsein“ ist absolut richtig.

    Vorstellung bleibt die Seele ,das Absolute Bewusstsein oder auch Gott genannt , für die Wesen, welche nur denken können. Die Wissenden gehen über`s Denken hinaus.

    • „Alles ist Bewusstsein“ ist eine Aussage, die von unserem kognitiven Apparat erzeugt wird.
      Das ist eben nichts anderes als derselbe alte „Geist“, der sich immer wieder über die Materie erhebt.
      Dieser Geist oder dieses „Bewusstsein“ erfindet immer wieder neue Wörter und neue Tricks, um sich selbst
      zu beweihräuchern.
      Das absolute Bewusstsein ist nichts anderes als unser Denkapparat, der sich über alles andere erhebt und sich selbst absolut setzt.
      Die Wissenden sind die Denkenden, die sich einreden, sie wären mehr als die Denkenden.
      Was für ein ewiges Kreisen um sich selbst!

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.