Arbeitsteilung als Ursache für überschießende Aggression

Seit es Menschen gibt, soll es ungefähr 15.000 Kriege mit geschätzten 3,5 Milliarden Toten gegeben haben. Das heißt: bei 100 Milliarden Menschen, die insgesamt gelebt haben, wäre in der Vergangenheit jeder 30. durch Krieg und Gewalt umgekommen. Im 20. Jahrhundert starben 100 bis 185 Millionen Menschen in weit über 100 Kriegen. Was den Zeitraum nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute betrifft, wird von mindestens 25 Millionen Kriegstoten ausgegangen. Wie fragwürdig solche Zahlenspiele auch immer sein mögen, geben sie doch wider, womit wir es zu tun haben, wenn von menschlicher Aggression die Rede ist.

Mich beschäftigt immer wieder die Frage nach dem Ursprung dieser Aggression, für deren Ausmaß es im Tierreich keine Entsprechungen gibt. Natürlich verhalten sich auch Tiere aggressiv und Gewalt ist durchaus ein Erfolgsrezept der Evolution, wenn auch kein häufig angewandtes. Dennoch sprengt die Aggression, wie sie beim Menschen zutage tritt, diesen „natürlichen“ Rahmen bei Weitem.

Die Sonderrolle des Menschen wird häufig mit dem Zivilisationsprozess in Verbindung gebracht. So behauptet Erich Fromm, dass die Kriegslust mit der Zivilisation zugenommen hat und macht dafür den Besitz verantwortlich. Je mehr Besitztümer es zu erwerben und zu verteidigen gibt, desto größer werden nach Fromm in einer Gesellschaft Habgier, Hass und Neid. Tatsächlich gibt es einige egalitär organisierte, unspezialisierte und „unzivilisierte“ Jäger- und Sammlergesellschaften, die so friedlich wie Bonobos zusammenleben, wozu beispielsweise verschiedene Pygmäenstämme in Zentralafrika gehören.

Umgekehrt wird jedoch genauso behauptet, dass der Zivilisationsprozess den Menschen friedlicher mache, als er von Natur aus ist. Auch diese Aussage kann mit Zahlen belegt werden. Die höchsten Homizidraten gibt es ebenfalls in von der Zivilisation relativ unberührt gebliebenen Jäger- und Sammlerkulturen. Bei den !Kung in der Kalahari beträt sie 30 bis 50 pro 100.000 im Jahr, bei Urvölkern in Papua-Neuguinea oder im Amazonas sogar 100 bis 550. Im Vergleich dazu kommt Deutschland auf gerade mal 2 pro 100.000 und sogar die USA samt ihrem Waffenkult schaffen auch nicht mehr als 10 pro 100.000 im Jahr.

Merkwürdigerweise scheint beides zu stimmen: der Zivilisationsprozess macht die Menschen einerseits friedlicher und andererseits kriegerischer. Was kann man mit einer solchen Aussage also anfangen?

Was die friedlichen Jäger und Sammler betrifft, ist mir folgendes aufgefallen: Es sind sehr kleine Gruppen, die selten mehr als 50 Personen umfassen. In aller Regel handelt es sich um den Zusammenschluss mehrerer Kernfamilien aus Eltern und Kindern, die untereinander alle mehr oder weniger blutsverwandt sind. Gleichzeitig gibt es keine Arbeitsteilung, die den einen vom anderen existenziell abhängig macht. Frauen gehen mit auf die Jagd, Männer gehen ebenfalls sammeln, und jeder bis auf die kleinsten der Kinder ist in der Lage, für sich selber zu sorgen. Statt einer existenziellen gibt es bloß eine rituelle Arbeitsteilung wie den gemeinsamen Bau einer Hütte für Gemeinschaftszwecke. Dem Individuum kommt eine höhere Bedeutung als der Gemeinschaft zu. Mit zunehmender Bevölkerungsdichte wird diese unorganisierte, unspezialisierte Lebensweise dauerhaft unmöglich.

Jäger- und Sammlergesellschaften, in denen das Individuum einer wie auch immer organisierten Gemeinschaft untergeordnet wird,  sich also dem Gruppenzwang beugen muss, sind in aller Regel nicht friedlich. Sie werden umso kriegerischer, je weiter die soziale Organisation und der technische Fortschritt voranschreiten.

Ich glaube, dass es weniger der Besitz ist, welcher Menschen aggressiv macht, als vielmehr die existenzielle Abhängigkeit von anderen. Wenn mein Leben davon abhängt, dass ein anderer die übernommene Aufgabe ordentlich erfüllt, habe ich das Bedürfnis, mich in das Leben des Anderen einzumischen und zu kontrollieren, ob er seine Aufgabe auch wirklich gut erledigt. Wenn das, was ich beim Anderen sehe, nicht mit meinen Erwartungen korrespondiert, fange ich an, den Anderen zu belehren. Schließlich hängt für mich ja einiges davon ab. Durch Arbeitsteilung entsteht wechselseitige existenzielle Abhängigkeit und diese Abhängigkeit ist wiederum die Ursache für Gruppenzwang, verbunden mit Ängsten und den daraus resultierenden Kontrollmechanismen. Kommt als weiterer entscheidender Faktor hinzu, dass existenzielle Abhängigkeit sehr leicht als Machtmittel missbraucht werden kann. Das weiß und fürchtet jeder.

Die Arbeitsteilung, die letztendlich zu existenzieller Abhängigkeit vom Anderen respektive der Gruppe führt, scheint vor ungefähr 40.000 Jahren aufgekommen zu sein. Das Verhältnis vom Individuum zur Gruppe verkehrte sich. Das Individuum musste sich jetzt der Gruppe unterordnen, die das Verhalten des Einzelnen kontrollierte. Wer sich nicht adäquat verhielt, wurde aus der Gruppe ausgestoßen. Die durch den Gruppenzwang entstehende Aggression konnte aufgrund der gleichzeitigen existenziellen Abhängigkeit innerhalb der Gruppe nicht mehr ausgelebt werden und wurde deshalb vorzugsweise an anderen, das heißt fremden Gruppen abreagiert.

Ein Großteil überschießender menschlicher Aggression ist auf diesen gruppendynamischen Effekt zurückzuführen. Existenzielle Abhängigkeit macht nicht friedlich, wie der Buddhismus behauptet, sondern ganz im Gegenteil aggressiv.

Der Zivilisationsprozess bringt nicht nur die Menschen untereinander in zunehmende existenzielle Abhängigkeit, sondern führt auch zu einer Vergrößerung der jeweils interagierenden Gruppen. Wo Arbeitsteilung stattfindet, werden aus Gruppen mit fünfzig Mitgliedern schnell welche mit hundert oder zweihundert. Mit Arbeitsteilung geht Spezialisierung einher und wo Spezialisierung stattfindet, wird, um alle Bedürfnisse decken zu können, Lebensnotwendiges getauscht und gehandelt, wodurch neue Abhängigkeiten entstehen.

Der zweite Quantensprung in Sachen existenzieller Abhängigkeit vollzog sich zusammen mit der Agrarisierung, die den Menschen die Möglichkeit eröffnete, erstmals in Städten zu wohnen und große Volksstämme zu einer Einheit zusammenzuschließen. Bezahlt wurde dieser Schritt mit einer weiteren Entmachtung des Individuums, das sich fortan damit begnügen musste, bloß einen Beruf auszuüben und von vielen anderen Berufsgruppen und der dabei entstehenden Verwaltung existenziell abhängig zu werden.

Die Geschichte der Menschheit lässt sich lesen als Prozess, der immer größere Gruppen von Menschen in existenzielle Abhängigkeit voneinander bringt. Die dabei entstehenden Aggressionen können innerhalb dieser Verflochtenheit jedoch nicht abreagiert werden. Wenn irgendwo eine Gruppe ausgemacht wird, die nicht in das eigene Netzwerk gehört, kommt es zu einer explosionsartigen Entladung der angestauten Aggressionen, die Kriege eskalieren, und werden umso brutaler und zerstörerischer, je höher das angestaute Aggressionspotenzial ist.

In der Vergangenheit hat dieses Muster ganz gut funktioniert. Diese Entwicklung kommt jedoch mit der Bildung einer Weltgemeinschaft an ihr Ende. In diesem Fall gibt keine fremden Gruppen mehr, an denen sich die gruppendynamisch angestauten Aggressionen entladen können. Wenn absehbar ist, dass es nur noch eine einzige große Gruppe gibt, muss sich die in der Gruppe entstehende Aggression über den Umweg der Organisationsstruktur letztendlich gegen die Gruppenmitglieder selbst richten. Hierin haben der Krieg gegen den Terrorismus und die zunehmende Überwachung durch den Staat ihre Wurzeln.

Wieso scheint die Welt dann im Laufe dieses Zivilisationsprozesses trotzdem friedlicher zu werden?

Den Quantensprung in Sachen Frieden haben wir vor allem dem technischen Fortschritt zu verdanken, wiewohl ein oberflächlicher Blick gerade das Gegenteil suggeriert. Schließlich hatten neue Waffen und -systeme bis zum Bau der Atombombe gegenüber den vorhergehenden ein immer noch größeres Vernichtungspotenzial und die großen Kriege der jüngsten Vergangenheit haben weitaus mehr Tote gefordert als die großen Kriege in weiter zurückliegenden Jahrhunderten. Dennoch ist es so, dass gerade die Existenz der Atombombe bis heute den nächsten großen Krieg verhindert hat. Das „Gleichgewicht des Schreckens“ funktioniert also. Zumindest bis jetzt.

Aber technischer Fortschritt bewirkt in Sachen Friedfertigkeit noch mehr. Wohlstand ist eine Folge technischen Fortschritts, und Menschen, denen es materiell gut geht, sind nun mal bequemer und friedlicher als solche, die ums nackte Überleben kämpfen müssen. Dass es in Ländern mit den größten Unterschieden zwischen Arm und Reich auch die meiste Gewalt und die meisten Morde gibt, liegt eben daran, dass hier noch ums nackte Überleben gekämpft wird. Wenn es einer Gesellschaft in materieller Hinsicht gut geht, fühlen sich die einzelnen Mitglieder unabhängiger voneinander. Das befreit und macht friedlich.

Zudem verlagert sich die existenzielle Abhängigkeit in der modernen Gesellschaft zunehmend auf technische Errungenschaften, die vielen zuverlässiger erscheinen als Menschen mit ihren Launen, ist die Technik doch im wahrsten Sinne des Wortes „selbstlos“ und leichter den eigenen Erfordernissen anzupassen. Das Vertrauen in die Technik mildert Ängste ab. Bei manchen löst die Abhängigkeit von einer selbstgeschaffenen Technologie auch Unruhe aus, deshalb sind Veränderungen, die auf Technik zurückgehen, häufig das Thema erregter Diskussionen: Klimawandel, Peak Oil, Ozonloch, Vermüllung der Meere und was es sonst noch alles so gibt.

Letztendlich weiß der einzelne Mensch in der heutigen modernen Welt jedoch gar nicht mehr, von was und wem er nun tatsächlich abhängig ist. Was dann bleibt, ist höchstens ein diffuses Unbehagen als Ergebnis einer zersplitterten Aggression, der jede Richtung fehlt. Aus Aggression wird dann Depression, was durch den exorbitant steigenden Verbrauch von Antidepressiva bestätigt wird.

Wo Wohlstand herrscht, können die Menschen mehr Zeit damit verbringen, sich zu bilden. Auch das dient dem Prozess der Befriedung. Gebildete Menschen, die Handel treiben oder über Ideen diskutieren, neigen weniger zu roher Gewalt als ungebildete, die in ihrem Gegenüber hauptsächlich den Konkurrenten um lebensnotwendige Güter sehen. Die Aggression nimmt subtilere Formen an, wird beispielsweise in Form eines Wirtschaftskriegs ausgetragen.  Bildung im Verbund mit technischen Errungenschaften wie Buch, Fernsehen, Computer tragen überdies dazu bei, dass angestaute Aggressionen nicht direkt an den Mitmenschen, sondern in virtuellen Räumen abreagiert werden. Das führt wiederum dazu, dass grausame Traditionen verringert oder sogar ganz abgeschafft werden.

Im Mittelalter hat sich das Volk beispielsweise an öffentlichen Hinrichtungen belustigt, und je grausamer diese waren, desto mehr fühlten sich die Schaulustigen davon angezogen. Sogar Kinder wurden zu solchen Veranstaltungen mitgeschleppt. Folter, Sklaverei, Verfolgung, Vergewaltigungen von Frauen, Gewalt gegen Kinder und Tiere: all das, was in früheren Jahrhunderten durchaus als „normal“ galt, wird heute vielerorts verurteilt. Stattdessen werden den verschiedenen Gruppen immer mehr Rechte eingeräumt: Frauen, Kinder, Minderheiten, sogar Tiere werden heute durch Gesetze geschützt. Sie werden Teil des einen großen Netzwerks, das am Ende alle umfassen soll.

Gehen wir Menschen also endlich friedlicheren Zeiten entgegen? Noch sind wir keine Weltgemeinschaft, sondern unterwegs zu dieser. Noch immer sind Religionen und Nationen gruppenbildende Kräfte, die den notwendigen Nährboden für Feindbilder liefern. Doch trotz allem, was in dieser Hinsicht noch auf uns zukommen mag, wird sich die Weltgemeinschaft früher oder später etablieren, schon allein deshalb, weil die einzelnen Nationen in vielerlei Bereichen wie Finanzwesen, Verkehr und Ernährung schon zu sehr miteinander vernetzt sind. Es würde mehr Opfer fordern, wollte man diese Entwicklung wieder rückgängig machen, als wenn Nationen und Religionen schließlich überwunden werden.

In einer Weltgemeinschaft wird sich der einzelne Mensch vermutlich friedlicher verhalten, schon allein deshalb, weil er dank permanenter Überwachung gar keine andere Wahl hat. Kann die Technik ihr Versprechen einlösen und Wohlstand für alle aufrechterhalten, gibt es keinen Grund für kriegerische Auseinandersetzungen mehr und die Menschen werden die entsprechenden Eigenschaften, die sie zum Kampf befähigt hatten, nach und nach verlieren, so wie sich Zootiere in freier Wildbahn ja auch nicht mehr gegen ihre wild lebenden Artgenossen behaupten können.

Doch auch, wenn die einzelnen Menschen sich friedlicher verhalten, heißt das nicht, dass sie dann im Einklang mit der Natur leben. Im Gegenteil. Natur wird nur noch insofern eine Rolle spielen, wie sie der Nahrungsmittelproduktion und der Erholung dient. In der geeinten Welt, wie sie sich abzeichnet, wird Natur nur noch Dekoration sein und eine ähnliche Funktion wie der Kletterbaum und die hübschen Pflanzen in einem modernen Zoogehege haben. Die Weltgemeinschaft wird die Welt in einen Zoo verwandeln mit uns selbst als Insassen. Schließlich träumen wir ja seit Tausenden von Jahren vom Garten Eden und vom Paradies, und was ist das anderes als eine Zoolandschaft, in der alle wohl versorgt werden und nichts mehr zu befürchten haben?

Die existenzielle Abhängigkeit von der Natur zu Beginn unserer Menschwerdung tauschen wir am Ende gegen die existenzielle Abhängigkeit von einem selbstgeschaffenen technisch-industriellen Komplex ein. Ob dieses Großexperiment uns den Traum vom Garten Eden tatsächlich erfüllen wird, lässt sich jetzt allerdings noch nicht vorhersagen. Ich bin mir ja noch nicht mal sicher bin, ob es mir gefällt, Bewohner eines Zoos zu sein.

10 Kommentare zu “Arbeitsteilung als Ursache für überschießende Aggression

  1. Mir sind gestern noch ein paar Gedanken zu den Deinen hier gekommen. Wenn ein Baby auf die Welt kommt, ist es zu 100% abhängig von der Mutter. Ein Baby, dass sich gut umsorgt fühlt, zeigt so gut wie keine Aggression, so wie es uns Jean Liedloff in ihrem Buch Auf der Suche nach dem verlorenen Glück: Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit (Beck’sche Reihe) erzählt wird. Es muss also nicht das Gefühl der Abhängig allein sein.
    Arno Gruen hat sich mit dem Thema der Aggression ebenfalls in seinem Buch Der Kampf um die Demokratie: Der Extremismus, die Gewalt und der Terror. Ich habe es selbst noch nicht gelesen, nur gerade dieses Interview angehört, was einige weitere interessante Aspekte beleuchtet:

    • Jedes Lebewesen will leben und dazu gehört, dass es sein Leben verteidigt und sich zum Leben nimmt, was es braucht. Jedes Lebewesen muss töten, um selber leben zu können. Für die friedlichen Bonobos beispielsweise sind kleinere Affenarten gesuchte Leckerbissen, auf die sie Jagd machen.

      Babies und andere Jungsäuger müssen noch nicht für sich selber sorgen, müssen noch nicht töten, deshalb ist der Aggressionstrieb bei den Winzlingen auch noch nicht besonders aktiv. Nicht mal bei einem Leoparden.

      Ein Baby weiß nicht, dass es von der Fürsorge der Mutter abhängig ist. Werden seine Bedürfnisse von der Mutter adäquat befriedigt, entwickelt dieser Mensch später das normale Aggressionspotenzial, das er braucht, um sich im Leben zu behaupten. Gibt es in der Beziehung von Mutter und Kind Störungen, dahingehend, dass die kindlichen Bedürfnisse nicht adäquat befriedigt werden, kann sich der Aggressionstrieb u.U. nicht normal entwickeln. Manchmal kommt es zu überschießenden Aggressionen, häufiger aber wohl eher zu einem mangelhaft ausgebildeten Aggressionstrieb. Wer zu wenig Aggressionen hat, wird zum Spielball der Agressionen anderer und vermehrt damit unter dem Strich aggressives Verhalten. Wer sich nicht angemessen verteidigt, dem wird auf der Nase rumgetanzt.

      Jean Liedloff präsentiert ein Bild von Naturvölkern, wie es der westlich-zivilisierte, einer idealisierten Naturromantik anhängende Leser gern haben will. Auch wenn die Kinder bei den Yequanas paradiesisch heranwachsen, ist es doch so, dass gerade bei den südamerikanischen Naturvölkern die meisten Stammesgruppen regelmäßig übereinander herfallen und im Schnitt ein Drittel dabei gewaltsam getötet wird. Die Kranken werden von den Gesunden ausgesetzt und im Stich gelassen. Passiert im Stamm ein Unglück, wird ein Mitglied des Stamms zum von einem bösen Geist besessenen Sündenbock erklärt und umgebracht.

      Der springende Punkt ist, dass die (tödliche) Aggression in der arbeitsteiligen Welt nicht länger bloß der Nahrung, den Fressfeinden und dgl. gilt, sondern auf einmal den Artgenossen. Das ist schon bei Naturvölkern so. Wenn Menschen, was ihre Nahrung betrifft, von anderen Menschen existenziell abhängig werden, richtet sich die tödliche Aggression auf einmal gegen Menschen. Nicht gegen die Mitglieder derselben Gruppe, von der man abhängig ist, denn damit würde man ja die eigene Existenz gefährden, sondern gegen Mitglieder einer Gruppe, die man als „fremd“ bewertet und die als Projektionsfläche für die innerhalb der eigenen Gruppe angestauten Ängste dient.

      Der erwachsene Mensch in der arbeitsteiligen Welt weiß im Gegensatz zum Baby, dass er von anderen Menschen existenziell abhängig ist. Er weiß: wenn die anderen Menschen aufhören wie Rädchen im Getriebe zu funktionieren, steht er morgen ohne Nahrung da. Deshalb entsteht automatisch das Bedürfnis, die Anderen zu kontrollieren. Kontrolle führt bei den Anderen zu einer Verweigerungshaltung und macht aggressiv. Das macht wiederum noch mehr Kontrolle und schließlich einen Überwachungsapparat notwendig.

      Wenn der Mensch sein eigenes Leben bedroht sieht, wird er aggressiv. Das ist eine ganz normale Reaktion und im Grund gar nichts Schlechtes. In einer Welt, in der der einzelne Mensch immer weniger für sich selber sorgen kann/darf, nimmt das Gefühl der Bedrohung kontinuierlich zu. Seit der Mensch Ackerbau und Viehzucht erfunden hat, sind die Ängste einerseits, die Kontrollmechanismen andererseits mit zunehmender Abhängigkeit permanent gewachsen.

      Erst wenn Menschen zugeben, dass sie aggressiv sind, können sie lernen, mit ihren Aggressionen umzugehen. Solange sie so tun, als wäre jeder Krieg bloß ein Versehen oder das Ergebnis von Manipulation und Gehirnwäsche, solange sie ihre Aggressionen also verleugnen und verdrängen, werden diese sich immer wieder mit Gewalt Bahn brechen.

      • Danke für Deine Ergänzungen. Hört sich für mich stimmig an.

        Worauf ich nun weiter drauf rumzukauen habe:

        „Ich kann nur überleben, wenn ich mich von den Produkten oder gar dem Leben anderer ernähre und wärme.“

    • Hallo, Martin

      Das Thema Aggression beim Menschen beschäftigt mich schon sehr. Bis jetzt habe ich zwei „heiße Kandidaten“ als Ursache im Visier:
      1. existenzielle Abhängigkeit von Anderen, was einem Ausgeliefertsein gleichkommt (wovon der Artikel handelt) und
      2. Kindesmissbrauch in allen Variationen, wozu auch gehört, wenn Eltern ihre Kinder als Besitz behandeln oder wenn sie Liebesersatz für missglückte Beziehungen sein müssen oder darauf verpflichtet werden, in materieller Hinsicht für die Alten zu sorgen. Da ich selber zu den Alten gehöre, ist das nicht als Vorwurf an die Alten gemeint.

      Dazu kommt noch die natürliche Aggression, die daher rührt, dass jedes Lebewesen gerne leben will und sein Leben verteidigt oder sich nimmt, was es zum Leben braucht. Das ist gesunde Aggression, die meiner Ansicht nach zum Leben dazu gehört, wohl aber nicht zu dieser Mord-und Totschlag-Mentalität führt, die bei den Menschen sichtbar wird, sobald sie ihre Pfründe bedroht sehen (siehe Flüchtlingskrise, Syrien etc.).

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