Auf dem Weg zum Maschinenmenschen

Wenn heute von der Verschmelzung Mensch und Maschine die Rede ist, dann denkt man zuerst einmal an technische Implantate, und zwar an solche, an die wir uns noch nicht gewöhnt haben. Das sind derzeit solche Sachen wie bionische Gliedmaßen, Exoskelette, Hirnschrittmacher, implantierte Chips. Dass auch Cochlea-Implantate und Herzschrittmacher technische Implantate sind, die uns auf unserem Weg zum Maschinenwesen ein Stück weiter vorangebracht haben, haben wir wieder vergessen oder halten es bereits für normal. Außerdem muss nicht alles, was uns zu Maschinenwesen macht, implantiert sein. Auch Herz-Lungen-Maschinen, Dialyse- und Sauerstoff-Geräte oder Intensivstationen als Ganzes gehören in diese Kategorie der technischen Überlebenshilfen.

Es ist ja auch nicht so, dass alle technischen Erfindungen nur dem reinen Überleben dienen. Es genügt schon, wenn sie uns helfen, die Welt in Besitz zu nehmen (Flugzeug, Bahn, Auto, Fahrrad, Rollstuhl), die Welt umzugestalten (Baumaschinen), Arbeit abnehmen (Waschmaschine, Staubsauger, Rasenmäher) oder unsere Wahrnehmungsmöglichkeiten erweitern (Brille, Teleskop, Mikroskop, Elektronenmikroskop). Auch das sind Schritte auf dem Weg der Verschmelzung von Mensch und Maschine.

Schon längst betrachten und behandeln die meisten Menschen ihren Körper wie eine Maschine. Der Körper wird überwiegend in seiner Funktionalität gesehen, und der Mensch ist krank (oder defekt), wenn eine seiner Körperfunktionen gestört ist. Organe sind nicht mehr als Bauteile, die man mittels Transplantation durch andere derselben Art ersetzen kann. Medikamente nichts anderes als chemotechnische Eingriffe. Häufig wird der Medizin vorgeworfen, dass sie nur Symptome behandelt, aber keine Heilung bringt. Symptombehandlung ist jedoch nichts anderes als die Wiederherstellung von Funktionen. Die Diagnostik basiert heute auf einer Vielzahl von Messwerten (Blutdruck, Puls, Blutzucker, Leberwerte etc.), die sich in einem gewissen Normbereich bewegen müssen, das entspricht dem Toleranzbereich beim Betrieb von Maschinen.

Der Körper als Maschine muss regelmäßig betankt und gewartet werden. Industrielle Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie versorgen die Bio-Maschine mit Energie und isolierten Zusatzstoffen. Energie wird in Form von Einfach- und Mehrfachzuckern (Getreideprodukte), Eiweißketten und Fetten zugeführt, Zusatzstoffe in Form von Vitaminen und Spurenelementen. Der Mensch ist, was er isst. Isst er überwiegend industriell gefertigte Nahrung, verwandelt er sich langsam, aber sicher in ein Produkt der Industrie. Sollte er davon krank werden, gibt es ja die chemotechnischen Hilfsmittel in Form von Medikamenten, welche die Körperfunktionen am Laufen halten.

Relativ neu ist, dass wir zunehmend auch unseren Geist als Maschine bzw. reproduzierbares Programm interpretieren. Häufig wird der Körper mit Hardware, der Geist mit Software verglichen. Und tatsächlich beweisen uns schon manche Computerprogramme, dass sie intelligenter sind als der Mensch. Es gibt bereits selbst lernende Maschinen, die das Verhalten von Lebewesen (Menschen) auf technischem Wege imitieren. Technische Geräte übernehmen geistige Fähigkeiten, die der Mensch mal hatte, aber durch den permanenten Gebrauch eben dieser Technik nun allmählich verliert. Der Taschenrechner ersetzt das Kopfrechnen, Wikipedia die Gedächtnisleistung und GPS das Lesen von Landkarten und die Orientierung.

Der permanente Umgang mit Technik verändert unsere gesamte Denkweise. Was wir in Form von funktionierender Technik täglich sehen und erleben, übertragen wir auf alle Bereiche des Lebens.

So interpretieren wir Gemeinschaft oder die Gesellschaft im Gefolge der Industriellen Revolution ebenfalls als eine gigantische Maschinerie, in der sich der einzelne Mensch als Element oder Bauteil empfindet, das bestimmte Funktionen ausführt. Zunehmend bestimmt die Einbettung in immer mehr Technik, welcher Art diese Funktionen sind. Dabei fächern sich die verschiedenen Funktionen in zahllose Teilbereiche auf, sodass der einzelne Mensch den Überblick schon längst verloren hat. Es ist nicht mehr der Mensch, der die Maschinerie steuert. Die Maschinerie folgt längst ihren eigenen technischen Gesetzen und ihrer eigenen Dynamik.

Gemeinschaft oder Gesellschaft als Maschinerie zu verstehen, verändert die Beziehungen der Menschen zueinander. Menschen fühlen sich nicht mehr über ihr Wesen miteinander verbunden, sondern über die Funktionen, in denen Menschen zusammengeschaltet und miteinander verdrahtet werden. Das hat zur Folge, dass Beziehungen beliebig und austauschbar werden. Überall, wo man hinkommt, findet man schnell neue Freunde, aber Freundschaften bedeuten nicht mehr, dass einer für den anderen auch tatsächlich einsteht, wie das bei den Musketieren noch der Fall war. Es gibt in diesen mehr und mehr funktionalen Beziehungen nicht mehr die großen Gefühle. Der Mensch wird berechnender und berechenbarer, und das überträgt sich logischerweise auch auf die Beziehungen. Die Anteilnahme weicht der Gleichgültigkeit, was häufig mit Gelassenheit verwechselt wird. Zudem werden in der gesellschaftlichen Maschinerie nur noch bestimmte Gefühle zugelassen, nämlich all die, die als Schmieröl zwischen den verschiedenen Bauteilen dienen. Man ist freundlich, tolerant, weltoffen, gelassen oder eben nett. Mit einander kommunizieren ist nur noch im Rahmen der Nettikette möglich.

Das Verständnis, was wir als Menschen sind, wandelt sich. Die Pränataldiagnostik wird zu einer ersten Qualitätskontrolle. Bereits im Vorfeld wird aussortiert, was sich nicht als Bauteil für die gesellschaftliche Maschinerie verwenden lässt. Mittels Bearbeitung, die durchaus dem Schleifen, Fräsen und Zerspanen technischer Elemente entspricht, werden die Rohlinge (Kinder) in die Maschinerie eingepasst. Das nennt man Erziehung. Jedes Bauteil innerhalb der Maschinerie kann mittels medizinischer Apparatetechnik repariert und wenn nicht, dann ausgemustert und ersetzt werden. Das natürliche Geschlecht wird dem zunehmend technischen Menschen verdächtig, was sich in der Gender-Debatte am deutlichsten zeigt. In die Beziehung von Mann und Frau mischt sich immer mehr der Arzt als technischer Berater oder die Reproduktionsindustrie ein und ersetzt die sexuelle Begegnung. Selbst die intensivste Beziehung, die wir Menschen kennen, die zwischen Mutter und Kind, wird neuerdings bspw. in der Leihmutterschaft allmählich aufgelöst, denn Maschinen haben keine Mütter. Und zu guter Letzt werden alte Bauteile, die Spuren von Materialverschleiß zeigen und nicht mehr ordnungsgemäß funktionieren, angehalten, sich demnächst selber zu entsorgen, was das eigentliche Thema der Sterbehilfe-Debatte ist.

Der permanente Umgang mit Technik verändert uns Menschen in unserem Wesenskern. Wie die Maschinen im Laufe ihrer Entwicklung immer menschlicher werden, so wird der Mensch in seiner Lebens- und Denkweise umgekehrt immer maschineller. Maschinen hören auf, Maschinen zu sein, und Menschen hören auf, Menschen zu sein. Irgendwann in absehbarer Zeit werden diese beiden Entwicklungsrichtungen sich treffen. Dann ist die Verschmelzung von Mensch und Maschine abgeschlossen. Ob dies dann das Ende oder ein neuer Anfang ist, vermag niemand im Voraus zu sagen.