Weder Geist noch Materie

In einer Diskussion bin ich gefragt worden, warum ich den Menschen unbedingt als Mischung aus Schimpanse und Maschine sehen will. Vielleicht stellen sich die Leser meines Blogs dieselbe Frage. Um auf die Frage zu antworten, muss ich ein bisschen weiter ausholen und einen Schlenker über das Geist-Materie-Dilemma machen.

Unser Dasein als Mensch ist zutiefst vom Geist-Materie-Dualismus geprägt. Schon in den animistischen Religionen als den ursprünglichsten Versuchen, sich in der Welt zu orientieren und sie zu erklären, zerfällt die Welt und mit ihr die Natur und alle Lebensformen in eine geistige und eine materielle Komponente, die sich darin unterscheiden, dass die geistige Welt die Ewigkeit und die materielle die Vergänglichkeit repräsentiert. Dieser Dualismus begleitet den Menschen durch seine ganze Entwicklung hindurch und nimmt immer neue Formen an, in den Götterreligionen, im indischen Vedanta, in der Gnosis, in der griechischen Philosophie, im mittelalterlichen Universalienstreit.

Heute gibt es auf der einen Seite die Materialisten, die behaupten, dass Geist bzw. Bewusstsein nichts anderes als die Folge von Komplexität ist. Sie erklären das anhand eines biochemischen Modells, in dem die einzelnen Elemente einander katalysieren oder blockieren, bis alle Teile soweit miteinander vernetzt sind, dass das Netzwerk sich selbst stabilisiert und es dadurch zu einem Phasenübergang kommt. Ein solcher Phasenübergang bedeutet, dass das Netzwerk als Ganzes völlig andere Eigenschaften hat als seine Elemente, und das ist in diesem Falle eben Geist oder Bewusstsein.

Auf der anderen Seite gibt es die Esoteriker, die die Existenz von Materie bestreiten und behaupten, dass alles Geist oder Bewusstsein ist. Alles Materielle ist diesen in der Regel bloß Illusion. Der Tod exisitiert nicht. Die Esoteriker lösen den Dualismus zugunsten des Geistes auf und behaupten, dass Geist/Bewusstsein die Materie kreiert. Die Esoteriker stehen damit in der Nachfolge der Religionen, die zu ihrer Zeit behauptet haben und immer noch behaupten, dass Gott die Welt erschaffen hat und Gott gleichbedeutend mit universalem Geist ist. Der Unterschied zwischen Esoterikern und Religiösen besteht darin, dass die Religiösen Gott/Geist als Entität sehen, die auch den Menschen erschaffen hat, während die Esoteriker sich selber als göttlich imaginieren und glauben, dass sie selber zum Bereich des Geistes gehören und zumindest teilweise Schöpfer dessen sind, was als Realität erscheint.

Sowohl Materialismus wie Spiritualität sind Ausdruck des Geist-Materie-Dilemmas, dahingehend, dass keine der beiden Richtungen den Dualismus überwinden kann. Sowohl die materialistische wie die spirituelle Denkweise beruhen auf gedanklichen Abstraktionen aufgrund eines vorausgegangenen Bruchs, der für den Dualismus verantwortlich ist. Materialismus wie Spiritualität zementieren jeweils den Geist-Materie-Dualismus auf ihre spezifische Weise.

Die Einheit aus Geist und Materie ist das Leben. Alles Lebendige ist gleichzeitig materieller wie auch geistiger Natur, ohne dass man diese beiden Bereiche auseinander dividieren kann. Wenn man die Trennung vornimmt, ist das Ergebnis der Betrachtung immer in der einen oder anderen Weise verzerrt. Man kann auch nicht das Eine über das Andere setzen, weder die Materie über den Geist, wie es die Materialisten und Naturwissenschaftler tun, noch den Geist über die Materie, wie es die Esoteriker und Religiösen tun. Geist und Materie existieren, für sich genommen, überhaupt nicht, weil beide Begriffe nur die gedanklichen Konstrukte einer künstlichen Trennung beschreiben.

Den Materialisten wie den Esoterikern gemeinsam ist, dass sie auf der Suche nach dem Unwandelbaren und Unsterblichen sind. Davon handelt mein vorhergehender Text. Die Vertreter beider Richtungen erteilen dem konkreten Leben, wie es sich im Hier und Jetzt in Milliarden von Lebensformen präsentiert, eine radikale Absage, weil all diese Lebenformen sterblich sind.  Die Absage besteht darin, hinter den Lebenformen und ihrem permanenten Wandel ein ewig Gültiges, Unwandelbares zu postulieren, sei das nun die absolute Einheit, die Seele, Gott, eine Energie, ein Naturgesetz oder was auch immer.

Kein Physiker kann erklären, wie vor 15 Milliarden Jahren aus einem Nichts heraus ein superheißer Urknall unseren Kosmos hervorbringen konnte. Kein noch so spiritueller Guru hat eine Erklärung zum Ursprung von Gott oder der Seele. Genauso wenig kann jemand erklären, woher das Leben kommt und was es ist. In allen diesen Bereichen können Fragen nicht beantwortet werden, sind der Erkenntnis Grenzen gesetzt.

Leben ist das Hier und Jetzt. In jedem Augenblick will es gelebt sein. Daher ist für mich das Leben das Wesentliche. Zwar ist der Begriff Leben auch wieder eine Abstraktion und damit ein gedankliches Konstrukt, das alles Lebendige in einem Wort zusammenfasst, aber es ist zumindest eine Abstraktion, die nicht auf dem Dualismus von Geist und Materie fußt.

Wenn nun das Leben die gesuchte Einheit ist, die über Geist und Materie hinausgeht, kann ein einzelnes Lebewesen nicht erfassen, was die Gesamtheit des Lebendigen in seiner Vollständigkeit ist. Nicht mal alle Lebewesen zusammen können dies erfassen. Denn ein Beobachter des Gesamten müsste außerhalb des Lebendigen stehen. Es ist ein ähnliches Problem, wie es der Mathematiker Kurt Gödel in seinem Unvollständigkeitssatz beschreibt: Ein System kann nicht mit den Mitteln des Systems bewiesen werden. Egal, wie viele Daten wir sammeln, das Leben ist nicht vollständig beschreibbar. Alle Wahrnehmungen erweisen sich als ungeeignet, die Gesamtheit zu erfassen. Unsere äußeren Wahrnehmungen über die Sinnesorgane wie auch unsere inneren Wahrnehmungen über die Gefühle dienen dazu, uns in der Gesamtheit des Lebendigen eine Zeitlang zu behaupten, eine Zeitlang zu SEIN. Dass unsere Wahrnehmungen uns das Gesamte vermitteln, ist eine unbewiesene Annahme, die wir vermutlich allein unserer Hybris verdanken. Unsere Wahrnehmungen repräsentieren nicht mehr als ein Ausschnitt aus dem Ganzen und sie sind geprägt durch unseren Willen zum Überleben. Alles, was nicht unserem Überleben dient, sind wir außerstande, wahrzunehmen. Allen Erkenntnisgrenzen zum Trotz, versuchen wir, das Ganze mit Hilfe unserer eingeschränkten Möglichkeiten zu rekonstruieren, weil wir davon ausgehen, dass ein besseres Verständnis der Zusammenhänge uns beim Überleben hilft. Das ist typisch menschliches Verhalten.

Es kommt nun darauf an, welche Rekonstruktion die bessere ist: die materialistische, die von Naturwissenschaftlern versucht wird, oder die spirituelle, wie sie in den Religionen und in der Esoterik versucht wird. Ich halte die Rekonstruktion der Naturwissenschaftler für die adäquatere, denn diese werden in ihrem Tun von dem, wie die Wirklichkeit sich zeigt, doch unterstützt. Es ist nun mal so, dass Wissenschaftler Sonnenfinsternisse tatsächlich vorhersagen können. Es ist nun mal so, dass heute mit Laserskalpellen Operationen durchgeführt werden. Es ist nun mal so, dass Wissenschaftler und Technologen mit ihren Erfindungen tatsächlich die Welt verändern. Und es ist ja schon komisch, dass einige Forscher anfangen, sich über den Frühmenschen Gedanken zu machen und kurze Zeit später „rein zufällig“ die Höhlenmalereien von Altamira und anderswo entdeckt werden.

Was die spirituelle Rekonstruktion des Ganzen angeht, bleibt es bei bloßen Behauptungen, die durch die Wirklichkeit nicht gestützt werden. Seit Buddha sind Gier und Hass keineswegs geringer und seit Jesus ist die Nächstenliebe unter den Menschen nicht größer geworden. Was Engelerscheinungen, Channeln, außerkörperliche Erfahrungen, Psi und Wunder angeht, erweisen sich die Behauptungen überdurchschnittlich oft ganz einfach als Wahn. Mir persönlich ist kein einziger Fall bekannt, wo sich ein solches Phänomen tatsächlich bestätigt hat. Kommt hinzu, dass die Argumente der Esoteriker oft auf sprachlichen Fallen beruhen. Beispielsweise wird der Umstand, dass Materie in Energie und umgekehrt verwandelt werden kann, als Beweis dafür hergenommen, dass Geist die Materie kreiiert. Dabei wird jedoch völlig außer Acht gelassen, dass das, was mit dem physikalischen Begriff Energie bezeichnet wird, nicht mit Geist oder Bewusstsein und auch nicht mit geistiger Energie identisch ist.

Da mir die materialistische Rekonstruktion dessen, was Leben als Einheit aus Geist und Materie ist, als die sorgfältigere und gründlichere erscheint, berufe ich mich lieber auf Naturwissenschaftler als auf Esoteriker. Daher nehme ich mit diesen an, dass der Mensch und der Schimpanse gemeinsame Vorfahren haben. Aus diesem Grund interessiere ich mich für Affen und nach dem, was ich von Affen gesehen habe, halte ich es für wahrscheinlich, dass eine Verwandtschaft zwischen Mensch und Affe besteht.

Was dem Menschen im Unterschied zum Schimpansen und den anderen Menschenaffen eine außerordentliche Sonderstellung in der Welt verschafft hat, ist meiner Ansicht nach der Gebrauch des Feuers. Ich folge in diesem Blog der Spur des Feuers und gehe der Frage nach, welche Rolle das Feuer zu welchem Zeitpunkt unserer menschlichen Geschichte spielt. Ich untersuche, welche Rolle das Feuer auch und gerade für die Entwicklung unserer Erkenntnisfähigkeit spielt. Dabei drängt sich mir das Bild auf, dass der Mensch von seinem Beginn an mit dem Feuer eine Einheit bildet und nun dabei ist, mit den Produkten des Feuers (im weitesten Sinne Maschinen und alles, was dazu gehört) zu einem Untrennbaren zu verschmelzen.

Materie und Geist sind meines Erachtens beides Fantasiegebilde, eben Abstraktionen, die aus einem Dualismus heraus entstanden sind, der so gar nicht existiert. Weder Geist noch Materie sind für mich der Ursprung, sondern das Leben, wie es sich konkret in allen Lebensformen äußert.