Tödliche Unsterblichkeit

Es gibt Tierarten wie Bienen und Schwalben, die seit vierzig oder fünfzig Millionen Jahre die Erde bevölkern. Diese Tierarten haben es immer wieder geschafft, sich den wechselnden Umweltbedingungen anzupassen und zu überleben. Selbst als vor etwa dreißig Millionen Jahren wieder einmal eine Eiszeit begann, konnten Bienen und Schwalben sich auf die damit verbundenen Veränderungen einstellen, ohne ihren eigenen Lebensstil aufzugeben.

Nimmt man die Vorformen (Homo erectus, Homo habilis, Australopithecinen) hinzu, kommt man beim Menschen auf etwa zwei bis zweieinhalb Millionen Jahre. Der Übergang vom Waldaffenmenschen zum modernen Menschen ist fließend. Das typisch Menschliche, das unsere Art grundlegend von allen anderen unterscheidet, kristallisierte sich jedoch erst vor etwa zweihunderttausend Jahre deutlich heraus. Der Mensch in seiner heutigen Form, der Homo sapiens sapiens, tummelt sich also erst seit erstaunlich kurzer Zeit auf dem Planeten.

Mensch und Schimpanse teilen sich 99% ihrer Gene. Nachdem sich die menschliche Entwicklungslinie vom Schimpansen trennte, aber noch bevor die Neandertaler sich ausdifferenzierten, bildete sich ein Gen heraus, das nur im Menschen vorkommt und während der Embryonalentwicklung die Vermehrung der Hirnstammzellen anregt. Das Gen ARHGAP11B ist die verkürzte Version eines anderen Gens mit einer anderen Funktion. Diese Mutation führt dazu, dass der Neokortex überproportional wächst und Falten bildet, um seine Oberfläche zu vergrößern. Was den Menschen vor allen anderen Tieren auszeichnet, ist also eine über das normale Maß beschleunigte Zunahme des Gehirnvolumens.

Die Herausbildung dieses einmaligen Gens geschah im gleichen Zeitraum, als der Mensch lernte, mit dem Feuer umzugehen. Um das Feuer zu beherrschen, brauchte der Mensch neue Fähigkeiten,  und zwar vor allem Fähigkeiten geistiger Art. Der Umgang mit dem Feuer war nicht im Instinkt verankert, sondern wurde über Kulturtechniken und Rituale an die nachfolgenden Generationen weitergegeben. Die beschriebene Mutation stellte die notwendigen materiell-physischen Bedingungen für die Entwicklung und Weitergabe dieser Kulturtechniken bereit.

Sowohl der Umgang mit dem Feuer als auch die Entwicklung einer überdimensionalen Großhirnrinde sind also zunächst einmal natürliche Entwicklungen. Weder das Eine noch das Andere hebt den Menschen über die Natur hinaus. Trotz seiner neuen Fähigkeiten ist der Mensch immer noch Teil der Natur und den Veränderungen der natürlichen Umweltbedingungen unterworfen. Wie kann es also sein, dass wir Menschen uns trotzdem aus der Natur herauslösen, ihren Bedingungen trotzen und uns in eine von uns selber gemachte, zunehmend technisch-artifizielle Umwelt hineinentwickeln? Wie kommt es zur Trennung von Mensch und Natur?

Die Abwendung von der Natur hat ihre Ursache weder in der Entwicklung eines Großhirns noch in der Erfindung von Techniken, die durch den Umgang mit dem Feuer möglich wurden. Die Entwicklung des Homo sapiens sapiens hat ihren Platz innerhalb der Natur, nicht außerhalb von ihr. Trotzdem kann man überall beobachten, dass die Menschen den Bezug zur Natur verlieren, und zwar in hochzivilisierten Ländern stärker als in Entwicklungsländern.

Zum einen wird ein natürliches Leben häufig mit einer Hinwendung zur Vergangenheit verwechselt. Viele Menschen glauben, dass die Welt in früheren Phasen der Menschwerdung in Ordnung war, während sie es heute nicht mehr ist. Ihrem Unbehagen an der heutigen Welt versuchen sie, durch Wiederbelebung alter Kulturtechniken zu begegnen. Das vorbildliche Leben besteht darin, sein Gemüse nach Art der Großmutter im eigenen Garten zu ziehen, sein Brot selber zu backen und seine Pullover selber zu stricken. Die Wunschvorstellung dahinter ist, die Natur in einem bestimmten Zustand zu bewahren, d. h. sie zu einem gegebenen Zeitpunkt ihrer Geschichte einzufrieren und diesen Status quo für alle Zeiten zu erhalten. Ein gutes Beispiel für diese Haltung sind die Amish People, die an der Technik des ausgehenden 19. Jahrhunderts festhalten. Auch die moderne Öko-Bewegung begann ihren Weg mit einer Rückwendung zum Althergebrachten, einer Idealisierung der Natur und einer ausgesprochenen Feindseligkeit gegenüber neuen Technologien. Zum Teil ist das immer noch so. Biologische Nahrungsmittel gelten vielen als solche, die im Gegensatz zur industriellen Produktion mit althergebrachten Methoden erzeugt werden.

Zum anderen werden natürliche Phänomene wissenschaftlich untersucht, um sie nachbilden und beherrschen zu können. Viele natürliche Phänomene wie die Schwerkraft oder die Kernspaltung werden in der technischen Imitation zu Errungenschaften, die vom Menschen genutzt werden können. Der Wissenschaftler filtert aus dem natürlichen Geschehen bestimmte wiederkehrende Abläufe heraus, um daraus ewig funktionierende Gesetzmäßigkeiten abzuleiten. Dies gelingt, weil der Wissenschaftler von den konkret ablaufenden Prozessen abstrahiert, d.h. die Vielzahl der Prozesse auf ein allgemeines Prinzip reduziert und dieses in eine mathematische Formel packt. Technische Errungenschaften sind also nichts anderes als Geräte, die ein geistiges Konstrukt (eine Abstraktion) in ein Produkt umsetzen und dadurch die Wirklichkeit verändern.

Wieder andere Menschen stellen sich vor, dass sie in Wirklichkeit unsterbliche geistige Wesen sind, die aus welchen Gründen auch immer eine vergängliche Form angenommen haben. Wurde in früheren Jahrhunderten als Grund für den Verlust der Unsterblichkeit ein Sündenfall angenommen, glaubt man heute lieber, dass es darum geht, in einem vergänglichen Körper irgendwelche Erfahrungen zu sammeln. In diesem Fall wird Wirklichkeit umdefiniert. Wirklichkeit ist nicht länger, was wir sehen, hören, riechen, schmecken oder meinetwegen auch mit einem Teleskop wahrnehmen. Was wir mit unseren physischen Sinnen erfahren, wird zur Illusion erklärt. Stattdessen wird eine nicht-physische innere Wahrnehmung für die Wirklichkeit genommen.

Ausnahmslos hinter all diesen Konzepten steckt die Sehnsucht nach Unsterblichkeit und ewiger Fortdauer. Der Unterschied besteht nur darin, dass diese Sehnsucht auf verschiedene Phänomene projiziert wird. Wer die Natur in einem schon vergangenem Zustand als Idylle bewahren will, projiziert seine Sehnsucht nach Unsterblichkeit direkt auf die Natur. Wer in der Natur ewig gültige Gesetzmäßigkeiten zu erkennen glaubt, projiziert seine Sehnsucht nach Unsterblichkeit auf die Naturgesetze und den absoluten Geist, der sich solche Gesetze ausdenkt. Galt die Projektion zu Beginn der Neuzeit noch dem die Welt erschaffenden Geist, so gilt sie heute eher dem die Welt beobachtenden und erkennenden Geist. Der spirituelle Mensch wiederum spaltet sich aufgrund seiner Sehnsucht nach Unsterblichkeit in einen sterblichen und einen unsterblichen Anteil auf und klammert sich an eine nicht-physische innere Wahrnehmung, die ihm zum Heilsbringer wird.

All diese Konzepte kann man auf einen gemeinsamen Nenner bringen: In jedem Fall geht es darum, den Tod zu überwinden und dem Sterben eine Absage zu erteilen. Was die Konzepte voneinander unterscheidet, ist zum einen die Projektionsfläche für die Sehnsucht nach Unsterblichkeit und zum anderen, davon abgeleitet, die Wahl der Mittel. Diese Unterschiede sind jedoch nur Oberfläche. Öko-Bewegung, Transhumanismus, Wissenschaft und Spiritualität liegt diesselbe Motivation und dasselbe Ziel zugrunde: Sie sind Diener der Unsterblichkeit. Der Streit zwischen diesen Parteien geht nur darum, wie man der Unsterblichkeit am besten dient.

Diese Sehnsucht nach Unsterblichkeit mit den entsprechenden Projektionen ist es, die uns aus dem Naturgeschehen herauslöst. Die Suche nach dem Unsterblichen ist die Suche nach dem Unwandelbaren, nach dem, das ewig mit sich selbst identisch ist. Die Suche nach den kleinsten Teilchen und den großen Prinzipien ebenso wie die Suche nach Gott im Außen und nach Gott in uns (Seele) ist die Suche nach dem Unwandelbaren. Die Öko-Bewegung mit ihrem Aufschrei nach Nachhaltigkeit und Bewahren ist nichts anderes als der verzweifelte Versuch, dem Wandel zu trotzen und ihn aufzuhalten. Der Transhumanismus wiederum ist eine Bewegung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den unsterblichen, unwandelbaren Menschen durch einen technischen Wandel erst zu erschaffen.

Leben ist permanenter Wandel. Alles wandelt sich und verwandelt sich permanent ineinander. Kleinste Teilchen ebenso wie große Prinzipien. Die Mathematik ebenso wie die Naturgesetze. Der Geist ebenso wie Natur. Es gibt keinen Zaubertrick, mit dem man sich aus dem Wandel herausnehmen kann, keinen Ort, an den man sich retten kann, um dem permanenten Fluss und Wandel zu entgehen. Auch keinen Ort, von dem aus man diesen Wandel steuern und beherrschen kann.

Der Glaube, dass es einen solchen Ort geben muss, lässt uns eine artifiziell-technische Welt erschaffen, in der das Leben letztendlich keinen Platz mehr hat. Eine Welt, in der das Leben keinen Platz mehr hat, sondern durch abstrakte, sich selbst reorganisierende Abläufe ersetzt wird, ist eine tote Welt. Wir Menschen sind dabei, genau das zu erschaffen, was wir unbedingt vermeiden wollen: den Tod. Unsere Sucht nach Unsterblichkeit macht uns zu Totengräbern. Wir schaufeln nicht nur unser eigenes Grab, sondern das von ungezählten Tier- und Pflanzenarten gleich mit.

Auch Schwalben und Bienen wird es nicht ewig geben, aber dreißig bis vierzig Millionen Jahre sind schon eine verdammt lange Zeit. Die ganzen apokalyptischen Szenarien, angefangen von der Überbevölkerung über die leer gefischten Meere bis hin zu Atomkrieg und Klimawandel spiegeln unsere Ängste dahingehend, dass die Menschheit als Ganzes demnächst von diesem Planeten verschwinden wird.  Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die Menschen eine solch lange Lebensspanne wie die Bienen und Schwalben vor sich haben. Doch dann frage ich mich: ist das überhaupt wichtig?

Um ins Leben mit seinem permanenten Wandel zurückzukehren, gibt es einen Weg, der so einfach ist, dass es schon fast zum Lachen ist. Verschwindet die Sehnsucht nach Unsterblichkeit, verschwindet ebenso die Angst vor dem Tod. Sterblichkeit gibt es nur im Unterschied zur Unsterblichkeit. Die Sucht nach Unsterblichkeit aufzugeben, heißt, die Angst vor dem Tod zu verlieren. Dann lebt man ewig. Das heißt, man lebt solange, bis man stirbt und geht nicht peu à peu schon vorher an seinen Ängsten zugrunde. Das Verlangen nach dem Unwandelbaren verschwindet. Damit verschwindet auch das Rechnen mit Jahrmillionen, Jahren, Stunden und Minuten. Aus der Ewigkeit, verstanden als lineare Abfolge einer unendlichen Anzahl messbarer Zeiteinheiten, wird Ewigkeit, verstanden als Zeitlosigkeit.

Ein Kommentar zu “Tödliche Unsterblichkeit

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