Cyborgs der dritten Generation

Dieser Tage werden in den Mainstream-Medien verstärkt Artikel über Cyborgs gebracht. Gestern beispielsweise war in der ZEIT einer über Hugh Herr, den Gründer des Center for Extreme Bionics am MIT Media Lab, der beim Eisklettern beide Beine, aber nicht die Leidenschaft für sein Hobby verloren hat. Hugh Herr klettert heute mit Hilfe eines Sets bionischer Beine, die speziell für diesen Bereich entwickelt wurden. Er wechselt die Beine wie andere Leute die Hosen. Am 25.02.2015 konnte man in der FAZ etwas über Leute lesen, die sich einen reiskorngroßen RFID-Chip in die Hand einpflanzen lassen, um damit Zugang zum Büro, zum Handy, zum Fitness-Studio und zu weiteren Orten zu bekommen, die jeweils eine Identifikation notwendig machen. Sie halten die Hand vors Lesegerät und wie durch ein Wunder geht die Tür auf. Mit dieser Art von Gesten sind wir durch zahllose SF-Filme bereits bestens vertraut. Der erste Mensch, der von einer Regierung als Cyborg offiziell anerkannt wurde, ist Neil Harbisson, der sich, da er von Geburt nur schwarz-weiß sehen kann, mit einem sogenannten Eyeborg aufgerüstet hat, der Farben für ihn hörbar macht.

Noch geht es in den meisten dieser Geschichten darum, für Menschen, die durch einen Unfall oder eine Krankheit beeinträchtigt sind, einen technischen Ausgleich zu schaffen und dadurch deren Lebensbedingungen zu verbessern. Häufig gelten die Anstrengungen auf dem Gebiet der Bionik und Robotik dem Kampf gegen das Altern. Manchmal ist es das Ziel, Menschen in schier unverwundbare Kampfroboter zu verwandeln. In so gut wie allen Fällen geht es darum, die anscheinend von der Natur gesetzten Grenzen zu überwinden. „Wir werden jenseits dessen sein, was die Natur für uns vorgesehen hat“, hat Hugh Herr seinem Publikum auf dem SXSW-Festival in Austin erklärt.

Trotz bionischer Beine kann der Mensch einem Irrtum aufsitzen. Die Verschmelzung von Mensch und Maschine, von Natur und Technik ist nicht jenseits dessen, was die Natur vorgesehen hat, falls sie denn überhaupt etwas für uns vorgesehen haben sollte. Viel wahrscheinlicher ist, dass es keine wie auch immer vorbereiteten Blaupausen in irgendeiner Schublade in einem göttlichen Konstruktionsbüro gibt, die von vornherein festlegen, was der Mensch zu sein hat. Die Verschmelzung von Mensch und Maschine realisiert sich schlicht und einfach deshalb, weil dies eine Möglichkeit im Rahmen des Natürlichen ist.

Cyborgs sind technisch veränderte biologische Lebensformen. Der Begriff wurde in den 60er Jahren von Nathan S. Kline und Manfred Clynes geprägt, die damals vorschlugen, den Menschen auf technischem Weg an die Umweltbedingungen im Weltraum anzupassen anstatt Raumschiffe mit erdähnlichen Habitaten auszustatten.

Man kann darüber streiten, was eine technische Veränderung sein soll. In engerem Sinn ist damit eine Technologie gemeint, die buchstäblich unter die Haut geht, also unsere menschlichen Fähigkeiten durch technische Implantate erweitert. Streng genommen, sind also Leute, die einen Herzschrittmacher oder ein Cochlea-Implantat haben, ebenfalls als Cyborgs zu bezeichnen. In einem weiter gefassten Sinn ist der Mensch generell ein Wesen, das in einer Symbiose mit der ihn überall umgebenden Technik lebt. Nicht nur jeder Auto-, sondern sogar jeder Fahrrad-Fahrer ist in diesem Sinne ein Cyborg, da sich beide eines technischen Produkts bedienen, das unser menschlicher Geist entwickelt hat. Ganz ohne Technik kann niemand von uns dauerhaft überleben, mag er auch noch so spirituell oder ökologisch-dynamisch ausgerichtet sein.

Doch wann hat diese Entwicklung angefangen? Was heute als Cyborg beschrieben wird, ist für mich bereits ein Cyborg der dritten Generation. Der Mensch unterscheidet sich vom Tier gerade dadurch, dass er von allem Anfang an eine Symbiose mit einem abiotischen Element, nämlich dem Feuer, eingegangen ist. Menschwerdung und die Domestikation des Feuers mit all seinen Folgen sind ein und derselbe Vorgang. Diese Folgen sind nichts anderes als die technische Entwicklung, die wir seit etwa einer Million Jahre durchlaufen. Sämtliche Erfindungen, die der Mensch seither getätigt hat, ob es sich um die Herstellung von Birkenpech, um die Metallurgie, um den Bau von Städten oder um die Mondlandung, die Atombombe oder den Quantencomputer handelt, haben eine Rückwirkung auf die Struktur unseres Gehirns und damit auf unser Denken. Die technischen Entwicklungen verändern uns fortwährend. Seit wir mit dem Feuer umgehen, erfolgt unsere Evolution nicht mehr auf natürlichem, sondern auf technischem Wege und nicht erst seit der Industriellen Revolution.

Die Cyborgs der ersten Generation waren unsere Vorfahren, die das Feuer in den Mittelpunkt ihres Daseins gestellt und deshalb die Kaltzeiten überlebt haben. Bei den Cyborgs der zweiten Generation stehen nicht mehr das Feuer und die durch Feuer aufbereiteten Nahrungsmittel im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Organisation, sondern andere Produkte, die aus dem Feuer hervorgegangen sind, nämlich die Erzeugnisse aus gebranntem Ton und geschmolzenen Metallerzen. Mit Hilfe dieser Produkte hat der Cyborg der zweiten Generation angefangen, die Natur mehr und mehr durch eine künstlich-technische Welt zu ersetzen. Diese Generation hat die uns von den natürlichen Umweltbedingungen gesetzten Grenzen auf vielfältige Weise durchbrochen. Seither überquert der Mensch Ozeane, fliegt durch die Lüfte, erobert den Weltraum und futtert an Weihnachten Erdbeereis, Mandelcreme und Feigen.

Es ist also nur konsequent, wenn die dritte Generation von Cyborgs all diese Errungenschaften auf die eine oder andere Weise inkarniert und die letzten Grenzen durchbricht, nämlich die, die vom eigenen Körper gesetzt sind. Da Natur und Körperlichkeit nicht voneinander zu trennen sind, muss auf die Überwindung der Natur logischerweise die Überwindung der eigenen Körperlichkeit folgen. Dass der Mensch seine Umwelt verändert, hat ihn nicht in die erwartete Freiheit geführt, sondern lässt ihn im Gegenteil die Zwänge, in die er aufgrund seiner Körperlichkeit eingebettet ist, umso deutlicher erfahren. Der unerbittlichste Zwang geht dabei von der eigenen Sterblichkeit aus.

Mit der Inkarnation der Technik erfüllt sich die Menschheit einen uralten Traum. Durch die Einverleibung wird aus Technik Magie. Das ist der Sieg des Geistes, der über seinen Körper und damit über die Materie hinauswächst. Zumindest stellt sich der Mensch dies so vor.

Der Prozess ist von allem Anfang an von immer demselben Gefühl begleitet: dieser ominösen Mischung aus Faszination und Furcht. Wie sich einige unserer Vorfahren vor einer Million Jahre davor gefürchtet und sich dagegen gewehrt haben mögen, für den Jagderfolg absichtlich die Steppe in Brand zu setzen oder mit einer Fackel eine Höhle zu erkunden, während andere von eben diesem Tun aufs Höchste fasziniert waren, so fürchten sich heute einige vor den Veränderungen, die die Verschmelzung von Mensch und Maschine mit sich bringen wird, während anderen dieser Prozess wiederum gar nicht schnell genug gehen kann. In Berlin gibt es bereits eine Gesellschaft zur Förderung und kritischen Begleitung der Verschmelzung von Mensch und Technik. Die Cyborgs e.V.

Es liegt im Wesen des Lebens selber, dass es sich permanent selbst überschreitet. Wo all das einmal enden wird und ob es überhaupt endet, kann niemand vorhersagen. Vielleicht erweisen sich technisch-abiotische Lebensformen als überlebensfähiger als biologisch-organische. Ebenso ist es möglich, dass der Cyborg, der schließlich nur noch aufgrund technischer Implantate überleben kann, viel anfälliger ist als der Mensch, der sich gegen den Prozess der Vercyborgisierung wehrt und versucht, seine Fähigkeiten weiterhin an der Natur auszurichten. Vielleicht endet der Traum der Unsterblichkeit ja eines Tages damit, dass der Strom ausfällt.

Die Frage, die sich der Mensch deshalb stellen muss, ist nicht die Frage, ob die Technik unser „Säbelzahn“ ist, an dem wir eines Tages zugrunde gehen oder ob sie unser Überleben sichert, sondern welchen Preis wir fürs Überleben zu zahlen bereit sind. Die Frage, auf die eine Antwort gesucht wird, lautet, ob sich das Leben als Mensch noch lohnt, wenn das Leben nur noch darin besteht, dass die Technik einem alles abnimmt: die Sorge für den Erhalt des Lebens ebenso wie jedes Problem und jede Herausforderung. Diese Frage kann nur jeder Mensch für sich selber beantworten.