Die Zähmung des Feuergeistes

Der Mensch des 21. Jahrhunderts wird ein Mystiker sein oder er wird nicht mehr sein.

Das sind Worte von Willigis Jäger, dem bekannten Zen- und Kontemplationsmeister, dessen Anliegen es ist, die spirituellen Wege des Ostens und Westens unter einem Dach zu vereinen. Dieses Dach gibt es schon und unter dem Dach ein stattliches Anwesen: der Benediktushof in Holzkirchen.

Mystiker im 21. Jahrhundert sind jedoch keine Menschen mit geheimnisvollen Visionen, ekstatischen Verzückungen oder übernatürlichen Gaben, sondern Menschen, die sich einer manchmal ganz schön ermüdenden und vor allem langwierigen Geistesschulung unterziehen, wobei die oben angeführten Phänomene als Hindernisse auf dem Weg und nicht als Fortschritt gelten. Bei der Geistesschulung in der Tradition des Benediktushofes geht es darum, aus dem sich unaufhörlich selbst antreibenden Gedanken-und-Emotionen-Karussell auszusteigen, um die Wirklichkeit live und unverstellt zu erleben. Es geht darum, eins mit dem Augenblick zu werden. Das ist Präsenz im Hier und Jetzt.

Wir müssen raus aus dem Ego-Tunnel. Das ist so einfach und doch so schwer.

So sagt Willigis oft unter Bezugnahme auf das Buch Der Ego-Tunnel von Thomas Metzinger. Und auch hier muss man sich erst mal wieder überlegen, was damit gemeint ist.

In einer beliebten Interpretation steht das Ego dem Selbst gegenüber und wird gegen dieses abgegrenzt. Das Ego ist die Abkürzung von Egoismus und damit wird gern alles verbunden, was wir schlecht an uns finden: die Triebe, die Emotionen, die Trägheit und außerdem alles, was irgendwie mit Kapitalismus, Ressourcenverschwendung und der schönen neuen Konsumwelt zu tun hat. Kurz gesagt, in all diesen Fällen ist das Ego der Sündenbock und muss als Grund dafür herhalten, dass wir nicht in Frieden miteinander und nicht im Paradies leben. Das Selbst hingegen steht für unsere gute, wahre und edle Natur, die vom Ego bloß verdunkelt wird.

Die Trennung in Ego und Selbst ist jedoch künstlich. Dahinter steht als Einheit das Ich, das sich aufspaltet, damit es im Spiegel immer noch was sehen kann, das ihm gefällt, selbst wenn es gerade dabei ist, die Welt zugrunde zu richten. Die Aufspaltung in Ego und Selbst ist ein raffinierter Trick, den unser Gehirn sich ausgedacht hat, damit es sich empören und trotzdem alles beim Alten belassen kann.

Das Ego, das Ich und das Selbst sind in Wirklichkeit keine unterschiedlichen Entitäten, sondern ein und dasselbe. Ego, Ich und Selbst sind, wenn man es ganz genau nimmt, noch nicht einmal eine Entität, sondern nur eine von unserem Gehirn produzierte Illusion, aber eine, die sich im Laufe von mindestens zwei Millionen Jahren herausgebildet hat und dabei immer komplexer geworden ist. Die Illusion eines Ichs ist nicht nur tief in den Strukturen unseres Gehirns verankert, sondern spiegelt sich auch in der Welt, wie wir sie uns bis heute erschaffen haben. Sie tarnt sich als Religion, Architektur, Technik, Wissenschaft, Schrift und Sprache und vieles andere mehr. Als Kultur und Zivilisation tritt sie uns unablässig vor Augen und bestätigt sich auf diese Weise permanent selbst.

Das Ich als Einheit aus Ego und Selbst ist das, was uns zu Menschen macht und uns vom Tier unterscheidet. Es ist ein höherstufiges, reflexives Selbstbewusstsein, das sich von der Selbstwahrnehmung, wie Schimpansen und manche andere Tiere sie haben, erheblich unterscheidet. Das Ich gibt uns unsere personale Identität und ist der scheinbare Träger all unseres Denkens und Handelns. Wie kam es zur Ausbildung dieser Ich-Struktur?

Vor etwa 2 bis 2,5 Millionen Jahren verließ eine Linie der Waldmenschenaffen die Regenwälder, um in die offene Savanne zu ziehen. Die Waldaffenmenschen verständigten sich vermutlich ähnlich wie Schimpansen durch Laute, Mimik und vor allem durch Gesten. Wie die Schimpansen benutzten sie wahrscheinlich schon Stöcke und knackten Nüsse mit Hilfe von Steinen. Wie die Schimpansen gaben sie solche Techniken durch wiederholtes Vorführen an andere weiter. Und wie manche Schimpansen setzten sich unsere Vorfahren vielleicht auch schon auf Blätterkissen, in der vagen Ahnung, dass dieses Sitzen auf dem Kissen noch einmal sehr wichtig werden könnte.

Von den affentypischen Tätigkeiten bis zur Atombombe, Mondlandung und der digitalen Informationsverarbeitung war es ein weiter Weg. Dieser Weg wäre nicht möglich gewesen, wenn unsere Vorfahren in der Savanne nicht einem Phänomen begegnet wären, welches ihr Leben grundlegend veränderte. In der Savanne kam es zur folgenschweren Begegnung von Waldaffenmensch und Feuer.

Wenn unser Vorfahr, der homo erectus, damals schon Worte gehabt hätte, um zu beschreiben, wie er das Feuer erlebte, hätte er es nicht viel anders beschrieben, wie in den Religionen heute noch immer das Übernatürliche beschrieben wird. Aus seiner subjektiven Sicht heraus muss ihm das Feuer als etwas Furchtbares und Gewaltiges erschienen sein. Feuer konnte ganze Landstriche verwüsten und seine ganze Horde auf einmal auslöschen. Feuer bereitete Schmerz und hinterließ Narben, nicht nur auf der Haut, sondern auch in der Landschaft. Feuer reagierte so ganz anders als ein Lebewesen und schien trotzdem irgendwie lebendig zu sein. Die tanzenden Flammen hatten etwas Geisterhaftes. Es wurde häufig von Blitz und Donner begleitet. Ein Feuersturm brüllte wie unzählige Raubtiere auf einmal.

Das alles wäre für den Waldaffenmenschen ein Grund gewesen, das Feuer zu meiden. Das hat er nicht getan. Stattdessen ist er im Laufe seiner Entwicklung eine immer enger werdende Symbiose mit dem Feuer eingegangen, sodass er schließlich ganz und gar davon abhängig wurde.  Was bedeutete es für die Entwicklung des menschlichen Geistes, dass er mit dem Feuer eine Symbiose eingegangen ist?

Das grundlegende Gefühl, dem die Tiere folgen, ist der Instinkt. Tiere in freier Wildbahn sind eins mit ihrem Instinkt. Sie können nicht gegen ihren Instinkt handeln. Das heißt, sie sind Ausdruck eines ursprünglichen, unverfälschten Gefühls. Aristoteles nennt diese innerste Wirklichkeit Seele. Beseelt heißt: voll und ganz vom Gefühl als der biologischen Kraft des Zusammenhalts erfüllt sein. Seele und Leben sind die beiden Seiten derselben Medaille.

Feuer hingegen erfordert ein Verhalten, das dem Instinkt zuwiderläuft, denn der Umgang mit Feuer und hier vor allem das Kochen bricht mit der einfachen Reflexkette Hunger – Nahrungssuche – Essen und verlangt stattdessen einen Umweg. Wenn zuerst Feuer gemacht und die Nahrung gekocht wird, können instinktive Bedürfnisse nicht sofort befriedigt, sondern müssen aufgeschoben werden. Zwischen Bedürfnis und Bedürfnisbefriedigung schiebt sich ein komplexer Ablauf, in dem verschiedene Individuen verschiedene Aufgaben erledigen. Während die einen Holz sammeln und Feuer machen, kümmern sich andere um die Beschaffung von Nahrung. Auf diese Weise wächst ein Bewusstsein für Arbeitsteilung sowie für den Ablauf von Kettenreaktionen, was die Grundlage für die Entwicklung eines Denkens bildet, das sich in Kausalitäten und Zusammenhängen vollzieht. Feuer erzwingt eine soziale Koordination, die nicht der hierarchischen Struktur der Gruppe entspricht. Da das Ausgehen des Feuers für die ganze Gruppe gravierende Folgen haben kann, entstehen Verantwortung und Pflicht im Rahmen von Gruppendruck. Anstelle instinktiven Verhaltens im Einklang mit der umgebenden Natur treten vom Feuer diktierte Prozesse, die mühsam erlernt, über eine Kultur bewahrt und dem Nachwuchs explizit weitervermittelt werden müssen. Damit das Rad nicht immer wieder neu erfunden werden muss, stützt sich die Gruppe auf Riten als standardisierte Verfahrensweisen, die eine erlernte Alternative zu den Instinkten bilden.

Mit dem Zuwiderhandeln gegen seine innerste Natur und sein instinktives Gefühl begann die rasante geistige Entwicklung des Menschen. Das Heraustreten aus dem Instinkt ist gleichbedeutend mit der Herauslösung aus der Natur und der Beginn von Kultur und Zivilisation. Es ist der Weg, den wir als Menschen gehen, der Weg in die Veräußerlichung. Zivilisationsprozess und Menschwerdung sind daher dasselbe.

In diesem Prozess hat der Mensch eine Menge kognitiver Fähigkeiten erworben. Vor etwa 500.000 bis 300.000 Jahren haben sich zum ersten Mal Jenseitsvorstellungen herausgebildet, die in den ersten Bestattungsritualen ihren Ausdruck fanden. Vor 200.000 bis 100.000 Jahren war unser Urahn wissenschaftlich tätig und stellte mit Birkenpech den ersten Klebstoff her. Vor 40.000 Jahren entwickelte er bildhafte Vorstellungen und bemalte Höhlenwände. Er begann zu zählen, indem er Kerben in Knochen ritzte. Und er stellte die ersten Tonstatuetten her. Vor 5.000 Jahren erfand er mit der Schrift die Möglichkeit, seine Gedanken außerhalb seiner selbst in unveränderlicher Form festzuhalten. In immer kürzeren Abständen kam es zu immer größeren Entdeckungen. Der Mensch veränderte sich selbst und die Welt in einem Maße wie noch kein Lebewesen vor ihm.

Das alles, diese Einheit aus Zivilisationsprozess und Menschwerdung, bildet die kollektive Ebene unserer Ich-Struktur, die durch eine individuelle Ebene aus persönlichen Erfahrungen und Prägungen ergänzt wird. Es ist also kein Wunder, wenn es uns so schwer fällt, all das mal für eine Weile hinter uns zu lassen und wieder in den Augenblick zu kommen.

In der Vergangenheit war es so, dass der Mensch in diesem vom Umgang mit dem Feuer ausgelösten Prozess der Getriebene war, denn dieser Prozess hat seine eigene Dynamik, der sich der Mensch nicht so ohne Weiteres entziehen kann. Diese Dynamik ist es, die uns inzwischen an den Rand der Selbstzerstörung gebracht hat. Wir sind an einen Punkt gekommen, an dem wir, wenn wir als Spezies überleben wollen, lernen müssen, den Prozess zu steuern und unseren Feuergeist zu beherrschen. Das geht nur im Rahmen einer Geistesschulung, wie sie beispielhaft im Benediktushof in Holzkirchen vermittelt wird.

Durch das Sitzen in der Stille, die permanente Rückkehr zum Atem, unabhängig davon, was an Gedanken, Bildern und Emotionen auftaucht, nimmt das mit diesen Geistestätigkeiten verbundene Erregungspotenzial langsam ab. Denkend hinterfragt sich das Denken und kommt zu dem Schluss, dass Denkprozesse eben gerade nicht geeignet sind, die Wirklichkeit angemessen zu erfassen. Das Ich erkennt nicht nur seine eigene Beschränktheit, sondern auch seinen illusionären Charakter. In seltenen Momenten fallen sowohl das Ich als auch das Denken weg. Es gibt weder Beobachter noch Beobachtetes. Sondern nur noch diesen Atemzug. Diesen Augenblick.

Lieber Willigis,
zu Deinem 90. Geburtstag ganz herzliche Glückwünsche. Ich wünsche Dir und uns allen, dass wir begreifen, was Du uns mit Deinem Hiersein und Deiner Lehrtätigkeit geschenkt hast. Mögen wir alle zu Mystikern des 21. Jahrhunderts werden.