Die Reduplikation des Instinkts im Glauben

Glaube als Begriff ist in seiner Bedeutung nicht leicht zu erfassen. Glaube umschreibt eine subjektive Erfahrung, die für verschiedene Menschen nicht notgedrungen dieselbe sein muss. Innerhalb des Gesamtbegriffs Glauben lassen sich jedoch Wortfelder gegeneinander abgrenzen.

Zum einen meint Glaube ein Für-wahr-halten, häufig in Kombination mit einem So-tun-als-ob. Im Spiel überlagern sich bei einem Kind das Für-wahr-halten und das So-tun-als-ob. Wenn ein Kind im Spiel sich selbst vergisst, wird aus dem So-tun-als-ob ganz von selbst ein Für-wahr-halten, und das Spiel wird als einzige Realität erlebt. Ein Kind ist noch nicht fähig, die objektive Realität und seine Vorstellungen und Empfindungen voneinander zu trennen. Deshalb vergegenwärtigt es sich verschiedene Möglichkeiten in eben diesem Zwischenbereich aus objektiver und subjektiver Welterfahrung. Je älter das Kind wird, desto mehr wird es sich seines Spiels bewusst. Ab einem bestimmten Zeitpunkt in der Entwicklung weiß es, dass es nur so tut, als ob. Die Realität und das Spiel existieren nun als zwei verschiedene Welten nebeneinander, und das Kind wechselt von der einen in die andere Welt hinüber.

Doch auch beim Erwachsenen vermag das So-tun-als-ob den Bruch zwischen subjektiver und objektiver Welterfahrung zu überbrücken. Wenn wir einen spannenden Film sehen, blenden wir aus, dass wir in einem Kinosessel sitzen und uns von einer Illusion einfangen lassen. Wenn wir ein spannendes Buch lesen, vergessen wir die Welt um uns und tauchen ein in die virtuelle Welt der Erzählung.

In der Wissenschaft ist das So-tun-als-ob die akzeptierte Methode zur Erkenntnisgewinnung. Es ist nun jedoch zu einem reinen, abstrakten Gedankenspiel geworden: zur Hypothese. Doch erst die erneute Überblendung von Hypothese und Realität, das so tun, als ob man die Hypothese für wahr hält, ermöglicht dem Wissenschaftler  die Überprüfung seiner Gedankenarbeit durch ein Experiment.

Im Bereich der Religion ist Glaube inzwischen auch nichts anderes mehr als eine Hypothese. Der Gläubige tut so, als ob das, was er glaubt – der Inhalt seines Glaubens – wahr wäre. Der Unterschied zur Wissenschaft besteht lediglich darin, dass sich die religiösen Hypothesen der empirischen Überprüfung entziehen und sich nicht verifizieren oder falsifizieren lassen.

Zum anderen bezeichnet Glaube aber auch die Wahrnehmung eines umfassenden Kohärenzgefühls, das in den Bereich von Liebe und Vertrauen hineinreicht. Es ist eine subtile Empfindung, die mit einem So-tun-als-ob nicht das Geringste zu tun hat. Glaube ist in diesem Fall Wahrnehmung im doppelten Sinne: zum einen das Erspüren, also Wahrnehmen des Gefühls, aber auch im eigentlichen Sinn des Wortes das Wahr-nehmen, also Für-wahr-halten dessen, was gefühlt wird. Ein Mensch, der das, was er fühlt, für wahr nimmt und entsprechend handelt, hat Vertrauen zu sich selbst und in seinen eigenen Urgrund. Das ist die Grundlage für Integrität und Authentizität. Ein Mensch, der das, was er fühlt,  gar nicht wahrnimmt, ist Spielball für eine Steuerung durch andere von außen. Wenn er das Gefühl wahrnimmt, es aber nicht für wahr hält, misstraut er sich selbst, das heißt, der Mensch ist in sich gespalten.

Es ist wichtig, zunächst einmal diese beiden Wortbedeutungen strikt auseinander zu halten. Tatsächlich kann Glauben in der zweiten Bedeutung, als Wahrnehmung eines grundlegenden Gefühls von Geborgenheit und Zufriedenheit, nicht generiert werden. Die Wahrnehmung des Urgrunds ist keine Sache des Willens oder der Genese, sondern der Achtsamkeit.

Ebenso wie Glaube hat auch der Begriff der Transzendenz eine doppelte Bedeutung: Einmal ist damit das nach außen gerichtete Übersteigen der wahrnehmbaren Wirklichkeit gemeint. Dieses Übersteigen findet ausschließlich durch die Vorstellungskraft statt. Zum anderen bezeichnet Transzendenz jedoch auch das nach innen gerichtete Einswerden mit dem grundlegenden Gefühl von Geborgen- und Verbundenheit. Es sind zwei unterschiedliche, sogar gegenläufige Phänomene. Im Sprachgebrauch werden diese beiden Bedeutungsebenen jedoch nicht voneinander getrennt.

Das nach außen gerichtete Übersteigen der wahrnehmbaren Wirklichkeit durch die Vorstellung kann mit einem Objekt verbunden werden. Wenn dies geschieht, entsteht der Glaube an etwas Objekthaftes wie Geister, Seelen, Ahnen, Götter oder einen allmächtigen Gott. Auch hier ist es wieder ein So-tun-als-ob. Der Gläubige tut so, als ob die vorgestellten Objekte eine reale Existenz hätten und hält sie dann für wahr. Dieser nach außen gerichtete Glaube kann ebenso mit einem abstrakten Begriff verbunden werden wie Einheit, Liebe, Wahrheit, Verbundenheit. Glaube, so verstanden, ist eine Sache des Willens, der Vorstellungskraft und des Intellekts. Je mehr sich der Glaube nach außen richtet und sich an Objekte der Vorstellung oder abstrakte Begriffe bindet, desto weniger ist er mit dem als Gefühl in uns repräsentierten Urgrund in Kontakt. Wird andererseits die Identifikation mit begrifflichen Konstrukten oder bildhaften Objekten gelöst, tritt das Kohärenzgefühl wieder deutlicher ins Bewusstsein. Im Einswerden mit dem Urgrund verschwinden Vorstellungen und Begriffe.

Ist der nach außen gerichtete Glaube mit dem Begriff Verbundenheit korreliert, lässt er sich im Sprachgebrauch überhaupt nicht mehr unterscheiden vom Einswerden mit dem Kohärenzgefühl. Zwei Menschen können vollkommen davon überzeugt sein, dasselbe zu meinen, während sie von zwei völlig unterschiedlichen Phänomenen reden.

Wie kommt es zu dieser merkwürdigen Doppelung des Phänomens Glauben, das einmal als Akt der Vorstellungskraft und des Intellekts und einmal als Wahrnehmung des grundlegenden Gefühls verstanden werden kann? Vielleicht hilft es uns weiter, wenn wir einen Blick in die Tierwelt werfen. Das grundlegende Gefühl, dem die Tiere folgen, ist der Instinkt. Ja, mehr noch. Tiere in freier Wildbahn sind identisch mit ihrem Instinkt, weil sie gar nicht gegen ihren Instinkt handeln können. Freilebende Tiere sind sozusagen der Form gewordene Ausdruck eines ursprünglichen, unverfälschten Gefühls. Bei Zucht- und Haustieren, wo der Mensch sich einmischt, ist das schon anders.

Die Doppelung des Begriffs Glauben verweist darauf, dass das menschliche Bewusstsein angefangen hat, aus dem ursprünglichen Gefühl der Geborgenheit, dem Instinkt, herauszutreten und sich nach außen zu wenden. Tatsächlich ist dieses Heraustreten aus dem Instinkt identisch mit der Menschwerdung. Mehr als alles andere unterscheidet sich der Mensch vom Tier dadurch, dass er nicht mehr mit seinem Instinkt identisch ist, sondern sich in seinem Verhalten mehr und mehr eben gerade gegen diesen wendet. Die Reduplikation des Instinkts als Veräußertes bewirkt die Verkehrung des ursprünglichen Geborgenheitsgefühls ins Gegenteil. Es ist ein Prozess der Entfremdung.

Dieser Prozess der Entfremdung ist die Geschichte dessen, was man als Zivilisation bezeichnet. Zivilisation ist Veräußerlichung. Dieser Prozess der Zivilisation begann jedoch nicht erst mit dem Städtebau, sondern sehr viel früher. Er begann mit der Zähmung des Feuers. Da ausnahmslos alle menschlichen Gesellschaften mit Feuer umgehen, gibt es überhaupt keine unzivilisierten Menschen. Der Zivilisationsprozess als Prozess der Veräußerlichung des intrinsischen Instinkt-und Kohärenzgefühls ist gleichbedeutend mit Menschwerdung.

Der Zivilisationsprozess ist die Geschichte eines menschenaffenähnlichen Lebewesens, das eine Symbiose mit einer extrinsischen Kraft, dem Feuer, eingegangen ist und dadurch in die Veräußerlichung getrieben wurde und immer noch wird.

Siehe hierzu: Die Genese des Übernatürlichen