Das Buch der Fragmentierung

Die Bibel erzählt eine Geschichte, die mit den kirchlichen Interpretationen absolut nichts zu tun hat. Auf eigentümliche Weise transportiert sie tatsächlich eine Wahrheit. Ich möchte hier meine Interpretation vorstellen und fragen, was ihr davon haltet.

Die Bibel ist das Buch der Fragmentierung. Sie besteht aus zwei Teilen, dem Alten und dem Neuen Testament. Sie beginnt mit zwei verschiedenen, sich widersprechenden Schöpfungsberichten. Im ersten Bericht erschafft Gott den Menschen am sechsten und damit letzten Tag der Schöpfung. Im zweiten Bericht erschafft Gott den Menschen zu der Zeit, als er Erde und Himmel machte, also am ersten Tag. Wir haben es in der Bibel mit zwei gegenläufigen Strömungen, zwei gegenläufigen Zeitpfeilen zu tun. Der erste Bericht stellt eine chronologische, objektive Abfolge dar. Der zweite eine phänomenologisch-subjektive Entwicklung, bei der die Welt erst nach und nach ins Bewusstsein tritt.

Die Bibel ist die Geschichte des Menschen, die Geschichte eines geteilten Bewusstseins, dargestellt als Adam und Eva, als Mann und Frau. Einer von beiden wird die Geschichte nicht überleben: die Frau. Ihr sagt: Moment mal, Eva wird doch nicht umgebracht. Ihr habt Recht. Der Mord an der Frau passiert erst in der Apokalypse. Lange Zeit wird die Frau noch als Gebärmaschine gebraucht, schließlich muss sie auch den Christus gebären. Nach der Apokalypse ist das Weiblich-Erdhafte verschwunden. Ausgetilgt. Anstelle der Frau als Braut ist ein technisch-künstliches Gebilde, die Männer-Stadt Jerusalem getreten. Es ist nur noch von Knechten und Brüdern die Rede, nicht mehr von Mägden und von Schwestern schon gar nicht. Am Ende der Bibel hat die Frau aufgehört zu existieren. Und das trotz Jesus. Ihr könnt es nachlesen.

Der Kampf des Mannes gegen die Frau ist der Kampf des Lichts gegen die Dunkelheit, die Gewalt des Feuers gegen die Macht des Gebärens. Am Ende der Bibel hört die Welt auf, eine biologisch-natürliche zu sein.

Der Gott des Alten Testaments hat zwei Gesichter. Jahwe und Elohim. Die Doppelversionen stammen aus zwei verschiedenen Quellen, die zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten verfasst wurden. Die jahwistische Quelle „J“ und die elohistische „E“. Das Buch Deuteronomium „D“ ist ein unabhängiges Dokument, ergänzt durch eine priesterliche Quelle „P“, deren Inhalt Kultvorschriften sind.

Von dem Bruderdrama zwischen Kain und Abel gleitet die Geschichte in das Familiendrama um Abraham, Isaak und dessen Söhne Jakob und Esau hinein. Während die beiden Brüder Esau und Jakob sich versöhnen, zieht die Mordwelle, die mit Kain und Abel ihren Anfang nahm, aufgrund der Vergewaltigung von Jakobs Tochter Dina größere Kreise. Jakobs Söhne, zwölf an der Zahl, erschlagen jeden männlichen Bewohner in der Stadt des Vergewaltigers, obwohl dieser samt seiner Stadt zur Wiedergutmachung Jakobs Brauchtum der Beschneidung angenommen hatte.

Aus zwölf Söhnen werden zwölf Stämme und aus zwölf Stämmen werden zwei Königreiche, Israel im Norden und Juda im Süden. Die Bibel beschreibt, wie die zehn nördlichen Stämme sich nach Salomos Tod nicht länger den davidischen Königen unterwerfen und die Entstehung zweier rivalisierender Königreiche erzwingen. Für den Abfall wird das Nordreich von Gott bitter bestraft. Er bedient sich der Assyrer, um das Nordreich zu verwüsten und hundert Jahre später der Babylonier, die das Südreich Juda erobern, den Tempel in Jerusalem in Brand setzen und die überlebenden Juden ins Exil führen. Das ganze Drama um das Volk Israel beschreibt einen Fragmentierungsprozess, der immer größere Kreise zieht und eine blutige Spur der Zerstörung hinterlässt.

Nach der Rückkehr aus dem Exil gibt es keine Könige mehr. Fortan bestimmen die Thora, das göttliche Gesetz und die Hoffnung auf einen Messias die Geschicke Israels. In der nachfolgenden Überflutung mit immer detaillierteren Gesetzen und Vorschriften wird dem Einzelnen das Leben aus der Hand genommen und fast jeder zum Sünder.

Zur Zeit von Jesus war Israel von den Römern besetzt, und das Judentum machte eine Identitätskrise durch. Während die einen mit Gewalt gegen die Römer vorgehen wollten, verschärften die anderen die Gesetze noch mehr und verlangten strikten Gehorsam, um das Judentum in all den Wirren rein zu halten. Die Situation damals ist mit der heutigen vergleichbar: Die Römer entsprechen den Amerikanern, die Gesetzesverschärfer den religiösen Fundamentalisten, und diejenigen, die das Problem mit Gewalt lösen wollten, Terrorgruppen wie Boko Haram oder Al-Qaida.

Im Neuen Testament wird uns die Geschichte von Jesus in vier Evangelien erzählt. Einerseits ist Jesus Jude und trägt damit die blutige Geschichte seines Volkes in sich. Andererseits ist Jesus der von Paulus propagierte Sohn Gottes. Der jüdische Jesus tritt mit dem Anspruch an, den Menschen aus der überbordenden Gesetzesflut zu befreien, die Religionsvorschriften zu vereinfachen und den jüdischen Menschen zu sich selbst zurückzuführen. Dieser Jesus tritt an, den Fragmentierungsprozess zu stoppen, um zum Wesentlichen zurückzukehren. Es ging ihm dabei allein um die Juden. Er hatte keinerlei Neigung, den Römern oder den Heiden zu predigen. Die von griechischer Kultur geprägte Stadt Sepphoris wird in den Evangelien nicht einmal erwähnt, obwohl sie nur sechs Kilometer von Nazaret entfernt lag.

Wie der Gott des Alten Testaments hat Jesus jedoch ebenfalls zwei Gesichter. Das jüdische und das gnostisch überlagerte paulinische. Der paulinische Jesus ist der Sohn Gottes, der Christus, dem es nicht um die Juden geht, sondern um die gesamte Menschheit. Die Frage, um die sich alles dreht, ist, ob der im Alten Testament begonnene Fragmentierungsprozess beendet wird oder auf die gesamte Menschheit übergreift. Es ist Pontius Pilatus, der dem Volk die Frage stellt: „Wen soll ich euch losgeben? Jesus Barabbas oder Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus?“ (Matth. 27, 17).

Ist euch das schon mal aufgefallen? Es handelt sich hier um zwei Jesusse. Noch brisanter wird die Geschichte, weil „Barabbas“ Sohn des Vaters heißt und Jesus seinen Vater mit „abba“ anredet. Es kann sich also nur um die Doppelung derselben Gestalt handeln, nicht um zwei verschiedene Personen. Was ist denn das für eine seltsame Wahl? Die Juden wollten, dass der jüdische Jesus losgegeben wird? Das ist ja wohl logisch! Das passt ja auch viel besser zur Geschichte, nachdem Jesus so vielen Menschen Heilung gebracht hatte. Tatsächlich existierte der christliche Jesus zu diesem Zeitpunkt ja noch gar nicht, denn zu diesem gehört zwingend, dass er gekreuzigt wird. Genau genommen, wird aus Jesus erst nach der Kreuzigung der Christus. Wer um alles in der Welt wurde dann gekreuzigt? Das ist das große Rätsel.

Der Fragmentierungsprozess wurde nicht beendet, sondern breitete sich über das Christentum weiter aus und affizierte bis heute große Teile der Welt. Die Geschichte mit Jesus ist irgendwie schief gegangen.

Im Neuen Testament tritt Jesus als Protagonist, als Handlungsträger auf. Was wir von Paulus wissen, wissen wir entweder aus der Apostelgeschichte oder aus Briefen von ihm. Ein Buch, in dem Briefe abgedruckt werden, ist ein Buch im Buch. Texte, die über Texte, die über Texte vermittelt werden, erschaffen neue fragmentierte Textebenen. Die lebensnahe Gestalt von Jesus wird auf diese Weise bürokratisiert. An die Stelle einer unmittelbaren und damit heilsamen Hinwendung zum Menschen, wie Jesus sie vorlebt, tritt bei Paulus eine institutionalisierte und organisierte Beziehung, die jeder Spontanität und Lebendigkeit verlustig geht.

Der Ton in den Briefen verändert sich. Während die Paulus-Briefe noch einigermaßen wohlwollend klingen, werden die späteren Briefe im Tonfall zunehmend schärfer, teilweise sogar bösartig. Aus der Absage an das Leibliche und Weibliche bei Paulus wird bei Jakobus der Kampf des Christus gegen den Teufel.

In der Apokalypse wird der Teufel zum Drachen. Aus dem Himmel geworfen, macht der Drache Jagd auf die Frau. Zweieinhalb Zeiten lang wird sie von der Erde und vom Meer beschützt und kann ihm entkommen, dann wandelt sie sich den folgenden Bildern zur großen Hure Babylon, verschmilzt mit dem Tier zum Teuflischen und wird vernichtet. Gerettet werden am Ende hundertvierundvierzigtausend jungfräuliche Männer, die sich nicht mit Frauen befleckt haben. Ende Gelände.

Worin besteht für mich nun die Wahrheit der Bibel? Was in der Bibel erzählt wird, ist die eindrückliche, bildhafte Beschreibung eines fortlaufenden, eskalierenden Fragmentierungsprozesses, der schließlich dazu führt, dass von einer Polarität wie Mann und Frau oder Licht und Dunkelheit der eine Pol vernichtet wird. Die Bibel ist eine Warnung und  gleichzeitig ein Appell, es nicht zum apokalyptischen Ende kommen zu lassen, weil dieser Fragmentierungsprozess am Ende alles Lebendige und Natürliche zerstören wird. Schade, dass die Bibel nicht in diesem Sinne verstanden wird. Die derzeitig gültigen Interpretationen treiben den Fragmentierungsprozess nämlich immer weiter voran, statt ihn zu stoppen. Wenn wir uns in der Welt umgucken, können wir die Folgen dieser Fragmentierung bereits deutlich erkennen: Immer größere Stadtlandschaften und Verkehrsnetze fragmentieren die Natur, die entweder zu landwirtschaftlichen Nutzflächen oder leblosen Kulissen für Wanderer und Urlauber verkommt. Die Welt verschwindet in der Virtualität des Cyberspace. Bürokratische Vorschriften nehmen dem Menschen die eigenen Entscheidungen ab. Wir werden mit fragmentierten Textschnipseln, die keinen Zusammenhang ergeben, überflutet. Der Mensch wird in eine statistische Größe ohne individuelle Eigenschaften umdefiniert. Doch alle Anstrengungen, in unserem Umgang mit der Welt eine Änderung herbeizuführen, sind entweder vergeblich oder bewirken gerade das Gegenteil von dem, was beabsichtigt war, solange das grundlegende Problem nicht erkannt wird: die Fragmentierung

Ich habe einen Kommentar von Nick bekommen, der mir, weil er die obige Interpretation zu erhellen vermag, so wichtig scheint, dass ich ihn hier in den Text aufnehme.

Das Buch der Fragmentierung ist ein Zeugnis von Fragmentierung, in dem das WORT über alles gestellt wird, wo doch das Wort immer nur ein Splitter der Gesamtskulptur des Seins sein kann. Insofern erteilt die Bibel tatsächlich hervorragenden Anschauungsunterricht, wie es eben nicht funktioniert und nicht funktionieren kann, weder um die Welt zu beschreiben, noch sie zu erklären, noch wie man sich am besten orientiert und verhält.

Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott – der biblische Gott IST also das Wort und damit beginnt die Vergöttlichung der Eindeutigkeit, die zwangsläufig zu Ausschluss und damit zur Feindseligkeit führen MUSS.

 

5 Kommentare zu “Das Buch der Fragmentierung

  1. Pingback: Die Apotheose eines Traumas – fingerphilosoph

  2. Die Interpretation ist gewöhnungsbedürftig. Ich weiß noch nicht recht, was ich davon halten soll.

    Andererseits: im nahen Osten bildete sich der Monotheismus in etwa parallel zu den linearen Schriften heraus. Bekannt ist auch, dass Schriften im Anfangsstadium ihrer Entstehung magisch empfunden werden und im Zusammenhang mit der priesterlichen Tempelwirtschaft stehen. Könnte durchaus zur Vergöttlichung des Worts beigetragen haben.

    Die Analogie von Fragmentierung und Verbrennungsprozess kann ich nicht nachvollziehen.
    Das ist doch etwas arg weit hergeholt.

  3. Hi, fiphi 🙂

    in Reli wurde uns mal die Wahl gelassen, welches Thema wir durchnehmen wollen. Wir haben für die Apokalypse gevotet, da hat der Reli-Lehrer gekniffen. Wär zu schwer für uns. Ich glaub nicht, dass Jesus auferstanden ist. Ich könnte wetten, dass der Jesus, als er aus dem Grab rauskam, ein Geist war. Oder die Apostel haben geträumt oder so was. Ich glaub sowieso, dass alles ganz anders ist. Ich glaub, dass wir aus dem Wasser kommen. Wahrscheinlich gibt es auch Wasserwesen und nicht nur Feuerwesen. Schreib doch mal was übers Wasser.

    Lady Claire

  4. Hi! Warum geht’s jetzt plötzlich um die Bibel? Ich dachte, das wäre eine Seite über das Feuer und die Steinzeitmenschen. Mit der Bibel habe ich echt nix am Hut.

    • Liebes Clairchen,

      ich trage hier erst mal alle möglichen Aspekte zusammen, die mit Feuer in der Menschheitsgeschichte zu tun haben. Zwischen Fragmentierung und dem Verbrennungsvorgang besteht ein Zusammenhang: die Zerstörung von Bindungen. Beim Verbrennungsfeuer sind es chemische Bindungen. Fragmentierung ist ein Begriff, der eher im Zusammenhang mit Problemlösen verwendet wird. Trotzdem fragmentiert ein Verbrennungsfeuer. Halt das einfach mal im Hinterkopf.

      Gruß
      fiphi

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.