Frieden schaffen? Nicht mit Affen!

In Star Trek Der Aufstand gibt es das Volk der Ba’ku, die freiwillig auf moderne Technologie verzichten, stattdessen im Einklang mit der Natur leben und dies auf einem Planeten, der seinen Bewohnern ewige Jugend gewährt. Ich sehe die Bilder von Captain Picard und der Anführerin der Ba’ku, wie sie gemeinsam in idyllischer Landschaft wandeln und dabei tiefsinnige philosophische Gespräche führen. Gott sei Dank gibt es die bösen So’Na, die den Plan haben, die Idylle zu zerstören. Nur wegen denen habe ich Lust, mir den Film anzugucken.

Alles, was mit Lust verbunden ist, ist immer auch latent gewalttätig, ob es sich dabei um gutes Essen, Sex, Kinofilme, Fußball oder sonst was handelt. Jede Geburt bringt Schmerz mit sich, weil es sich für Mutter und Kind letztendlich um einen Gewaltakt handelt, der nur mit viel Liebe auszuhalten ist. Mit dem Tod verhält es sich auch nicht viel anders. Auch der ist nur mit viel Liebe zu ertragen. Völlige Gewaltfreiheit würde bedeuten, nur noch vom Baum gefallene Früchte zu verzehren, denn Essen ist ansonsten nun mal eine Form von Gewalt, die immer wieder Leben kostet. Ein völlig gewaltfreies Leben wäre im wahrsten Sinne des Wortes ein lust-loses Leben. Ich würde die Leute, die sich so was ernsthaft wünschen, gern mal fragen, wie man Lust auf ein lustloses Leben haben kann.

In seinem brillanten SF-Roman Quest treibt der Autor Andreas Eschbach den Topos des ewigen Friedens auf die Spitze. Da gibt es das uralte Volk der Yorsen, von denen jeder, in einen Kristall eingeschlossen, in ewiger Ekstase um den Planeten kreist. Der Leser bekommt eine Ahnung, was ewiger Friede bedeutet, nämlich die totale Isolierung des Einzelnen, der mit der Gesamtheit nur über eine lebenserhaltende, jedoch seelenlose Technik verbunden ist. Die Yorsen tun mir Leid. Außer Ekstase erleben die gar nichts. Wie langweilig muss das denn sein!

In meinem vorigen Beitrag bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Gewalt gegen Mitglieder der eigenen Spezies im Rahmen der Evolution durchaus eine akzeptierte Methode ist, um mit Problemen fertig zu werden, wenn vielleicht auch nicht die beste. Für vier der fünf Primaten inklusive unserer eigenen Spezies ist Gewalt gegen Artgenossen eine Strategie, die sich bis jetzt bewährt hat, denn ansonsten würde es uns nicht mehr geben. Gewalt fasziniert uns ebenso sehr, wie wir uns von ihr bedroht fühlen. Um uns lebendig zu fühlen, brauchen wir Herausforderungen und Gefahren. Wenn schon keine echten, dann wenigstens welche, die wir uns vorstellen. Jemand muss uns ans Leder wollen, sonst fühlen wir uns nicht gut. Würden wir Gewalt ersatzlos abschaffen, würden die meisten Menschen an tödlicher Langeweile eingehen. Selber zähle ich mich durchaus zu dieser Mehrheit. Ein bisschen Kick muss sein. Ich habe das Menschenaffenerbe in mir.

In Europa leben wir, verglichen mit anderen Erdteilen, derzeit noch auf einer Insel des Friedens. Das ist jedoch weder den Religionen noch einer spirituellen Entwicklung der Menschheit zu verdanken. Außer den Nachwirkungen der Weltkriege und der Angst vor dem Atomkrieg verdanken wir den Frieden vor allem dem Umstand, dass wir in einer Überflussgesellschaft leben, in der kaum noch ein Mensch existenzielle Sorgen haben muss und die meisten sich kaufen können, wonach ihnen der Sinn steht. Wer sich täglich satt essen kann, ist hauptsächlich mit seiner Verdauung beschäftigt.  Viele Menschen schielen trotzdem auf den Reichtum anderer. Genug ist eben nicht genug. Ein bisschen mehr wie der Durchschnitt will man schon haben. Mindestens. Auch Neid ist ein Menschenaffenerbe. Ein solcher Friede ist eine fragile Sache.

Die Gewalttätigkeit verlagert sich zunehmend in virtuelle Bereiche. Nicht mehr in der realen Lebenswelt wird Mann gegen Mann, Gruppe gegen Gruppe oder Volk gegen Volk gekämpft, sondern in Fantasiewelten, die wir uns dank technischer Entwicklungen fast beliebig selbst erschaffen können. Gewalt wird in unserem Kulturkreis in sublimierter Form ausgetragen: in der Welt des Buchs, des Films und in zahllosen Videospielen im Internet. Spiele wie World of Warcraft oder sogar Second Life zeigen, dass die Faszination von Gewalt ungebrochen ist. Es sind nun aber Avatare, die anstelle der echten Menschen ihr Leben riskieren, um alle möglichen Feinde in immer blutrünstigeren Schlachten zu metzeln. Immerhin!

Wenn es in unserer Gesellschaft eine Entwicklung in Richtung Frieden geben sollte, ist es keine spirituelle, sondern eine technische. Zum einen haben wir Waffensysteme erfunden, vor denen wir selbst erschrecken. Zum anderen ermöglicht die Technik die Kreation künstlicher Welten, in denen wir uns rücksichtsloser denn je austoben, ohne jedoch in der wirklichen Welt Schaden anzurichten. Und vor allem schafft Technik den Wohlstand, der uns satt macht und der es uns erlaubt, spirituell zu sein, wenn uns die virtuellen und realen Gemetzel zu große Angst machen.

Doch längst sind nicht alle Kriege, die wir führen,  bloß noch virtueller Natur. Anstatt wie in vergangener Zeit große Heere aufeinanderzuhetzen und Materialschlachten zu schlagen, werden heute Stellvertreterkriege wie der in der Ukraine geführt. Das kann auch mal in die Hose gehen und einen Flächenbrand entzünden. Ebenso finden permanent Wirtschaftskriege statt, in denen mit allen möglichen Formen von Geld gegeneinander gekämpft wird. Das führt dazu, dass wir demnächst alle pleite, aber wenigstens nicht tot sind. Doch auch Wirtschaftskriege fordern immer noch Opfer in der realen und nicht bloß in einer virtuellen Welt. Was Manager und Finanzleute angeht, haben wir es hier mit einem Umkehreffekt zu tun: Durch den permanenten Umgang nur mit Zahlen haben diese Leute den Bezug zur Wirklichkeit verloren. Diesen Menschen erscheint die Welt der Zahlen als Realität, während die wirkliche Lebenwelt in diesem Denkmuster in der Abstraktion verschwindet und deshalb kein Mitgefühl mehr auszulösen vermag.

Religionen haben in der Vergangenheit immer wieder zu Kriegen geführt, ich glaube aber nicht, dass sie jemals einen verhindert haben. Religionen, Nationalismen und Ideologien stiften innerhalb einer Gruppe Identität. Genau diese Identitätsbildung hat jedoch das höchste Gewaltpotenzial. Je größer die Gruppen sind, desto unberechenbarer werden sie in ihrer Dynamik. Religionen und Ideologien sind das, was aus vielen unterschiedlichen Menschen eine gleichförmige Masse zu formen vermag. Wenn die Identitätsbildung über eine gemeinsame Ideologie oder Religion erfolgt, sind die Gruppen in aller Regel hierarchisch geordnet. Die Hierarchie wurde früher in Zweikämpfen bestimmt, heute ist an die Stelle der körperlichen Kraft der Intellekt getreten. Eine Gruppe wird nicht mehr vom Stärksten, sondern vom Schlausten geleitet. In Religions- oder spirituellen Gemeinschaften ist der Führer derjenige mit der größten geistigen Kraft, das heißt, die Person, die anderen am eindringlichsten glaubhaft machen kann, von Gott inspiriert zu sein.

Einerseits die Identitätsbildung, andererseits die Unterordnung schafft innerhalb einer Gruppe eine seltsame Ambivalenz. Durch die Identifikation mit der Gruppe kommt sich der Einzelne mächtiger vor, durch die Unterordnung innerhalb der Hierarchie jedoch gleichzeitig machtloser. In dieser Ambivalenz stauen sich Aggressionen an, doch können sie nicht innerhalb der Gruppe ausgelebt werden, weil sonst die Gruppe zerfallen würde. Deshalb muss eine von einer Religion oder Ideologie zusammengeschweißte Gruppe notwendig ein Feindbild entwickeln, um die Aggressionen nach außen abzuleiten. Das Ziel solcher Abreaktionen ist jemand, der nicht zur Gruppe gehört. Ein Feindbild ist also nicht etwas, das primär von außen kommt. Es weist vielmehr auf ein Ungleichgewicht und unterdrückte Aggressionen innerhalb der Gruppe hin.

In spirituellen Kreisen stellt man sich die gesamte Menschheit gern als eine große Gruppe vor, in der jeder mit jedem freundschaftlich verbunden ist. Wenn sich die Menschheit als eine große Gemeinschaft erkennt, gibt es den Unterschied zwischen UNS und DEN ANDEREN nicht mehr. Damit sind alle Feindbilder aufgelöst und der Mensch wird seine ihm zutiefst innewohnende Friedfertigkeit endlich angstfrei ausleben können. So glaubt man.

Das ist eine zwar schöne, aber dennoch eine Illusion. Den Unterschied zwischen UNS und DEN ANDEREN gibt es nämlich auch jetzt nicht, und tatsächlich hat es ihn nie gegeben. Der Unterschied ist eine bloße Konstruktion, um die Gewalttätigkeit, die gruppenimmanent entsteht, abreagieren zu können. Je größer eine Gruppe wird, desto komplexer werden die Hierarchien, die durchaus auch eine entpersönlichte und anonyme Form annehmen können (Institutionen, Verwaltungen, Staatsgebilde), und desto mehr wird die Freiheit des Einzelnen beschnitten. Das führt wiederum zu Aggressionen, die sich, wenn sie im Rahmen eines falschen Selbstbildes unterdrückt oder verleugnet werden, irgendwann Bahn brechen.

Um Frieden in großen Staatsgebilden zu bewahren, gibt es nur einen Weg, und das ist der Weg in die Vereinzelung. Deshalb haben wir ein Rechtssystem, in dem das Individuum zur Verantwortung gezogen wird und nicht die Gruppe als Ganzes. Deshalb haben wir politische Strukturen, die verschiedene Gruppen innerhalb des Staates gegeneinander ausspielen, frei nach dem Motto: teile und herrsche. Es geht dabei jedoch nicht nur ums Herrschen, sondern ebenso darum, den Frieden innerhalb des Staates zu bewahren. Mobilität und beruflich indizierte Wohnungswechsel sind weitere Möglichkeiten, um die Vereinzelung voranzutreiben. Auch das Internet dient realiter der Vereinzelung, selbst wenn es so aussieht, als würde es Kommunikation und Austausch fördern. Wir sind auf dem Weg zu einer Gesellschaft aus lauter Singles. Wir sind dabei, Yorsen zu werden. Es sei denn, wir stolpern in einen Krieg zwischen Staaten, den eigentlich keiner will.

In einigen spirituellen Richtungen folgt man ebenfalls gezielt diesem Weg der Individuation, auf dem der Mensch permanent auf sich selbst zurückgeworfen wird, bis er die Identifikation mit den Gruppen, in die er eingebunden ist, schließlich aufgibt. Die technische und die spirituelle Entwicklung verfolgen in diesem Fall dasselbe Ziel. Technik und Spiritualität gehören enger zusammen, als mancher sich vorstellen kann. Es sind die beiden Seiten derselben Medaille. In aller Regel suggerieren die spirituellen Gemeinschaften jedoch gerade das Gegenteil, nämlich dass der Einzelne innerhalb der Gruppe aufgehoben ist, von der Gruppe getragen wird und in der Gruppe aufgeht. Von spirituellen Gemeinschaften erhoffen sich die meisten die seelischen, geistigen und manchmal auch körperlichen Streicheleinheiten, die auf dem Weg ins Single-Dasein sonst nicht mehr zu haben sind.

Wie das Internet, das Verbundenheit verspricht und dabei in die Vereinzelung führt, segeln spirituelle Gemeinschaften häufig unter falscher Flagge. Wenn die praktizierte Spiritualität der Individuation dient, dann ist sie durchaus dem Frieden dienlich, schafft aber nicht das Gruppen- und Gemeinschaftsgefühl, das ebenfalls versprochen wird. Schafft die praktizierte Spiritualität hingegen eine Gruppenidentität mit der Abgrenzung gegen andere Gruppen, führt das nicht zu einer friedlicheren Gesellschaft. Die Vereinzelung innerhalb einer Gruppe scheint mir ein unauflösbarer Widerspruch in sich zu sein. Andererseits scheint mir das Leben als solches auch ein unauflösbarer Widerspruch zu sein.  Ist das Leben als solches ein unauflösbarer Widerspruch, dann können sogar Affen Frieden schaffen. Oder friedlich Waffen schaffen. Oder mit friedlichen Waffen Affen schaffen.

 

 

 

2 Kommentare zu “Frieden schaffen? Nicht mit Affen!

  1. Einerseits wird Vereinzelung als Langeweile pur in Aussicht gestellt, andererseits als einzige Möglichkeit zur Bewahrung von Frieden. Gewalttätigkeit ist also der Friedfertigkeit vorzuziehen, bloß damit wir unsere täglichen „Kicks“ bekommen. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes eine „tolle“ Logik, die hier ausgebreitet wird. Vielen Dank für diesen Quatsch.
    Man kann ein spannendes Leben führen, ohne gewalttätig zu sein. Ja, sogar ohne Bücher und Filme, in denen Gewalt verherrlicht wird.
    Der Mensch ist weitaus mehr als seine Triebe.

  2. Mein Gott, es ist doch nicht so, dass wir nichts anderes tun, als uns die Köpfe einschlagen oder Horrorfilme anschauen. Es gibt Menschen, die was für Alte und Kranke tun. Oder Musik machen. Oder Socken stricken.

    Ich habe es gründlich satt, mir ständig irgendwelche Schuldgefühle einreden zu lassen, nur weil wir AUCH mal nicht friedlich sind. Die meisten Menschen sind total friedlich. Sperre mal dreihundert Bären, die sich nicht kennen, zusammen in ein Flugzeug. Das wird nichts. Mit dreihundert Menschen kann man das machen.

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