Gewalt: ein Erfolgsrezept der Evolution?

In den Nachrichten erscheint die Welt als Schauplatz eskalierender Krisen und Konflikte. Von Teilen Libyens, der Sahel-Zone und Nordnigeria erstrecken sich Kriege über die ganze Region der großen afrikanischen Seen und das Horn von Afrika, über Syrien, Jemen, Irak bis nach Afghanistan und Pakistan. Überall ist der terroristische Islamismus auf dem Vormarsch und fordert ungezählte Opfer. Da ist außerdem der Bürgerkrieg in der Ukraine, der bisher über fünftausend Menschenleben gekostet hat, im Verein mit zunehmenden Spannungen zwischen West und Ost. Nicht zu vergessen die Menschen, die jährlich einfach mal so erschossen werden: 46.000 in Russland, 25.000 in Brasilien, 21.000 in Kolumbien und 10.000 (manchmal ist auch von 30.000 die Rede) in den USA.

Ein Blick in unsere Vergangenheit bestätigt das grausame Bild. Im Laufe der historisch belegten Menschheitsgeschichte wurden in geschätzten 15.000 Kriegen rund 3,5 Milliarden Menschen umgebracht. Bei 100 Milliarden Menschen, die bis heute insgesamt auf diesem Planeten gelebt haben sollen, heißt das, dass jeder 30. Mensch durch Gewalt umgekommen ist (lt. Wikipedia).

Der Mensch ist gewalttätig. Das kann man angesichts der evidenten Daten nicht anders sagen. Sich dem nicht zu stellen und sich stattdessen in eine gewaltfreie Fantasiewelt hineinzuträumen, in der alle Menschen liebevoll und achtsam miteinander umgehen, löst das Problem der Gewalt nicht mal ansatzweise. Sicher ist es positiv für das eigene Selbst- und Menschenbild, Gewalt bloß für eine vorübergehende Störung, Krankheit oder Trübung eines ansonsten klaren Bewusstseins zu halten. Sich als göttliches Wesen zu imaginieren, das fernab jeglicher Gewalt friedlich vor sich hinlebt, heißt jedoch, die Augen zu verschließen vor dem, was die Realität uns zeigt. Ja, ich weiß: viele der spirituellen Verdränger halten ihr erträumtes Paradies für die wahre Wirklichkeit und die Realität für eine Illusion. Ich halte die Realität lieber für die Realität.

Der Mensch ist gewalttätig. Er ist es seit einer Million Jahre und mehr. Seine nächsten Verwandten sind nicht viel besser. Schimpansen schließen sich zu Banden zusammen, um gezielt Mitglieder anderer Gruppen zu überfallen und so übel zuzurichten, dass die Opfer an ihren Verletzungen elend sterben. Gorillas töten die Kinder ihrer Rivalen, um sich auf diese Weise Respekt beim weiblichen Geschlecht zu verschaffen. Orang-Utans vergewaltigen die Weibchen. Nur einer der großen Menschenaffen ist friedlich: der Bonobo. Für den Bonobo gilt: make love, not war. So etwa zwölfmal täglich, manchmal mit Genossen desselben, manchmal mit dem anderen Geschlecht. Jeder mit jedem. Wie es sich gerade ergibt. Sex dient der Entspannung und dem Abbau von Aggressionen. Bei den Bonobos sind die Geschlechter kodominant und die Männchen in der Regel Muttersöhnchen. Es ist die Mama, die ihrem Sohnemann zum Alpha-Status innerhalb der Gruppe verhilft. Deshalb bedeutet den Bonobos der Alpha-Status auch nicht mehr so viel.

Der Mensch ist gewalttätig. Wenn er es nicht ist, lebt er in einem Land mit einem funktionierenden Rechtssystem, relativem Wohlstand und geordneten politischen Strukturen, die demokratisch oder autokratisch sein können. Wo immer solche Strukturen zusammenbrechen, bahnt sich Gewalt erneut und unerbittlich ihren Weg. Gewalt hat viele Gesichter. Häufig geht es ums nackte Überleben, um Verteilungskonflikte, um Rangordnungen oder um Sexualität. Es geht um Gruppenbildung, kollektive Identität und Feindbilder.

Wenn wir akzeptieren, dass der Mensch eine ungeheuer lange Geschichte der Gewalt hinter sich hat, können wir erkennen, dass er seinem Temperament und seiner körperlichen Ausstattung nach zur Ausübung von Gewalt prädisponiert ist und dass es ihm schwer fällt, gegen diese Disposition anzugehen. Sie ist das evolutionäre Erbe, das sich im Miteinander von Mensch und Umwelt über die Jahrmillionen herausgebildet hat. Gewalt war der Weg des Menschen und der Menschenaffen, um die Kälteperioden des Eiszeitalters mit den entsprechenden Klimaschwankungen zu überstehen.

Als sich die Bonobos von ihrem Vorfahr, den sie mit den Schimpansen gemeinsam hatten, trennten, konnten sie ihre ökologische Nische erweitern, denn zu dem Zeitpunkt kehrten die Regenwälder nach einer Trockenperiode wieder nach Zaire zurück, jedoch ohne die vorherigen Bewohner, die Gorillas, die sich bereits früher von einem gemeinsamen Urahn abgespalten hatten. Es gab keine Rivalen, und Nahrung war im Überfluss vorhanden. Deshalb konnte der Bonobo sich in größeren Gruppen organisieren. Ab einer bestimmten Gruppengröße können sich die Weibchen untereinander zusammentun und der Verbrüderung der Männchen ihre eigene Power entgegensetzen. In der Mangelsituation, in die Schimpansen, Gorillas, Orang-Utans und der Mensch hineingestellt wurden, war das nicht möglich.

Ist Gewalt also eine Erfolgsstrategie der Evolution? Wenn wir uns in der Natur umgucken, finden wir ab und zu eine Spezies, in der sich Artgenossen töten, aber alles in allem sind diese Fälle selten. Es gibt verschiedene Ameisenarten, die Kriege miteinander führen, Tüpfelhyänen, die Einzelgänger überfallen, Löwen, die den Nachwuchs der Rivalen umbringen und die berühmte Gottesanbeterin, die nach dem Geschlechtsakt dem Männchen, das sie begattet hat, den Kopf abbeißt. Natürlich töten viele Tierarten, aber die Aggression richtet sich normalerweise gegen andere Arten, nämlich gegen die Beutetiere. Natürlich kämpfen Tiere gegen Exemplare der eigenen Art, doch solche Wettkämpfe enden in der Regel, wenn einer der Gegner aufgibt. Wenn tödliche Gewalt gegen Artgenossen eine Erfolgsstrategie der Evolution ist, dann zumindest eine, die verhältnismäßig selten zur Anwendung kommt.

Dafür gibt es einen einfachen Grund. Überschießende Gewalt ist eine anstrengende Sache, die mit viel Aufwand und Stress verbunden ist. Wer Artgenossen tötet, muss damit rechnen, von Artgenossen getötet zu werden. Es sind ebenbürtige Gegner, die dem potenziellen Angreifer im Verhalten sehr nahe stehen, sodass die taktischen Manöver leicht durchschaut werden. Das dient nicht unbedingt dem Überleben der Art.

In seltenen Fällen wie dem der Menschen und Menschenaffen mag sich eine Konstellation aus Umweltbedingungen und Lebewesen ergeben haben, in der Gewalt gegen die eigene Art der Problemlösung und dem Überleben dient. Für sich genommen, ist Gewaltanwendung jedoch selber ein Problem, so ähnlich, als würde man, indem man ein Loch stopft, woanders fünf weitere aufreißen. Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans haben sich irgendwie mit ihrer Gewalttätigkeit arrangiert. Dem Menschen will das anscheinend nicht gelingen.

Jede Generation redet sich ein, dass es künftig keine Kriege mehr geben wird, und erlebt doch immer wieder mit, dass welche ausbrechen. Wir setzen unsere Intelligenz mit Vorliebe dafür ein, immer noch hinterhältigere und zerstörerische Waffensysteme zu entwickeln. Gewehre, Nervengifte, Panzer, Raketen, Tarnkappenbomber, Atombomben, Drohnen und was uns eben sonst noch so alles einfällt. Wenn in den letzten sechzig Jahren noch kein Atomkrieg ausgebrochen ist, dann nur deshalb, weil die eventuellen Angreifer für sich selbst mehr Nachteile in Kauf nehmen müssen, als sie verkraften können, und nicht etwa aus Nächstenliebe.

Vielleicht erwarten wir zu viel von uns selbst. Wir reden uns ein, bei entsprechender spiritueller Schulung von jetzt auf gleich eine friedvolle, achtsame, altruistische Spezies werden zu können, die sich noch nicht mal Sex zur Entspannung gönnt, sondern stattdessen auch noch auf Schnitzel und Salami, womöglich sogar alle tierischen Produkte verzichtet, und ignorieren dafür drei bis fünf Millionen Jahre Entwicklungsgeschichte.

Vielleicht sollten wir zur Abwechslung die Achtsamkeit mal auf unsere Gewaltätigkeit statt auf unsere vermeintliche Göttlichkeit lenken und sie als evolutionäres Erbe akzeptieren, ohne vor uns selbst zu Tode zu erschrecken, uns zu verabscheuen oder den Moralapostel herauszukehren. Denn nur so können wir lernen, damit umzugehen. Es ist doch schon mal ein erstaunlicher Fortschritt in Sachen Friedfertigkeit, wenn wir nur noch blutrünstige Thriller lesen, statt Mord und Totschlag als reality show zu inszenieren. Es ist doch schon mal ein Fortschritt, wenn wir uns gegenseitig bloß in den wirtschaftlichen Ruin treiben, statt uns Bomben auf den Kopf zu werfen. Ein Virus im Computer vernichtet insgesamt doch weniger Menschenleben als Milzbrandbazillen in Postwurfsendungen. Wir sind, was wir sind, und wenn wir uns ändern, dann nicht, weil wir uns das eben mal vornehmen, sondern im Wechselspiel mit den sich ebenfalls verändernden Umweltbedingungen. Eines geht nicht ohne das andere. Und es geht nur im Rhythmus, den die Evolution vorgibt.

Wer zuviel auf einmal will, stolpert doch bloß über die eigenen Füße. Wer einen Schritt nach dem anderen tut, kommt eher zum Ziel.

Ein Kommentar zu “Gewalt: ein Erfolgsrezept der Evolution?

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