Nichts Neues seit 10.000 Jahren

Zwischen all den Nachrichten, die sich um das Attentat von Paris drehen, finden sich hin und wieder Meldungen, die unspektakulär daherkommen, bei mir jedoch eine rote Lampe angehen lassen. So lese ich, dass in einem demokratischen Land aller Voraussicht nach ein Abkommen unterzeichnet wird, das die Bevölkerung zu 97% mehrheitlich ablehnt. Die Rede ist vom Freihandelsabkommen TTIP und hier vor allem vom Investorenschutz, wonach künftig von nicht demokratisch legitimierten Schiedsgerichten entschieden wird, ob ein Staat einen Konzern für entgangene Gewinne entschädigen muss. In einer anderen Meldung ist zu lesen, dass der Europäische Gerichtshof Staatsanleihenkäufe zur Erreichung des Preisstabilitätsziels für gerechtfertigt hält. In beiden Fällen ist es so, dass Banken und Konzerne künftig gefahrlos Risiken eingehen können. Nicht sie, sondern der Steuerzahler wird fortan zur Kasse gebeten, wenn es denn schief gehen sollte.

Um zu verstehen, was in der Gegenwart vor sich geht, suche ich manchmal in der Vergangenheit nach vergleichbaren Situationen. Und tatsächlich bin ich fündig geworden. Wir befinden uns in einem Phasenübergang wie damals, als der Mensch seine Existenz als Jäger und Sammler aufgab, sesshaft wurde und fortan Ackerbau und Viehzucht betrieb.

Bei einem Phasenübergang betritt der Mensch neue Räume des Denkens, die von einem höheren Abstraktionsgrad als die alten sind. Mit jedem Schwellenübertritt entfernt sich der Mensch weiter von der Natur. Vor etwa 10.000 Jahren, als der Mensch die ersten Tempel baute, differenzierte sich in seinem Denken der Unterschied zwischen Licht und Feuer aus. Während sich das Feuer vom Numinosen zum gewöhnlichen Werkzeug entwickelte, wurde im Begriff Licht zusammengefasst, was sowohl Holzfeuer wie auch die Sonne und die Gestirne emittieren. Licht ist ein Überbegriff von einem höheren Abstraktionsgrad als das konkrete Feuer oder die am Himmel sichtbare Sonnenscheibe. Deshalb wanderte der Begriff Licht in den seelisch-geistigen Bereich ab und wurde zum Licht des Geistes, der Vernunft und der Aufklärung.

Unter dem Überbegriff Energie werden heutzutage die verschiedenen Arten von Licht sowie die verschiedenen Arten von Materie auf ihren gemeinsamen Nenner gebracht. Licht ist Energie. Masse ist Energie. Im Holz steckt Energie. Masse/Materie werden dem Begriff Energie untergeordnet. Wie unsere Vorfahren in der Flamme das Ewige und im Holz das Vergängliche identifizierten, so halten viele Menschen heute das energetische oder elektrische Universum für die wahre Wirklichkeit, während die materiellen Strukturen zur Illusion erklärt werden. Wie seinerzeit physikalisches und geistiges Licht ineinander überblendet wurden, so wird der Begriff Energie heute sowohl für physikalische wie geistige Phänomene verwendet. Von dieser Vermischung lebt die ganze esoterische Szene.

Die Begleiterscheinungen des damaligen Phasenübergangs erkennen wir in der heutigen Zeit durchaus wieder. Nach einer relativ kurzen Phase des Wohlstands, der Verschwendung und der Bequemlichkeit während der Brandrodungswirtschaft wurde das Holz im Mittelmeerraum zu einem knappen Gut, während gleichzeitig energieintensive neue Produktionsmethoden wie die Metallverarbeitung entstanden. In vergleichbarer Weise gehen nun nach einer Zeit gigantomanischer Verschwendung die Ölreserven allmählich zu Neige, während gleichzeitig die Schwellenländer zur Entwicklung ihrer Wirtschaft immer mehr Energie beanspruchen. Das Erschließen zusätzlicher, alternativer Energiequellen wie Kuhmist findet eine moderne Entsprechung in den regenerativen Energien.

Während damals Maße, Gewichte und Kalender vereinheitlicht und zum Gegenstand einer Vielzahl unterschiedlicher Schriftsysteme wurden, sind wir heute auf dem Weg zu einer gemeinsamen Sprache (englisch), die zum Gegenstand einer Vielzahl unterschiedlicher Technologien wird. Der Erfindung der Schrift entspricht die digitale Informationsverarbeitung, die neben der Sprache auch Ton (Musik) und Bild (Film) einschließt.

Die Erfindung der Schrift ermöglichte es den Menschen, sich in größeren Organisationseinheiten zusammenzuschließen. Um die Tempelanlagen herum wuchsen die ersten großen Städte und aus den halbnomadischen Stämmen wurden Völker und Nationen. Heute vernetzt der digitale Informationsfluss Nationen und Völker zu noch größeren Gemeinschaften. Die Vereinigten Staaten, die Europäische Union, die BRIC-Staaten, die NATO, aber auch die Börsen von New York, London, Tokio oder Firmenfusionen sind Beispiele von Zusammenschlüssen, die ihre Wirkung auf die ganze Welt ausüben. Die Globalisierungsanhänger träumen bereits von einer geeinten Weltgemeinschaft.

In der Organisation zu größeren Einheiten wie Städten bildete sich seinerzeit ein Klassensystem heraus mit höheren und niedrigen Rängen. Die höheren Schichten wie Priester, die über die Schrift, und Krieger, die über die Waffen verfügten, sicherten sich den Zugang zu Macht, Besitz und Prestige, während die niedrigen Schichten wie Handwerker, Kaufleute und die große Masse der Bauern die schwere Arbeit erledigen und zudem noch Steuern und Abgaben zahlen mussten, um den Luxus der höheren Klassen zu finanzieren.

Die schweren Arbeiten in der Landwirtschaft und in der Produktion werden heute in zunehmenden Maß von Maschinen erledigt. Die große Zahl der Arbeitenden ist in Verwaltungs- und Dienstleistungsberufen unterwegs. Hier hat also eine gravierende Verschiebung stattgefunden. Heute gibt es deshalb eine zweistufige Notwendigkeit zur Existenzsicherung. Nach wie vor brauchen wir natürlich Lebensmittel, die aus der meist industrialisierten Landwirtschaft stammen, wir brauchen aber auch Geld, um uns diese Lebensmittel kaufen zu können. Die Macht liegt heute bei denen, die über die Produktionsmittel, über Geld oder über die Informationsverarbeitung verfügen. Hier tobt nun ein neuer Klassenkampf. Wer über Geld verfügt, kann sich nicht nur die Produktionsmittel unter den Nagel reißen, sondern ganze Staaten in seine Abhängigkeit bringen. Dies führt zu einer neuen Art von Sklavenhaltung, in der ein Sklavenbesitzer sich einer bereits vorhandenen, ausgeklügelten Organisationsstruktur (Staat) bemächtigt und seine Sklaven (Staatsbürger) über diesen Umweg unterjocht und ausbeutet, ohne direkt in Erscheinung zu treten. Das geplante Freihandelsabkommen TTIP sowie der massenhafte Ankauf von Staatsanleihen durch die EZB oder die Nationalbanken gehören in diesen Kontext.

Durch die Verlagerung der Berufstätigkeit weg vom produzierenden hin zum dienstleistenden Gewerbe und durch die Notwendigkeit der zweistufigen Existenzsicherung tritt heute der Banker an die Stelle des Kriegers. Wie früher der Krieger dafür sorgte, dass der Warenstrom ungehindert fließen konnte, so sorgt heute der Banker dafür, dass der Geldstrom fließt, und genau wie seinerzeit der Krieger nutzt er seine Machtstellung ungehemmt aus. Die Stelle der Priester nehmen heute die Informationstechnologen ein, wie Bill Gates, Steven Jobs und  Marc Zuckerberg. Wie vor siebentausend Jahren zwischen Krieger- und Priesterkaste, kommt es heute zwischen Bankern und Informationstechnologen zu Bündnissen und Grabenkämpfen.

Eines kann man mit Sicherheit sagen: Wir leben in einer Zeit des Umbruchs. Es dürfte noch eine Weile spannend bleiben. Weil die Karten neu gemischt werden. Weil es darauf ankommt, wie wir uns selber positionieren. Weil es vielleicht unentdeckte Schlupflöcher gibt, durch die wir den neuen Herrschern doch entkommen können.

2 Kommentare zu “Nichts Neues seit 10.000 Jahren

  1. Hm! Wenn die Banker und Informationstechnologen die neuen Krieger und Priester sind, die sich der politischen Systeme bemächtigen, wer wird dann eines Tages die Weltregierung stellen? Das sind ja dann wohl keine Politiker mehr. Die werden ihre Macht ja vollständig verlieren, denn es wird ja eine neue Hierarchieebene eingezogen. Wird es dann überhaupt noch Nationen geben? Wird die Politik abgeschafft? Was hat Hierarchie mit Abstraktion zu tun?

  2. Das sind viele Fragen, die ich auch nicht beantworten kann. 🙂
    Ein Blick in die Geschichte zeigt aber, dass so gut wie nie etwas abgeschafft, sondern i.d.R. transformiert wird. Deshalb nehme ich an, dass es weiterhin Nationen und Politiker geben wird, die in der Hierarchie nur nicht mehr an der Spitze stehen. An der Spitze der Hierarchie muss auch nicht unbedingt ein Weltherrscher, eine Bank, ein Konzern oder sonst eine Institution stehen. Gut möglich, dass der oberste Herrscher so was wie die Börse oder der Markt ist. Gesellschaftliche Prozesse und Denkprozesse bedingen sich gegenseitig. Abstrahierendes Denken ist Denken in Hierarchien, also fördert abstrahierendes Denken natürlich das Entstehen von gesellschaftlichen Hierarchien. Konkretisierung führt umgekehrt dazu, dass Hierarchien an Bedeutung verlieren.

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