Befreiung von der Menschennatur

In der ZEIT vom 29.12.2014 bin ich auf einen Artikel von Jens Jessen gestoßen, der das vergangene Jahr rückblickend als ein Jahr der Befreiung des Menschen von seiner Menschennatur einstuft. Die Stichworte sind social freezing, Leihmutterschaft, Genderdebatte und Sterbehilfe. Jessen beklagt, dass der Mensch in zunehmendem Maße aus seinen natürlichen Bindungen (Erbgut, Familie, Geschlecht) herausgelöst, im Reagenzglas gezeugt, in gekauften Mutterkörpern ausgetragen und am Ende seines Lebens vielleicht schon bald nach Bedarf und Ermessen getötet wird.

Ich habe den Artikel mit Interesse gelesen, schon allein deshalb, weil darin von der promethischen Unabhängigkeitserklärung des Menschen die Rede ist. Prometheus war derjenige, der den Göttern das Feuer gestohlen, es den Menschen gebracht und dafür von Zeus grausam bestraft wurde. An einem mythischen Ort irgendwo im Kaukasus wurde Prometheus an einen Felsen geschmiedet, wo seine Qualen permanent erneuert wurden, indem ein Adler täglich die nachwachsende Leber fraß. Nach dreißigtausend Jahren wurde Prometheus von Herakles befreit, der den Adler mit einem seiner unfehlbaren Pfeile tötete und den todessüchtigen Kentauren Chiron als Stellvertreter einsetzte.

Die Herauslösung des Menschen aus seiner Naturhaftigkeit ist jedoch kein Thema des Jahres 2014, und der im Artikel behauptete Epochenbruch hat überhaupt nicht stattgefunden. Was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist nämlich nichts anderes als eben gerade die Herauslösung aus seinen angeblich natürlichen Bindungen. Sie macht das Wesen des Menschen aus.

Unsere Menschwerdung ist identisch mit dem Zivilisationsprozess, der mit der Domestizierung des Feuers begann. Zivilisation beginnt nicht erst mit Städtebau und Schriftsystem, sondern mit dem ersten Schritt, der dazu führte, dass instinktgesteuerte Bedürfnisse nicht mehr direkt, sondern über einen Umweg erfüllt werden. Wo Fleisch oder Nüsse vor dem Verzehr im Feuer geröstet werden, muss die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung zurückgestellt werden. Der Hunger kann nicht sofort gestillt werden. Indem unsere Vorfahren die Kontrolle über das Feuer erlangten, entwickelten sie gleichermaßen die Kontrolle über die eigenen Triebe. In diesem Sinne gibt es keine unzivilisierten Menschen.

Dieser Prozess, der uns Menschen aus der Natur herauslöst, dauert seit einer Million oder noch mehr Jahren an. Es gibt keine Epochenbrüche dahingehend, dass wir Menschen uns in dieser Zeit jemals umorientiert hätten. Es gibt nur Zeiten, in denen sich der Prozess beschleunigt und eine andere Qualität annimmt. Es kommt dann zu einem Phasenübergang.

Phasenübergänge gab es in der Vergangenheit schon häufig. Der Übergang von der passiven zur aktiven Nutzung des Feuers gehört dazu, ebenso wie der Übergang von der Brandrodung zur Landwirtschaft oder der Übergang von der Landwirtschaft zur Industrieproduktion. Seit geraumer Zeit, aber nicht erst seit dem vergangenen Jahr verlagert sich der Schwerpunkt von der Optimierung der Umwelt nun zur Selbstoptimierung. Nachdem wir uns in der Vergangenheit damit befasst haben, Hochleistungskühe und Hochleistungsweizen zu züchten, wenden wir die Verfahren, mit denen wir die gewünschten Ergebnisse erreicht haben, nun auf uns selber an. Das erscheint mir ganz logisch und unausweichlich.

Dieselben Klagen haben wir übrigens auch schon damals bei der ersten Herztransplantation gehört. Heute ist Organtransplanatation ein gängiges medizinisches Verfahren.