Die Krise als Chance

Unter dieser Überschrift wurde heute ein Artikel in Telepolis veröffentlicht. Er stammt von Matthias Weik und Marc Friedrich, den Autoren der beiden Bestseller Der größte Raubzug der Geschichte und Der Crash ist die Lösung.

In dem Artikel legen Weik und Friedrich ihren Standpunkt dar, dass wir es derzeit nicht nur  mit einer Wirtschafts- und Finanzkrise zu tun haben, sondern mit einer tiefergehenden Systemkrise, die neben wirtschaftlichen und finanzpolitischen auch gesellschaftliche, moralische und menschliche Faktoren betrifft. Eindringlich plädieren die beiden Autoren für eine Rückkehr zu altbewährten Errungenschaften der Gesellschaft, die nicht nur in einem durch materielle Werte (Gold, Silber) gedeckten Geldsystem, sondern auch in einem Miteinander in Respekt, Demut und Zusammenhalt gründen. Als Stützpfeiler unserer Gesellschaft werden als äußere Formen Bildung und Erziehung, Mündigkeit, Moral und Ethik, daneben aber auch innere Werte wie Demut, Dankbarkeit, Liebe und Vertrauen genannt. Ein weiterer Gedanke der Autoren gilt außerdem unserem Umgang mit Zeit, die für den modernen Mensch zum absoluten Luxusgut geworden ist.

Bis auf die Spekulanten, die sich eben gerade durch ein aus den Fugen geratenes Finanzroulette bereichern, wünscht sich wohl jeder Mensch ein solides, verlässliches Geldsystem, das es ihm erlaubt, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, sich innerhalb der Gesellschaft mit seinen Fähigkeiten und Interessen zu positionieren und entsprechend zu planen. Jeder Mensch wünscht sich zudem ein Umfeld, in dem er, von anderen unterstützt, wachsen und sich entfalten kann. Daher ist der Leser zunächst mal gern bereit, den Autoren in allen Punkten zuzustimmen.

Mir selber geht der Artikel jedoch nicht tief genug. Es stimmt nicht, dass früher alles so viel besser war als heute. Wenn es in der Vergangenheit jemals eine von Demut, Dankbarkeit, Liebe und Vertrauen geprägte Gesellschaft gegeben hätte, wie das behauptet wird, dann kann ich mir nicht erklären, wieso dieselbe Gesellschaft sich auf einmal in ihr Gegenteil verwandeln sollte. Wenn in unserer modernen Gesellschaft Maßlosigkeit, Gier und Egoismus belohnt werden, dann kann sie vorher eben gerade nicht glücklich und zufrieden gewesen sein. Es fehlte dann nämlich der Grund für einen solchen Wandel vom Guten zum Schlechten, es sei denn, man geht von einem dunklen Herrscher wie Sauron im Herrn der Ringe aus, der aus reiner Bosheit die Welt ins Verderben stürzen will. Das nun ist jedoch Gedankengut, in dem die allseits beliebten Verschwörungstheorien wurzeln und das von völlig falschen Voraussetzungen ausgeht.

Wie den edlen Wilden hat es die glückliche und zufriedene Gesellschaft in der Vergangenheit nie gegeben. Wie weit wir in der menschlichen Geschichte auch zurückgehen, wir stoßen immer auf Maßlosigkeit, Gier und Egoismus.

Neulich habe ich von einer Fundstelle in der Nähe von Torralba (Spanien) gelesen, an der Skelette von dreißig Elefanten gefunden wurden, die vor ca. 400.000 Jahren systematisch durch Anzünden der umliegenden Grassteppe in einen Abgrund getrieben wurden. Wenn unsere Vorfahren damals insgesamt weniger Schaden anrichteten als der heutige Mensch, dann deshalb, weil es zum einen sehr viel weniger Menschen gab und zum anderen die durch den Umgang mit dem Feuer entwickelte Technik noch in ihren Anfängen stand. Den technischen Fähigkeiten des Menschen ist es zu verdanken, dass er sich stark vermehren konnte.

Die hohe Reproduktionsrate der Menschen plus fortschreitende technische Entwicklung führten dazu, dass sich Maßlosigkeit, Gier und Egoismus in der Folge nicht nur gegen die Natur und die Tierwelt, sondern auch gegen den Menschen selber richteten und sich unterdrückende und unterdrückte Klassen herausbildeten. Zur ersten Gruppe gehörten in alter Zeit Priesterschaft und Könige, die den Rest der Gesellschaft als Sklaven behandelten. Dieses Muster von Ausbeutern und Ausgebeuteten pflanzt sich durch unsere ganze menschliche Geschichte hin fort. Heute sind die Ausbeuter immer noch diejenigen, die Kapital anhäufen, während die Ausgebeuteten ihr Kapital verlieren, wobei das Kapital nicht nur in materiellen Gütern, sondern durchaus auch in Arbeitskraft, Talent, Energie, Zeit und Lebensfreude bestehen kann.

Was sich allerdings verändert ist, dass Ausbeuter und Ausgebeutete in einem zunehmend anonymen System verschwinden und nicht mehr klar erkennbar sind. Heutzutage weiß man nicht mehr, wer eigentlich Ausbeuter und wer Ausgebeuteter ist. Sogar der nette Nachbar kann zu den Ausbeutern gehören, wenn er insgeheim Aktien anhäuft oder sein Geld in einem Rentenfonds angelegt hat, der mit unglaublichen Renditen winkt. Der Sozialhilfeempfänger kann ein Ausgebeuteter sein, dem sein Kapital genommen wurde, oder aber ein Ausbeuter, der es als sein gutes Recht ansieht, auf Kosten der Allgemeinheit zu leben.

Dem Artikel liegt noch ein weiterer Denkfehler zugrunde. Zweitausend Jahre Christentum sind gleichbedeutend mit zweitausend Jahren Erziehung zu Demut, Dankbarkeit, Liebe und Vertrauen. Mit dem Ergebnis, dass sich der sogenannte Raubtierkapitalismus in seiner krassesten und maßlosesten Form eben genau in den vom Christentum geprägten Ländern entwickelt hat. Das heißt also, dass die Erziehung zu inneren Werten gerade das Gegenteil von dem bewirkt, was beabsichtigt war. Man kann junge Menschen eben gerade nicht zu inneren Werten erziehen, man kann sie höchstens selber leben. Die nachfolgende Generationen sollten die Freiheit haben, aus dem, was ihre Vorfahren ihnen vorgelebt haben, ihre eigenen und für ihre jeweilige Zeit gültigen Schlussfolgerungen zu ziehen, ohne dass die Alten manipulierend und lenkend eingreifen und auf diese Weise den Nachkommen die Zukunft zu stehlen versuchen.

Die Systemkrise, die sich jetzt abzeichnet, ist tatsächlich eine Menschheitskrise, aber nicht deshalb, weil wir etwas verloren haben, was wir schon einmal gehabt hätten, sondern weil die gegenwärtige Krise die Akkumulation dessen ist, was uns schon immer geprägt und was wir schon immer gelebt haben. Jeder Gedanke an eine Rückkehr in ein Paradies, das so nur in unserer Vorstellung existiert, muss daher zwangsläufig in die Irre führen. Der Weg des Lebens geht nie zurück in die Vergangenheit und das Althergebrachte.

Diese Krise kann nicht gelöst werden, indem sich die Menschen, wie sie es immer getan haben, an das Vergangene klammern und ihren angeblichen Verlusten hinterhertrauern. Diese Krise kann nur gelöst werden, indem man die Vergangenheit loslässt, um sie aus der Distanz heraus kritisch zu untersuchen. Nur auf diese Weise kommt man den eigentlichen Ursachen der derzeitigen Menschheitskrise auf die Spur. Und damit sind wir beim Thema dieses Blogs. Ich will hier den Ursachen auf den Grund gehen und eine Vision entwickeln, die aus der Krise herausführt.

5 Kommentare zu “Die Krise als Chance

  1. Erster und zweiter Schritt? Völlig ok! Und mit dem Kohärenz“gefühl“ als innere Kernerfahrung bin ich ebenfalls sehr einverstanden. Aber es ist kein „Gefühl“ wie Kälte (somatisch) und kein Gefühl wie Freude (emotional). Es ist viel subtiler, es gleicht mehr dem Wissen, aber nicht dem gerlernten Wissen, sondern dem intuitiven und ist weder leicht wahrzunehmen noch gar willentlich zu erzeugen. Vielleicht könnte man es als „grundlegende intuitive innerste Gewissheit“ charakterisieren. Ich vermute, dass es Ausdruck der Natur des Bewusstseins ist, das, sobald es sich vorbehaltlos und umfassend genug selbst untersucht hat, erkennt, dass es in Wahrheit überindividuell ist – wie auch die Weisheitslehren in verschiedenen Traditionen schon seit vielen Jahrtausenden behauptet haben.

    Die Empfindung der Kohärenz könnte darin bestehen, dass dies überindividuelle Bewusstsein als lückenlos und damit auf gewisse Weise widerspruchsfrei erlebt wird. Alles ist mit allem verbunden, es gibt nur ein Kontinuum, das viel mehr durch die wertfreien Bezüge, als durch die „Widersprüche seiner Teile“ seine Bedeutung gewinnt, bzw. in dem die Wertungen als von unserer beschränkten Wahrnwehmung geprägt erkannt und durch einen neu entwickelten wertungsfreien Blick auf die Dinge aufgehoben sind, so dass z.B. Täter und Opfer als gleich verpflichtete wie gleichberechtigte „Schauspieler“ in einem dramatischen, gemeinsamen „Spiel“ gesehen werden, das nicht zustande kommen könnte, wenn nicht beide ihre Rolle spielen. Das ist dann ein Blickwinkel ohne Moral und auch nicht von ethischen Erwägungen geprägt, sondern einfach nur ganz „offene Weite“ – wie die Zen-Leute den erleuchteten Zustand(?) beschriebenen haben. Die Rückseite der Medallie ist, dass durch die Kohärenz ein Wissen um den Zustand „anderer Teile“ des Kontinuums entsteht/nicht zu vermeiden ist – durch diese „Hintertür“ kommt ein starkes Mitgefühl und damit eine sehr umfassende, viele Aspekte der Wirklichkeit einbeziehende „Ethik“ doch wieder mit ins Spiel. Aber – sie hat nun aber eine nicht-axiiomatische aus Erfahrung erwachsene Grundlage und ist viel wertfreier / toleranter als die üblichen religiös oder philosophisch begründeten Ethikansätze – und sie schert sich einen Fliegendreck um kleinbürgerliche Moral mit ihren kriegslüsternen Kehrseiten, sondern ist von einem untergründigen Frieden geprägt, der auis der Kohärenz-wahrnehmung resultiert.

    • Die Unterscheidung in somatische Empfindungen (Kälte, Hunger), Emotionen (Freude, Angst) ist nützlich. Ich unterscheide vom Kohärenzgefühl überdies noch eine duale Ebene des Gefühls. Es ist die Bewegung des Sich-Öffnens und Sich-Verschließens, die normalerweise mit Emotionen verknüpft ist. Auch somatische Empfindungen wie Kälte oder Hunger sind mit Emotionen (Unbehagen, Aggression, Groll) verknüpft. Ist der Prozess des Sich-Öffnens mit Freude liiert, wird Glück daraus, ist er mit Angst liiert, resultiert daraus eine erhöhte Wahrnehmung, Geistesgegenwart, erhöhte körperliche Kraft. Ist der Prozess des Sich-Verschließens mit Freude liiert, wird daraus eine Art Schmerz, der i.d.R. in der Herz- oder Magengegend angesiedelt ist. Das Kohärenzgefühl ist allerdings am deutlichsten wahrnehmbar im Prozes des Sich-Verschließens, liiert mit Angst, denn es ist das Kohärenzgefühl, das uns diesen Zustand überhaupt aushalten lässt. Die Bewegung des Sich-Verschließens, liiert mit Angst ist immer noch eingebettet in dieses Kohärenzgefühl, dass sich in diesem Fall manchmal als große Ruhe, manchmal als unergründliche Zuversicht äußert.
      In der kognitiven Wahrnehmung wird der Prozess des Sich-Öffnens häufig mit „richtig“ assoziert – etwas fühlt sich „richtig“ an -, der Prozess des Verschließens mit „falsch“ – etwas fühlt sich falsch an. Die Bewegung des Sich-Öffnens und Sich-Verschließens kann aber trotzdem als eigenständige innerweltliche Ausdrucksform wahrgenommen werden. Die Bewegung hat ihren eigenen Rhythmus. Es ist m.E. nicht richtig anzunehmen, dass „offene Weite“ ein Dauerzustand ist. Was im Zen erreicht wird, ist Gleichmut/Gelassenheit, d.h. die Spanne zwischen Offenheit und Verschlossenheit wird minimalisiert. Das wirkt auf die emotionale Ebene zurück: Sowohl die Glücksempfindungen wie auch die Ängste werden geringer. Wer sich hingegen weiterhin wahnsinnig freuen will, muss auf der anderen Seite eben auch große Ängste aushalten.

      Mit dem Begriff „Wissen“ und seinen Ableitungen wie „Gewissheit“ und „Bewusstsein“ bin ich vorsichtig, denn in diesem Feld herrscht große Verwirrung mit entsprechend vielen Denkfallen. Ich verwende „Wissen“ i.S.v. kognitiver Wahrnehmung oder erarbeitetem/gelerntem Wissen. „Ein Wissen, das nicht weiß“, wie es manche Mystiker formulieren, bezeichne ich nicht als „Wissen“. Intuition ist nicht mit Wissen gleichzusetzen. Die entsprechend von Ihnen gezogenen Schlussfolgerungen mit der überindividuellen Natur des Bewusstseins gehen mir zu schnell und sind auch nicht sauber abgeleitet, hier sind m.E. genauere Untersuchungen notwendig.

      Die Hypothese mit dem „Spiel“ fällt m.E. Occams Rasiermesser zum Opfer, denn sie führt zu unnötigen Komplikationen. Ein Spiel kann zweierlei sein a) selbstvergessen oder b) um der Zuschauer willen. Sollte es sich um ein selbstvergessenes Spiel handeln, bricht die Hypothese, dass alles Spiel ist, eben gerade mit dem Spiel, ist also kontraproduktiv. Einmal darauf hingewiesen, ist der Spieler eben nicht mehr „selbstvergessen“. Sollte es sich um ein Spiel um der Zuschauer willen handeln, gibt es wieder zwei Möglichkeiten. a) Wenn der Planet Erde eine Bühne und die Zuschauer Engel oder Außerirdische sind, ist es unverständlich, warum fast das ganze Ensemble nicht weiß, dass sie bloß „Schauspieler“ sind. Gegen diese Vorstellung spricht auch, dass alle Gefühle inkl. Schmerz, Leid als real empfunden werden und der Beifall bei besonders gelungenen Szenen ausbleibt.
      Es gibt dann noch die Möglichkeit, dass die Mitspieler gleichzeitig die Zuschauer sind. Die Rolle des Mitspielers unterscheidet sich erheblich von der des Zuschauers, allein schon durch die eingenommene Distanz. Im selben Augenblick kann man nicht gleichzeitig sowohl Mitspieler wie Zuschauer sein, es sei denn, man ist tatsächlich eine gespaltene Persönlichkeit. Wir wären in diesem Fall in gewisser Weise auch Lügner, denn als Mitspieler würden wir den anderen Mitspielern Liebe, Hass, Mitgefühl, was auch immer vormachen, während uns als Zuschauer das Ganze im Grunde gar nicht viel angeht und bloß unserer Unterhaltung, evtl. unserer Belehrung dient. Mit der Hypothese vom „Spiel“ werden also bloß eine Menge zusätzlicher und nicht zufriedenstellend beantwortbarer Fragen aufgeworfen.

      Madame Bovary glaubt auch, dass sie eine dramatische Heldin in einem Melodram ist – bis zu dem Moment, in dem das Gift, das sie eingenommen hat, zu wirken beginnt. Sie kann aus ihrer Rolle leider nicht mehr aussteigen, sondern stirbt jämmerlich in dem Bewusstsein, das „Opfer“ der tragischen Verwechslung von Realität und Theaterstück geworden zu sein. Flaubert hat sich mit dieser Hypothese, dass das Leben nicht mehr als ein „Spiel“ ist, gründlich auseinandergesetzt. Ich denke, es führt weiter, wenn man dem Leben seine Wirklichkeit zugesteht.

  2. ich möchte der analyse weitgehend zustimmen- allerdings denke ich, dass eine detaillierte betrachtung der menschlichen natur, weitere aspekte zum vorschein bringen würde, die nahe legen, dass es sinnvoll ist, mißbrauch und nutzen innerer religio (s.u.) zu differenzieren und nicht das kind mit dem bade auszuschütten. es geht nämlich die ganze zeit um bewusstwerdung – und der prozess der entwicklung einer vision, die aus der krise hinausführt, gründet ebenso wie ihre verwirklichung auf z.t. subtilen aspekten, die viel mit innerer verbundenheit der menschen und vor allem mit freiheit von ängsten zu tun haben. vertrauen und selbstvertrauen scheinen mir dafür bedingungen sine qua non… und beide sind meines erachtens kaum auf dauer tragfähig / möglich, ohne dass man an sie glaubt – ganz einfach, weil sie ständig durch handlungen von mitmenschen und eigene schwächen gefährdet sind – und deshalb eine bedingungslose stütze innen im menschen brauchen. es geht nicht um opium, es geht um eine innere kraft – zu deren korrekter nutzung gehört, sich nicht von (religiösen) meinungsmachern aber auch nicht von eigenen strukturschwächen in abhängigkeiten und missbräuche führen zu lassen.

    ich halte menschenliebe und freundschaft (also deshalb) für ebenso wesentlich wie logik und klarheit – das ist meine feste überzeugung und diesbezügliches genaueres hinsehen bringt zum vorschein, dass bei all diesen aspekten des menschseins verschiedene ebenen des bewusstseins involviert sind, die nicht nur interindividuell sondern auch im individuum unterschiedlich heil und entwickelt sein können – genauso wie wir verschiedene gesichter oder andere körperteile haben, die verschieden groß und verschieden gesund sein können. es geht dann aber nicht darum wertend zu vergleichen, sondern die gesundheit der einzelnen glieder und des ganzen organismus ebenso wie die gemeinsamkeit im bemühen um die gesundheit der menschheit (wieder?) herzustellen – wie oben genannt und propagiert :eine neue vision und ihre umsetzung. meine erfahrung sagt mir, dass es dazu unabdingbar ist, sich alten auch inneren verletzungen tatsächlich total mutig zu stellen, sie aufzuarbeiten und damit zu einer lösung der gesamtproblematik beizutragen. zu denken, dass nur die ungelösten fragen der anderen das leid der menschheit ausmachen, ist schlichter selbstbetrug – wir müssen bei uns selbst anfangen und das gilt besonders, wenn wir uns für besonders schlau und/oder besonders progressiv halten. dazu wird dann der ganze mensch gebraucht – einschliesslich dessen, was ich „tiefere innere kräfte“ nennen möchte – alleine deshalb rede ich der religio (rückbindung nach innen) immer wieder das wort, und die ist nicht das gleiche und wirkt deshalb auch nicht gleich wie „kultur“, „tradition“ und schon gar nicht wie „organisierte religion mit ihren riten und dogmen“. je mehr man sich dieser inneren strukturen bewusst wird, um so deutlicher sieht man, dass man sich immer nur selbst therapieren kann und dass jeder versuch, mehr als anregungen von aussen zu geben bzw. zu nehmen, unsinnig und letztlich unwirksam ist – allerdings vorausgesetzt, man bleibt ehrlich mit sich selbst. alle spielarten der mißbräuchlichen „menschenführung“ können nur dort wirken, wo menschen ihre eigene natur nicht kennen und sich selbst betrügen bzw. zulassen, dass sie betrogen werden. die not-wendende ehrlichkeit fällt um so leichter, je mehr mitmenschen sich selbst (als) vorbehaltlos mutig entdecken.

    • Damit anzufangen, Missbrauch und Nutzen innerer religio zu differenzieren, bedeutet den zweiten Schritt vor dem ersten zu tun. Der erste Schritt besteht meines Erachtens darin zu fragen, was es mit unserer Innenwelt auf sich hat und was mit Rückbindung eigentlich gemeint ist. Die innerweltliche Kernerfahrung lässt sich vielleicht am besten mit dem Wort „Kohärenzgefühl“ beschreiben. Es ist in meiner Erfahrung auf jeden Fall ein Gefühl, also weder Wissen noch inneres Licht noch subtiler Aspekt (ich weiß nicht, was ich darunter verstehen soll). Ein Gefühl der Verbundenheit also. Ja, dies ist der Ausgangspunkt. Die Frage ist dann, was es mit diesem Gefühl der Verbundenheit auf sich hat, woher es kommt, ob es auf eine real existierende Verbundenheit hinweist und wenn ja, worin diese Verbundenheit genau besteht. Die weitere Fragestellung gilt dem, woraus unsere Innenwelt außer dieser Kernerfahrung sonst noch besteht, und das ist nun eine ganze Menge. Dazu gehören die inneren Verletzungen, aber diese machen wiederum nur einen Teil unseres inneren Daseins aus. Wenn wir durch die individuellen inneren Verletzungen „hindurchgegangen“ sind und gelernt haben, damit umzugehen, müssen wir diese Verletzungen im Kontext unserer individuellen Geschichte sehen. Wenn wir dann unsere individuelle Geschichte verstanden und uns damit versöhnt haben, wartet außerdem noch die kollektive Geschichte auf uns: die Geschichte unserer Menschwerdung, die ja nicht abgeschlossen ist. Die nächste Frage ist dann, woran wir uns zurückbinden. Ich denke, erst wenn wir uns mit all diesen Fragen auseinandergesetzt haben – das ist durchaus das Anliegen dieses Blogs – und salopp gesagt, hier etwas Boden unter den Füßen haben, sind wir dann an dem Punkt, um über Nutzen und Missbrauch innerer religio nachzudenken.

  3. Brillant, richtig und wichtig! Danke für den Artikel!

    Gottes Segen an alle und die beiden Autoren.

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