Der Mythos vom edlen Wilden

Seit Christoph Kolumbus Amerika entdeckt hat und unsere europäische Zivilisation mit Naturvölkern in Kontakt gekommen ist, geistert in vielen Köpfen die Vorstellung herum, dass der durch die Zivilisation unverdorbene Mensch seinem Wesen nach friedliebend ist, keine Verbrechen begeht, harmonische zwischenmenschliche Beziehungen pflegt, sich durch Kooperationsbereitschaft und hohe ethische Werte auszeichnet und darüber hinaus auch noch in tiefer, spiritueller Verbundenheit mit der Natur lebt. Ihren ersten Höhepunkt erlebte diese romantische Denkströmung mit dem französischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau im 19. Jahrhundert, derzeit erleben wir mit der esoterisch-ökologischen Bewegung eine weitere Welle solch mystifizierender Naturromantik.

Dabei wird gern vergessen, dass es sich bei der Idealisierung der Naturvölker genauso um einen durch und durch kolonialen Blick handelt wie bei der Dämonisierung derselben. In beiden Fällen wird der anderen Kultur eine vorurteilsfreie Annäherung und dem Naturmenschen ein normaler Umgang auf Augenhöhe verweigert.

Idealisierende Aussagen über die Naturvölker verraten viel über die in unserer Gesellschaft vorhandenen Sehnsüchte, dämonisierende etwas über unsere Ängste, aber beide teilen uns nichts über die tatsächliche Lebensweise der indigenen Völker mit, die für uns, wenn wir so mit ihnen umgehen, bloß Projektionsfläche sind. Jede wirkliche Auseinandersetzung, jedes wirkliche Kennenlernen wird auf diese Weise konsequent und zielsicher verhindert.

Ein bekanntes Beispiel, wie wir Naturvölker als Projektionsfläche benutzen, um auf das Unbehagen in unserer eigenen Kultur aufmerksam zu machen, ist die berühmte Weissagung der Cree-Indianer: „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“ Das ist ein Satz, der so niemals von einem Indianer geäußert wurde, sondern in Wahrheit auf eine Erfindung des Filmregisseurs Ted Perry zurückgeht.

In ganz ähnlicher Weise idealisieren oder dämonisieren wir unsere Vorfahren, die Steinzeitmenschen. Während sie für die einen Unschuld, ethische Integrität, Zusammengehörigkeitsgefühl und autonomes Leben im Einklang mit der Natur bis hin zu gesunder, vegetarischer Lebensweise verkörpern, sind sie für die anderen raub- und mordlustige Gesellen mit teilweise abartigen Opferritualen, in denen sie Freund und Feind abschlachteten und verspeisten.

Es ist also schwierig, sich in dem Wust von diametral entgegengesetzen Aussagen über unsere Vorfahren zurechtzufinden. Um so mehr, da selbst die angeblich objektiven Wissenschaften den Strömungen des Zeitgeistes unterliegen. So war bis etwa 1970 Kannibalismus in der Forschung ein Tabuthema. In den darauffolgenden vierzig Jahren wurde es dann auf einmal modern, alle möglichen Verletzungen bei Skelettfunden als Kannibalismus zu interpretieren. In jüngster Zeit werden die Verletzungen und Schnittspuren hingegen wieder etwas differenzierter betrachtet und teilweise auf andere Ursachen wie Ausgrabungstechnik, Sedimentdruck oder Karnivorenverbiss zurückgeführt.

Bei all meinen diesbezüglichen Vorbehalten hat es mich aber dennoch überrascht, wie viele Menschen, deren Skelette oder Reste davon man irgendwo irgendwann ausgebuddelt hat,  eines gewaltsamen Todes gestorben sein müssen.

In Gran Dolina (Sierra de Atapuerca, Spanien), einer 800.000 Jahre alten Fundstelle, entdeckte man beispielsweise zwischen entbeinten Hirschen, Pferden und Nashörnern die Knochen von sechs Menschen, die mit derselben Schlagtechnik verarbeitet worden waren. In der Höhle von Choukoutien südwestlich von Peking entdeckte man die Überreste von vierzig Frühmenschen, denen vor etwa 350.000 Jahren die Schädel zertrümmert und die Oberschenkelknochen der Länge nach aufgebrochen worden waren. Ähnliche Funde machte man auf Java, in Bilzingsleben und in Steinheim an der Murr. In Krapina, Kroatien (130.000 Jahre) fand man zwei Dutzend menschliche Skelette mit zerschlagenen und angebrannten Knochen, wobei zumindest ein Teil der Verletzungen perimortal zugefügt worden war. Auch in französischen Höhlen (Hortus, Les Rois) fanden sich Menschenknochen, die Schnittspuren aufwiesen. Je näher wir an unsere Zeitrechnung herankommen (7000 – 4000 v. Chr.), desto mehr Belege gibt es dafür, dass Menschen andere Menschen auf brutale Weise getötet und auch verspeist haben: Ofnet, Ertebölle und Herxheim, um nur ein paar solcher  Fundstätten zu nennen. Und auch der berühmteste all unserer Vorfahren, der Gletschermann Ötzi, war zunächst in einem Kampf verwickelt, um wenig später hinterrücks durch einen Pfeil ermordet zu werden.

Ich nehme daher an, dass der Mensch noch nie friedlich war, weder vor 800.000 noch vor 300.000 noch vor 5.000 Jahren. Es ist viel wahrscheinlicher, dass wir Menschen dieselben Aggressionen wie Tiere haben und unser Revier, unser Rudel, unsere Kinder und unsere Beute mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln verteidigen. Die Frage ist also vielmehr, warum diese natürlichen Aggressionen in unser modernen westlichen Gesellschaft anscheinend keine Berechtigung mehr haben und Friedfertigkeit bis hin zur Selbstaufgabe als wünschenswerte Eigenschaft gehandelt, ja sogar gefordert wird.

Leben ist identisch mit der Sehnsucht zu sein, sich zu entfalten, fortzupflanzen, auszubreiten und die eigene Lebensdauer bis zum Anschlag auszudehnen. Jedes Lebewesen ist permanent genau damit und mit nichts anderem beschäftigt. Natürlich sind wir Menschen von demselben Durst nach Leben erfüllt. Leben wollen, ist unser innerster Antrieb.

Dem Menschen ist es im Laufe seiner Geschichte gelungen, die Bandbreite der ihm dafür zur Verfügung stehenden Mittel erheblich zu erweitern, nicht weil er besonders aggressiv ist, sondern weil er wie jedes Lebewesen seinem inneren Antrieb folgt. In diesem Sinne ist der Mensch ganz Natur. Die  Entwicklung von Waffentechnik und die Beherrschung des Feuers ist im Rahmen der Naturdynamik als Evolution der Mittel zu verstehen. Menschen unterscheiden sich weniger durch ihre Rasse und das jeweilige Verbreitungsgebiet als vielmehr durch die Mittel, die sie ganz selbstverständlich benutzen, um sich selbst zu erhalten und auszubreiten.

Leben wollen, war der innerste Antrieb des Urmenschen. Leben wollen, ist auch der Antrieb des modernen Menschen. Das verbindet uns mit unseren Vorfahren, auch ohne dass wir sie mythisch überhöhen oder verunglimpfen müssen. Die Frage, ob der Mensch seinem ursprünglichen Wesen nach friedfertig war oder nicht, führt nicht weiter. Die Frage muss anders gestellt werden: Was steckt dahinter, wenn Lebewesen, die eigentlich leben wollen, diesen Wunsch vergessen haben, verdrängen oder gar negieren, um sich selbst und ihre Artgenossen zu gefährden und umzubringen? Handelt es sich dabei um eine Fehlentwicklung? Oder verdankt der Mensch womöglich genau dieser (Selbst-)Gefährdung seinen immensen Erfolg als Spezies?