Ein kleiner Schritt zur Menschwerdung

Schon immer formte die Urgewalt Feuer das Erscheinungsbild der Erde. Seit es Wälder gibt, also seit ungefähr 300 Millionen Jahren, sind sie durch Waldbrände bedroht. Busch-, Steppen- oder Waldbrände entstehen durch Blitzschlag, vulkanische Aktivitäten oder Selbstentzündung und sind Teil der Naturdynamik. Sie schaffen neuen Lebensraum in überalterten, kranken oder von Parasiten befallenen Baumbeständen. Einige Pflanzen wie das Feuerkraut keimen erst nach einem Brand. Auch manche Tiere profitieren von den Folgen eines Feuers. Für Raubvögel wie Falken und Milane sind die vor dem Feuer flüchtenden Kleintiere leichte Beute. Der Feuerkäfer legt seine Eier in verbranntem Holz ab. Hirsche, Antilopen und Gazellen lecken die salzige Asche auf.

Auch unsere Vorfahren zählten zu den Nutznießern, wenn irgendwo in einem Waldstück ein Feuer gewütet hatte. Sie zogen verkohlte Tiere aus der Asche und lernten, dass gebratenes Fleisch auch nach Tagen noch schmeckte, während rohes längst in Verwesung übergegangen war. Sie entdeckten, dass ungenießbare Samen, Nüsse und Bohnen durch die Einwirkung von Hitze verträglich wurden, was das Nahrungsangebot erweiterte. Die erlöschende Brandstelle spendete angenehme Wärme. Auf abgebrannten Flächen wuchsen vermehrt Pflanzenarten und Leguminosen, die nicht nur den eigenen Speisezettel bereicherten, sondern auch Wildtiere anlockten, die man leicht erlegen konnte, solange sie mit Fressen beschäftigt waren. Oberflächen- und Bodenfeuer vernichteten das trockene Unterholz, sodass Beutetiere keine Verstecke mehr fanden und auf größere Entfernung sichtbar waren, während zudem der Brandgeruch den Geruchssinn der Tiere irritierte, was die Jagd auf sie einfacher machte. Den Gefahren, die das Feuer mit sich brachte, standen also schon in der Zeit des passiven Umgangs mit Feuer eine ganze Reihe von Vorteilen gegenüber.

Es liegt im Dunkel unserer Menschwerdung, wann der Übergang vom passiven Umgang zur aktiven Kontrolle des Feuers wurde. Manche Forscher gehen davon aus, dass dieser Übergang bereits vor 2,5 bis 1,5 Millionen Jahren erfolgte und schon der Homo habilis oder sogar die Australopithecinen Feuer aktiv nutzten. Die Fundstellen Koobi Fora in Kenia, Swartkrans in Südafrika oder Gonwangling in China gehören in den Bereich solcher Spekulationen.

Der bisher älteste, hinreichend gesicherte Befund einer aktiven Feuernutzung ist etwa eine Million Jahre alt. In der Wonderwerk-Höhle in Südafrika wurden an einer Feuerstelle Knochensplitter und Pflanzenreste gefunden, die darauf hindeuten, dass das Feuer von Menschen angelegt wurde. In Israel gibt es eine Fundstelle, Gesher Benot Ya‘ aqov, die dem Homo erectus zugeordnet wird und ungefähr 790.000 Jahre alt ist.

Aus dem Rückblick heraus war der Übergang vom passiven zum aktiven Umgang mit dem Feuer nur ein winziger Schritt. Sobald der Urmensch erst mal erkannt hatte, dass durch die Einwirkung von Feuer Nahrungsmittel in für ihn positiver Weise verändert wurden, war es nicht mehr weit zu absichtsvollem Handeln, das zunächst sicher nur darin bestand, rohe Kerne und Bohnen zu sammeln und auf einen noch vor sich hin kokelnden Baumstamm zu legen.  Es ist eine Intelligenzleistung, die man nicht nur Primaten, sondern auch einigen Vogelarten wie Kakadus durchaus zutrauen kann.

Dennoch ist der Mensch das einzige Lebewesen, das diesen Schritt vollzogen hat und die natürliche Scheu vor dem Feuer verloren hat. Dieser anscheinend winzige Schritt war der Auslöser für eine Entwicklung, die uns Menschen unwiderruflich aus dem Tierreich herausgelöst hat. Mit der Kontrolle über das Feuer wurden wir zu Lebewesen, die nicht nur weitreichenden Einfluss auf die Gestaltung ihres Lebensraums gewonnen, sondern diesen Raum über die ganze Erde und mit der Mondlandung sogar darüber hinaus ausgedehnt haben. Der anscheinend winzige Schritt entpuppte sich als Katalysator für unsere Menschwerdung, für unsere gesamte Entwicklung vom Urmenschen bis heute, mit Folgen, die in ihrer Tragweite längst noch nicht überschaubar sind. So klein war dieser Schritt, dass er einfach getan werden musste.

Dieser Schritt ist eingebettet in die Logik der Naturdynamik. Mit der Beherrschung des Feuers haben wir uns zwar aus dem Tierreich herausgelöst, nicht aber aus der Natur. Die durch den Umgang mit dem Feuer entstandene Entwicklung als technologisch-künstliche einer angeblich natürlichen Entwicklung gegenüberzustellen und aus dieser nur in unserer Vorstellungswelt existierenden Dichotomie abzuleiten, dass wir Menschen uns von der Natur abgewendet hätten, beinhaltet einen fundamentalen Denkfehler, der letztendlich dazu führt, dass Natur viel zu statisch und an der Vergangenheit orientiert gedacht wird. Dieser Irrtum führt dazu, dass Natur in unserer Weltsicht zur immerwährenden Idylle und damit zur Kulisse verkommt. In diesem Begreifen von Natur als bloßer Kulisse, die wir uns gemäß unseren Vorstellungen zurechtmalen können, liegt jedoch die eigentliche Abwendung von der Natur. Weite Teile der Öko-Bewegung sind daher nicht das, was sie zu sein vorgeben. Die Öko-Bewegung ist ihrem Wesen nach überwiegend naturfeindlich eingestellt, weil sie sich nicht an der Natur selbst, sondern an ihren Vorstellungen von Natur ausrichtet.

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