Kinder des Feuers

Wir Menschen sind Kinder des Feuers. Die Zähmung des Feuers hat nicht nur unseren Körper verändert, sondern prägt mehr noch unseren Geist. Sprechen, denken, fühlen, wahrnehmen: es gibt keine geistige Aktivität, die nicht durch den Umgang mit dem Feuer geformt wurde. Feuer ist unsere eigentliche Besessenheit, deshalb entflammen wir, wenn uns etwas begeistert, und wir erlöschen, wenn wir in eine Depression fallen. Wir glühen vor Verlangen, verzehren uns in Sehnsucht, explodieren vor Wut, verfeuern die Welt und zuletzt löscht der Tod unser Lebenslicht aus. Wir brennen vor Liebe und vor Hass, haben zündende Ideen und sprühen wie ein Feuerwerk voller Witz und Charme. In unseren Jenseitsvorstellungen werden wir von Höllenfeuern verschlungen oder gehen ein ins ewige Licht.

Die Fähigkeit, mit Feuer umzugehen, ist in allen uns bekannten menschlichen Gesellschaften zu finden. Und von allen uns bekannten Lebewesen auf diesem Planeten haben nur Menschen gelernt, das Feuer zu kontrollieren.

Im Umgang mit dem Feuer haben wir uns im Laufe unserer Menschwerdung immer komplexere Fähigkeiten angeeignet. Das Feuer in seinen verschiedenen Variationen begleitet uns bis heute, ist im Verbrennungsmotor ebenso präsent wie in der Atomenergie, in religiösen Lichtmetaphern ebenso wie in der Lichtgeschwindigkeit, die wir gedanklich nicht überschreiten können. Wir sind fasziniert vom Widerschein eines Kaminfeuers wie vom Widerschein von Gold, dessen Glanz uns an Feuer erinnert und das wir bis heute wertschätzen, uns damit schmücken oder es eifersüchtig bewachen. Die Küche mit dem Herdfeuer bildete bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein das Zentrum der Wohnstätte, denn auch unsere Nahrung bereiten wir zu einem großen Teil mit Feuer zu. Wenn man aus dem dunklen Weltraum auf die Erde blickt, werden die beleuchteten Städte zu ständig wachsenden Lichtinseln.

Was für die Fische das Wasser, für die Vögel die Luft und für die Würmer die Erde, ist für uns Menschen das Feuer. Das Feuer ist unser Element.

Über eine Million Jahre lang waren wir auf chemische Feuer, auf die Verbrennung von Holz und Kohle fixiert. Vor etwa zehntausend Jahren fingen wir an, unsere Augen auf den Himmel zu richten und zu begreifen, dass das Licht, das von dort zu uns kommt, ebenfalls eine  Form von Feuer ist. Vor etwa hundert Jahren erkannten wir, dass Materie nichts anderes als eine gebundene Form von Energie ist und sich auf atomarer Ebene ineinander umwandeln lässt. Seit etwa hundert Jahren sprechen wir daher immer weniger von Licht und immer mehr von Energie, weil für uns Menschen buchstäblich alles, was ist, aus mehr oder weniger subtilen Formen von Feuer besteht und Energie der Begriff ist, der all diese Formen umfasst.

In unserer Menschwerdung lassen sich drei große Phasen unterscheiden, die des Feuers, des Lichts und der Energie. Der Beginn der ersten Phase verliert sich in den Anfängen unserer Geschichte. Die Beherrschung des Verbrennungsfeuers und die Entwicklung der damit verbundenen Fähigkeiten dauerte, grob geschätzt, etwa eine Million Jahre. Die Phase des Lichts geht einher mit der Agrarisierung, der Herausbildung des Tempel- und Staatswesens, der Entstehung großer Stadtgemeinschaften, der Entwicklung von Handel, Mathematik und Schrift. Diese zweite Phase dauerte noch etwa zehntausend Jahre. Die dritte Phase ist durch die Ablösung der Wissenschaft von der Religion und durch die Industrialisierung gekennzeichnet. Diese Phase dauert seit dreihundert Jahren an. Manche Wissenschaftler glauben, dass wir uns womöglich schon im Übergang zu einer vierten Phase, dem Übergang von der Energie zur Information befinden. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass mit dem Zeitalter des Feuers die Entwicklung der Sprache, mit dem Zeitalter dies Lichts die Schrift und entsprechend mit dem Zeitalter der Energie die Digitalisierung von Information einhergeht.

Der unmittelbarste Effekt von Feuer ist zerstörerisch. Chemische Feuerenergie löst komplexe Strukturen von Substanzen auf und reduziert sie zu Asche und Rauch. Der Prozess ist irreversibel, dient indessen der Schaffung von Freiraum, in dem sich Flora und Fauna in verjüngter Form und neuen Variationen erneut ausbreiten können. Unter bestimmten Umständen kann sich Feuer selbst erzeugen, denn Feuer verursacht Hitze und Hitze wiederum Feuer.

Atomares Feuer kommt entweder als Spaltungs- oder als Fusionsfeuer vor. Kernspaltung potenziert die zerstörerischen Effekte des chemischen Feuers. Nicht nur Feuer und Hitze sind zerstörerisch, sondern auch die radioaktive Strahlung, die von diesen Feuern ausgeht. Als Fusionsfeuer macht die Sonne das Leben auf diesem Planeten hingegen erst möglich. Feuer selbst ist nicht lebendig, aber es ist der unangefochtene Herrscher über Leben und Tod.

Feuer ist maß- und zügellos. Selbstbeschränkung kennt es nicht. Wo immer es losgelassen wird, vernichtet es alles ihm zur Verfügung stehende Brennmaterial und verglüht erst, wenn die Vernichtung vollständig ist.

Als Kinder des Feuers tragen wir seine Eigenschaften in uns. Das ist es, was unser Dasein auf diesem Planeten so gefährlich, zwiespältig, aber wohl auch notwendig macht.

2 Kommentare zu “Kinder des Feuers

  1. Moment mal! Fegefeuer ist mit Strafe assoziiert. Wer hingegen ins Licht eingeht, wird für seinen guten Lebenswandel belohnt. Das passt doch überhaupt nicht zusammen. Wenn wir wirklich „Feuerwesen“ wären, dann würde unsere „Strafe“ in ewiger Dunkelheit bestehen.
    Wenn es überhaupt Sinn macht, in den Kategorien von „Strafe“ und „Belohnung“ zu denken.

    Mfg
    Emyn Muil

    • Ewige Verdammnis wird tatsächlich mit ewiger Dunkelheit assoziiert, dies ist für viele Menschen eine absolute Horrorvorstellung.
      Für ein Erdwesen wie einen Wurm mag das jedoch ganz anders aussehen.
      Dass wir Ewigkeit hauptsächlich in Metaphern von Licht und Dunkelheit ausdrücken, zeigt doch, wie fixiert wir auf dieses Thema sind.
      Dass wir Hölle mit Feuer und Himmel mit Licht assoziieren, liegt daran, dass sich unser Denken im Laufe unserer Geschichte vom Konkreten-Bildhaften hin zum Abstrakten-Bildlosen entwickelt. Das ist der Grund für diese unterschiedliche Wertung.

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