Schrödingers Katze und Fingers Ameisen

Es gibt inzwischen einige berühmte Katzen, doch die berühmteste von allen ist eine, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt, nämlich Schrödingers Katze.

Sie hat Weltberühmtheit erlangt, weil Erwin Schrödinger damit ein Phänomen der Quantenphysik anschaulich machen wollte, und zwar die Überlagerung von Zuständen. Bei Schrödingers Katze handelt es sich bloß um ein Gedankenexperiment. Würde man das Experiment real durchführen, wäre der Ärger mit Tierschützern vorprogrammiert und Erkenntnisse würde man dabei auch keine gewinnen.

Das Experiment, das man sich vorstellen soll, geht so: In einem Kasten, in den der Beobachter nicht hineinschauen kann, sitzt eine Katze neben einer Apparatur, die durch den Zerfall eines Atoms gesteuert wird. Zerfällt das Atom, wird Radioaktivität frei. Diese wird von einem Geigerzähler gemessen, woraufhin ein Hammer eine Phiole mit Gift zertrümmert, welches die Katze sofort tötet. Solange das Atom nicht zerfällt, passiert der Katze nichts. Irgendwann wird das Atom zerfallen, aber man kann den Zeitpunkt nicht genau vorhersagen, sondern nur bestimmte Wahrscheinlichkeiten dafür angeben.

Der Physiker fragt sich, ob die Katze in dem Kasten tot oder lebendig ist und gibt daraufhin die erstaunliche Antwort, dass die Katze, solange der Kasten nicht geöffnet wird, gleichzeitig tot und lebendig ist, weil sich im Kasten bei der Katze die Zustände des Tot- und Lebendigseins überlagern. Natürlich kann man zu jedem Zeitpunkt feststellen, ob die Katze noch lebt oder ob sie schon tot ist, indem man den Kasten öffnet und reinguckt. Daraus zieht der Physiker nun den doch einigermaßen verblüffenden Schluss, dass das Reingucken den entscheidenden Unterschied ausmacht. Erst in dem Moment, in dem man in den Kasten reinguckt, wird festgelegt, ob die Katze tot oder lebendig ist. Wenn man also beim Reingucken in den Kasten feststellt, dass die Katze tot ist, ist es nicht das Gift, das die Katze umgebracht hat, sondern das Reingucken. Der Physiker sagt, dass erst die Messung entscheidet, ob die Katze tot oder lebendig ist.

Wo es um die Katze geht, machen die Physiker jedoch sogleich wieder einen Rückzieher. Mit einer echten Mieze funktioniert dieses Experiment nämlich nicht, weil sie ein Objekt der Makrowelt, also unserer Lebenswelt ist. Solche Versuche funktionieren bloß in der mikroskopisch superwinzigkleinen Welt der Quanten.

In diesem Katzen-Experiment werden jedoch sowieso zwei Dinge in einen Topf geworfen und miteinander vermischt. Es gibt in dem Experiment nämlich sowohl eine Messung als auch eine Beobachtung. Die Messung wird durch den Geigerzähler vorgenommen, und da ist es ja in der Tat so, dass diese Messung die Katze vom Zustand des Lebendigseins in den Zustand des Totseins befördert. Denn sobald Radioaktivität gemessen wird, wird ja automatisch der Hammer in Bewegung gesetzt. Ob man in den Kasten reinguckt oder nicht, hat mit dieser Messung rein gar nichts zu tun. Aber was in diesem Fall die Unterscheidung von Messung und Beobachtung angeht, bleiben Erwin samt seiner Physikergilde merkwürdig schwammig.

Man kann sich schon mal fragen, weshalb die Physik zu solchen Taschenspielertricks greift, um ihren Untersuchungsgegenstand anschaulich zu machen. Denn was anderes als ein Trick ist es nicht.

Ich lasse mich trotzdem mal auf das Spiel ein und wende mich also der superwinzigkleinen Welt der Quanten zu. Die Gegenstände, die hier untersucht werden, sind so klein, dass das Auge des Physikers aus der Quantenperspektive wie das von einem Superriesengiganten wirkt. Das menschliche Auge ist im Verhältnis zum Quant größer als die Sonne im Verhältnis zur Erde. Behaupte ich mal, nachgeprüft habe ich es nicht. Wie die Sonne strahlt dieses Riesenauge Energie ab, denn damit das Auge was sehen kann, muss es schließlich hell sein. Sonst macht der Beobachter die Erfahrung, dass im Dunkeln alle Katzen grau sind.

Doch das menschliche Auge genügt dem Vorhaben nicht. Um Atome zu sehen, muss man ein Elektronenmikroskop bauen. Man muss das Auge künstlich also enorm vergrößern. Und um Quanten zu sehen, genügt sogar ein Elektronenmikrosop nicht mehr, dafür braucht es einen LHC mit einem ringförmigen Beschleunigungstunnel, der im CERN um die 27 Kilometer lang ist. Das CERN hat mit dem LHC-Betrieb einen geschätzten Jahresverbrauch von 1.200 Millionen kWh, das ist ungefähr soviel, wie 400.000 Zweier-Haushalte, also 800.000 Personen an Energie verbraten.

Machen wir also auch mal ein Gedankenexperiment und nehmen statt Schrödingers Katze Fingers Ameisen. Stellen Sie sich einfach mal einen Ameisenhaufen vor, auf dem eine Menge Ameisen rumwuseln. Diese Ameisen sind so klein, dass ein Beobachter sie mit bloßem Auge gar nicht sehen kann. Um die Ameisen sichtbar zu machen, basteln die Beobachter deshalb ein Mikroskop. Da dieses Mikroskop ein elektronisches ist, strahlt es Licht ab. Das ist nichts anderes als Wärme. Auf die Ameisen wirkt das Elektronenmikroskop stärker als die Sonneneinstrahlung auf uns. Aber selbst damit sieht man noch keine Ameisen. Deshalb baut man den LHC.

Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass die superwinzigkleinen Ameisen zu Asche verbrennen, sobald man den Hitzestrahl des Elektronenmikroskops auf sie richtet. Und wenn man sich im CERN damit vergnügt, im LHC mit unvorstellbar beschleunigten Ameisenhaufen um sich zu werfen, in der Hoffnung, dass mal zwei aufeinanderprallen, kann man sich vorstellen, dass von den Ameisen nicht viel übrig bleibt. Oder anders: das, was schließlich übrig bleibt und von den haushohen Detektoren gemessen werden kann, sind keine Ameisen.

In der superwinzigkleinen Welt der Quanten bewegen wir uns in einer Welt, die nochmal um Größenordnungen kleiner ist als die Welt der Atome. Um diese Welt überhaupt beobachten zu können, muss man also zuerst so was wie eine Atombombe drauf schmeissen. Oder am besten gleich einen explodierenden Kernreaktor mit mehreren Blöcken. Also so ein Ding wie in Fukushima. Das dürfte in etwa den Größen- und Energieverhältnissen entsprechen. Denn es ist so: je kleiner etwas ist, umso mehr Energie muss man aufwenden, um es sichtbar zu machen.

Da muss man sich schon fragen, was für Erkenntnisse man über eine Stadt gewinnen kann, die zuerst mittels einer Super-Atombombe eingeebnet wird. Was man hinterher untersuchen kann, ist die von der Bombe stammende Radioaktivität, die Asche und die Krater in der in Trümmer gelegten Stadt. Die Physiker geben nun vor, anhand der Radioaktivität, der Asche und den Kratern gültige Erkenntnisse über die Stadt und ihre Bewohner ableiten zu können. Und das glauben wir den Wissenschaftlern. Genausogut kann man auch den Zaubersprüchen eines Schamanen glauben. Das ist wenigstens nicht so teuer.

Naturwissenschaft besteht heute darin, unter höchst unnatürlichen Bedingungen höchst unnatürliche Ergebnisse zu erzwingen. Und das unter Zuhilfenahme von Taschenspielertricks.

Denn die ganze Quantenphysik ist im Grunde nichts anderes als eine semantische Taschenspielerei. Aus: Ich weiß nicht, ob die Katze tot oder lebendig ist wird – hokuspokusfidibus – ein: Ich weiß, dass die Katze entweder tot oder lebendig ist.

Bei diesem Zaubertrick wird Nicht-Wissen in Wissen umdeklariert und als Unbestimmtheit zu einer Eigenschaft der Materie gemacht. Was im Subjekt also eine Begrenzung darstellt, wird ins Objekt verlagert und erscheint als Unbestimmtheit des Objekts.

Und schon kann sich unser menschlicher Geist darin gefallen, so zu tun, als wüsste er wieder etwas mehr. Er kann sich sogar als Allwissender aufspielen, indem er alles, was er nicht weiß, als Unbestimmtheit ins zu beobachtende Objekt auslagert.

Der menschliche Geist wird auf diese, nun ja, doch etwas zweifelhafte Weise nicht nur zum Allwissenden, er wird sogar zum Schöpfer. Denn schließlich kann sich der Geist nun einreden, dass erst die Beobachtung den Zustand festlegt. Auf einmal ist es seine Beobachtung, die darüber entscheidet, ob die Katze im Kasten tot oder lebendig ist. Und was die superwinzigkleinen Teilchen angeht, kann sich der menschliche Geist einreden, dass er die Teilchen sogar erzeugt, dass erst seine Beobachtung den Teilchen überhaupt Existenz verleiht. Und das ist ja gar nicht mal so falsch, weil die Radioaktivität, die Asche und die Krater ja wirklich erst durch die Beobachtung erzeugt werden.

Die Frage ist, warum die Quantenphysik trotzdem eine wichtigere Rolle in der heutigen Welt spielt als seinerzeit Uri Geller, der ja behauptet hat, mit seinen Geisteskräften Gabeln und Löffel verbiegen zu können. Tja, Uri Geller ist damals eben rechtzeitig entlarvt worden. Aber bis heute hat sich noch niemand getraut, die Quantenphysik als Hokuspokus zu entlarven.

Die Quantenphysik schmeichelt nämlich dem allseits bekannten menschlichen Größenwahn. Alles zu wissen ist etwas, das der menschliche Geist seit jeher anstrebt. Schon lange liebäugelt dieser Geist auch damit, Gott zu spielen und die Welt als seine eigene Schöpfung auszugeben. Mit der Quantenphysik kann man die Grenze zwischen der materiellen Welt und der Welt der Vorstellungen einreißen und problemlos zwischen realen und virtuellen, also eingebildeten, Teilchen hin und hersurfen. Die Quantenphysik löst zumindest im Bereich der superwinzigkleinen Teilchen den Unterschied zwischen materieller und geistiger Welt auf. War es in den Religionen der Geist Gottes, der die Welt kreiert, so spielt die Quantenphysik mit der Möglichkeit, dass der menschliche Geist die Welt kreiert, mithin selber Gott ist. In der Quantenphysik wird alles irgendwie möglich. Und tatsächlich gibt es inzwischen eine ganze Anzahl von Physikern, die ernsthaft behaupten, dass das Universum und mithin die Welt, in der wir leben, erst durch Beobachtung entsteht.

Aber das ist noch nicht alles, weshalb die Quantenphysik so attraktiv erscheint. Der Quantenphysik verdanken wir nämlich das Rechnen in Wahrscheinlichkeiten. Ohne Quantenphysik hätten Statistiken niemals die Bedeutung erlangt, die sie heute in der Bewertung der Welt ganz selbstverständlich einnehmen. Durch das Rechnen mit Wahrscheinlichkeiten werden Prozesse, die vorher als unberechenbar galten, nun doch berechenbar. Statistiken und Wahrscheinlichkeiten haben sich als neue Macht- und Kontrollinstrumente entpuppt, die sich hervorragend dafür eignen, das Leben selbst in schnöde Zahlenspiele zu verwandeln. Man kann heute keine Zeitung mehr aufschlagen, ohne dass man irgendwelchen Statistiken begegnet. Der Staat schafft Ämter, die sich mit nichts anderem befassen, als die Welt und das Verhalten der Bürger in unzählige Statistiken zu verwandeln.

Nichts eignet sich besser zur Demontage des Individuums als Statistiken und das Rechnen in Wahrscheinlichkeiten. Was den Wert des Einzelnen ausmacht, verschwindet hinter der Summe aller Individuen, deren Werte gemittelt werden und so den Durchschnittsbürger hervorbringen, der zum Prototyp hochstilisiert und an dem alles gemessen wird. Der Durchschnittsbürger wird zur Norm, an die die Einzelnen sich nach und nach anpassen. Wo das nicht von selbst geschieht, wird eben nachgeholfen. Mein Standardbeispiel ist hier der Blutdruck. 120/80 ist ein gemittelter Wert, der entsteht, wenn der erste Kandidat 40/20 und der zweite 200/140 hat. Der Wert entsteht ebenfalls, wenn ein Kandidat 121/81 und der zweite 119/79 hat. Aus diesem gemittelten Wert lässt sich nicht im Geringsten ableiten, dass er der gesündeste Wert für alle ist. Aber genau davon wird irrsinnigerweise ausgegangen.

Die Physiker sagen, die Quantenwelt handelt von Teilchen, die sich nicht voneinander unterscheiden lassen. Doch gilt: Wenn wir die Methoden der Quantenphysik auf unsere eigene Lebenswelt anwenden, werden wir als Menschen so ununterscheidbar wie die Weizenhalme auf einem Acker. Und tatsächlich lassen sich Entwicklungen in dieser Hinsicht auch ganz ohne LHC oder Elektronenmikroskop beobachten.

Die Quantenphysik ist also weniger eine Methode, um physikalische Erkenntnisse über das Verhalten von Materie zu gewinnen, sie ist vielmehr eine Methode, um die Menschen zu transformieren und sie den maschinellen Prozessen anzupassen. Eine Maschine unterscheidet sich von einem Lebewesen ja gerade dadurch, dass ihre Funktionsweise berechenbar und die einzelnen Teile austauschbar sind. Es geht nicht um mehr Wissen über die Materie, sondern um mehr Wissen über die Menschen. Wenn die Physiker Quanten sagen, meinen jene, die die Methoden der Quantenphysik praktisch anwenden, Menschen. Also: viel Spaß beim Lesen dieses Artikels, ihr Quanten.

 

Die Wand

Dann setzte ich mich auf die Bank und wartete. Die Wiese schlief langsam ein, die Sterne traten hervor, und später stieg der Mond hoch und tauchte die Wiese in sein kaltes Licht. Auf diese Stunden wartete ich den ganzen Tag voll heimlicher Ungeduld. Es waren die einzigen Stunden, in denen ich fähig war, ganz ohne Illusionen und mit großer Klarheit zu denken. Ich suchte nicht mehr nach einem Sinn, der mir das Leben erträglicher machen sollte. Ein derartiges Verlangen erschien mir fast wie eine Anmaßung. Die Menschen hatten ihre eigenen Spiele gespielt, und sie waren fast immer übel ausgegangen. Worüber sollte ich mich beklagen; ich war einer von ihnen und konnte sie nicht verurteilen, weil ich so gut verstand. Es war besser, von den Menschen wegzudenken. Das große Sonne-, Mond- und Sterne-Spiel schien gelungen zu sein, es war auch nicht von Menschen erfunden worden … Ich hatte mich so weit von mir entfernt, wie es einem Menschen möglich ist, und ich wusste, dass dieser Zustand nicht anhalten durfte, wenn ich am Leben bleiben wollte. Schon damals dachte ich manchmal, dass ich später nicht verstehen würde, was auf der Alm über mich gekommen ist.“ (S. 209-210)

„Seit meiner Kindheit hatte ich es verlernt, die Dinge mit meinen eigenen Augen zu sehen, und ich hatte vergessen, dass die Welt einmal jung, unberührt, sehr schön und schrecklich gewesen war. Ich konnte nicht mehr zurückfinden, ich war ja kein Kind mehr und nicht mehr fähig zu erleben wie ein Kind, aber die Einsamkeit brachte mich dazu, für Augenblicke ohne Erinnerung und Bewusstsein noch einmal den großen Glanz des Lebens zu sehen. Vielleicht leben Tiere bis zu ihrem Tod in einer Welt des Schreckens und Entzückens. Sie können nicht fliehen und müssen die Wirklichkeit bis zu ihrem Ende ertragen. Ich weiß nicht, ob ich es ertragen werde, nur noch mit der Wirklichkeit zu leben. Manchmal versuche ich, mit mir umzugehen wie mit einem Roboter … .“
(S. 211)

„Wir sind verurteilt, einer Bedeutung nachzujagen, die es nicht geben kann. Ich weiß nicht, ob ich mich jemals mit dieser Erkenntnis abfinden werde. Es ist schwer, einen uralten eingefleischten Größenwahn abzulegen. Ich bedaure die Tiere und ich bedaure die Menschen, weil sie ungefragt in dieses Leben geworfen werden. Vielleicht sind die Menschen bedauernswerter, denn sie besitzen genausoviel Verstand, um sich gegen den natürlichen Ablauf der Dinge zu wehren. Das hat sie böse und verzweifelt werden lassen und wenig liebenswert. Dabei wäre es möglich gewesen, anders zu leben. Es gibt keine vernünftigere Regung als Liebe. Sie macht dem Liebenden und dem Geliebten das Leben erträglicher … Ich kann nicht verstehen, warum wir den falschen Weg einschlagen mussten. Ich weiß nur, dass es zu spät ist.“
(S. 238)

Die Zitate stammen aus dem Roman Die Wand von Marlen Haushofer. 1968. 18. Auflage List/Ullstein 2012.

Die namenlose Ich-Erzählerin findet sich eines Morgens allein in einer Jagdhütte in den Bergen wieder, eingeschlossen von einer unsichtbaren Wand, hinter der kein Leben mehr existiert. Ihre einzige Gesellschaft besteht aus ihrem Hund, einer halbwilden Katze und einer Kuh. Die Atomkriegsängste des Hüttenbesitzers, der wie alle anderen Menschen hinter der Wand verschwunden ist, haben dazu geführt, dass dieser ein umfangreiches Lager mit Notvorräten angelegt hat, welches der Erzählerin das Überleben zumindest für ein, zwei oder drei Jahre ermöglicht. Der Roman beschreibt in schlichten Worten das Zurückgeworfensein auf die Befriedigung der elementaren Grundbedürfnisse, das Zusammenleben mit den Tieren, den Wechsel der Jahreszeiten mit dem Sommer auf der höher gelegenen Alm und der dunklen Winterzeit im Tal. Er beschreibt die Schrecken, aber auch die tiefen Einsichten einer plötzlich des Kollektivs beraubten menschlichen Existenz. Es geht um den Verlust aller vordergründigen Ziele und Umtriebe, die letztendlich zur Wand geführt haben, das heißt zur totalen Einsamkeit einer abgetrennten, nicht mehr zu vermittelnden oder mitteilbaren Existenz. Und doch muss man fragen, auf welcher Seite der Wand die Einsamkeit verankert ist. Auf der Seite der Erzählerin, die in einem mühsamen und häufig schmerzhaften Prozess mit der Natur langsam wieder in Kontakt kommt, oder auf der anderen Seite, wo alles Leben in einem zeitlosen Augenblick auf ewig eingefroren scheint.

Wie es zur Entstehung der Wand kam, wird wie vieles andere nicht erklärt, ist für den Roman aber auch nicht wichtig. Die Erzählerin vermutet irgendein technisches Versagen, eine unvorhergesehene Panne in einem Atomkraftwerk oder einer Chemiefabrik.

Für mich bedeutet die Wand hingegen nicht das Versagen der Technik, sondern ihre Vollendung. Der technische Weg ist gleichbedeutend mit der Herauslösung und Trennung vom Bios, und damit meine ich nicht einen Teil eines gleichnamigen datenverarbeitenden Betriebssystems, sondern die belebte Welt, das Leben selbst. Je weiter wir auf diesem technischen Weg voranschreiten, desto mehr kapseln wir uns vom Leben ab.

Jedes neue technische Helferlein schiebt sich wie eine Wand zwischen mich und meine Umgebung. Wenn ich nicht zu Fuß gehe, sondern mich ins Auto setze, verliere ich das Gefühl für das, was Entfernung bedeutet. Entfernung gerinnt zu einer bloßen Zahl auf dem Kilometerzähler. Wenn ich meine Mahlzeiten nicht mehr selbst zubereite, sondern einen Thermomix machen lasse, weiß ich nicht mehr, wie sich das Gemüse in meiner Hand anfühlt, wie es riecht, was es mir vermittelt. Was ich esse, reduziert sich auf Vitamine, Mineralstoffe, Proteine, Kohlehydrate. Doch mit diesen Begriffen verbinde ich keine konkreten Erfahrungen. Ich weiß nicht, wie ein Vitamin schmeckt oder wie sich ein Protein anfühlt. Zwischen mich und mein Essen tritt eine unsichtbare Wand. Ich lebe nicht, sondern friste ein Dasein in einem Kokon aus abstrakten Begriffen.

Die modernen Kommunikationstechniken geben vor, die Menschen weltweit miteinander zu vernetzen, in Wirklichkeit verbinden die neuen sozialen Medien jedoch nicht die Menschen miteinander, sondern bloß ihre digitalen Schatten. Vernetzt werden Abbilder von Abbildern von Abbildern, während der Mensch, umgeben von einer steigenden Zahl technischer Diener, getrennt von seiner Wirklichkeit nur noch vor dem Bildschirm sitzt und seinen Teil dazu beiträgt, die Wirklichkeit in Unmengen von Daten zu verwandeln. Statt zu leben, lassen wir im Internet bloß Schatten tanzen, die uns glauben machen, dass sich die belebte Welt auf Nullen und Einsen reduzieren und als Binärcode darstellen lässt.

Der Roman von Marlen Haushofer vermittelt eine Ahnung davon, dass eine Rückkehr in die Verbundenheit des Bios mühsam und schmerzhaft wäre. Der Mensch, der diesen Prozess durchläuft, ist hinterher nicht mehr derselbe, der er vorher war. Sich wieder mit der Natur und dem Leben zu verbinden, hieße, sich von der Natur und dem Leben umformen zu lassen. Das ist ein tiefgreifender Wandel, der mit dem, was in unserer Gesellschaft als Ökobewusstsein gilt, null und nichts zu tun hat. Der Ökobewusste wie jeder Andere in unserer Gesellschaft ist ein Kind der Technik und vertechnisiert und vercyborgisiert häufig sogar schneller als einer, der mit der Umwelt nicht viel am Hut hat.

Auch der Ökobewusste löst sich aus der belebten Umwelt heraus, nur ist er sich dessen offenbar weniger bewusst als der Technikfreak, der den Abschied von der Natur freudig befürwortet. Die Naturverbundenheit ist ein Mythos, eine Geschichte, die für einige nur deshalb so wichtig ist, weil wir im Grunde genau wissen, dass wir als Menschen und als Menschheit insgesamt die Natur gerade abschaffen.

Der von der Natur geformte Mensch ist in unserer Gesellschaft kein Vorbild, dem irgendwer nacheifern will. Im Gegenteil: der von der Natur geformte Mensch wirkt auf die meisten seiner vertechnisierten Artgenossen so befremdlich wie ein Alien.

 

Halbe Sklaven

Jedes Jahr rechnet der Bund der Steuerzahler aus, wie viele Tage im Jahr der Bürger für den Staat arbeitet und wie viele Tage für sich selber. In diesem Jahr war der Stichtag der 19. Juli. Das heißt, bis zum 19. Juli, also mehr als die Hälfte des Jahres, haben Arbeiter, Angestellte, Selbständige und Betriebe für den Staat gearbeitet. Tatsächlich beträgt die durchschnittliche Einkommensbelastungsquote in diesem Jahr 54,6%.

Wenn ein Mensch gezwungenermaßen mehr als die Hälfte seiner Zeit für jemand Anderes arbeiten muss, ist er kein freier Mensch. Und ja doch, die Arbeit, die wir für den Staat leisten, ist Zwangsarbeit. Denn wir haben ja gar keine andere Wahl. Wir können die Staatsbürgerschaft nicht aufkündigen wie die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft oder die Mitgliedschaft in einem Verein. Der Staat lässt seine Bürger nicht frei darüber entscheiden. Man kann aus einem Staat nicht austreten und im selben Haus einfach als Staatenloser weiterleben. Mehr als die Hälfte des Jahres ist der Mensch, der gleichzeitig ja immer auch Staatsbürger ist, also der Sklave des Staates. Wir sind also sozusagen alle Halbsklaven.

Vielleicht sollten wir doch nochmal gründlich drüber nachdenken, was es bedeutet, wenn wir von Freiheit reden. Wenn ein Halbsklave glaubt, ein freier Mensch zu sein, dann ist er in doppelter Hinsicht unfrei. Nicht nur, dass er bloß über die Hälfte von dem, was er sich durch seine Leistungen erarbeitet, verfügen darf. Nein, auch seine Wahrnehmungs- und Urteilskraft sind offensichtlich massiv eingeschränkt, denn sonst müsste sich der halbwegs mit Verstand begabte Mensch doch zumindest über seinen Status im Klaren sein und das entsprechend kommunizieren. Stattdessen reden die meisten Menschen gebetsmühlenartig davon, gerne in diesem freiheitlich demokratischen Land zu leben. So, wie die Menschen anderswo eben behaupten, gerne unter kommunistischer Fahne oder einem Führer wie Kim Yong Un zu leben. Wenn es um Kommunisten und Diktatoren geht, wird von Indoktrination geredet. Wir reden von Meinungsfreiheit. Aber worin besteht denn nun der Unterschied? Jubeln die Menschen in Nordkorea etwa nicht freiwillig?

Indoktrination besteht darin, eine fremde Meinung zur eigenen zu machen, sogar dann, wenn sie einem selbst zum Nachteil gereicht. Ist das hier bei uns so viel anders? Ist es etwa kein Nachteil, mehr als die Hälfte des Jahres für fremde Taschen zu arbeiten? Nur ein Bruchteil davon fließt über Umwege wie Kindergeld oder Rentenansprüche in unsere eigenen Taschen zurück. Das Meiste ist einfach futsch. Für immer perdu. Denn zurück bekommen wir hauptsächlich Schein-Sicherheiten und leere Versprechungen. Zum Beispiel das Versprechen, im Alter mit einer Rente versorgt zu werden. Doch im Kleingedruckten steht, dass die Höhe der Rente von der Wirtschaftslage und sonstigen Umständen abhängt. Im Grunde verpflichtet sich der Staat zu nichts. Wie jeder Sklavenhalter entscheidet der Staat höchst willkürlich über das Wohl und Wehe derer, die er ausbeutet.

Der Staat nimmt im Jahr 2017 seinen Bürgern mehr als die Hälfte ihres Einkommens weg. Das ist die höchste Quote, die es in der Geschichte Deutschlands je gab. Wenn es nicht der Staat wäre, der in die Tasche des Bürgers greift, könnte man doch glatt von Diebstahl reden.

Die zunehmende Enteignung des Bürgers funktioniert schleichend. Hier eine minimale Abgabe mehr, dort eine kleine Erhöhung des Steuersatzes, da noch ein bisschen Umweltschutz wie bei der EEG-Umlage. Dazu kommt, dass nicht der gesamte Steuersatz direkt vom Einkommen abgezogen wird. Bei Arbeitern und Angestellten wird auf der Lohnabrechnung nur die Hälfte abgezogen, die andere Hälfte muss der Arbeitgeber bezahlen. Das ist natürlich Augenwischerei. Zahlen-Kosmetik. Das wird so gemacht, um dem Arbeitnehmer vorzugaukeln, dass ihm gar nicht soviel abgezogen wird. Derselbe Trick wird nochmal angewandt, indem nicht nur das Einkommen, sondern mit der Mehrwert- und anderen Verbrauchssteuern auch die Lebenshaltung und der Konsum besteuert werden. Dazu kommen noch die kommunalen Abgaben, wo die Gemeinden nochmal Geld für Leistungen verlangen, die eigentlich über die Steuerzahlungen bereits abgegolten sein sollten. Wie Abwasser- und Müllgebühren. Und der größte Witz ist, dass dann auch wieder die Rente besteuert wird.

Wird ein Frosch in heißes Wasser geworfen, springt er aus dem Topf sofort wieder hinaus. Wird der Frosch jedoch in kaltes Wasser gesetzt, das gaaanz langsam erhitzt wird, bleibt er sitzen, bis er tot ist. Wir Halbsklaven sind wie Frösche, die in kaltes Wasser gesetzt werden und nicht merken, dass das Wasser allmählich den Siedepunkt erreicht.

Interessant dabei ist, dass es den Staat ja eigentlich gar nicht gibt. Er existiert nur in den Köpfen der Menschen und in ein paar Gebäuden, die man Regierungsgebäude nennt, die man aber auch für andere Zwecke nutzen könnte. Der Staat existiert nur in diesem merkwürdigen Raum, den man das kollektive Bewusstsein nennt. Der Staat ist, genau genommen, eine Form von Glauben. Das funktioniert genauso wie in einer Religion. Ob man an den Staat oder an Gott glaubt, macht keinen großen Unterschied. Der Staat verspricht dasselbe wie Gott: Schutz, Sicherheit, Wohlstand. Der einzelne Mensch kann sich gegen den Staat genauso wenig wehren wie gegen Gott.

Der Staat ist der säkularisierte Gott. Der Staat ist die verweltlichte Form des Übermächtigen und im Zeitalter der Digitalisierung auch des Allwissenden. Gott ist ja nichts Anderes als eben die Projektion des Übermächtigen ins Zeit- und Raumlose hinein. Dieses Zeit- und Raumlose ist identisch mit dem kollektiven Bewusstsein. Die Projektion des Übermächtigen ins Zeit- und Raumlose hinein war die Voraussetzung für die Entstehung eines kollektiven Bewusstseins. Die Erfindung von Gott dehnte hier einen Raum auf, wo vorher keiner war.

In einer Horde kennt jeder jeden und der Zusammenhalt wird durch den persönlichen Kontakt gewährleistet. Wo der Austausch direkt und persönlich ist, stehen die Menschen für sich selber ein. Auch wenn sie Bindungen oder Handelsbeziehungen miteinander eingehen, bleiben sie Individuen. Die Erfindung von Göttern diente dazu, Menschen über diese Horde und die persönlichen Beziehungen hinaus zu einer Einheit zusammenzuschweißen. Sogar Menschen, die sich nie im Leben sehen und nie miteinander reden, gehören zur selben Gruppe, wenn sie an denselben Gott bzw. an dieselben Geschichten glauben. Die Erfindung von Gott dient dazu, die Beziehungen unter Menschen zu entpersonalisieren. Das heißt zu anonymisieren. Erst da, wo Menschen gelernt haben, ohne persönliche Beziehungen zusammenzuleben, können sich größere Verbände bilden: Städte, Stadtgemeinschaften, Nationen, Staaten. Und da, wo Beziehungen anonym werden, werden die Tore zur Willkürherrschaft geöffnet.

Haben sich Nationen und Staaten erstmal durch entsprechende Regierungsgebäude und eine effiziente Verwaltung etabliert, ist Gott nicht mehr nötig. Deshalb verschwinden die Götter wieder, wenn die Menschheit sich in großen abstrakten Gebilden wie Nationen und Staaten vereinheitlicht hat. Der letzte Gott wird spätestens dann sterben, wenn sich die Weltregierung mit ihrem entsprechenden Verwaltungsapparat durchgesetzt hat.

Den Götterwelten im Polytheismus wohnt die Dynamik zu einer einzigen, allmächtigen Gottheit bereits inne. In ihrer Vervollkommnung werden polytheistische Religionen schließlich monotheistisch. Auf Dauer kann es nicht mehrere Weltreligionen nebeneinander geben, die an verschiedene allmächtige Götter glauben. Es kann nur einen allmächtigen Gott geben. Aber wie gesagt: die Götter und auch der Allmächtige existieren nur im kollektiven Bewusstsein. Der Allmächtige ist identisch mit dem kollektiven Bewusstsein. Gott ist nicht mehr als eine Idee, die von vielen Menschen geglaubt wird. Allmächtig ist dieser Gott dann, wenn die Idee von allen Menschen geglaubt wird. Die Säkularisierung des Allmächtigen ist der Weltstaat.

Gott ist also so etwas wie das Gerüst, das notwendig ist, um das Haus zu bauen. Ist das Haus, der Weltstaat, erstmal fertig, wird das Gerüst wieder abgebaut. Sobald der Weltstaat verwirklicht ist, kann man auf den Allmächtigen verzichten. Tatsächlich läuft dieser Prozess ja schon. Wo immer Staaten sich stabilisieren, ersetzen sie den Glauben, und die Götter verschwinden. Je unsicherer ein Staat und je weniger Schutz und Sicherheit der Staat seinen Bürgern gewährt, desto mehr neigen die Menschen dazu, sich weiterhin an ihre Götter zu klammern.

Je größer das Konglomerat, zu dem sich Menschen zusammenschließen, desto teurer wird dessen Finanzierung. Das ist logisch, denn umso mehr Verwaltungsebenen müssen dazwischen geschaltet werden. Eine autarke Region kommt mit einem kleinen Verwaltungsapparat aus. Wenn sich aber Regionen zu einer Landesregierung zusammenschließen, muss dieser Zusammenschluss durch einen weiteren Verwaltungsapparat umgesetzt und realisiert werden. In der Folge der Vereinheitlichung kommen Bundesländer, Nationalstaaten und schließlich Staatenverbände wie die EU hinzu, und jede weitere Ebene benötigt einen weiteren Verwaltungsapparat.

Wenn der Bürger heute mehr als die Hälfte seines Einkommens hergeben muss, dann, um diese immer größer und immer schwerfälliger werdenden Staatsapparate zu finanzieren. Wir zahlen heute mehr Steuern und Abgaben denn je, weil außer Deutschland auch noch die Europäische Union mitfinanziert werden muss. Man kann sich ausrechnen, was die Verwaltung eines Weltstaats den einzelnen Bürger kosten wird. Ich schätze mal, 100% seines Einkommens werden da noch zu wenig sein. 🙂

Erschwerend kommt hinzu, dass die Staaten durch ihre Regierungen nicht nur aufs Einkommen ihrer Bürger zugreifen, sie mischen sich mit immer mehr Vorschriften auch immer mehr in deren Privatleben ein. Niemand kann heute mehr sein Haus selber bauen, sondern muss es aufgrund der zahllosen Vorschriften von einer Baufirma bauen lassen. Selbst eine Bestattung ist heute durch einen Wust von Vorschriften so kompliziert geworden, dass ohne ein Expertenteam in Form eines Bestattungsunternehmens gar nichts mehr geht. So geht der Bürger mehr und mehr in den Besitz des Staates über.

Wenn die Entwicklung so weitergeht, wird der Mensch der Zukunft nur noch fürs Kollektiv arbeiten. Er wird kein halber Sklave mehr sein, sondern ein ganzer, und zwar einer, der am Ende von den willkürlichen Entscheidungen einer Weltregierung mit all ihren Verwaltungsebenen gerade so abhängig ist, wie in den amerikanischen Südstaaten der afrikanische Baumwollpflücker einst vom Gutsherrn und dessen Sklavenaufsehern abhängig war.

 

Die Flucht vor der Individualität

Beim Menschen ist keine Schraube locker, wie häufig behauptet wird, im Gegenteil. Die Schrauben, die den menschlichen Hirnkasten zusammenhalten, wurden übers Normalmaß hinaus angezogen. Vielleicht wurde ein elektrischer Schraubenzieher mit zuviel power benutzt. Auf jeden Fall hat sich der Inhalt in unserem Hirnkasten bei der Montage verdreht. Die Folge davon ist, dass der Mensch schwarz für weiß hält, krank für gesund und Dekadenz für Fortschritt.

Ein schönes Beispiel in dieser Kategorie der Verdrehungen sind auch die endlos wiederholten Vorwürfe von Egoismus und Individualismus, die heute jeder jedem macht und die dafür verantwortlich sein sollen, dass der Mensch zum Schrecken des Ökosystems mutiert, die Tierwelt am Aussterben und die Welt samt ihrem Klima in einem absolut desolaten Zustand ist. Nichts könnte falscher sein. Nie war der Mensch weniger ein Individuum als heute. Seit Tausenden von Jahren läuft die menschliche Entwicklung kontinuierlich darauf hinaus, die ursprünglich einmal vorhandene Individualität zu zerstören. Heute ist dieser Prozess so gut wie abgeschlossen. Der Mensch ist nämlich kein Individuum mehr. Deshalb fangen einige Forscher damit an, sich nun für Schwarmintelligenz zu interessieren.

In der grünlinken Mainstream-Ideologie ist hingegen ständig von der individualistischen Gesellschaft die Rede. Von der Gier und dem Egoismus, die den Einzelnen in dieser Gesellschaft prägen. Das ist schon ein Widerspruch in sich. Eine Gesellschaft aus Individuen kann es nicht geben. Eine Gesellschaft entsteht immer nur da, wo Individualität zugunsten der Gemeinschaft aufgegeben wird, wo der Einzelne seine persönlichen Bedürfnisse zugunsten eines übergeordneten Systems zurückstellt. Das geschieht meist nicht freiwillig. Viel häufiger wird der Einzelne vom System gezwungen. Er muss Steuern und sonstige Abgaben bezahlen. Er wird mit einer Flut von Gesetzen überschüttet. Heutzutage darf man nicht mal mehr sein Eigentum verschenken, ohne dass die Gesellschaft dafür Schenkungssteuer verlangt. Man darf sich die Mieter für seine Wohnung weder selber raussuchen, wenn man damit irgendjemand diskriminiert, noch darf man die Mieter rausschmeißen, selbst dann nicht, wenn sie sich als Messies entpuppen, die in der Badewanne Kronenkorken sammeln.

Das objektive Anzeichen dafür, dass es keine Individuen mehr gibt, besteht darin, dass heute in unserem Gesellschaftssystem kein Mensch mehr für sich selber sorgen kann. Jeder Mensch ist heute dermaßen mit anderen Menschen vernetzt und von anderen Menschen abhängig geworden, dass schon eine relativ kleine Störung ausreicht, um einen Dominoeffekt hervorzurufen, der die ganze Welt in eine tiefe Krise stürzt. Es reicht, wenn sich irgendwo in Amerika eine einzige Bank verzockt, um eine weltweite Wirtschaftskrise auszulösen. Das hat uns das Jahr 2008 gezeigt.

In der Folge dieser Krise hat sich die Menschheit noch enger vernetzt und der einzelne Mensch hat sich noch abhängiger und unselbständiger gemacht. Der Mensch glaubt, dass ein vernetztes System Sicherheit gewährt. Was wir jedoch gerade erleben, ist, dass sich abstrakte Gebilde, die eigentlich nur in unserer Vorstellungswelt existieren, wie Konzerne, Banken, Börsen, Versicherungen, Aktiengesellschaften, Staaten und Staatenverbünde stabilisieren, während das Leben für den Einzelnen immer unsicherer und unberechenbarer wird.

Es gibt in unserer Gesellschaft keine Menschen mehr, die gleichzeitig ihre Nahrung anbauen, ihr Haus und ihre Möbel bauen, die Stoffe für ihre Kleidung und dann auch noch die Kleidung selber machen. Für einen Jäger und Sammler war das absolut normal. Jeder Jäger machte seine Werkzeuge und seine Klamotten selbst. Jeder Sammler konnte Körbe flechten. In den meisten dieser Gesellschaften war es zudem so, dass auch der Sammler jagen konnte, wenn vielleicht auch nur kleinere Tiere. Und jeder Jäger kannte sich so weit mit Pflanzen aus, dass er sie auch sammeln konnte.

Heute ist es nicht mal so, dass ein Teil der Gesellschaft Nahrung anbaut, während ein anderer Teil Häuser baut und wieder ein anderer Teil Stoffe webt, nein, der Prozentsatz der Menschen, die in solch praktischen Berufen unterwegs sind, ist in den letzten fünfzig Jahren erschreckend geschrumpft. Von fünf Menschen verbringen heute vier ihren Berufsalltag damit, dass sie hinter einem Computer sitzen oder an irgendwelchen Besprechungen teilnehmen, dass sie andere Leute therapieren oder in Ladengeschäften Dinge verkaufen, die man zum Leben überhaupt nicht braucht. Oder dass sie sogar Dinge herstellen, wie Bücher und Filme, die keinen anderen Zweck haben, als den Leuten, die nicht mehr für sich selber sorgen, die Langeweile zu vertreiben.

Und auch der Eine von den Fünfen, der noch einen praktischen Beruf hat, wie Landwirt, Maurer oder Schreiner, legt kaum noch selbst Hand an, sondern bedient Maschinen. Die Haupttätigkeit des Landwirts besteht im Traktorfahren. Die Tätigkeit des Schreiners besteht darin, Sägen, Pressen und Schleifmaschinen einzustellen oder CNC-Maschinen zu programmieren. In diesen praktischen Berufen, die ja tatsächlich unsere Existenz sichern, haben schon längst computergesteuerte Maschinen das Kommando übernommen und den Menschen zum Hilfsarbeiter degradiert. Sollte also tatsächlich mal die Stromversorgung zusammenbrechen und der moderne Mensch auf sich selbst zurückgeworfen werden, wird er verhungern oder verdursten. Was für den zivilisierten Menschen also Fortschritt ist, bedeutet vom Standpunkt eines Selbstversorgers aus zunehmende Unfähigkeit und Dekadenz.

Der Grund für diese umfassende Auflösung des Individuums ist, dass der Mensch nicht in der Wirklichkeit lebt. Der Mensch lebt in den Geschichten, die er sich erzählt. Der Glaube an diese Geschichten ist dem Menschen wichtiger als die wirkliche Welt. Für seine Geschichten opfert der Mensch alles. Sogar sein Leben. Sogar den ganzen Planeten. Doch diese Geschichten sind erfunden. Es sind Fiktionen wie Einhörner und Trolle.

Die Geldwirtschaft ist beispielsweise eine Geschichte, die nur dank des Glaubens existiert, dass Geld einen Wert hat. Wenn die Menschen aufhören, an Geld zu glauben, sehen sie, dass sie nur wertloses Papier in den Händen halten. Oder dass die Zahlen auf dem Kontoauszug eben nur Zahlen sind, ohne irgendeinen reellen Wert dahinter.

Dasselbe gilt für die großen Konzerne. Ein solcher existiert nur, weil die Menschen daran glauben. In Wirklichkeit ist ein Konzern nichts anderes als ein paar wertlose Unterschriften auf einem Blatt Papier, denn weder die Gebäude, auf denen der Konzernname steht, noch die Menschen, die in dem Konzern arbeiten, sind der Konzern. Sie sind, was sie sind: Gebäude und Menschen. Erst der Glaube, dass diese Gebäude, Arbeiter, Firmenschilder und Vorstandsetagen zusammen einen Konzern bilden, machen diesen zum Konzern. Der Glaube verleiht dem Konzern eine Schein-Wirklichkeit.

Dasselbe ist es mit den Börsen, den Banken, den Staaten und all diesen Gebilden, die wir für so wichtig halten. In Wirklichkeit existieren sie nur in unserer Vorstellung und hören sofort auf zu existieren, wenn ein Großteil der Menschen den Glauben daran verliert. Wenn die Menschen den Glauben an die Deutsche Bank, an RWE, an Telekom verlieren, dann verkaufen sie die Aktien dieser Firmen. Wenn alle Leute, die Aktien halten, diese zeitgleich verkaufen und niemand diese Aktien mehr kauft, hört ein Konzern auf zu existieren.

Diese Fähigkeit, irgendwelchen erfundenen Geschichten zu glauben, wurde in den Religionen ausgebildet. Je mehr Menschen anfingen, an dieselbe Geschichte zu glauben, desto mehr wurde aus der bloßen Fähigkeit ein Zwang. Das ergibt sich aus den Mehrheitsverhältnissen. Wenn bloß zwei Menschen dieselbe Geschichte glauben, ist es ziemlich einfach, diesen Glauben wieder aufzukündigen. Wenn hundert Menschen dieselbe Geschichte glauben, wenden sich 99 Menschen gegen denjenigen, der damit aufhört. Noch drastischer wird es, wenn solche Zahlen in die Millionen gehen oder gar alle Bewohner des Planeten umfassen.

Religionen sind nichts anderes als Geschichten, die Menschen einander erzählen. Haben sich die Jäger und Sammler ursprünglich die Geschichten von Tiergeistern erzählt, um einander für die Jagd Mut zu machen, so wurden in der landwirtschaftlichen Revolution aus diesen Geistern übermächtige Götter, die über dem Menschen stehen, genauso wie der Mensch über den Tieren und den Pflanzen steht. Da die Götter alle überaus menschliche Züge tragen, sind es nichts anderes als Projektionen, die dazu dienen, die Welt in eine hierarchische Ordnung zu bringen. Diese war notwendig geworden, damit der Mensch Tiere und Pflanzen in seinen Besitz nehmen und nach eigenem Belieben verändern, sprich züchten konnte. Tiere und Pflanzen wurden nicht länger als eigenständige Lebewesen respektiert, sondern wurden Besitztümer, sprich Sachen, über die der Besitzer verfügen konnte. Aber nicht nur Tiere und Pflanzen verloren in dieser hierarchischen Ordnung ihre Individualität, sondern auch der Mensch, der sich über sie erhob. Weder der König noch sein Sklave sind Individuen. So wie der König nur existiert, weil es Sklaven gibt, so gibt es Sklaven nur dort, wo ein König herrscht. Ein Herrscher braucht zwingend jemand, über den er herrschen kann, sonst ist er kein Herrscher. Und ebenso braucht ein Sklave zwingend einen Herrn.

Götter und Geister existieren nur in den Geschichten, die Menschen einander erzählen. Aber sie sind nicht so harmlos, wie manch einer glauben mag. Denn sie verändern die Welt tatsächlich. Nicht auf dem Weg der Wunder oder einer wie auch immer gearteten rätselhaften Bewusstwerdung, sondern indem ganz real Tempel und Kirchen für diese Götter gebaut werden und Priester ihren Anteil an allen möglichen Leistungen verlangen, für die sie selber keinen Finger gerührt haben. Die alten Geschichtenerzähler verlangten ihren Tribut in Form von Opfertieren, Getreide oder Butter. Heute sind es Steuern und sonstige Abgaben, die der abhängige Mensch entrichten muss.

Wenn plötzlich über Nacht alle Bürger zu dem Entschluss kämen, nicht länger an Geschichten zu glauben, sondern in die Wirklichkeit zurückzukehren, würden nicht nur alle Konzerne, das gesamte Geld- und das Wirtschaftssystem, sondern auch alle Staaten und Kirchen sang- und klanglos in sich zusammenstürzen. Natürlich wird das nicht passieren, weil heute weit mehr Bürger in Berufen unterwegs sind, die alle zusammengenommen der Funktion des Priesters in der Bronzezeit entsprechen. Dazu gehören beispielsweise alle Verwaltungs- und alle Heilberufe. Die gesamte Werbung und die gesamte Unterhaltungsindustrie. Alles, was im weitesten Sinn mit Politik und Geld zu tun hat. Vier von fünf Menschen gehören heute zur Priesterkaste. Weil alle diese Menschen leben wollen, können wir gar nicht mehr damit aufhören, an die Geschichten zu glauben. Doch selbst, wenn die Geschichten brüchig werden, ändert sich nichts. Wenn vier von fünf Menschen ihren Lebensunterhalt Fiktionen verdanken, werden sie nicht zulassen, dass einer vom Glauben abfällt, denn damit würden sie den Ast absägen, auf dem sie sitzen.

Warum sind für den Menschen die Geschichten wichtiger als die Wirklichkeit? So wichtig gar, dass er ihnen einen Schrein baut? Denn in Wahrheit ist unsere ganze Zivilisation nichts Anderes als der Schrein um die erfundenen Geschichten herum.

Die Geschichten, die wir einander pausenlos erzählen, sind aus zwei Gründen für uns wichtig. Erstens geben sie unserem Leben den Sinn, den wir in der Wirklichkeit vergeblich suchen. Menschen sind bereit, für ihre Götter zu sterben. Für ihren König oder für ihre Nation. Oder für die Demokratie. Oder sonst ein Abstraktum, das nur in ihrer Vorstellungswelt Bestand hat. Kein Mensch ist jedoch bereit, für die Wirklichkeit zu sterben. Weil in der Wirklichkeit ein Tod nur ein Tod ist und keine Heldentat. Die Wirklichkeit hebt den Menschen nicht über sich selbst hinaus, sondern wirft ihn, im Gegenteil, auf sich selbst zurück.

Der zweite Grund, warum wir uns pausenlos Geschichten erzählen, ist der, dass diese Geschichten uns Gemeinsamkeit suggerieren, wo keine ist. Ohne Geschichten ist jeder Mensch für sich und lebt in seiner eigenen, kleinen Welt. In dieser Welt ist er ein Individuum. Individuum kommt von in-dividuus, das Nicht-Teilbare. Was der Mensch mit seinen eigenen Sinnen erlebt, ist weder teilbar noch mitteilbar. Ein Individuum ist weder Subjekt noch Objekt. Sondern gelebte Erfahrung. Oder eben Leben pur. Was der Mensch kommunizieren kann, ist jedoch bloß eine Erinnerung, eine vermittelte Schein-Wirklichkeit, die sich zur unmittelbaren Erfahrung wie ein Abziehbild verhält.

Der Mensch ist süchtig nach Gemeinschaft und Gemeinsamkeit. Er hält es allein mit sich in seiner Wirklichkeit nicht aus. Er hält es nicht aus, ein Individuum zu sein. Einsamkeit ist für den Menschen schlimmer als der Tod. Deshalb sind die Geschichten, die ihm vorgaukeln, Teil einer Gemeinschaft zu sein, nicht allein mit sich zu sein, so wichtig für ihn, dass er für diese Illusion sogar sein Leben hingibt.

Unsere Gesellschaft ist keine individualistische. Sondern das Gegenteil davon. Die ganze Zivilisationsgeschichte von ihren Anfängen bis auf den heutigen Tag ist nichts anderes als die Flucht vor der Individualität.

Lasst alle Hoffnung fahren

In den letzten Tagen habe ich von verschiedenen Leuten Mails bekommen, die meine durch und durch negative Einstellung beklagen. Was ich schreibe, sei perspektivlos. Zermürbend. Niederdrückend. Es wurde die Vermutung geäußert, dass ich unter Depressionen leide. Ich sei ein Miesmacher, Nihilist, Schwarzmaler und Misanthrop. Und so weiter.

Das ist alles richtig bemerkt. Ich bin der Geist, der stets verneint. Ich möchte weder mir noch anderen Hoffnungen machen. Das hat Methode. Absolute Hoffnungslosigkeit ist der einzige Ausweg aus dem Dilemma, in das sich die Menschheit zielsicher hineinmanövriert hat.

Mit den Hoffnungen wird nämlich weit mehr aufgegeben als bloß irgendein Schimmer am Horizont. Wer alle Hoffnungen aufgibt, muss die Welt nicht mehr retten, kehrt aus dem kollektiven Bewusstsein in sein individuelles zurück und darf wieder er selbst sein. Wer alle Hoffnungen aufgibt, bringt die fremden Stimmen in seinem Bewusstsein endlich zum Verstummen. Was für eine Erleichterung!

Wer die Welt nicht mehr retten muss, hört auf, sie kontrollieren zu wollen. Und das ist es, was die Welt und die Menschen am dringendsten brauchen: der Verzicht auf Kontrolle. Der Verzicht auf den Glauben an die Machbarkeit. Der Verzicht auf Allmacht und Gottgleichheit.

Ich gebe die Zügel aus der Hand und nehme die Karotte vor der Nase weg. Und siehe da, das Pferd bleibt stehen und fängt an zu grasen. Wer hätte das gedacht?

Zusammen mit den Hoffnungen stirbt das Über-Ich, das einem ständig mit du sollst …, du musst …, du darfst nicht … die Ohren voll labert. Zusammen mit den Hoffnungen stirbt der inkarnierte Kontrollmechanismus, der den eigenen Lebenswillen lähmt und aushöhlt. Es stirbt die Instanz, die Menschen dazu bringt, sich in den Dienst von anderen zu stellen statt sich um ihr eigenes Wohl zu kümmern.

Dieses Über-Ich ist eine Erfindung aus der Bronzezeit. Es stammt aus der Zeit der ersten Imperialisten und Weltherrscher. Aus der Zeit der Sonnengötter und Pharaonen. Den Göttern in den Mythen und Religionen entsprechen in der Struktur des kollektiven Bewusstseins die durch Könige, Priester und Gesetzgeber verkörperten Über-Ichs. Der allmächtige Gott ist identisch mit dem vereinheitlichten Über-Ich, das sich absolut setzt und über das Leben triumphiert.

Dieses Über-Ich gibt sich vernünftig und rational, dabei ist es weitaus irrationaler als das Es und das Ich. Es ist nichts anderes als der kollektive Größenwahn derjenigen, die über Menschen, Tiere und Pflanzen herrschen wollen. Der Gipfelpunkt aller Irrationalität besteht ja eben gerade darin, sich über die Anderen zu stellen. Selig diejenigen, die arm an diesem Geiste sind.

Hinter dem Über-Ich verbirgt sich ein fremder Wille. Über die Schiene eines gemeinsamen Erzählguts dringt dieser fremde Wille ins individuelle Bewusstsein ein, reißt es auf und bringt die Menschen dazu, das Fremde mit dem Eigenen zu verwechseln. Dieser fremde Wille ist ein Parasit. Er hat die Absicht, auf Kosten dessen zu leben, in den er eindringt.

Das Alphamännchen im Tierreich lebt aus seinem eigenen Vermögen heraus und gibt seinen Überschuss an Lebensenergie an schwächere Mitglieder der Gruppe ab. Der König, der das Über-Ich für alle sichtbar verkörpert, oder der Gott, der dasselbe auf unsichtbare Weise tut, zieht jedoch Lebensenergie von anderen ab, um sie auf sich zu vereinigen. So entsteht bei allen, die von einem Über-Ich besetzt werden, ein Mangel an Energie. Dieser Mangel ist es, was uns zutiefst prägt. Deshalb glauben wir nur allzu bereitwillig, dass demnächst überall die Lichter ausgehen und das Leben im Schlaraffenland ein Ende hat.

Der Priester als Mittler Gottes ist eine andere Variante des Parasiten.

Götter, Könige und Priester sind zeitgleich auf den Plan getreten. Das kann gar nicht anders sein, denn sie entsprechen einander, agieren nur auf unterschiedlichen Ebenen. Der König agiert in der Realität, Gott auf der Ebene des Mythos oder der Erzählung. Der Priester agiert auf der Ebene der Realität als Diener des fiktiven Gottes. Tatsächlich fallen sie aber in eins. Götter, Könige und Priester sind Räuber. Sie rauben die Lebensenergie derjenigen, die bereit sind, über den Weg eines gemeinsamen Erzählguts (Mythos) einen anderen Willen über den eigenen zu setzen und als Über-Ich zu inkarnieren.

Heute sind es nicht mehr die Götter, Könige und Priester, auf die sich das Parasitentum beschränkt. Im Laufe der Zivilisationsgeschichte hat sich der Parasit milliardenfach geteilt und sich in immer neuen Wellen tiefer und tiefer ins kollektive Bewusstsein und damit ins Bewusstsein jedes Einzelnen eingenistet. Teilung heißt Fragmentierung. Der Parasit zerfällt in immer kleinere Bruchstücke, von denen sich immer mehr im kollektiven Bewusstsein und im Über-Ich ansammeln.

Immer noch gibt es Herrscher und Sklaven, aber nur noch selten findet man sie in Reinkultur. Stattdessen verbreitet sich der Typus des Herrschersklaven. Das ist ein Mensch, der auf Kosten der Gesellschaft leben will, von der er jedoch gleichzeitig auch ein Teil ist. Statt bei sich zu bleiben und das eigene Vermögen zu entwickeln, zerrt man lieber an den Anderen herum und versucht, bei denen was abzuzwacken. Anderen was aufzudrängen, was sie nicht brauchen, und wegzunehmen, was man selber brauchen kann, darum geht es in der Werbung und im Marketing. Im Endeffekt führt die Entwicklung dahin, dass jeder auf Kosten des anderen lebt. Natürlich wird das so nicht gesagt. Stattdessen versichern wir uns gegenseitig, dass wir gemeinsam die Welt retten.

Es macht einen Unterschied, ob jeder aus seinem eigenen Vermögen heraus lebt oder auf Kosten von anderen. Wo jeder aus seinem eigenen Vermögen heraus lebt, regiert die Vielfalt. Die Lebensenergie korrspondiert mit dem eigenen Lebenswillen. Einige haben einen sehr starken Lebenswillen, andere einen weniger stark ausgeprägten und bei manchen ist er so schwach, dass sie aus eigener Kraft nicht überlebensfähig sind. Wenn ein Individuum über mehr Energie verfügt, als es selber braucht, kann es davon an andere abgeben oder sich ein Schloss oder einen Porsche kaufen.

Wo jeder auf Kosten von anderen lebt, regiert die Vereinheitlichung. Es läuft darauf hinaus, dass letzten Endes jeder gleich viel Energie zur Verfügung hat, ganz egal, was in ihm angelegt ist. Die Lebensenergie ist nicht länger Ausdruck des eigenen Lebenswillens. Ein starker Lebenswille wird von den Anderen gestutzt, ein schwacher Lebenswille wird gestärkt. Jeder gleicht sich den anderen an, solange, bis alle Unterschiede eingeebnet sind. Mark Zuckerberg ist nicht mehr von Jim Knopf zu unterscheiden. Wo der Herrschersklave noch ein Sklavenherrscher ist, gibt er sich hemdsärmelig und leutselig und tut so, als wäre er allen anderen gleich.

Wenn jeder auf Kosten anderer lebt, braucht es zudem eine Organisationsstruktur, die als solche eine Menge Energie verschlingt. Die Energie muss ja erst mal geraubt werden, was an sich schon ein Aufwand ist. Mit demselben Aufwand muss sie dann wieder verteilt werden. Kommt noch hinzu, dass durch diese Umverteilung auch eine Menge Energie sinnlos im Nichts verpufft, denn ein solches Verteilungssystem läuft ja nicht reibungslos. Je gleichmäßiger verteilt wird, desto mehr Verwaltungsaufwand ist damit verbunden. Die Umverteilung ist der Grund dafür, dass die Bürokratie immer ausufernder und der Verwaltungsapparat immer schwerfälliger wird.

Wo jeder auf Kosten von anderen lebt, muss der Einzelne insgesamt also weit mehr Energie aufbringen, als wenn er aus eigenem Vermögen heraus lebt. Säugetiere unserer Größe, die im Gegensatz zu uns Menschen aus eigenem Vermögen heraus leben, liegen meist irgendwo entspannt herum, wenn sie nicht gerade mit Wiederkäuen oder Balzen beschäftigt sind.

Das Defizit, das durch den Parasiten namens Über-Ich entsteht, puffern wir bis heute mehr schlecht als recht durch die Technisierung ab. Doch obwohl wir immer mehr Technik zur Verfügung haben, die uns immer mehr Arbeit abnimmt, klagen immer mehr Leute über Stress im Beruf und Burnout. Der Mechanismus der Umverteilung frisst mehr Humankapital, als durch die Technisierung freigesetzt wird. Dennoch ist die Technisierung ein geschickter Schachzug des Parasiten. So wird uns Menschen suggeriert, dass wir die Welt im Griff haben, während wir vom Parasiten fremdgesteuert werden.

Das Einfallstor für diesen Parasiten, der als Über-Ich den Lebenwillen des Einzelnen kontrolliert, sind die Hoffnungen. Mit dem Glaube an Götter werden ebenso Hoffnungen verbunden wie mit der Ehrfurcht vor Königen, Konzernchefs oder Politikern. Die Hoffnung, dass die Gesellschaft es schon richten wird oder dass wir die Welt retten, wenn nur alle am selben Strick ziehen, ersetzt aufgrund der dem Prozess immanenten Fragmentierung heute den Glauben an Götter und Könige.

Dem Über-Ich kann man am besten begegnen, wenn das Einfallstor geschlossen und alle Hoffnungen ersatzlos in den Wind geschossen werden. Leider wird man sich, wenn man das tut, auch der immensen Verwüstungen und Zerstörungen bewusst, die dieser Parasit nicht nur in den Köpfen und Seelen, sondern auch in der Natur und den Ökosystemen schon angerichtet hat. Über den technisch-kommerziellen Komplex hat der Parasit die Welt längst unterjocht und in Besitz genommen. Über Big Data saugt er die Menschen weiter aus.

Das Über-Ich gibt sich, schlau wie es ist, erst dann als Parasit zu erkennen, wenn es bereits viel zu spät ist, um noch irgendwas zu retten. Falls sich ein Leser jetzt doch Hoffnungen gemacht hat, muss ich ihn leider enttäuschen. Es ist zu spät. Der Zug ist abgefahren. Wir können die Welt nicht mehr retten. Nicht mal dann, wenn wir uns keine Hoffnungen mehr machen.

Augustinus sagte einst: Liebe und tu, was du willst. Ich sage: Lasst alle Hoffnung fahren und tut, was ihr wollt. Es kommt im Endeffekt aufs selbe raus.

Alles ist käuflich

Sollte es je ein Spiel um die Weltherrschaft gegeben haben, so steht der Sieger fest: es ist der technisch-industriell-kommerzielle Komplex, in seiner Vereinfachung als Kapitalismus bezeichnet. Dieser Komplex verwandelt die Welt in Konsumgüter. Alles ist käuflich. Längst geht es nicht mehr nur um lebensnotwendige Güter wie Nahrungsmittel, Wohnung oder Kleidung. Es geht auch nicht mehr um Luxusgüter oder Statussymbole wie Schmuck, Rennpferde oder Theaterkarten.

Die neuen Produkte sind weniger konkret und werden deshalb oft gar nicht mehr als solche wahrgenommen. Gesundheit ist ein solches Produkt. Oder Schmerzfreiheit. Ein aktives Leben. Gedächtnisleistung. Schönheit. Eine längere Lebenserwartung kann man sich ebenso kaufen wie einen friedvollen Lebensabend samt Treppenlift und Rundumbetreuung. Man muss sich nur mal die Werbung im Vorabendprogramm von ARD und ZDF angucken. Da sieht man, was die fitten Alten sich alles kaufen können.

Rat und Hilfe kauft man sich heute ebenso wie Zuwendung. Therapeuten verdienen ihren Lebensunterhalt, indem sie Altruismus vermarkten und eine Vielzahl von käuflichen Produkten erfinden, sei es in Form von Gesprächen, Massagen, Übungen oder was auch immer. Das ist ein gutes Geschäft. Ein Milliardengeschäft.

Nächstenliebe ist ebenso wie Fairness, Glück, Zufriedenheit, Glaube, Ethik zum Konsumgut mutiert. Diese Werte kauft man sich heute zusammen mit anderen Produkten. Da steht dann beispielsweise groß und fett fair trade auf der Verpackung. Man zahlt einen Euro mehr für eine gerechtere Entlohnung der Näherin in Bangladesch oder den Bauern in Guatemala. Auch wenn in Wirklichkeit 99 Cent dieses einen Euros an die Organisationen gehen, die so schlau waren, aus Fairness und Nächstenliebe ein käufliches Produkt zu kaufen.

Produkte sind nicht mehr nur Produkte. Mit ihnen wird ein bestimmtes Image verbunden. So macht der Verkäufer ein doppeltes Geschäft und verdient gleich zweimal. Der Händler verkauft nicht nur Schuhe, sondern damit gleichzeitig auch ein bestimmtes Bild seines Trägers: der taffe Naturbursche oder die elegante Lady, die sich auf internationalem Parkett zu bewegen weiß. Man kauft sich nicht nur ein Müsli, sondern damit gleichzeitig auch Fitness und Aktivität. Man kauft sich nicht nur einen Tofuburger, sondern damit gleichzeitig auch Tierwohl. In der Kombination verschiedener Produkte kauft sich der Konsument so seinen Lifestyle zusammen.

Aber nicht deshalb hat der technisch-industriell-kommerzielle Komplex gesiegt. Sondern weil es ihm gelungen ist, auch den Widerstand, die Kritik und den Protest zu vermarkten. Mit dem Protest gegen den Kapitalismus wird ebenso Geld verdient wie mit dem Kapitalismus selbst. Und das ist das Perfide an der ganzen Geschichte. Denn damit wird das System allumfassend und wasserdicht.

Oder anders formuliert: Der technisch-industriell-kommerzielle Komplex ist zwingend auf seine Kritiker angewiesen, denn es sind gerade die Kritiker, die ihm bislang unerschlossene Bereiche des Lebens zuführen und damit neue Produktreihen und weiteres Wachstum ermöglichen. Die Kritiker sind die Pioniere des kapitalistischen Systems.

Blues, Rock, Heavy Metal, Hiphop: das waren alles mal Protestbewegungen, die sich explizit gegen den Kapitalismus wandten. Heute sind diese Musikrichtungen riesige Marketingmaschinen, die Millionen in die Kassen von Agenturen, Plattenfirmen und Künstlern spielen. Der Kapitalismus belohnt ja sogar Bob Dylan mit einem Nobelpreis. Und der Protestsänger nimmt das Preisgeld an. Wobei ich das an Bob Dylans Stelle natürlich auch getan hätte.

Jeans und Turnschuhe waren ebenfalls mal Ausdruck einer Protesthaltung gegen den Kapitalismus. Heute kann man nicht nur verblichene, sondern sogar zerrissene oder schmutzige Jeans zu überteuerten Preisen kaufen. Es gibt Hemden, bei denen ein oder zwei Knöpfe absichtlich mit andersfarbiger Nähseide oder falsch befestigt sind. Sogar Unzulänglichkeit, Farbenblindheit oder Schlamperei werden also zu Produkten, die der Konsument kaufen kann.

Meditation galt lange Zeit als Königsweg, um dem sich immer schneller drehenden Hamsterrad aus Produktion und Kommerz zu entkommen oder sich zumindest innerlich davon zu distanzieren. Heute gibt es einen riesigen Markt an Zen- und sonstigen Meditationskursen, vom Mandalamalen, Kranichfalten und Blumenbinden über Tanzen, Bogenschießen und Körperübungen hin zu Mindful Leadership, Mindful-Based Stress Reduction oder Neurolinguistischem Programmieren. Was Körperübungen angeht, gibt es nicht nur Yoga, Tai Chi, Qigong, holotropes Atmen und eine Million anderer Möglichkeiten, sein Geld loszuwerden. Die einzelnen Bereiche zerfallen wiederum in Unterkategorien und damit in eine Unzahl weiterer Produkte. Aus Yoga wird integrales Yoga, Samyana Yoga, Nada Yoga oder Kundalini Yoga. Qigong wendet sich an die Hormone oder an bestimmte Organe.

Stille, Ruhe und Gelassenheit kann man heute ebenso kaufen wie ein Pfund Leberwurst oder eine Rolex. Mit allem Drum und Dran ist Stille nicht gerade billig. Das muss man sich mal vorstellen: Da gibt es Leute, die machen aus dem Nichtstun ein Produkt, um es anderen Leuten für teuer Geld anzudrehen. Das ist so verrückt, dass es fast schon wieder genial ist.

Kritiker der industriellen Landwirtschaft suchten den Ausstieg aus derselben, indem sie die BIO-Marke kreierten. BIO steht für naturverbunden, für ein Wirtschaften im Einklang mit der Natur. Der Verbraucher glaubt, etwas für die Natur zu tun, wenn er BIO kauft. Auch der Glaube ist ein käufliches Produkt.

In kurzer Zeit wurde BIO nämlich zur Massenware, die auch in den Supermärkten angeboten wird. Was viel nachgefragt wird, muss in großen Mengen produziert werden. Um in großen Mengen produzieren zu können, werden die anfänglich strengen Bestimmungen deshalb wieder aufgeweicht. Wer heute BIO-Eier kauft, kauft in der Regel Eier aus einer Massentierhaltung. Statt neun Hennen werden – wow! – bloß sechs pro Quadratmeter gehalten und diese paar Zentimenter mehr Platz pro Legehenne lässt sich der BIO-Bauer vom Konsumenten teuer bezahlen. Ein BIO-Schwein bis 50 kg darf über 0,3 Quadratmeter mehr verfügen als ein konventionelles und wird anders gefüttert, was dem Schwein aber egal sein dürfte. Aufgrund der steigenden Nachfrage gleicht sich die BIO-Landwirtschaft der konventionellen also wieder an. Deshalb müssen ständig neue Marken erfunden werden wie das Tierwohl-Label, die Weidemilch oder sonstige BIO-Siegel. Inzwischen sind es schon so viele, dass man gar nicht mehr durchblickt, worin die Unterschiede denn nun eigentlich bestehen. Die Siegel verlieren ihren Wert und der Konsument den Überblick.

Ein neues Produkt sind auch die Community-Marktplätze wie Airbnb, wo private Vermieter ihr Zuhause vermarkten können, oder Vermittlungsdienste wie Uber, die private Transporte vermitteln. Das ist ein ganz raffiniertes System. Das Unternehmen braucht nämlich weder Gebäude noch Produktionslagen. Es muss nichts investieren. Es übernimmt auch keine rechtliche Verantwortung. Es wird so getan, als würde Geld keine Rolle spielen, weil man Wohnung ja auch mal tauschen kann. Das Unternehmen lässt sich aber nicht nur für den Kontakt zwischen Privatanbieter und Kunde bezahlen, sondern mischt sich zunehmend in die Gestaltung des Geschäfts zwischen Anbieter und Kunde ein. Wer bei dem Spiel mitmacht, übernimmt die Pflichten eines Angestellten, ohne jedoch im selben Maß auch Rechte zugebilligt zu bekommen.

Was hier zum Produkt gemacht wird, an dem sich gut verdienen lässt, ist die Privatsphäre. Zwar haben Pensionen, Hotels und Restaurants schon immer mit familiärer Atmosphäre geworben, aber deshalb hatte trotzdem keiner der Gäste Zutritt zum Wohn- oder Schlafzimmer des Gastwirts oder Hotelbesitzers. Stattdessen gab es an den Türen Schilder mit der Aufschrift PRIVAT, was vom Gast respektiert wurde. Mit Airbnb oder Uber wird der private Raum nun zum Produkt. Der Kunde schläft im Bett des Anbieters. Und wenn ihm die Privatsphäre nicht gefällt, kann er sich bei Airbnb beschweren.

Schon vor langer Zeit ist die Falle zugeschnappt, ohne dass wir es bemerkt haben. Aus dem technisch-industriell-kommerziellen Komplex, der sich sogar die Aussteiger einverleibt und die Revolution geschickt zu vermarkten weiß, gibt es keinen Ausweg mehr. Es ist völlig unerheblich, ob sich ein Mensch mit dieser Situation abfindet oder nicht, denn beide Haltungen werden gleichermaßen zu Geld gemacht und dienen der Profitmaximierung.

Der technisch-industriell-kommerzielle Komplex lässt sich mit einem Dampfer vergleichen, der unaufhaltsam in eine bestimmte Richtung fährt. Manche auf dem Dampfer versammeln sich im Bug und jubeln, andere drängen sich im Heck zusammen und schieben den Jubelnden eine wie auch immer geartete Schuld in die Schuhe. Manche ziehen sich in ihre Kabinen zurück, lesen esoterische Bücher und träumen davon, dem Dampfer und seiner Dynamik in ihrem Astralkörper zu entkommen. Wieder andere begeben sich im Spielcasino in virtuelle Räume. Es gibt auch welche, die auf dem Dampfer Stühle herumtragen in der irrigen Annahme, dadurch die Richtung, die der Dampfer eingeschlagen hat, verändern zu können. Die Stühletransporteure verlangen, dass alle Anderen an Bord mitmachen.  Wieder Andere hocken sich in die Rettungsboote und glauben, dass sie das Schiff verlassen hätten, ohne zu merken, dass die Rettungsboote gar nicht zu Wasser gelassen wurden. Wohin das Schiff fährt, weiß niemand. Manche glauben, den Eisberg zu sichten, auf den der Dampfer zusteuert. Aber vielleicht bringt die Klimaerwärmung den ja gerade noch rechtzeitig zum Abschmelzen. 🙂

Besitz hat keine Stimme

Im Animismus der Jäger und Sammler sind andere Wesenheiten wie Tiere, Pflanzen, Felsen und Quellen für den Menschen Partner, mit denen er kommuniziert und im Austausch steht. Diese Wesenheiten kennen nicht nur Gefühle, sie haben auch ihre eigene Vernunft und ihr eigenes Verständnis der Welt. Diese Wesenheiten wollen dem Menschen Gutes und manchmal auch Böses. Sie haben einen eigenen Willen. Sie sind beseelt. Und vor allem haben sie eine Stimme, mit der sie sich bemerkbar machen und die der Mensch hören kann. Im Animismus erfährt sich der Mensch als eines von vielen Geschöpfen, von denen jedes seine eigene Persönlichkeit, seine Bedürfnisse und Wünsche hat. Der Animismus ist die einzige Religion, in der Tiere, Pflanzen und Menschen gleichberechtigt nebeneinander stehen. Es ist die einzige Religion, in der ANDERE als ANDERE akzeptiert sind.

„Die Wildbeuter jagten wild lebende Tiere und sammelten wild wachsende Pflanzen, die dem Homo sapiens ebenbürtig waren. Sie jagten zwar Schafe, doch sie betrachteten die Schafe deshalb noch lange nicht als minderwertige Wesen, genauso wenig wie sie glaubten, dass sie selbst weniger wert waren als die Tiger, nur weil sie von diesen gejagt wurden. Lebewesen kommunizierten direkt miteinander und handelten die Regeln aus, die in ihrem gemeinsamen Lebensraum herrschten.“ (Harari, S. 256)

Im Animismus erlebt sich der Mensch als auf derselben Stufe stehend wie seine Mitgeschöpfe.

Bei der landwirtschaftlichen Revolution, die vor ca. 10.000 Jahren stattfand, handelt es sich nicht nur um eine Revolution in Sachen Nahrungsbeschaffung. Die landwirtschaftliche Revolution war vor allem eine religiös-spirituelle Revolution, die das Verhältnis des Menschen zu seinen Mitgeschöpfen und der Natur grundlegend veränderte. Denn nun erlebt sich der Mensch als auf einer höheren Stufe stehend als seine Mitgeschöpfe.

„Bauern lebten davon, Tiere und Pflanzen zu besitzen und zu manipulieren, weshalb es ihnen schwerfiel, Tiere und Pflanzen als ebenbürtig zu begreifen oder gar mit ihnen zu verhandeln. Im Laufe der landwirtschaftlichen Revolution wurden die einst spirituellen Partner daher zu stummen Besitzgütern.“ (Harari, S. 256)

Darin liegt die eigentliche Tragödie des Menschen begründet. Je mehr er seine Mitgeschöpfe, die Natur und die Welt in Besitz nimmt, desto stiller wird es um ihn herum. Der Mensch kann die Stimmen der ANDEREN nicht mehr hören. Die ANDEREN sind verstummt. Oder besser gesagt: Zum Verstummen gebracht worden. Da der Mensch die Stille um sich herum nicht erträgt, füllt er sie mit dem Lärm der Maschinen und dem eigenen Geplapper.

Die landwirtschaftliche Revolution ist gleichbedeutend damit, dass sich der Mensch über seine Mitgeschöpfe erhebt. Er fängt an, Pflanzen und Tiere in seinem Sinne und zu seinem Nutzen zu verändern. Tiere und Pflanzen haben kein eigenes Lebensrecht mehr, sondern nur noch eines in Bezug auf den Menschen.

 

Viele Menschen sehen die technische Entwicklung heute mit Unbehagen. Sie glauben, dass der Mensch mit der Gentechnik oder der Künstlichen Intelligenz über die von der Natur gesetzten Grenzen hinausgeht und nun anfängt Gott zu spielen. Das ist ein Irrtum. Der Mensch hat sich schon im Laufe der landwirtschaftlichen Revolution zur Gottheit erhoben. Oder anders: Die landwirtschaftliche Revolution ist identisch mit der Selbstvergottung des Menschen. Wer ein Lebewesen in Besitz nimmt, macht sich zum Gott über dieses Lebewesen. Nur durch diese Selbstvergottung kam der Mensch überhaupt erst auf die Idee, Götter zu erfinden. Treten die ersten Götter noch als Mischwesen aus Mensch und Tier auf, verschwinden die Tiere in dem Maße aus dem Götterhimmel, je mehr sie in der Realität vom Menschen in Besitz genommen werden.

Die Selbstvergottung führt nicht nur dazu, dass Tiere und Pflanzen als minderwertig empfunden werden, sie spaltet auch die Menschheit in Höher- und Niederstehende. Erst mit der landwirtschaftlichen Revolution entstanden Gesellschaften mit sozialen Schichtungen, die sich durch scharfe Kontraste im Lebensstil unterschieden. Die Selbstvergottung führt nämlich auch dazu, dass außer Tieren und Pflanzen auch Gruppen anderer Menschen gerne als minderwertig empfunden werden. Sklaven und Gemeine beispielsweise. Auch Sklaven und Gemeine waren Besitztümer und wurden ihrer Stimme beraubt.

Vor einiger Zeit gab es bei mir ein Problem mit dem Telefon. Nachdem ich die Servicenummer von Telekom rausgefunden hatte, kam ich in eine von Musik untermalte Schleife mit automatischen Abfragen. Wenn Sie dieses Problem haben, drücken Sie die 1. Wenn Sie jenes Problem haben, drücken Sie die 2. Und so weiter und so fort. Danach wurde mir versichert, dass mein Problem notiert wäre und in den nächsten Tagen behoben würde. Doch nichts dergleichen geschah. Bei einem zweiten Anruf wurde ich von einer automatischen Stimme darauf verwiesen, dass ich schon einmal angerufen hatte und wurde gar nicht mehr weitergeleitet. Obwohl das Problem irgendwann behoben wurde, blieb bei mir dennoch das dumme Gefühl zurück, auf einmal nicht mehr gehört zu werden.

Ein vergleichbares Erlebnis gab es vor einiger Zeit bei Amazon mit einer Buchbestellung. Bei Amazon gibt es keine persönlichen Ansprechpartner mehr oder wenn, dann sind sie nur sehr schwer zu finden. Auch hier wird man am PC über eine Reihe von Abfragen geführt. Es war nun jedoch so, dass keine der angebotenen Abfragen für mein spezielles Problem passte. Schließlich blieb nichts anderes übrig, als die Buchbestellung zu stornieren. Und auch hier hatte ich wieder das dumme Gefühl, zum Verstummen gebracht bzw. nicht mehr gehört zu werden.

Plötzlich finde ich mich also auf derselben Stufe wieder wie Sklaven, Gemeine, Tiere und Pflanzen. Irgendwie werden solche wie ich anscheinend gerade aus dem Götterhimmel hinausgeworfen.

Big Data bedeutet nichts anderes, als dass die Benutzer sozialer Medien von den Technologiekonzernen in Besitz genommen werden. Die Techno-Konzerne legen die Bedingungen fest, wie vor 10.000 Jahren die Bauern die Bedingungen festgelegt haben.

Im Grunde sind wir heute in derselben Situation wie damals Tiere und Pflanzen. Vermutlich sind auch Tiere und Pflanzen seinerzeit davon ausgegangen, dass eine ominöse, undurchschaubare Macht es gut mit ihnen meint. Wenn die Tiere damals, um sie in Besitz zu nehmen, mit Häppchen gefüttert wurden, so werden wir heute mit Schnäppchen gefüttert. Wir gehen den Techno-Konzernen auf den Leim, wie uns seinerzeit Tiere und Pflanzen auf den Leim gegangen sind.

Viele Menschen ahnen etwas von dieser neuerlichen Verschiebung. Deshalb entdecken sie plötzlich ihr Herz für die gequälte Kreatur in der Massentierhaltung. Es ist nicht die Liebe zum Tier, die Proteste hervorruft, sondern viel eher die dumpfe Ahnung, dass es uns bald ebenso gehen könnte wie den Schweinen, Rindern und Hühnern, die kein eigenes Lebensrecht haben, sondern nur eines in Bezug auf uns Menschen. Es gibt diese Tiere nur, weil sie vom Menschen verwertet werden.

Nicht Liebe, sondern diffuse Ängste bringen die Menschen dazu, Veganer zu werden und in Ställe einzubrechen, deshalb ist die Tierschutz-Bewegung auch offen oder latent aggressiv.

Wir sind daran gewöhnt, linear und in Kategorien des Fortschritts zu denken. Aber könnte es nicht sein, dass die industrielle Revolution nicht die Fortsetzung der agrarischen ist, sondern die Antwort auf unsere Selbstvergottung vor 10.000 Jahren? Ich habe manchmal den Eindruck, dass in der industriellen Revolution der Mensch nun an die Position rückt, die er in der agrarischen Revolution den Tieren und Pflanzen zugewiesen hat. So, wie der Mensch Tiere und Pflanzen behandelt, wird er nun von einem zunehmend anonymen technisch-bürokratischen Komplex selber behandelt. Ist es, so gesehen, nicht ziemlich mickrig, wenn der Mensch deshalb nun auf einmal die Freundschaft mit Tier und Natur sucht, die er über Jahrtausende hinweg bloß verachtet und schlecht behandelt hat?

 

Literatur:
Harari, Yuval Noah: Eine kurze Geschichte der Menschheit. 2013.